[Big Bang] Die Welt änderte sich für mich, als ich im Alter von 13 oder 14 Jahren die Stadtbibliothek entdeckte. Der Nachteil der Pflichtschule, in die ich damals ging, war – jedenfalls damals –, dass für alle festgelegt war, welches die Bücher waren, die zu lesen waren. Ergänzend dazu schenkten oder besorgten mir meine Eltern das, was damals als gute Jugendliteratur galt: Karl May und immer wieder Karl May, Onkel Toms Hütte, Moby Dick, Lederstrumpf und so. Ich weiß gar nicht mehr, wer mich darauf aufmerksam machte, aber eines Tages stand ich in der Stadtbibliothek Tempelhof – die heute nach Eva-Maria-Buch benannt ist – und begriff: Alles was da war, konnte ich mit nach Hause nehmen und lesen. Von da an gab es kein Halten mehr. Mit jedem Besuch wurden meine Wege länger, ich beschränkte mich schon lange nicht mehr auf die Jugendabteilung, sondern streifte die Regale von Philosophie, Theologie, Soziologie, Psychologie, Astronomie, eben alles, was mich interessierte. Ich glaube, in diesen ersten Monaten und Jahren wurde der Grundstein für mein selbständiges Denken gelegt. Denn ich merkte ja oft genug, dass die Welt nicht einheitlich und geschlossen war, sondern dass sich die Aussagen durchaus widersprachen. Oft folgte ich damals nur der Auffassung, die mir am Besten gefiel, und das änderte sich schnell. Erst später lernte ich die Dialektik kennen und damit verbunden die Idee, dass sich Gegensätze durchaus aufeinander beziehen können. Und auch meine musikalische Bildung entwickelte sich in dieser Zeit. Ich konnte einfach Schallplatten mit nach Hause nehmen und dort in Ruhe hören. So lernte ich John Coltrane kennen und Bob Seger und fand das einfach großartig – aber das ist ein anderes Thema.

[Ausflüge] Heute hat sicher das Internet weitgehend die Funktion übernommen, die damals für mich die Stadtbücherei hatte. Es gibt Portale wie Lerntipp.com, das sich auf Themen wie Lernen, Persönlichkeit, Erfolg, Internet Geld verdienen, Motivation, Zeitmanagement, paranormale Fähigkeiten und Gedächtnis spezialisiert hat. Wer möchte, kann zahlreiche kostenlose Bücher über Erfolg, Lernen und Persönlichkeitsentwicklung hier herunterladen. Das unterschiedliche, einander womöglich widersprechende Wissensbestände nebeneinander stehen (bleiben) können, ist ein im Internet noch nicht wirklich gelöstes Problem, das wird etwa bei Wikipedia deutlich. Da wird beispielsweise sehr hartnäckig um den Inhalt von Artikeln gekämpft – statt dessen wäre es viel wichtiger, Tools zu entwicklen, die die unterschiedlichen Auffassungen zu einer Sache abbilden. Oder die Biographien – da ist die Versuchung groß, unangenehme Informationen einfach verschwinden zu lassen. Beruhigend daran ist eigentlich nur, dass der Kampf um Wahrheit oder das, was dafür gilt, schon geführt wurde, als es noch gar keine Bücher gab. Auch das gehört zu den Dingen, die ich gelernt habe – bei meinen Ausflügen in die Stadtbücherei Tempelhof.

Berlin, 31.07.2013

Stefan Schneider

[Abbildung]  Eva-Maria-Buch – Bibliothek Tempelhof 2013. Foto: Stefan Schneider

 

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