Zelt von Circus Conelli, Zürich - Quelle: WikiCommons[Bindungen] Die Welt des vergangenen Jahrhunderts wurde von großen Maschinen regiert. Sie waren die großen Kraftwerke der Ökonomie und gaben den Rhythmus vor. Säuberlich schieden sie die Sphären. Es gab ein Reich der Arbeit und eines der Freizeit, eine Welt der Politik und der Kultur, der Religion und der Arbeitsstunden im Verein. Irgendwo dazwischen fand der Alltag statt. Reisen zu jenen Zeiten bedeutete für die meisten Menschen drei Wochen Urlaub von der Maschinenarbeit. Kostbare Tage, die gut genutzt werden wollten. Gab es schulpflichtige Kinder, lag die Hauptreisezeit meistens in den sommerlichen Schulferien. Im Verlauf der Zeit änderte sich das Verkehrsmittel. Während Zugreisen anfangs noch der Standard war, gewann die Reise im eigenen Automobil zunehmend an Bedeutung. Gerade von den ersten sogenannten türkischen "Gastarbeitern" wurde berichtet, dass sie im Sommer umständliche, drei Tage dauernde Autofahrten über tausende von Kilometern unternahmen, um ihre Heimatorte zu erreichen und ihre Verwandten zu besuche

[Rechnungen] Die großen Maschinen verschwanden zwar nie, aber maßgeblich zum Ende des letzten Jahrhunderts wurde eine ganz andere Kraft. Wichtig war es nun, alles mit nur mit den Zeichen Null und Eins beschreiben zu können und alle Veränderungen zu berechnen. Die Maschinerie wurde dank kleiner Kästchen, in denen Millionen und Abermillionen von diesen Operationen verzogen wurden, so vielfältig wie die Menschheit selbst, ja, sie wurde Teil des Menschen, gleichsam seine Dritte Haut.[1] Damit änderte sich auch das Reisen. Die nomadische Lebensweise erfuhr eine große Renaissance, immer mehr Menschen waren praktisch ständig unterwegs. Auch die Sphären waren nicht mehr voneinander geschieden. Arbeit, Freizeit, Politik und Kultur, Soziales und Gemeinschaftsarbeit verschmolzen miteinander und das Leben im Fluss wurde als Alltag angesehen.

[Änderungen] Deshalb muss auch eine Firma, die Reisen verkaufen will, ihre werbliche Strategie ändern. Das eindimensionale Versprechen eines rundum sorglos Urlaubs ist für immer weniger Menschen attraktiv, wird zunehmend als langweilig und uneffektiv empfunden. Reisen ist Leben, ist Veränderung. expedia.de hat damit angefangen und wirbt mit komplexen Lebenssituation, die so oder anders tausendfach stattfinden. Ein open-space-Kongress in Pisa mit anschließendem Rendezvous in Florenz, eine Versöhnungsreise zum Exgeliebten in Tel Aviv mit Kurzstop bei einer GeschäftspartnerIn in Istanbul, eine archäologische Expedition zur Kultur der Skythen mit anschließendem Speeddating für schwule Akademiker in Osaka, ein Auslandspraktikum bei einer Investmentfirma in Louisiana mit Abstecher bei der schwierigen Erbtante in Ontrio und Besuch bei einem Grindcore-Festival auf den Bahamas. Zu einem Vorstellungsgespräch nach Salzburg mit anschließendem Kurzurlaub an der Ostsee bei Danzig. Für einen akademischen Vortrag nach vormittags Ludwigshafen und nachmittags zu einem Privatkonzert nach Bristol. Und das Zelt, das die Nomaden einst bei sich führten, ist heute abgelöst durch ein Netz von Nullen und Einsen, das uns sagt, wo wir das Lebensnotwendige finden können. 

Zürich, 29.10.2012

Stefan Schneider

[Abbildung] Zelt von Zirkus Conelli, Zürich. Quelle: WikiCommons

[1] Die Formulierung Dritte Haut wurden von Joachim Ritzkowsky geprägt. Ursprünglich war damit gemeint, dass neben der natürlichen Haus und der Kleidung als zweiter Haus die jeweils eigene Wohnung die dritte, schützende Haut eines Menschen ist. Im Zuge der hier angedeuteten Bedeutungsverlagerung der Dinge ist es m.E. legitim, vom Internet als Dritter Haut des Menschen zu sprechen. Vgl. Ritzkowsky, Joachim: "Die Spinne auf der Haut". Leben mit Obdachlosen. Alektor Verlag Berlin, 2001. ISBN 3-88425071-X

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