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2013 Feststellungsbeleg S-BahnDas Fahren ohne Fahrschein mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin (U-Bahn, S-Bahn, Tram, Bus) ist an und für sich kein Problem, wenn mensch, so erzählte mir neulich eine Person, die ich zufällig in einer Kneipe traf, einige zentrale Regeln beachtet. Sie war mit Recht sauer, denn unlängst ist sie in eine Kontrolle geraten und hat dann freiwillig 40 € erhöhtes Beförderungsentgelt gezahlt. Bei einem regulären Ticketpreis von 2,60 € lohnt sich der Verzicht auf eine Fahrkarte bereits dann, wenn es gelingt, sechzehn Fahrten ohne Fahrschein durchzuführen. Da für Termine häufig ein Ticket für die Hinfahrt und ein weiteres für die Rückfahrt erforderlich ist, ist diese Rate schnell erreicht. So war der Tenor dieses Gesprächs.

Robert, so hieß diesem Mensch nämlich, erzählte mir sinngemäß folgendes: Entscheidend sei, stets aufmerksam zu sein und sich im Waggon so zu platzieren, dass es einfach ist, zu sichten, wer an den Bahnhöfen jeweils zusteigt. Günstig ist auch, direkt an der Tür stehen zu bleiben. Bei den Fahrgästen, die in der Station voraussichtlich zusteigen werden, ist abzuschätzen, ob es sich hier um Kontrolleure handeln könnte. Dabei gelten folgende Faustregeln:
Kontrolleure sind weder besonders jung (Jugendliche stellen keine Gefahr da) noch besonders alt. Kontrolleure treten in der Regel auch nicht allein auf. Kontrolleure gehen normalerweise nicht am Stock und sind auch nicht im Rollstuhl unterwegs. Auch haben Kontrolleure kein schweres Gepäck (das würde sie am Arbeiten hindern) und führen auch äußerst selten Getränke mit sich. Sie sind auch in der Regel weder besonders extravagant oder vornehm gekleidet. Auch sind Kontrolleure überwiegend Männer, nur ganz gelegentlich sind Frauen dabei. Anders gesagt: Kontrolleure sind in der Regel jüngere bis mittelalte Männer mit wenig Gepäck, also bestenfalls nur einem kleinen Rucksack oder eine Umhängetasche.
Es bietet sich also an, ab- und einzuschätzen, wer das ist, der hier einsteigt: Eine Familie mit Kindern: ungefährlich. Zwei Pärchen, die sich unterhalten: ungefährlich. Eine Schülergruppe: ungefährlich. Menschen mit Berlinplänen in der Hand: wahrscheinlich Touristen und so weiter …
Aus der Notwendigkeit, zu beobachten, wer zusteigt, ergibt sich natürlich, dass es um so schwieriger ist, die Situation zu überblicken, wenn besonders viele Menschen zusteigen. Also an Umsteigebahnhöfen ist besondere Vorsicht geboten. Oder aber zu Zeiten des Berufsverkehrs. Wobei andererseits, wenn Züge richtig voll sind, wird erfahrungsgemäß sehr selten kontrolliert, weil die Kontrolleure dann schlecht durchkommen. Aber vom Gesichtspunkt der Beobachtung es es am günstigsten, am Wochenende, besonders früh am Morgen oder spät abends ohne Fahrschein unterwegs zu sein. Zu diesen Zeiten werden auch naturgemäß sehr viel weniger Kontrollen durchgeführt. Aber Vorsicht: Ausnahmen bestätigen die Regel. Es wurden auch schon Kontrolleure Sonntagmorgen auf Streckenabschnitten angetroffen, wo sonst nie kontrolliert wird. Oder dass noch nach Mitternacht im letzten Zug kontrolliert wird.
Mein Bekannter erzählte, er habe, wann immer seine finanzielle Situation es hergebe, 40 € dabei, um dann im Fall, dass er doch Kontrolleure übersehen hat, sofort erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen kann. Der enorme Vorteil sei, dass mensch bei einer sofortigen Zahlung anonym bleiben könne. Und noch ein Punkt sei absolut entscheidend: Kontrolleure setzen sich nie hin. Wenn also Menschen einsteigen, die Kontrolleure sein könnten, sich suchend nach einem Sitzplatz umsehen und sogar einen aufsuchen, sind es in der Regel keine Kontrolleure. Das sei im Grunde das Wichtigste, was es bei der Beobachtung der Situation zu beachten gäbe. Ach ja, und im Zweifelsfall sei Aussteigen die sicherste Strategie. Zwar komme er dann etwas langsamer vorwärts als normal, aber es gehe ja auch darum, das Zahlungsrisiko zu minimieren.
Er würde es auch ablehnen, sich als notorischen Schwarzfahrer zu bezeichnen. Dieser Begriff schildere eine Perspektive, die unterstellt, das Fahren ohne Fahrschein sei etwas verwerfliches. Das Gegenteil aber sei der Fall: Mobilität ist ein zentrales Grundrecht der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft, und die dafür erforderlichen Verkehrsmittel und die dazugehörige Infrastruktur werden allen bedarfsgerecht und kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wie das finanziert werden soll? Gar nicht. Ein Teil der Menschen arbeitet daran, die öffentlichen Personentransport zu gewährleisten, andere Menschen arbeiten an anderen erforderlichen Aufgaben.

Wie es denn passiert sei, dass er trotzdem einer Kontrolle nicht entgehen konnte, wollte ich zum Schluss noch wissen. Unaufmerksamkeit, der Klassiker, murmelte er. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof, drei Stationen mit der U-Bahn, drei Stationen mit der S-Bahn, eine klassische eher gefahrlose Kurzstrecke. Am vorletzten Bahnhof habe er schon daran gedacht, was er auf dem Hauptbahnhof noch für die Fahrt einkaufen müsse, und dabei habe er die Gruppe der Kontrolleure übersehen, die Friedrichstraße hinzugestiegen sei.
In nächster Zeit wolle er sich verstärkt mit Warnsystemen befassen. Schon jetzt setze er jedes mal einen Tweet ab, wenn er Kontrolleure beobachtet, um andere Freifahrer zu warnen. Günstig wäre natürlich eine App, die alle Nutzer_innen öffentlicher Transportmittel jederzeit darüber informiert, wo Kontrollaktivitäten zu Gange sind und Möglichkeiten aufzeigt, diese Gegenden zu umfahren. Die Sorge, dass diese Vernetzung kriminalisiert werden könnte, habe er nicht. Denn schließlich sei es schon jetzt Gang und Gäbe, dass im Radio vor Verkehrs- und Geschwindigkeitskontrollen auf den Straßen gewarnt werde.

Soweit das, was mir Robert vor einiger Zeit in der Kneipe erzählte.

Berlin, 15.02.2014

Stefan Schneider

PS: Zum Abschluss des Gesprächs schenkte mir Robert noch den Feststellungsbeleg, der ihm ausgehändigt wurde ...

[Abbildung: Feststellungsbeleg, Quelle: eigene]