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Bunt behaengte Waescheleine in Pelplin, Polen Flattr this Probleme.  Seit einigen Jahren ist eine zunehmende Anzahl von ausländischen Gästen in offenen und niederschwelligen, häufig ehrenamtlich betriebenen Treffpunkten, Notübernachtungen, Nachtcafés und Notschlafstellen zu konstatieren. Die Berichte dazu sind nicht systematisch, aber wenn Ehrenamtliche und Sozialarbeiter_innen sich in Arbeitskreisen und Gremien treffen und aktuelle Schwierigkeiten zur Sprache bringen, ist dieses Phänomen und die damit verbundenen Problemlagen ein häufiges Thema. Das Erzählte ist häufig negativ. Berichtet wird von schlechter Stimmung, von Konflikten, von einer Unzufriedenheit auf allen Seiten: Bei den Gästen, im Team, aber auch bei den ausländischen Gästen. Beispielsweise  im Zusammenhang von kostenloser Essensausgabe kommt es zu aggressiven Handlungen und Rangeleien, und im Zuge von handfesten Rangeleien waren auch Polizeieinsätze erforderlich. Angeblich ist auch ein verstärkter Alkohol- und Drogenkonsum konstatierbar. Und weil die Besucherzahlen mit diesen neuen Gästen steigen, müssen Gäste wegen Überfüllung weggeschickt werden. Oder deswegen, weil sie durch ihr aggressives Verhalten stören. Eine Situation, die dazu geeignet ist, eine potentiell konfliktgeladene Atmosphäre weiter anzuheizen. In der Berliner AG Leben mit Obdachlosen, einem Zusammenschluss von mehr als 50 Einrichtungen, die überwiegend im niederschwelligen Bereich arbeiten, wurden Berichte dieser Art seit 2006 mehr oder weniger regelmäßig auf den monatlichen Sitzungen vorgetragen.

Emotionen und Gerüchte. Bemerkenswert und auffällig zugleich ist der Umstand, dass diese Problemlagen vergleichsweise stark emotional aufgeladen sind. Mitarbeiter_innen von Angeboten und Einrichtungen fühlen sich häufig überfordert und allein gelassen (und nutzen deshalb die Gelegenheit, sich auf Treffen zu artikulieren und ihre Sorgen vorzutragen), ausländische Gäste fühlen sich, oftmals zu Recht, schlecht behandelt und diskriminiert. Vertrauen kann so nicht entstehen, es wachsen vielmehr Resentiments und eine ablehnende Haltung gegenüber Deutschen. Aber auch die deutschen Gäste, die bisweilen über Jahre hinweg die Einrichtungen besuchen, fühlen sich auf einmal an den Rand gedrängt und üben Kritik an der Anwesenheit von Ausländern. Vollends problematisch wurde die Diskussion, als weitere kursierende Gerüchte über Teilgruppen der Ausländer die Runde machten: Bei den Menschen, die auf der Straße bettelten, Musik machten oder Straßenzeitungen verkauften, seien Drückerkolonnen im Spiel, die ausländischen Gäste von Notübernachtungen würden irgendwo illegal arbeiten und nur eine billige Unterkunft benötigen, sie seien in Wirklichkeit gar nicht hilfebedürftig und hätten gar keine Hilfeansprüche und weiteres mehr. Kurzum, die Diskussionen waren kurz davor, auf ein völlig falsches Gleis zu geraten. Aber glücklicherweise gab es immer wieder Menschen, die auf sprachliche Präzision bei den Beschreibung des Situation bestanden und darauf, Experten hinzuzuziehen, die genauere, präzisere Hintergrundinformationen geben konnten.

Simulationen. Um eine Vorstellung von den in niederschwelligen Einrichtungen stattfindenden Prozessen und Dynamiken zu erhalten, entwickelte ich bereits 2007 ein Planspiel Notübernachtung. Auf die Idee, dass es möglich und auch sinnvoll wäre, die Problemlagen einer Notübernachtung in Form eines Planspiels zu simulieren, kam ich, als ich in im Jahr 2006 under cover in einer chronisch überbelegten Berliner Massennotunterkunft übernachtete und beobachten konnte, dass Gäste in dem als Aufenthaltsraum dienenden Keller jeweils drei Stühle zusammen stellten, um sich auf diesen zum Schlafen hinzulegen. Die vorgesehenen Übernachtungszimmer waren schon belegt, und alle anderen hatten die Möglichkeit, wenn sie Isomatten hatten, sich auf dem Betonfußboden des Kellerraumes hinzulegen. So war die Lösung mit den Stühlen eine gleichsam komfortable Alternative dazu. Ein solches Arrangement mit drei Stühlen, die ein Übernachtungsbett repräsentieren, ist einfach herzustellen, und so entwarf ich möglichst unterschiedliche, einander widersprechende Charakterskizzen von 4 ehrenamtlichen Helfer_innen einer Notübernachtung und 12 wohnungslosen Menschen mit unterschiedlichstem Problemkonstellationen, die einen Schlafplatz benötigten. Aufgebaut wurden aber nur 10 Betten. Damit waren Konfliktlagen in einer Komplexität vorprogrammiert, die der realen Situation in den Einrichtung sehr nahe kam. Da es kaum weitere Vorgaben gab, waren völlig unterschiedliche Lösungen der Aufgabe denkbar. Dieses Planspiel wurde insgesamt in drei Durchläufen von Jugendlichen, die sich auf ein Freiwilliges Soziales Jahr vorbereiteten, durchgespielt. Ohne auf dieses Planspiel und seine Verläufe an dieser Stelle genauer eingehen zu können, sind doch die Ergebnisse bemerkenswert, die in allen drei Fällen nahezu identisch waren. Es blieben in diesem Rollenspiel immer die wohnungslosen Menschen auf der Strecke bzw. wurden hinausgedrängt, deren Rollenbeschreibung durch psychische Auffälligkeiten bzw. durch einen Migrationshintergrund mit Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten charakterisiert war. In einer ersten, vorläufigen Auswertung kann damit als Vermutung festgehalten werden, dass psychisch erkrankte und ausländische Wohnungslose zu den schwächsten, zu den am frühesten ausgegrenzten Teilgruppen der Wohnungslosen zählen. Zugespitz und provokativ könnte man deshalb sagen: Nicht die ausländischen Wohnungslosen sind das Problem, sondern die Ausgrenzung der ausländischen Wohnungslosen ist das Problem.

