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Kratky, Frantisek - Treppe in Rom 1897 - Quelle: WikiCommons[Sesshaftigkeit] Treppen gibt es schon sehr lange. In nahezu allen archäologischen Fundorten mit unebener Geländelage sind bislang Treppen gefunden worden. Diese wurden ganz unterschiedlich gebaut. Entweder durch die Anordnung von Steinen oder Ziegeln auf dem Gelände, oder indem das vorhandene Gestein behauen wurde, aber auch Baumstämme mit stufenartigen Einkerbungen wurden im Zeitalter der Jungsteinzeit gefunden. Die Jungsteinzeit markiert den Übergang von einer Gesellschaftsform, die auf Jagen und Sammeln beruht, hin zu einer Gesellschaftsform, in der Ackerbau und Viehzucht, und damit eine weitgehend sesshafte Lebensweise dominant werden. Sobald sich Menschen also irgendwo längerfristig niederlassen, bauen und benötigen sie Treppen. Sicher aus Gründen der Bequemlichkeit, aber auch aus praktischen Überlegungen. Gerade in Herbst und Winter ist es sicherer, über Treppen zu laufen, als sich im unebenen freien Gelände zu bewegen und auf nassem Laub oder Eis auszurutschen.

[Barrierefreiheit] Was früher ein Vorteil war, ist heute ein Hindernis. Der Menschheit ist es im Verlauf ihrer Geschichte gelungen, immer weitgehender und vollständiger ihr Leben und Überleben zu sichern – auch wenn es immer noch extreme Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten gibt – und die sie umgebende Natur entsprechend den menschlichen Anforderungen zu gestalten. Während vor wenigen Jahrhunderten die durchschnittliche Lebenserwartung knapp über 30 Jahre lag, sind heute Menschen, die 70 oder 80 Jahre alt werden, keine Seltenheit mehr. Und die Lebenserwartung wird weiter zunehmen. Aber es fällt vielen älteren Menschen aufgrund von Verschleiß und Abnutzung und dem Schwinden der Körperkraft zunehmend schwer, Treppen zu steigen. Aber auch für andere Menschen, die an körperlichen Einschränkungen von Geburt an bzw. durch Unfälle oder Krankheit verursacht, leiden, stellen Treppen oftmals ein unüberwindliches Hindernis. Im öffentlichen Raum wird dem durch vielfältige Maßnahmen Rechnung getragen. So werden Bordsteine abgesenkt, Eingänge ebenerdig errichtet, Höhendifferenzen durch Rampen und Schrägen überwindbar gemacht, es gibt an vielen Orten Lifte und Aufzüge. So weit die Theorie. In der Praxis ist es jedoch so, dass Barrierefreiheit nur in Teilbereichen umgesetzt ist. Wer selbst einmal in einem Rollstuhl saß oder sich auf Krücken bewegen musste, kann davon ein Lied sein. Die Liste der Orte, die nicht oder nur durch entwürdigende Neben- und Seiteneingänge umständlich erreichbar sind, ist lang und wird nur langsam abgebaut. 

[Umbau] Ich persönlich bin dabei, eine aktive Altersvorsorge zu betreiben und werde in eine Wohnung umziehen, die Hochparterre gelegen ist, so dass nur wenige Stufen zu überwinden sind. Eine kleine Rampe oder ein Lift sind sicher nachrüstbar, und der Preis für einen Treppenlift bleibt ebenfalls überschaubar. Bei meiner Mutter ist das Problem schon sehr deutlich sichtbar. Sie leidet an Arthrose im rechten Knie und kann nur noch sehr langsam und Schritt für Schritt die Stufen erklimmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in den nächsten Wochen oder Monaten die Hausverwaltung einen Aufzug einbauen wird, zumal damit größere Umbauten verbunden sein würden. Die Erbauer des Hauses haben damals noch nicht daran gedacht, dass es hierfür einen Bedarf geben könnte. Unter diesem Gesichtspunkt wäre die Anmietung einer Wohnung in einer Hochhaussiedlung die bessere Idee gewesen. Denn da gibt es baubedingt Aufzüge. Aber das ist ein anderes Thema. Und mit meiner Mutter habe ich dringend zu besprechen, was sie machen will, wenn sie die Treppen nicht mehr hochkommt.

Berlin – Mariendorf, 16.02.2013

Stefan Schneider

[Abbildung] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kratky,_Frantisek_-_Na_schodech_chramovych_%281897%29.jpg