Drucken

Duerer - Sebastian Brant - Quelle: WikicommonsMir soll kein einzger Narr hier fehlen,
drum muß von "Bettlern ich erzählen,
die auch den Warnt nicht könn'n verhehlen.  

VON BETTLERN  

Der Bettel ist der Narrn nicht frei:
wie mancher treibt heut Bettelei,
der dadurch gute Nahrung findt.
Wie reich auch viele Orden sind,
sie klagen doch, sie wären arm,
und betteln, daß es Gott erbarm.
Was für die Ärmsten war gedacht,
hat manchem Reichtum schon gebracht.
Da schreit der Prior: „Rückt mehr raus!
Dem Sacke riß der Boden aus!" 
Reliquienhändler arg betrügen ;
nie Bettler-Gaukler sich begnügen,
die keine Kirchweih je verpassen,
allwo sie laut sich hören lassen:
sie führten mit in ihrem Sack
das Heu, das tief verborgen lag
zu Bethlehem unter der Krippe,
von Bileams Esel eine Rippe,
ein Feder von Sankt Michels Flügel
und von Sankt Georgs Roß den Zügel
sowie den Bundschuh von Sankt Clären. 

Wie mancher bettelt in den Jahren,
da er zu betteln nicht hätt Grund;
zur Arbeit stark noch und gesund,
will er sich bloß nicht gerne bücken,
hat faule Knochen nur im Rücken.
Auch seine Kinder müssen mit
ganz jung schon auf den Bettelritt
und lernen bettlerisch Geschrei;
er brach ihn'n noch ein'n Arm entzwei
und schlüge ihnen Fleck' und Beulen,
damit sie nur recht furchtbar heulen.
Dern vierundzwanzig sitzen noch
zu Straßburg in dem Siechenloch
und weitere im Waisenhaus.
Sebastian Brant - Titel der Erstausgabe vom Narrenschiff 1494 - Quelle: WikimediaDoch Bettler ruhen niemals aus:
zu Basel auf dem Kohlenberg,
da treiben sie ihr Bubenwerk,
ihr Rotwelsch ständig bei der Hand,
nährn sie unredlich sich im Land.
Ein Weibsstück jeder dort sich hält,
die heuchlerisch ganz krank sich stellt,
Almosen trägt dem Bettler ein,
der sie vertut beim besten Wein;
in jedes Wirtshaus läuft er dann
und würfelt neues Geld sich an,
betrügt dabei an allen Enden,
muß sich zum nächsten drum bald wenden,
sich packen, über Land flugs rennen,
wobei er stiehlt noch Gans und Hennen,
den'n ratscht gleich durch den Hals ein Schnitt,
denn Fetzer, Grantner, Klant kam'n mit. 

Vor Gier ist irre heut die Welt,
wie sie dem Gelde nach so stellt.
Gerügt ward öffentlich solch Schand
von Herold, Sprecher, Persevant,
den'n Preis und Achtung drob ward viel,
doch heut der Narr auch künden will
und tragen Stab, verziert und glatt
daß die Art Bettel ihn mach satt.
Die Bettler sind ja so beschissen!
Sie wollen Kleider nur zerrissen,
die Kelch doch müssen silbern sein
und täglich sieben Maß hinein. 

Sebastian Brant - Narrenschiff, Illustration des Kapitels über Bettler - Quelle: WikimediaDer läßt sich nur mit Krücken sehen
(doch heimlich kann er prachtvoll gehen),
der spielt die Fallsucht vor den Leuten,
daß jedermann möcht auf ihn deuten,
der borget ändern Kinder ab,
daß er ein'n großen Haufen hab,
bepackt mit Körben 'n Esel schwer,
als war ein Jakobspilger er.
Der hinkt, der zeigt verkrümmt den Rücken,
der schnallt ein Bein auf eine Krücken,
beschaute man sich nah die Wunden,
sah man, daß alle nur erfunden. 

Ich find bald nicht mehr Maß und Ziel:
Es gibt leider Bettler gar zuviel,
und 's werden immer meh und meh,
das Betteln tut ja keinem weh —
nur dem, der's muß aus Not betreiben;
sonst ist gar gut ein Bettler bleiben!
Dem Bettler nie Verderben droht:
viel eher ißt er weißes Brot
und trinkt nicht mehr den billgen Wein,
's muß Elsässer, Rivoglioer sein. 

Auf Bettelei verläßt man sich:
man spielt, bübt, lebet üppiglich,
denn wenn man schon verpraßt die Hab —
das Betteln schlägt ein'm keiner ab,
stets ist erlaubt der Bettelstab. 

Vom Bettel nähren viele sich,
die mehr Geld hab'n als du und ich.