Fühlen und Messen. In einer von mir geleiteten Selbsthilfeorganisation (mob – obdachlose machen mobil e.V./ strassenfeger) gab es im Team der Notübernachtung vergleichbare Tendenzen. Mehr oder weniger offen wurde im Winter 2006/2007 im Gesamtprojekt debattiert, dass aus die Notübernachtung inzwischen eine mehr oder weniger "polnische" Notübernachtung sei und die unterschwellig mit kommunizierte Botschaft war, dass dies nicht in Ordnung sei. Ich regte daraufhin eine Messung an, nicht zuletzt auch aus dem Grund, mehr über die Gäste, deren Problemhintergrund, die Verweildauer, den (mutmaßlichen) Verbleib usw. zu erfahren. Das Ergebnis der selbstverständlich anonym durchgeführten Quartalserfassung der Notübernachtung war, dass der tatsächliche Anteil ausländischer Wohnungsloser mit einigen Schwankungen bei etwa 30% lag. Die Ergebnisse dieser Untersuchung veränderten die Debattenlage erheblich. Warum ist unser Gefühl anders als die gemessene Realität? Warum fällt insbesondere die deutlich kleinere Gruppe so stark auf? Müssen wir unsere Vorstellungen korrigieren und welche Schussfolgerungen sind daraus zu ziehen? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Diese Untersuchung war der Einstieg in den Ausstieg pauschalisierender Vorurteile. Schritt für Schritt wuchs die Erkenntnis im durchweg ehrenamtlichen Team, dass es notwendig ist, sich mit jedem einzelnen wohnungslosen Gast zu befassen, und dass die ausländische Herkunft eher eine besondere Herausforderung als ein besonderes Problem darstellt.

Wenige brauchbare Zahlen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening berichtete auf der Herbsttagung 2008 der AG Leben mit Obdachlosen, dass es im Grunde keine Zahlen zu ausländischen Wohnungslosen in Berlin gäbe. Dennoch würde er eine Zunahme der Zahl von Wohnungslosen mit Mitgrationshintergrund erwarten. Ursachen dafür sind nicht allein in der Erweiterung der Europäischen Union und der damit verbundenen Zuwanderung zu sehen. In Berlin leben bereits seit Generationen zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund, und es gäbe gute Gründe, anzunehmen, dass in Zukunft auch hier Teilgruppen verstärkt von Wohnungsnot und Wohnungsverlust betroffen sein könnten, ohne dass die jeweiligen Communities dies kompensieren oder gar auffangen könnte.
Aus dem Winter 2008/2009 berichtet die Massennotübernachtung der Berliner Stadtmission, dass ihre insgesamt 120 verfügbaren Plätze ziemlich durchgängig zu etwa 50% von ausländischen Wohnungslosen genutzt worden sind. Die Bedeutung dieser Zahl ist aber relativ zu betrachten, da die Stadtmission den konzeptionellen Anspruch verfolgt, alle aufzunehmen und niemanden abzuweisen. Dieser Umstand in Verbindung mit dem Phänomen, dass andere Notübernachtungen ausländische Wohnungslose nicht aufnehmen, als erste abweisen oder abwimmeln oder schlichtweg schon voll belegt sind, ist bei der Beurteilung zu berücksichtigen ebenso wie der Umstand, dass der Zugang zu hochschwelligen Angeboten der Wohnungslosenhilfe ausländischen Wohnungslosen in der Regel versperrt ist.
Eine von der Berliner Senatsverwaltung für Soziales im Jahr 2008 veröffentlichte Übersicht weist aus, dass der Anteil von Wohnungslosen mit Migrationshintergrund in Einrichtungen nach § 67 SGB XII bei 23%, liegt und damit dem Berliner Durchschnitt von Menschen mit Migrationshintergrund entspricht. Die Anzahl der auf der Straße lebenden Menschen beträgt in Berlin 2. – 4.000 Personen., der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bzw. Ausländern ist unbekannt, Zahlen wie die Messung bei mob e.V./ strassenfeger oder die Zählung bei der Berliner Stadtmission geben lediglich erste Anhaltspunkte, der Interpretationsspielraum für die Bewertung dieser Zahlenangaben in Bezug auf die Gesamtzahl ausländischer Wohnungsloser ist vergleichsweise breit.

Die ersten bislang diskutieren Positionen zum Problem zeigen eine erstaunliche Spannbreite. Sie reichen von nationalistischen Positionen (Ausländer sind nicht erwünscht, das Angebot ist nur für Deutsche da) über differenzierende Standpunkte (nur bedürftige Ausländer sind erwünscht) bis hin zu globalen Perspektiven (niederschwellige Angebote wie Notübernachtungen sind vorbehaltlos für alle da, unabhängig von Herkunft und Ansehen der Person). Für jede dieser Positionen gibt es unterschiedliche Motive, Hintergründe und Argumente, die zu entschlüsseln wären, um genauer zu verstehen, um was genau hier eigentlich gestritten wird. Das wäre bei anderer Gelegenheit weiter zu vertiefen. Statt dessen möchte ich im weiteren andeuten, welche Dimensionen sich eröffnen bei dem Versuch, sich mit dem Thema ausländische Wohnungslose in niederschwelligen Einrichtungen konstruktiv auseinander zu setzen.

