Berliner Varietebühne Wintergarten 1940, Foto von Friedrich Mäschke, Quelle: WikiCommonsGelingende Bildungsprozesse sind eine Kombination aus Neugier, guter Ausbildung und Praxis. Eine gute Übersicht über die Vielfalt der Angebote zur Weiterbildung bietet  das Portal für Weiterbildung und Umschulung. Warum permanente Weiterbildung so wichtig ist, möchte ich an einem ganz persönlichen Beispiel erläutern.
[Ambitionen] Bereits als Jugendlicher engagierte ich mich im Jugendclub meiner Kirchengemeinde. Wir trafen uns dort jeden Freitag, und es gab immer ein Programmangebot. Dazu gehörte – in Abständen von etwa 6 - 8 Wochen – auch die Aufführung von Spielfilmen. Die Kinobranche war gerade im Niedergang, da sich das Fernsehen inzwischen in fast jedes Wohnzimmer verbreitet hatte, und Video und Beamer gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber es gab in Duisburg einen Verleih für 16mm Filme, den wir nutzen konnten. Extra für diese Aufgabe wurde ein Filmreferent bestimmt. Als der keine Lust mehr hatte und aufhören wollte, meldete ich mich freiwillig. Erstens, weil die Aufgabe offensichtlich Spaß machte, zweitens, weil die Filme, die ich zu sehen bekam, sehr interessant waren und drittens, weil der Filmreferent bei der Programmplanung die Finger mit im Spiel hatte. Aber so einfach war es nicht. Um überhaupt die 16mm-Projektoren ausleihen zu dürfen – das Zentralbüro der Katholischen Jugendarbeit in Berlin verfügte über drei solcher Projektoren – musste ich erstmal einen Vorführschein bei der Landesbildstelle absolvieren. Da wurde uns die Technik erklärt und wir mussten unter anderem das Einfädeln des Filmes üben, das Wechseln der Projektorlampe – falls die mal ausfällt – und was zu tun ist, wenn der Film mal reißt. Das waren immerhin 4 oder 6 Schulungsstunden, die zu absolvieren waren.
[Premiere] Mit dem Schein in der Tasche und endlich zum Filmreferenten des Jugendclubs ernannt, wollte ich im Herbst des Jahres 1981 stolz meinen ersten Film zeigen. Alles war perfekt vorbereitet: Die Werbung Wochen vorher, die Kasse für den Eintritt, die Leinwand, die Bestuhlung, auch die Filmrollen waren da. Eine Viertelstunde vor dem geplanten Beginn – und es waren schon bestimmt 30 Leute da – fiel mir siedendheiß ein, dass etwas sehr Wichtiges fehlte. Ich raunzte meinen Freund Sam an: „Wo ist der Projektor?“ „Wieso?“, sagte er, „Ich dachte, Du hast ihn bestellt?“ Das Hin- und Her nutzte nichts, jedenfalls war kein Projektor da und ich fühlte mich ziemlich mies. Mir war heiß und kalt zugleich. Ich hatte eine wichtige Aufgabe übernommen und stand nun als kompletter Versager da. Gab es da noch eine Rettung oder hatte ich für immer verschissen? Zum Glück hatte Sam ein Auto und wir rasten zur Evangelischen Nachbargemeinde, die auch einen Projektor haben sollte. Nach vielem Klingeln und hin und her laufen fanden wir dann einen Mitarbeiter, der uns den Projektor in die Hand drückte und mit einer Verspätung von einer Dreiviertelstunde konnte der Film endlich beginnen. Rettung in letzter Minute.
[Spaß] Nach einigen Monaten hatten wir den Bogen raus. Natürlich konnten wir Filmvorführtermine langfristig festlegen, die Projektoren weit im voraus bestellen und wir wußten, dass auch die Filmrollen ein paar Tage vorher geliefert wurden. Also machten wir regelmässig im Wohnzimmer unserer WG einen Tag vor dem offiziellen Kinotag im Jugendclub unsere Privatvoraufführung. Wir kochten was, besorgten Bier und andere Getränke, spannten ein großes Laken vor das Fenster, langsam trudelten unsere Freunde ein und und wenn es dann dunkel wurde, wurde der Projektor angeworfen. Eine riesige Gaudi. Und am Tag darauf, bei der eigentlichen Vorführung, konnten wir dann hinten im Saal mit den Mädchen knutschen – weil den Film, den kannten wir ja schon. Das ging so einige Jahre, bis ich merkte, dass es Zeit war, den Job des Filmreferenten in andere Hände zu geben.
Wenn ich heute auf die Unterrichtsstunden für den Filmvorführschein zurück blicke, möchte ich sagen: Der Aufwand hat sich allemal gelohnt, trotz der Beinahe-Katastrophe am ersten Filmabend. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Berlin, 20.09.2016
Stefan Schneider

[Abbildung] Berliner Varietebühne Wintergarten 1940, Foto von Friedrich Mäschke, Quelle: WikiCommons, URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e9/Bundesarchiv_Bild_146-1988-035-15,_Berlin,_Wintergarten.jpg

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