Kaffee Bankrott in der Schliemannstraße um 1999 - Foto: Archivbestände Stefan SchneiderDie neuen Räume in der Schliemannstraße waren um einiges größer als die alten und so erweiterten sich die Möglichkeiten der Nutzung beachtlich. Der Raum zum Hof konnte für die Notübernachtung genutzt werden, das war insofern von Vorteil, als dass die Übernachter sich zurückziehen konnten. Der große, von der Straße zugängliche Raum war als Treffpunkt gedacht. Der riesige Kachelofen strahlte Gemütlichkeit aus und wir hofften, die eine oder andere Tonne Briketts gespendet zu bekommen. Wir bauten ein Theke ein und begannen, Getränke auszugeben und jeden Tag eine warme Mahlzeit zu kochen. Versorgt wurden wir von der Berliner Tafel, und das war nicht ohne Tücken, denn es war nicht so wie im Supermarkt, wo man einfach das mitnimmt, was man haben will. Sondern es hing von vielen Zufällen ab, was die Tafel gerade liefern konnte und dann kam es darauf an, das beste daraus zu machen.
Ein besonderes Talent dafür hatte Ronald, der gelernter Koch war und wunderbar improvisieren konnte. Im Lauf der Zeit gelang es uns, neben großen Kühlschränken auch einige Tiefkühltruhen zu besorgen, meisten aus Haushaltsauflösungen und als Spenden. Das war aus energetischen Gründen natürlich nicht besonders clever, aber was sollten wir machen?: Uns als Selbsthilfeprojekt wohnungsloser und armer Menschen fehlte das nötige Kleingeld (und nicht nur das) an allen Ecken und Enden. Immerhin konnten wir damit auch tiefgefrorene Lebensmittel einlagern und auch, wenn in größeren Mengen von der Tagessuppe etwas übrig blieb, einfrieren.
So waren die Tiefkühltruhen gut gefüllt und Ronald konnte etwas entspannter disponieren und es gab die Möglichkeit, so etwas wie einen Speiseplan zu erstellen. Dass vieles dennoch weggeworfen wurde, lag schlichtweg daran, dass wir keine Etiketten zur Handbeschriftung verwendeten. Das hätte die Effektivität der Vorratslagerung noch von um ein Vielfaches erhöht.
Ein paar Jahre später gab es noch größere Räume und der Kaffeebetrieb für arme Menschen wurde – obwohl ehrenamtlich betrieben – professioneller aufgezogen. Es kamen längst nicht mehr nur die Verkäufer der Straßenzeitung und obdachlose Menschen zu uns, sondern auch verarmte Leute aus der Nachbarschaft. Teils, um das kostengünstige Angebot zu nutzen, teils, um nicht allein zu sein. Und eine ganze Batterie von veralterten Tiefkühltruhen summte, brummte und dröhnte in einem der Nebenräume vor sich hin und fraß begierig eine Kilowattstunde teuren Strom nach der anderen.
Es dauerte Jahre, bis es uns gelang, einen modernen und begehbaren Kühlraum anzuschaffen. Aufgrund der deutlich größeren Lagermengen in den Regalen war eine gute Sortierung mehr als zuvor erforderlich und aufgrund des eingesparten Geldes nun auch möglich, Etiketten anzuschaffen und zu verwenden, um die gelagerte Ware erkennbar und mit gut sichtbarem Ablaufdatum zu lagern. Und aufgrund guter Kontakte zu einer Bäckerei gibt es auch einen guten Vorrat an Kuchen, der selbstverständlich ebenfalls mit Kuchenetiketten genau gekennzeichnet ist.
Inzwischen hat der Treffpunkt nochmals umziehen müssen, aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig bleibt, dass es Orte für arme und wohnungslose Menschen gibt, an denen sie sich nicht nur aufhalten, sondern auch gut und preisgünstig versorgen können.
Berlin, 02.03.2015
Stefan Schneider

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