Deckelung als Option? Eine erste, recht formale Annäherung besteht im Konzept der Kontingentierung. Das bedeutet, dass konstatiert wird, dass es ein einen Anteil ausländischer Wohnungsloser gibt, die versorgt werden sollten und dass entsprechend dem (vermuteten) Anteil ein entsprechendes Kontingent an Plätzen für genau diese Gruppe reserviert bleibt. Wenn also angenommen wird, dass der Anteil ausländischer Wohnungsloser etwa ein Drittel ausmacht, besteht dieses Strategie darin, einen Anteil von etwa einen Drittel für ausländische Wohnungslose vorzusehen. In einem weiteren Ausbauschritt dieses Modells könnte noch weiter nach Regionen oder sogar Nationalitäten differenziert werden, etwa in dem Sinne, dass von 10 für ausländische Wohnungslose reservierten Plätzen 4 für Menschen aus der x-Region, 3 für Menschen aus y-Land und 2 für Menschen aus z-Land vorgesehen ist. Dieses Konzept wurde tatsächlich von einigen Einrichtungen diskutiert und in einzelnen Fällen sogar zeitweise eingeführt. Es stellt im Grunde eine Deckelung des eher zähneknirschend akzeptierten Problems dar und ist keine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung. Im Grunde repräsentiert dieses Modell eher den Versuch, auf ein anderen Problem zu reagieren. Menschen in unbekannter Umgebung neigen dazu, zunächst Kontakt mit ihresgleichen zu suchen, denn sich mit dem Fremden zu befassen. Wenn also ausländische Wohnungslose in Gruppen auftreten, dann weniger, um einzuschüchtern oder Angebote schamlos auszunützen, sondern vielmehr dem gruppendynamischen Reflex folgend, dass mensch sich in einer unbekannten Umgebung in einer Gruppe sicherer fühlt als alleine. Dass das von anderen anders wahrgenommen wird, nämlich als massives, einschüchterndes Verhalten einer fremden, unbekannten Gruppe, ist eines der Grundphänomene zwischenmenschlicher Kommunikation.

Interkulturelle Sensibilität. Der in Deutschland wenig bekannte Amerikaner Milton Bennett, Gründer und Leiter des Intercultural Communication Institute an der Portland State University in Oregon und einer der weltweit führenden Experten zum Thema Interkulturelle Kommunikation hat hierzu ein Modell entwickelt. Es trägt den Titel Entwicklungsmodell für Interkulturelle Sensibilität und legt dar, dass die Auseinandersetzung mit anderen, fremden Kulturen, also die Erfahrung der Unterschiedlichkeit, immer einem gleichen, typischen Muster folgt. Eine typische erste Reaktion auf etwa unbekanntes Neues ist, die Bedeutung zu leugnen (Denial), ein Problem nicht wahrnehmen zu wollen. In einer zweiten Stufe wird die bestehende Situation verteidigt, das Problem soll abgewehrt werden (Defense). In der dritten Stufe ist weder ein Leugnen noch eine Abwehr möglich, von daher wird versucht, das Problem zu bagatellisieren und kleinzureden (Minimalization). Allen drei Strategien gemeinsam ist, dass es sich hier um eine ethnozentrierte Position handelt. Das bedeutet, der eigene Standpunkt ist maßgeblich, die andere, fremde Kultur wird als Bedrohung und Störung wahrgenommen. Erst auf einer vierten Stufe wendet sich die Situation hin zur Akzeptanz (Acceptance). Die Berechtigung der anderen Kultur wird erstmalig nicht Frage gestellt. Weiter gehend auf der fünften Stufe werden Teile der anderen Kultur aufgegriffen und angenommen (Adaption). Es kommt zu einer ersten Wertschätzung der anderen und Bereicherung der eigenen Kultur. Erst auf der sechsten und letzten Stufe erfolgt eine tatsächliche verzahnte Zusammenführung beider Kulturen (Integration). Diese drei letztgenannten Strategien repräsentieren ethnorelative Positionen. Das bedeutet, dass in unterschiedlicher Ausprägung die Kultur der anderen nicht nur als zu respektierender Wert, sondern in einer Schrittfolge auch als Ergänzung, Erweiterung und Bereicherung der eigenen Kultur wahrgenommen werden kann.

Grafik 1 Milton Bennett
Quelle: Milton J. BENNETT,  Leveraging Your Intercultural Experience, Kyoto 2007

Im Rückbezug auf das Thema ausländischer Gäste in niederschwelligen Angeboten kann mit Blick auf das Bennettsche Modell zunächst konstatiert werden, dass die gegenwärtige Situation fast durchgängig noch von einer ethnozentrierten Haltung geprägt ist, der Schritt, die ausländischen Gäste als normalen Bestandteil der Alltagsarbeit zu verstehen, ist konzeptionell noch kaum in der niederschwelligen Wohnungslosenhilfe verankert. Und dennoch sind in den vergangenen Jahren bereits wesentliche Fortschritte zu konstatieren. Die Existenz ausländischer Wohnungsloser und deren Hilfebedürftigkeit ist nicht mehr zu leugnen und auch für generelle Abwehrstrategien bröckelt angesichts fortlaufender Globalisierungsprozesse die argumentative Grundlage. Aus sehr unterschiedlichen Motivlagen heraus wird noch versucht, das Thema zu bagatellisieren, aber viele Einrichtungen haben die ethnozentrierte Position schon in Teilbereichen verlassen und unternehmen den Versuch, aus einer akzeptierenden Grundhaltung heraus ihre Arbeit konzeptionell neu auszurichten. Das führt uns unmittelbar zu zwei Fragestellungen. Auf welche Herausforderungen lassen wir uns hier ein und wohin führt uns dieser Weg?

