Besucher an Kleingarten 1955 - Quelle: WikiCommons[Standort] Meine Nachbarin träumt wie so viele davon, im Grünen zu wohnen. Das nimmt auch kaum Wunder, denn ein Leben in einer Großstadt bietet nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile. Dazu gehören die räumliche Enge, der Lärm, die nächtliche Lichtverschmutzung und vor allem die weitgehende Abwesenheit von dem, was wir als Natur empfinden. Natürlich gibt es Grünflächen, aber die sind vor allem in innerstädtischen Bereich klein und hoch frequentiert. Der Kauf eines Grundstücks im Umland bietet keine sinnvolle Alternative: Das Pendeln mit öffentlichem Nahverkehr zu Arbeitsorten in der Stadt frisst den Erholungswert wieder auf, und der Betrieb eines Autos ist ebenso umweltbelastend wie nervend – vor allem in den Zeiten von Berufsverkehr oder Stau. Und ganz in die Pampa zu ziehen in eine verlasse Region ist auch keine wirkliche Option.

[Einhegung] Aber es gibt Alternativen. Gerade in Berlin gibt es ausgesprochen viele Kleingartenanlagen. Der historische Grund für die Existenz dieser Flächen liegt ebenfalls in einer Zurück-zur-Natur-Bewegung. Nachdem bekannt wurde, wie gesundheitsschädlich das Leben in den dunklen Kellerwohnungen der engen Hinterhöfe der innerstädtischen Mietskasernen ist, gab es bereits in der Kaiserzeit erste Stimmen, die einen Ausgleich forderten. Ungenutzte Brachflächen und Bauerwartungsland sollte den Arbeiterfamilien zur Verfügung gestellt werden, damit diese die Flächen beackern könnten. Neben dem Aufenthalt im Freien wurde auch der Aspekt der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse angeführt. Natürlich gab es noch einen weiteren Hintergedanken: Wer Unkraut jätet, Erde umgräbt und Stauden zieht, demonstriert nicht und hat auch weniger Zeit für die neu entstandenen suspekten sozialdemokratischen Arbeitervereine, de doch nur Umsturz und Chaos wollten.

[Aufbau] Jedenfalls ist meine Nachbarin zusammen mit ihrem Dauerfreund zum Bezirk gegangen und jetzt haben beide einen langjährigen Pachtvertrag für schmales Geld für einen Schrebergarten. Das Ganze hat nur einen kleinen Haken: Das Gelände ist total verwildert und eine Laube gibt es auch nicht. Was für andere ein Nachteil ist, sehen beide als Vorteil: Schritt für Schritt wollen sie sich eine Laube nach eigenen Vorstellungen aufbauen. 35 qm maximal darf die Größe sein, und bei geschickten Aufteilung, so sagen sie, ist das auch völlig ausreichend. Sicher werden sie für kältere Tage auch einen Kaminofen einbauen. Genug Auswahl haben sie ja, wenn sie sich im Ofenshop bei Edinger umsehen. Und das Holz für den Kamin wird bis dahin auch gut abgelagert sein. Denn erst vor ein paar Tagen haben mich beide gefragt, ob ich nicht mal rauskommen wolle. Zum Holzsägen.

Berlin, 17.04.2013

Stefan Schneider

[Abbildung] Besucher an Kleingärten 1955 - Quelle:  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fotothek_df_roe-neg_0006359_028_Besucher_an_Kleingärten.jpg?uselang=de

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