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[Wahrzeichen] Wenn ich Berlin-Besucher habe, möchten diese häufig dorthin, wo alle hingehen: Zum Brandenburger Tor und zum Reichstag. Das verstehe ich auch irgendwie. Ich glaube, das hat was damit zu tun, sich zu vergewissern, wirklich in Berlin zu sein und nicht aus Versehen in Magdeburg oder Hannover. Ich mache das ja auch so. In Paris bin ich zur Notré Dame gelaufen – ein wiklich schöner Ort, wenn die Touristen weg sind – und in New York habe ich mich ausführlich mit der Miss Liberty beschäftigt. Ich lasse meine Gäste auf diesen Trip gerne allein gehen, denn irgendwie gehört es auch dazu, völlig unbeeindruckt von Ortskundigen erstmal alles auf sich wirken zu lassen, die ganzen fliegenden Eisverkäufer, die Läden mit den Souveniers, die anderen Touristengruppen eingeschlossen. Und das ausführliche Fotografieren und sich vor dem Hintergrund von Sehenswürdigkeiten Fotografieren-lassen. Ob das auch alles echt ist? Etwas ganz anderes wiederum war Warschau. Beinahe täglich war ich in der Altstadt, um der Bahnhof am Palac Kultury war immer mein Umsteigepunkt auf dem Weg nach Milanowek. Durch die viermonatigen Aufenthalt in dieser Stadt ist sie fast eine zweite Heimat geworden. Aber das ist ein anderes Thema.

[Rundgänge] Gerne biete ich meinen Gästen einen Rundgang durch mein Stadtviertel an. Allein zu meiner Straße gibt es vieles zu erzählen – zum Beispiel vom Hirschhof und der ältesten Berufsfeuerwehr in Berlin oder dem Stadtbad. Am Ende der Straße beginnt der legendäre und inzwischen heiß umkämpfte Mauerpark, den es zu würdigen gilt und natürlich ist dann sofort an der Bernauer Straße die Berliner Mauer zentrales Thema. Gerne mache dann einen Bogen zum Teutoburger Platz, in dessen Nähe die Barmin-Kante gut erkennbar ist, und verweise auf die lange ruhmreiche Brauereigeschichte Prenzlauer Bergs, während wir über die Pfefferberg-Brauerei schlendern. Als neulich meine Schweizer Freundin Vesna nach Berlin kam, wollte ich mit ihr nur kurz diese kleine Runde machen und wir brauchten geschlagene vier Stunden, um auch nur die wichtigsten historischen Bezüge zu würdigen und zu erörtern, was sich in der Zwischenzeit verändert hat und warum. Deshalb macht es durchaus Sinn, wenn eine Stadtrundfahrt Berlin sich auf einzelne Themen und Schwerpunktsetzungen konzentriert und diese eingehender beleuchtet. Besonders ergiebig ist auch eine Architekturführung Berlin zu den Schwerpunkten Stalinallee, Hansaviertel, Potsdamer Platz und auf den Spuren der Nazi-Planungen zu Germania. Die Berliner Unterwelten, das Märkisches Viertel, die Stralauer Halbinsel, ... – ach was, Berlin ist viel zu groß für nur einen Berlin-Besuch. Selbst als gut informierter Berliner kenne ich noch lange nicht alles, und es verändert sich auch zu viel.

[Schiffsverkehr] Mein persönlicher Favorit ist eine Schiffsrundfahrt durch die Innenstadt. Mit einem eigenen Boot habe ich diesen Luxus immer dann, wenn ich hoch zur Müritz oder zur Ostsee will, weil das dann auf dem Weg ist. Bei meinem kleinen Boot muss ich aber doch ein paar Abstriche machen. Gerade im Sommer ist der Streckenabschnitt zwischen Schleuse Mühlendamm und Schloss Bellevue höllisch voll, es gibt für Sportboote so gut wie keine Liegemöglichkeit [Wird der Liegeplatz Friedrichstraße wieder eröffnet? Wird am Humboldthafen endliche eine Liegemöglichkeit eingerichtet?] und das durch den regen Schiffsverkehr ständig aufgewühlte Wasser bedeutet für kleinere Sportboote eine eher unruhige Fahrt. Manchmal wird es richtig voll und eng – aber da hilft es auf dem Wasser meistens, langsam zu fahren, Ruhe zu bewahren und abzuwarten, bis die Situation sich vorne klärt. Trotz dieser kleinen Nachteile ist so eine Bootsfahrt durch Berlin ein echtes Highlight, auf das ich mich immer wieder neu freue.

Berlin 31.07.2012

Stefan Schneider

[Abbildung] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:MoleculeMen_BerlinerOsthafen.jpg