Interkulturelle Kompetenz. Jürgen Bolten, seit 1992 Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena, hat anhand wirtschaftlicher Transformationsprozesse studieren und erforschen können, welche Dimensionen zu erschließen sind, wenn Interkulturelle Sensibilität ernst genommen und auf der operativen Ebene umgesetzt werden soll. Im Zentrum des Konzepts steht die Handlungsebene. Hier wird unterschieden in die Dimensionen der fachlichen, der strategischen, der sozialen und der individuellen Kompetenz. Schauen wir uns das genauer an. Auf fachlicher Ebene würde die professionelle Befassung mit dem anderen als "Ausländer" im Zentrum des Interesses stehen. Wer ist der oder die andere, wie überbrücke ich die Sprachbarriere, was kann ich wissen über Kultur, Tradition, Ökonomie, Politik und Religion der Herkunftsregion. Was sollte ich wissen über spezifische Probleme in den Herkunftsregion und der konkreten Biografie meines Gegenübers. Wie ist die Rechtslage und vor allem, welches sind die rechtlichen Spielräume, die hier zu nutzen sind? Eine völlig andere Dimension betrifft die strategische Kompetenz. Mit welchen Zielen, mit welchen konzeptionellen Überlegungen entwickele ich meine Einrichtung weiter? Wie ist die neue, erweiterte Aufgabenstruktur zu organisieren? Braucht es neue Mitarbeiter_innen, neue Arbeitsformen, ein erweitertes europäisches oder gar weltweites Netzwerk, und das nicht auf der Leitungsebene, sondern auf der direkten Arbeitsebene? In Bezug auf die soziale Ebene der interkulturellen Kompetenz ist die Fähigkeit gefragt, die unterschiedlichen Interessen erkennen, entschlüsseln und kommunizieren zu können. Welche Methoden, welche Instrumente stehen zur Verfügung, um Empathie und eine Atmosphäre der Toleranz unter allen Beteiligten herstellen zu können? Ist es möglich, einen gemeinsamen Sinn zu stiften, eine verbindende Motivation zu erarbeiten, ein interkulturelles Leitbild für die Arbeit der Einrichtung? Die individuelle Ebene interkultureller Kompetenz ist die für meine Begriffe anspruchsvollste Dimension, da Einstellungen und Haltungen nicht zu verordnen sind. Auf der anderen Seite besteht aber die Möglichkeit, sich auf einer ganz persönlichen Ebene auf interkulturelle Erfahrungen einzulassen, insbesondere dann, wenn es um die Organisation von Angeboten geht, die auf Grundbedürfnisse wohnungsloser Menschen zielen. Warum sollte es nicht möglich sein, mit ausländischen Wohnungslosen zusammen zu kochen, über das Internet gemeinsam Wissen über ihre Herkunftsland zu recherchieren, Fernsehsendungen in ihrer Sprache laufen zu lassen, ihnen ehrenamtliche Mitarbeit im Team zu eröffnen und weiteres mehr.
Das von Jürgen Bolten vorgestellte Modell Interkultureller Kompetenz ist sicher nicht so zu verstehen, dass die mit der globalisierten Armut und Wohnungslosigkeit einhergehende Überforderungssituation in den niederschwelligen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe abgelöst werden soll durch eine Überforderung durch ein interkulturelles Kompetenzdiktat. Ich lese dieses Modell eher als Anregung und Aufmunterung, darüber nachzudenken, wie vielfältig und vielschichtig der Prozess einer Interkulturellen Kompetenz sein kann und dass völlig unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Motivation innerhalb einer Person und auch innerhalb eines Team und einer Organisation angesprochen werden. Ein Konzept, das Platz schafft und Platz bietet für eine wirkliche Vielfalt von Aktivitäten, die gleichzeitig, zeitlich versetzt und oder miteinander verzahnt stattfinden können. Ein Angebot, auf das sich alle angstfrei einlassen können, dass aber auch eine Offenheit für Veränderungsprozesse und Ungleichzeitigkeiten erfordert.
Grafik: Jürgen Bolten

Quelle: Jürgen Bolten, Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Jena 2005

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, eine ganze Reihe von konkreten Schritten und Vorschlägen vorzustellen und durchzusprechen, wie eine niederschwellige Einrichtung der Wohnungslosenhilfe mit einfachen, unkomplizierten Mitteln wesentliche Fortschritte im Bezug auf die Erarbeitung einer interkulturellen Kompetenz erzielen dann. Das ist mir aber von der Tagungsleitung verboten worden mit dem Hinweis, dass es genau dazu von Regina Thiele und Monika Wagner einen Beitrag geben wird.

Ein gemeinsames Drittes.
Zum Schluss nochmals zurück zu Milton Bennett. Im Unterschied zu anderen Wissenschaftlern, die sich mit Interkultureller Kompetenz befassen, beschäftigt Bennett sich auch mit möglichen Resultaten dieses Prozesses. Und er sagt es unumwunden, im Zuge einer interkulturellen Öffnung entsteht zwangsläufig eine neue, andere Kultur. Eine Kultur, in die die Herkunfskulturen miteinander verschmolzen sind. Eine Kultur, die mehr, reicher, vielfältiger und andersartiger ist als die bisherigen Kulturen zusammen. Eine neue Kultur, die auch von dem lebt, was in unserer alten Kultur nicht mehr ist, nicht mehr sein kann. Dinge, Haltungen, Einstellungen und Werte, die hinterfragt, verändert, aufgegeben, angepasst, revidiert, erweitert, umgearbeitet, verbessert, verallgemeinert, präzisiert oder verlassen werden müssen. Ohne das geht es nicht. Das ist ein hoher Preis, eine Herausforderung, die viele Ängste auslösen kann. Es gibt aber, betrachtet man die Grafik von Bennett zur Entstehung einer neuen, dritten und gemeinsamen Kultur genau, auch eine höchst beruhigende Botschaft. Es bleibt ein Rest, ein Kernbereich der Ausgangsidentität gleichsam übrig. Eigenheiten und Spezifika, die das Individuelle, das Unverwechselbare, das jeweils biographische und tradierte repräsentieren, einen Kern von Integrität, der die scheinbar nivellierte dritte Kultur überhaupt erst interessant, vielseitig und viefältig macht.
Grafik 3 Milton Bennett
Quelle: Milton J. BENNETT,  Leveraging Your Intercultural Experience, Kyoto 2007

Ausblick. Auf dem weiten Weg der Betrachtung der konkreten Probleme, die angesichts ausländischer wohnungsloser Gäste in niederschwelligen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bestehen, sind wir an einem Punkt angekommen, an dem philosophische Konzepte von Interkulturalität zu besprechen sind. Die Botschaft ist absehbar: Dieser Prozess ist so unausweichlich und so unabwendbar wie der Prozess der industriellen Revolution unser Leben verändert hat. Es gibt nicht ein bisschen Interkulturalität, sondern Interkulturalität ist, nach der nunmehr im Internet vollzogenen digitalen Vernetzung der Welt auf technisch-kommunikativer Ebene, die eigentlich soziale Dimension auf dem Weg zu einer globales Gesellschaft. Nun darf auch die Wohnungslosenhilfe diesen Weg gehen und kann, trotz aller Veränderung, sicher sein: Das Beste wird bleiben können. Packen wir es an.

