Egon Schiele, 1913, Freundschaft - Quelle: WikiCommonsFummeln. Meine erste Freundin hatte ich mit fünfzehn. Ich traf mich damals immer mit Claudia und Regina, und ich fand Claudia ja total super. Aber die interessierte sich nicht so für mich, dafür aber Regina. Und auch Regina war irgendwie klasse. Sie war schon 16, ziemlich politisch und trug immer ein Palästinensertuch. Ihre Gesichtszüge waren herb und doch irgendwie schön. Nach einem Konzert von DAF im Temporal gingen wir zusammen in Richtung U-Bahnhof, und auf irgendeiner Betonbank auf dem Weg zum U-Bahnhof Gleisdreieck küssten wir uns, das heißt, genauer gesagt, küsste sie mich. Die Beziehung hielt nicht lange. Wir konnten uns weder bei mir noch bei ihr treffen, es war schon Herbst und Geld hatten wir auch nicht. So drückten wir uns immer irgendwo draußen herum und küssten uns, fummelten und froren. Ein paar Wochen später, kurz vor dem Udo Lindenberg Konzert im Metropol sagte sie mir, dass es vorbei ist. 

Freiheit. Bis ich dann wieder eine Freundin hatte, vergingen viele Jahre. Ich war inzwischen 19 und sie hieß Claudia-Maria und wohnte in der Alexandrinenstraße. Sie war auch die erste Frau, mit der ich richtigen Sex hatte. Ich erinnere mich noch genau daran, dass sich mein Schwanz vor lauter Geilheit und Aufregung total taub anfühlte und dass mich das ziemlich irritierte. Beim zweiten Mal war es kaum besser. Das Abspritzen war weniger ein Höhepunkt als vielmehr eine Art Druck ablassen. Erst ab dem dritten Mal empfand ich so etwas wie Lust am Miteinander-Schlafen und dann taten wir es ziemlich regelmäßig. Diese Beziehung ging so nach eineinhalb Jahren zu Ende, weil ich das Gefühl hatte, dass mich Claudia-Maria so langsam oder sicher in die Rolle ihres Ernährers und Ehemanns drängen wollte. Wir haben so direkt nie darüber gesprochen, aber es gab immer solche Andeutungen. Obwohl in der Beziehung alles irgendwie in Ordnung war, gefiel mir diese Perspektive nicht. Ich wollte Freiheiten, Freiräume. Warum und wozu, das war mir damals noch nicht bewusst. 

Fühlen. Seit jenen Tagen ist viel Zeit vergangen, und weitere Beziehungen folgten. Es waren einige flüchtige Affairen darunter, aber auch einige langjährige Beziehungen. Und darunter waren auch Frauen, von denen ich viel über Sex lernte. Das für mich wichtigste vielleicht ist die Erkenntnis, das Sex eine Art Sprache ist, eine Fortsetzung des Dialogs mit anderen Mitteln. Es geht gar nicht mal um möglichst viele oder möglichst akrobatische Stellungen, und auch nicht unbedingt um alle denkbaren Varianten vom Kuschelsex bis hin zum handfesten Zulangen. Vor allem von Anja habe ich gelernt, dass der Weg oftmals wichtiger ist als das Ziel und dass es darauf ankommt, die Momente zu genießen und sich Zeit zu lassen. Viel Zeit. Das zusammen Schlafen und der Orgasmus sind bestenfalls ein Teil des Ganzen und nicht die alleinige Hauptsache, um die sich alles drehen muss. Es ist eher das Spiel mit den Gefühlen, der Erotik, dem Auf- und Abgeilen und der angenehme Erschöpfung am Schluss. 

Fesseln. Es ist übrigens bis heute so, dass ich mich an eine Frau gewöhnen muss. Deshalb erwarte ich vom "ersten Mal" gar nicht so viel und bin eher gespannt, was sich so im Verlauf der Zeit entwickelt. Vielleicht erhalte ich ja in nächster Zeit mal ein diskretes Paket von einem Erotikversand, und da ist dann eine schöne lederne Peitsche, ein lilafarbener Umschnalldildo, viel Fesselkram und jede Menge Vanillesauce drin. Ich denke, ich wäre dann keine 10 Minuten später bei meiner schönen Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnt, und würde sie zur Rede stellen, was das denn solle. Sie würde natürlich alles leugnen und wir hätten den heftigsten Streit. Aber glücklicherweise habe ich das Paket und den Inhalt ja dabei. und dann ... Seit dem ich gelernt habe, dass ich nicht unbedingt eine Freundin haben muss, geht es mir eigentlich viel besser und das strahle ich wohl auch aus. Deshalb kann ich meine Umgebung viel besser wahr nehmen und Stelle fest, dass es genug Frauen gibt, die mich richtig süß finden. Im Vergleich mit meinem pubertären Stress von vor über 30 Jahren doch ein sehr angenehmes Gefühl, muss ich sagen.

Berlin, 23.06.2012

Abbildung: Egon Schiele: Freundschaft 1913 (Quelle: Wiki Commons)

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