Ullsteinhaus 1986 - Quelle: Landesdenkmalamt Berlin Haltestelle. Die ersten Lebensjahre verbrachte ich in Berlin-Mariendorf am Mariendorfer Damm. Der war schon damals eine vielbefahrene Straße und ein schlechter Ort zum Spielen. Deshalb verbrachte ich viel Zeit auf dem breiten Fensterbrett der Küche und beobachtete das Geschehen auf der Straße – denn da fast immer irgendetwas los. Leute kamen aus der U-Bahn oder gingen dort hinein, dann wurde vor dem Kaisers – Geschäft gegenüber häufig irgendwelche Kisten gestapelt und Menschen kamen mit vollen Einkaufsbeuteln aus der Straße. Autos bogen ab in die Königstraße oder wollten von der Königstraße in den Mariendorfer Damm einbiegen und mussten warten, bis eine Lücke war im fließenden Verkehr. Einmal soll es sogar einen Überfall gegeben haben auf das Postamt in der Königstraße. Der Täter ist mit einer Plastiktüte in der Hand dann hinten den Cantorsteig entlanggelaufen an der Polizeistation vorbei bis in die Kaiserstraße und dort an der Haltestelle in den Bus 33, der nach Steglitz fährt. Das habe ich aber nicht beobachtet, sondern das wurde mir nur berichtet.

Pavillon. Zu den Ausflugszielen jener Zeit gehörten in südlicher Richtung der Volkspark Mariendorf und in nördlicher Richtung das Ullsteinhaus. Es gab gute Gründe, sich für das Ullsteinhaus zu entscheiden, denn wenn man ein Stück weiter noch über die Stubenrauchbrücke ging, gab es rechts um die Ecke in der Ordensmeisterstraße unmittelbar hinter der Abfahrt zum Hafengelände eine Bude, in der leckere Rostbratwurst vom Holzkohlengrill im Brötchen zusammen mit Zigeunersalat erhältlich war. Ich war jedes mal begeistert, wenn mein Vater mir vorschlug mit ihm einen kleinen Spaziergang zum Ullsteinhaus zu unternehmen, weil es im Grunde dann immer darauf hinaus lief, dass wir dort jeder eine Rostbratwurst vertilgten. Der schäbige Holzkiosk wurde dann bald ersetzt durch einen massives Imbisshäuschen. Vor einigen Jahren musste der Maximilian – Grill dem auf dem Hafengelände errichteten Einkaufszentrum weichen – schade eigentlich. Ich hätte die Bude unter Denkmalschutz gestellt – als frühes Beispiel für Fast Food in Berlin, noch lange, bevor uns die Döner-, Mini-Pizza- und Hamburger-Welle uns erreichte. Zwar gibt es den Imbiss noch in einem neu errichteten Pavillon in Hafennähe in unmittelbarer Nähe des Hafencenters, aber das ist doch nicht dasselbe, und Rostbratwurst wird auch nur noch nebenbei verkauft.

Kathedrale. In dem in den Jahren 1925 – 1927 nach Plänen von Eugen Schmohl erbauten Ullsteinhaus wurde noch bis Mitte der 80er Jahre Zeitungen und Zeitschriften gedruckt. Heute beherbergt das riesige, noch um moderne Anbauten erweiterte Wahrzeichen von Tempelhof unterschiedliche gewerbliche Nutzungen, aber auch eine Diskothek, mehrere Künstlerateliers und sogar eine christliche Freikirche. Das ist kein Wunder, denn das beeindruckende Baudenkmal des Backsteinexpressionismus mit seiner strengen Fassade aus Klinker und dem in die Sichtachse des Tempelhofer Damms gestellten 77 Meter hohen Turm wurde häufig auch – und völlig zu Recht – als moderne Industriekathedrale bezeichnet. Dass es möglich ist, mit dem Erwerb und der dann möglichen Abschreibung von Immobilien – und gerade auch, wenn es sich um Baudenkmale handelt – finanzielle Vorteile zu erziehen, war mir gar nicht mal bewusst. Und dabei habe ich tatsächlich, als ich neulich wieder dort war, darüber nachgedacht, mich hier einzukaufen. Weil der Standort am Wasser liegt und natürlich wegen der guten Aussicht.

Berlin, 22.05.2012

Dr. Stefan Schneider

PS: Die riesig große Uhr, die von allen Seiten den Ullsteinhaus-Turm ziert, ist schon seit Jahrzehnten ausser Betrieb. Ich finde das nicht richtig. Aber auf mich hört ja keiner!

Abbildung: Landesdenkmalamt Berlin http://www.stadtentwicklung.berlin.de/cgi-bin/hidaweb/bild.pl?bildid=/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/denkmaldb-bilder/WEB-Bilder/Tem/09055109.jpg

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