Dr. Stefan Schneider, Europainstitut für Sozialwissenschaften & Partizipation
www.drstefanschneider.de
www.eisop.org

Quellen

 

Toy Spinoza - Quelle: http://aleksandreia.files.wordpress.com/2009/11/toyspinoza.jpg Flattr thisSeit einigen Jahren haben wir in der politischen und sozialwissenschaftlichen Diskussion eine Debatte, in denen die Begriffe Empire, immaterielle Arbeit, Multitude und Commonwealth eine große Bedeutung haben. Im folgenden möchte ich auf den Begriff der Multitude genauer eingehen. Woher kommt dieser Begriff, was bedeutet er und was können wir damit machen?  Dieser Frage möchte ich mich in einigen Bildern annähern.

1. Bild: Das Proletariat bestimmt die Entwicklung – Operaismus!

Ähnlich wie in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern gibt es auch in Italien Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre eine starke linke und vielschichtige politische Bewegung. In dieser Zeit entsteht eine politische Denkrichtung, die Operaismus genannt wird. Man kann es schon am Namen hören, im Zentrum steht das, was getan wird.

In den meisten marxistischen Theorien, die in dieser Zeit diskutiert werden, geht es um die verschiedenen Entwicklungsstufen des Kapitalismus und um die Frage, wie das Proletariat darauf reagieren kann oder muss. Die Operaisten kehren diese Sichtweise um und behaupten, vereinfacht gesagt, genau das Gegenteil. Es sind die Arbeiter, das Proletariat, die Arbeiterklasse, die bestimmt, wie sich die kapitalistische Gesellschaft entwickelt. Es ist die Macht der Arbeiter, die höhere Löhne, den Umfang von Sozialversicherungen oder die soziale Infrastruktur der Gesellschaft bestimmt. Das Kapital reagiert darauf, indem es die Produktion weiter rationalisiert, die Produktion an andere Standorte verlagert oder, ganz allgemein, indem es versucht, sich vom variablen Kapital, nämlich der Arbeitskraft der Menschen, weiter zu emanzipieren. Dennoch bleibt eine grundlegende Abhängigkeit des Kapitals von den Menschen, die es erzeugen, immer bestehen.

Diese Idee möchte ich festhalten, denn sie ist für den Begriff der Multitude von entscheidender Bedeutung. Es sind Menschen, die durch ihr Handeln, Denken, Fühlen, Wollen die Verfassung der Gesellschaft Tag für Tag reproduzieren – und die es in der Hand haben, diese auch ändern zu können. Ähnliche Ideen kennen wir aus dem Verbraucherschutz. Es ist das Verhalten der Verbraucher, das darüber entscheidet, was und vor allem wie produziert wird.

Bild 2: Alles ist immanent und nichts transzendent – Baruch Spinoza

Einer der Vordenker des Operaismus, der Italiener Toni Negri wird 1979 mit dem Vorwurf, Vordenker der Italienischen Terroristen zu sein, verhaftet und verbringt einige Jahre im Gefängnis. Im ersten Jahr seiner Haft beschäftigt er sich mit dem philosophischen Konzept von Baruch Spinoza (1632 – 1677). Spinoza entstammt einer jüdischen Familie, die aus Portugal nach Amsterdam eingewandert ist. Wie jeder Jude beschäftigt sich auch Spinoza mit dem Talmud, und er wird im Alter von 23 Jahren aus der jüdischen Gemeinde exkommunizert. Der Grund wird gewesen sein, dass er daran festhält, dass der Talmud von Menschen geschrieben sein muss, wegen der vielen Fehler, die darin enthalten sind.

Aber weiterhin bewegt sich sein philosophische Denken um die Idee der einen Substanz  (in se est) , die nur aus sich selbst begriffen werden könne (per se concipitur) bzw. erklärbar sei. Damit nimmt Spinoza – obwohl sein Denken immer wieder um die Idee von Gott kreist – eine prä-materialistische Position ein. Aus dieser einen Substanz heraus kann letztlich das Sein des Menschen in seinen unendlichen Möglichkeiten begriffen werden.

Toni Negri interpretiert seine Schriften in einer radikalen Weise und versteht sie als Alternative zu transzendentalen Entwürfen, die mit Begriffen wie Gott, Souveränität, Herrschaft, Volk usw. eine Realität schaffen bzw. postulieren, zu der Menschen sich verhalten müssen. Eben weil die Menge, die Multitude unstrukturiert, unscharf, unklar, ja potentiell gefährlich ist, muss sie in ein Volk, eine Bevölkerung verwandelt werden, die sich einer Souveränität unterwirft mit dem Ziel, das diese Souveränität dafür sorgt, dass es den Menschen irgendwann vielleicht besser geht. So die Auffassung der Philosophen, die dem Konzept der Multitude kristisch gegenüber stehen. Nein, sagt Negri, bei Spinoza finden wir ein Konzept, bei dem alles dies durch das Handeln der Menge, durch die Macht der Multitude Wirklichkeit werden kann.

