Messie-Syndrom - Zimmeransicht. Quelle: WikiCommons[Anlässe] Eine Entrümpelung bedeutet immer einen Einschnitt, aber nicht jede ist so drastisch wie die nachfolgend geschilderte. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass Energien wieder frei fließen sollen, ganz besonders in der nahen Wohnumgebung, ist es wichtig, sich über Gerümpel Gedanken zu machen. Ein passender Anlass, Gerümpel hinter sich zu lassen, bietet ein Umzug. Ein sehr lesenswertes Buch über den Umgang mit Gerümpel ist das von Karen Kingston: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags. Reinbek bei Hamburg 2000. Wer seine Entrümpelung bei einem Umzug von einem professionellen Unternehmen organisiert haben möchte, kann gleich auf den Seiten von http://www.umzugsfirma-berlin.net/entruempelung-berlin.html nachsehen. Hier aber die versprochene Geschichte.

[Marotten] Er tauchte eines Tages in diesem Treffpunkt für arme und obdachlose Menschen auf. Er war ein Eigenbrötler und sprach längst nicht mit jedem. Und die, mit denen er sprach, redete er mit „Meister“ oder „Meisterin“ an. Ein Meister bzw. eine Meisterin durfte ihm weitere Meister vorstellen, die er dann akzeptierte. Bald wussten wir, dass er in der Nähe wohnte und wir sahen ihn oft auf dem Weg von seiner Wohnung zum Treffpunkt oder wieder zurück. Er interessierte sich für Bücher und richtete sich unten im Trödelkeller eine kleine Ecke ein, in der er häufig Bilder malte. Manchmal litt er unter Beschwerden, und dann sprach er mich an und sagte, wir wären in ihn gefahren – manchmal ins Bein, manchmal in den Arm, oder an anderen Stellen im Körper und gelegentlich auch in den Kopf. Im Verlauf der Zeit gewöhnten wir uns an ihn und an seine Marotten. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, konnte er grantig werden, aber dieser Zustand hielt zum Glück nicht lange an.

[Osaka] Eines Tages sprach er mich an wegen Problemen in seiner Wohnung. Es war aus ihm nicht immer herauszubekommen, was genau er meinte, wenn er redete. Also beschloss ich, mit ihm mitzugehen. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich die Wohnung eines Messies. Man konnte nicht unbedingt von Verwahrlosung reden – ausser vielleicht in der Küche, wo sich auch Müll aller Art stapelte. Nein, die Wohnung war so vollgeräumt, dass der Fußboden nicht mehr zu sehen war und es nur noch schmale Schleichpfade in der Wohnung zwischen all den Stapeln gab. Und er sammelte buchstäblich alles, was man sammeln konnte. Bücher, Zeitschriften, Kannen, Gläser, Geschirr, Bilder, Vogelfedern, leere Zigarettenschachteln, leere Flaschen, Zeitungen, Poster …. Mir war klar, dass ich das Wort „Entrümplung“ nicht verwenden durfte, dagegen würde er sich mit Händen und Füßen sträuben. Also versuchte ich es auf einem anderen Wege. Ich sprach von der Ausstellung in Osaka, und dass der größte Teil seiner Sammlung dort gezeigt werden würde. Das fand er zunächst seltsam, aber er kam dann später immer wieder darauf zurück. Ob es denn wirklich stimme, fragte er. Ich vereinbarte mit ihm einen Termin, und dann fuhr auch der Wagen vor. Die Mitarbeiter hatte ich entsprechend vorinformiert, sich streng an die Sprachregelung zu halten: Sie würden die Objekte für seine Ausstellung in Osaka abholen.

[Erleichterung] Es brauche eine gute Weile, bis Hans anfing zu kooperieren. Es schien, als wäre er einerseits erleichtert, dass die vielen Dinge ihn nun endlich verlassen konnte,n auf der anderen Seite war ihm anzumerken, dass ihm die Trennung doch schwer fiel. Stunden um Stunden räumten vier Menschen die Wohnung aus, und Hans und ich diskutierten immer wieder, was in Osaka gezeigt werden könnte und unbedingt gezeigt werden müsste. So verschwand der Müll aus der Küche, der Fußboden wurde wieder sichtbar, und am Ende des Tages war wieder so etwas wie ein Wohnzimmer erkennbar. Es gab noch einen kleinen Bücherstapel und sein kleines Zimmer war ein halbwegs strukturiertes Atelier. Sichtlich erleichtert, nun alles geschafft zu haben, griff Hans zum Schluss selbst zum Besen und kehrte höchstpersönlich seine Wohnung sauber. Das sollte auch noch nach Osaka, sagte er mit einem Lächeln um seine Lippen. In diesem Moment habe ich mich gefragt, inwieweit er das Spiel doch durchschaut hatte. Wir hinterließen ihm noch eine frische Matratze und einen Stapel frischer Bettwäsche.

Am nächsten Tag kam er an und sagte, er habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen wie in der letzten Nacht. Und ob die Dinge denn schon in Osaka angekommen seien. Das konnten wir ihm versichern.

Berlin, 13.09.2014
Stefan Schneider

In Erinnerung an Hans Holtorf

[Abbildung] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Compulsive_hoarding_Apartment.jpg

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