Sehr geehrte Damen und Herren,

der Pfefferberg ist eine Besonderheit im neuen Berlin. Er liegt am Fuß des Dreiecks zwischen der katholischen Herz Jesu Kirche, der evangelischen Zionskirche und dem Ausflugslokal „Prater“, das sich zu einem experimentierfreudigen Labor der Volksbühne gemausert hat. Eine interessante Gegend also im südlichen Zipfel des Prenzlauer Bergs, der nach Auskunft einer Pariser Expertin pro Quadratmeter eine größere Schriftstellerdichte aufweist als der Rest der Republik. Hier steht, auf einem Gelände von 13 504 m² Grundfl äche, der Backsteinkomplex einer alten Brauerei, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst als Schokoladenfabrik und Großbäckerei genutzt wurde, bis sie im Krieg arg mitgenommen und 1949 verstaatlicht wurde. Noch heute atmet der Gebäudekomplex den Charme eines Fabrikdenkmals der Gründerjahre; ähnlich wie das TACHELES, nur weiter weg vom innerstädtischen Touristenstrom und weniger schick in seiner optischen Aufbereitung.

Auf diesem Gelände versammelten sich im Sommer 1991 ein paar hundert Leute zu einem Gartenfest, um den Pfefferberg auf neue Weise zu bespielen – also mit vielfältigen bunten Initiativen zu nutzen, die alle den Bürger/innen der umliegenden Wohnquartiere und ihren Kindern willkommen sein konnten. Dafür war kurz zuvor „Pfefferwerk - Verein zur Förderung von Stadtkultur e.V.“ gegründet worden. Es war dies eine historische Situation, in der die erschlaffte Führungselite der DDR ein Vakuum hinterlassen hatte, in dem eine jüngere Gruppe von Kulturschaffenden endlich einmal loslegen und sich ein paar Kinderträume erfüllen wollte. Da gab es plötzlich Musikkneipen, Kinderläden, Abenteuerspielplätze, Theaterabende und Puppenspiele.

Und eine Aktion, die mir symptomatisch für die damalige Aufbruchstimmung zu sein scheint: die Aktion „Rollläden hoch“. Sie bezog sich auf die neue Nutzung von Läden und Ladenwohnungen im Erdgeschoss der Mietshäuser, die nach der Verstaatlichung der privatwirtschaftlichen Nahversorgung der Wohnbevölkerung verlassen und verkommen waren. Im Laufe von reichlich zehn Jahren wurde Pfefferwerk zu einem stadtteilnahen Dienstleistungszentrum mit Kindertagesstätten, Kulturveranstaltungen, einer Grundschule besonderer pädagogischer Prägung, verschiedenen Projekten der Berufsausbildung von Jugendlichen in einer neuen Sichtweise auf das duale System in einer Partnerschaft mit Firmen der Musik-, Medien- und Messebranche, des Sports, der Gebäudeverwaltung u.a. bis hin zu so pfiffigen Abenteuer-Urlauben wie der Ferienfreizeit von Schüler/innen in einer stadtbekannten Detektei.

Wenn ich im letzten Absatz von einem „Dienstleistungszentrum“ geschrieben habe, dann ist der Begriff „Zentrum“ falsch. Pfefferwerk ist kein Zentrum, sondern ein Verbund von Initiativen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und die ihre laufenden Kosten selber einspielen müssen. Dafür gibt es Vereine, eine AG, eine GmbH, eine gemeinnützige GmbH und seit 2000 eine Stiftung, die das Ganze auf einer offensichtlich gut funktionierenden Ebene vernetzt. Die Stiftung verdankt sich der Tatsache, dass das Land Berlin, auf das zu gleichen Teilen neben der Bundesrepublik Deutschland die 1949 enteignete Immobilie Anfang der neunziger Jahre übertragen worden war, 1999 den Pfefferwerk-Akteuren half, den Grund und Boden zu erwerben. Und auch anderenorts ist Pfefferwerk von dem Prinzip ausgegangen, dass die langfristige Kontinuität der Arbeit nur gewährleistet sei, wenn Pfefferwerk gleichzeitig auch Eigentümer von Grund, Boden und Gebäuden ist, welche die Arbeit ermöglichen.

Mit anderen Fachleuten der soziokulturellen Stadtteilarbeit wundere ich mich jedes Mal von neuem, wie es Pfefferwerk geschafft hat, erfolgreich zu sein, dadurch immer wieder neue und pfiffige Initiativen an sich zu ziehen, ohne sie einzuverleiben, durch Sachverstand und professionelles Können Weiterbildung und Organisationsentwicklung zu betreiben und Wachstum nicht nur durch Expansion, sondern auch durch Implosion zu erreichen.

Der Pfefferwerk Verbund ist für mich die postmoderne Alternative zur „Gartenstadt“ der europäischen Landreformer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie planten die autonome Kleinstadt auf der grünen Wiese mit einem reichen Angebot an personenbezogenen Dienstleistungen - aber ohne industrielle Arbeitsplätze. Die Charta von Athen machte diesen Gedanken einer konsequenten Trennung von Wohnen und Freizeit einerseits, Verkehr und Produktion andererseits für lange Zeit zum Leitbild für Stadtentwickler/innen, die Landfl ucht und urbane Wucherung stoppen wollten. Pfefferwerk hat eine innerstädtische Produktionsstätte, die zeitweise Brache geworden war, genutzt, um einer neuen Vielfalt von kulturellen, sozialen, sozialpädagogischen und sportlichen Aktivitäten Heimat zu geben, ohne sie in ihrer Vielfalt zu beschneiden oder gutgemeint zu vereinnahmen.

Dr. Dr. h. c. C. Wolfgang Müller
Professor für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin (em.)

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