Spinoza nimmt in der Philosophiegeschichte eine eigenständige Position ein. Es gibt kein Schule, auf die er sich bezieht, und er hat auch keine eigenen Schule begründet. Aber neben der Idee der Operaisten, dass die Menschen den Gang der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse bestimmen,  finden wir in Spinoza den Kristallationspunkt einer philosophischen Denkentradition, die im Kern materialistisch ist und die nicht von vorne herein versucht, Kräfte zu kanalisieren, sondern im Gegenteil versucht, die Vielfalt des Seins zu begreifen, ihre Kräfte zu untersuchen, ihre Möglichkeiten zu untersuchen. Wenn das Sein so ist, wie Spinoza es zu beschreiben versucht, heißt das bezogen auf Gesellschaft, dass die Frage nach ihrer Bestimmtheit grundsätzlich offen, grundsätzlich zu verhandeln ist.

Halten wir fest: Es ist kein Zufall, dass Toni Negri, der Theoretiker der Arbeitermacht, Freude findet an diesem Konzept von Baruch Spinoza, das erstmal von keinen Voraussetzungen ausgeht. Die Mulitude, die Menge, kann grundsätzlich erstmal alles. Aber – warum wird das jetzt wichtig, warum sollten wir uns damit beschäftigen? Das hat etwas mit der grundlegenden Strukturveränderung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zu tun. Schauen wir uns das genauer an.

Bild 3: Vom Fordismus zum digitalen Kapitalismus – Arbeit wird immatriell

Das Urbild der von Karl Marx beschriebenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist die Fabrik, in der am Fließband produziert wird. Henry Ford war der erste, der das im Bereich des Automobilbaus einführte, und nicht umsonst wird diese Phase als Fordismus beschrieben. Der Figur des Kapitalisten, der die Fabrik in dieser Form organisiert steht die Figur des "doppelt freien" Lohnarbeiters gegenüber. Doppelt frei, weil frei von Grund und Boden und damit von der Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiben und frei darin, die Arbeitskraft zu verkaufen. Die aus den Lohnarbeitern herausgepreßte Mehrarbeit bildet den Grundstock für den Profit, für die kapitalistische Akkumulation.

Der zu dieser Zeit passende Kampfbegriff zur Beschreibung der Situation der fordistischen Lohnarbeiter und den Perspektiven ihrer Organisation ist die des Proletariats bzw. der Arbeitserklasse. Diese strukturiert und organisiert sich in Gewerkschaften, Arbeiterparteien, staatlichen Betrieben und in der – historisch ja auch verwirklichten – Diktatur des Proletariats. Perverse Formen der Arbeitermacht in Form des Stalinismus möchte ich hier nicht verschweigen.

Es ist jetzt keine Zeit, den Fortgang der Geschichte in allen Details nachzuerzählen, deshalb springe ich sofort in die heutige Situation. Das Bild der aktuellen Produktionsverhältnisse ist das eines gut gebildeten Kreativarbeiters, der irgendwo in einem Café in einer der Metropolen der Welt an einem vernetzten Computer sitzt und an einem Projekt arbeitet. Die Grundstruktur der Eigentums- und Produktionsverhältnisse ist immer noch kapitalistisch, aber dieser Kapitalismus agiert global, flexibel, supra-national, digital. Um diesen kreativen Lohnarbeiter herum finden wir aber auch neue Formen der Armut, Lohnarbeit, prekärer Arbeits- und  Lebensformen, Subsistenzwirtschaft, Slums, gesellschaftliche Spaltungen. Hinzu kommt die fortwährende Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Vernichtung von Ressourcen und der nicht erneuerbaren Rohstoffe.

Bild 4: Immaterielle Arbeit

Von immaterieller Arbeit wird keiner satt, oder doch? Wie kann das die dominierende Produktionsform sein? Selbstverständlich sind die vielfältigen anderen Formen der Lohnarbeit nicht verschwunden, und auch die konventionelle Fabrikarbeit, die Landwirtschaft und weitere Formen der Arbeit existieren nach wie vor oder strukturieren sich neu. Dennoch ist die immaterielle Arbeit die dominierende, die, die andere Formen der Arbeit strukturieren und organisieren kann und wird. Die Kampagne einer deutschen Zeitung macht aber deutlich, was damit gemeint ist: Wir googlen die Öffnungszeiten des Bäckers gegenüber! Aber der entscheidende Unterschied zwischen der Fabrik mit dem Fließband und dem Computer und dem weltweiten Internet ist, dass das Fließband ein progammierter Automat ist, der Computer aber ein programmierbarer. Der Computer vereint also alle denkbaren Maschinen in sich. Und er ist noch mehr, er ist Kommunikationsmittel – via email, web, chat, video-konferenz, ja, neueste software erlaubt sogar das gemeinsame Arbeiten an einer Sache über alle Entfernungen hinweg.

Gleichzeitig ist dieses power-Instrument aber in den Händen der Arbeitenden, und in einer weiteren Verallgemeinerung kann man sagen, jeder Mensch kann dieses Instrument zu seinem eigenen machen. Aber damit verändert sich die Struktur der Arbeit selber auch: Es ist nicht mehr die monotone Bewegung, die wir von Chaplins Modernen Zeiten her kennen. Mit der Arbeit am Computer schaffen wir soziale Beziehungen, erfinden und steuern wir Kultur, schaffen wir Nachbarschaft, organisieren wir unseren familiären und freundschaftlichen Zusammenhalt, bilden wir uns und machen Politik, leisten wir Beziehungs- und Gefühlsarbeit.

Zwar ist auch der Computer, das Netz, die Hard- und Software weitgehend in den Händen großer kapitalistischer Konzerne, aber allen Ortes gibt es Tendenzen, den Computer, das Netz, die Software und weitere Tools zu demokratisieren, öffentlich frei zugänglich zu machen. Open Source Codes, Free and Open  Software, Open Network, Publik Wlan sind hier einige der Stichworte. Und niemand muss innerhalb eines Lohnarbeitsverhältnis stehen, um diese Struktur nutzen zu können. Jeder und jede kann sie nutzen. Damit wird die immaterielle Arbeit auch Motor eines neuen Schubes an menschlicher Individualität – wir können jeden einzelnen Menschen nur noch als einzigartig, als Singularität angemessen beschreiben und verstehen.  Zur immateriellen Arbeit gehört also die Multitude der Singularitäten.

Bild 5: Politische Konzepte in der Krise

In den Zeiten des Ost-West-Gegensatzes war – trotz aller Kritik – eine kommunistische Utopie greifbar – anhand der Staaten des real existierenden Sozialismus und der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen, die sich darauf immer auch bezogen haben. Das Ende des real existierenden Sozialismus wurde ausgelöst durch einen Aufstand der Bürger in der Tschechoslowakei, Polen, in Ungarn, in der DDR, aber auch durch demokratische Ideen von Bürgermacht wie Glasnost und Perestroika. Nach dem Ende der real-sozialistischen Hemisphäre (von den Ausnahmen Kuba und Nord-Korea sehe ich mal ab) kam es zusammen mit der Verschiebung der Arbeit von der Lohnarbeit des Proletariats hin zu der dominierenden Form der immateriellen Arbeit auch zu einer tiefen Krise linker, sozialistischer und kommunistischer Ideen. Es schien, als wäre sie plötzlich verschwunden, die Arbeitermacht, die Arbeiterklasse, das Proletariat. Und selbst wenn es noch hier oder da den einen oder anderen Arbeitskampf oder Streik gegeben hat, oder die eine oder andere linke Regierung – wirkungsvoll war das alles nicht. Statt dessen haben wir uns beschäftigt mit Kriegen, die wir nicht haben verhindern können, oder wir beschäftigen uns mit scheiternden Finanzgeschäften des Kapitals oder mit zahlungsunfähigen Staaten.

Bild 6: Die Multitude – Chance oder Fluch?

In genialer Weise kombinieren nun Toni Negri, Michael Hardt, Paolo Virno und viele andere die neue Struktur der Arbeit als immaterielle Arbeit am vernetzten Computer und die (alte) Idee der Multitude zu einem neuen Konzept. Diese neue gegenwärtige Multitude der einen Welt, in der wir leben (– über etwas anderes als die eine Welt können wir im globalen Zeitalter nicht mehr ernsthaft nachdenken –) hätte die Möglichkeit, alles das, was getan werden muss, selbst zu tun. Es braucht keine Konzerne mehr, keine Götter, keine Ideologie, keine Staaten, keine Herren, keine Knechte, keine Ausbeuter, keine Lohnarbeiter, keine Staatssicherheit und kein Militär mehr.

Statt dessen hätten die Singularitäten der Multitude – also die Menschen auf dieser Welt – die Chance und Möglichkeit, sich in verschiedenen Ebenen und Dimensionen miteinander zu vernetzten und alles das zu regeln, was im Zusammenleben von Menschen geregelt werden muss. Die Arbeitsteilung, die Energieversorgung, der Umgang mit uns selbst und unseren Kindern, die Versorgung der Bedürftigen, die   Achtung der Kulturen und Traditionen, die Vielfalt der Sprachen und Lebensformen, der Identitäten. Aber es gäbe kein oben und kein unten mehr, und es gäbe auch keine Gleichmacherei – weil die Eigenheit der Singularitäten und Identitäten gewahrt bliebe. An diesem Konzept der Multitude, die in ihrer Vielheit als Subjekt sich selbst organisiert gibt es viele Fragen und eine unendliche Zahl von Problemen, die zu besprechen und zu lösen sind. Aber die Idee einer Autonomie der Multitude der Singulariäten jenseits von Ausbeutung und Zerstörung der Welt hat zugleich – als Begriff und Konzept – eine visionäre Kraft, die weit in die Zukunft reicht und Menschen begeistern kann. Aus diesen Gründen wollte ich Ihnen dieses Konzept kurz vorstellen.

 

 Karikatur: Klaus Stuttmann, Tagesspiegel vom 29.11.2009Guten Tag,

auf Einladung von Prof. Dr. Karl August Chassé war ich am Donnerstag, den 03.12.2009 um 17:00 Uhr am Fachbereich Sozialwesen der FH Jena eingeladen, um einen kurzen Vortrag mit anschließender Diskussion über Aktuelle Probleme der Sozialen Arbeit zu halten. Mit Blick auf  die Thesen zur Sozialen Arbeit von Mollenhauser und Winkler und unter Bezugnahme auf die Überlegungen von Ulrich Beck (Risikogesellschaft) und Peter Glotz (Digitaler Kapitalismus) nehme ich vor allem die von Michael Galuske vorgestellte Konzeption der Flexiblen Sozialarbeit. bezug und zeige die gegenwärtige Krisensituation auf In einem zweiten Teil versuchte ich die  Hauptlinien der gegenwärtigen Debatten und Diskussionslinien nachzuzeichnen. Abschließend habe ich zu dem Bereich Re-Vision und Perspektiven vier eigene Thesen in die Diskussion eingebracht und dabei auch Bezug genommen auf aktuelle Beiträge von Milton Bennet  zur Interkulturellen Konzeption und ältere Modelle von A.N. Leontjew. zum Bereich gesellschaftlicher und individueller Tätigkeiten. Zum Schluß ist mein Fazit: Der aktuellen Struktur-, Sinn- und Legitimationskrise der Sozialen Arbeit kann nur begegnet werden durch eine offene, kombinierte Strategie von Anpassung, Aneignung und Subversion.

Für alle, die dabei waren und die, die wenigstens anhand der Folien erahnen möchten, was ich vorgetragen habe, ist hier die Powerpoint Präsentation als PDF-Datei dokumentiert.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Anmerkungen und Anregungen sind wie immer willkommen.

Stefan Schneider, 03.12.2009

 Schneider, Stefan: Aktuelle Probleme der Sozialen Arbeit. Jena 2009

PS: Nebenstehende Karikatur ist von Klaus Stuttmann und dem Tagesspiegel vom 29.11.2009 entnommen. Ich habe diese Karikatur im Zuge des Vortrags zitiert.

 

Antragsstellung - Quelle: 450872_r_k_by_a.-r._pixelio.deEine gute Freundin von mir wird krank, wenn sie nur an das JobCenter denkt. Dennoch ist für viele Leistungsbezieher ein regelmässiger Kontakt mit dieser Institution des Schreckens unausweichlich. Letztens kam per Post - immerhin - ein Hinweis auf den Ablauf des Bewilligungszeitraums und in der Anlage Formulare für einen Antrag auf Weiterbewilligung.

Wir fragten uns, lässt sich das nicht komfortabler bearbeiten als die Formulare auszufüllen, zu kopieren und beim JobCenter abzugeben? Ist es vielleicht möglich, das ganze digital zu machen? Die Anträge selbst im Internet zu finden, stellt kein besonderes Problem dar, das stellt die Arbeitsagentur auf ihren Webseiten selbst bereit, einschließlich Ausfüllanleitungen im Bereich Formulare für Bürgerinnen und Bürger. Wer sich die PDF-Dateien allerdings herunterlädt, wird sehr schnell sehr enttäuscht sein. Die Anzeige, die bei einem Dokument dann erscheint folgender Hinweis: "Füllen Sie bitte das folgende Formular aus. Sie können die in dieses Formular eingegebenen Daten nicht speichern. Wenn Sie eine Kopie für Ihre Unterlagen aufheben möchten, drucken Sie das ausgefüllte Formular aus" Im Klartext: Entweder den Mist ausdrucken, ausfüllen und vorbei bringen, oder aber den Mist ausfüllen, ausdrucken und vorbei bringen. Internet ausdrucken - super! Nicht mit uns.

Per email einen Antrag an das JobCenter schicken geht also nicht? Da muss es doch eine andere, bessere, zeit- und kostensparende Lösung geben, dachten wir uns! Und die gibt es.

Nach kurzer Recherche fanden wir ein OpenOffice kompatibles open source pdf-Bearbeitungstool, das auf den Namen Sun-PDF-Import-Extension hört (sicher gibt es noch andere). Das Programm war schnell installiert und siehe da, die PDF-Datei war leicht zu bearbeiten. Jetzt gab es nur noch ein kleines Problem mit der Unterschrift. Zum Glück fanden wir einen Menschen mit Scanner, der die Unterschrift in ein schönes png-Dokument umwandelte, das auch einfach einzufügen war. Dieses Unterschriften-Bild ist vielfältig einsetzbar, auch für andere Schreiben und Anträge, so dass sich dieser Besuch nun wirklich gelohnt hatte. Mit OpenOffice ist das Produzieren einer PFD-Datei mit der Funktion Exportieren als PDF wirklich ein Kinderspiel und schon bald hatten wir einen fix und fertig ausgefüllten Weiterbewilligungsantrag mit Anlagen im PDF-Format auf unserer Rechner-Maschine. Das haben wir dann mit einem kurzen Anschreiben (... in der Anlage überreiche ich Ihnen zur umgehenden Bearbeitung meinen Antrag auf Weiterbewilligung der Leistungen ... ) an eine email - Adresse des zuständigen JobCenters geschickt, die irgendwo auf den Papierzetteln des JobCenters zu finden war.

Wir erwarten nun, dass das JobCenter das macht, was es machen soll: bewilligen und zahlen! Wenn nicht, geht die Geschichte hier weiter.

Erlebt und aufgeschrieben von
Stefan Schneider, 15.05.2010

Nachtrag 1: Es gibt schon eine erste Rückmeldung von einem Anwalt, der sagt: Eine  gescannte Unterschrift ist problematisch, es gibt aber rechtsgültige digitale Signature, die hier verwendet werden könnten. Werde mich bei Gelegenheit damit befassen. Leider ist der erklärenden Wiki Artikel zu Digitale Signatur so kryptologisch, dass hier eine intensive Beschäftigung erforderlich ist. Demnächst mehr.

Stefan Schneider, 16.05.2010

 

 

Dr. Stefan Schneider

Sozialmanagement für die Ressourcen Wohnungsloser

Statement (5 Minuten)

für die Expertenkonferenz beim Symposium Obdachlosigkeit

am Samstag, den 04. März 2006
im Osaka City University Media Center, 10F
Sugimoto Campus
3-3-138 Sugimoto Sumiyoshi-ku,
Osaka-shi 558-8585

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

in der Kürze der Zeit kann ich hier nur auf einen Gesichtspunkt näher eingehen, der mir als Pädagoge aber bedeutsam erscheint. In Deutschland überwiegen – vereinfacht gesagt – Angebote, welche die Defizite der Wohnungslosen betonen und versuchen, diese zu bearbeiten. Wenn etwa aufgrund der deutschen Sozialgesetzgebung bei einem um Hilfe ersuchenden Wohnungslosen festgestellt werden kann, daß „besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“ (SGB XII, § 67), und somit eine Hilfemaßnahme finanziert und durchgeführt werden kann, wird zunächst in einer Anamnese genau festgestellt, welche Probleme vorliegen und anschließend wird ein Hilfeplan aufgestellt, wie diese zu Probleme zu beheben sind. Ob das funktioniert oder nicht, ist nochmals eine andere Frage.

Als Pädagoge bin ich skeptisch gegenüber einem Vorgehen, welches individuelle Defizite fokussiert, und stehe selbst mit meiner Arbeit für einen Ansatz, der genau das Gegenteil versucht und in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt. Ich interessiere mich für die Stärken, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen, Erfahrungen, Qualitäten und Interessen der Wohnungslosen und die Fragestellung, wie diese Potentiale zu nutzen und einzubeziehen sind.

Ein zentrales methodisches Problem ist also die Frage: Wollen wir Angebote FÜR wohnungslose Menschen einrichten, oder gibt es eine Chance, MIT wohnungslosen Menschen Hilfen und Angebote zu entwickeln? Und daraus folgend die Frage: Welche Tragweite hat ein Konzept einer aktivierenden Arbeit mit wohnungslosen Menschen?

Warum ist mir diese Unterscheidung so wichtig? Wenn ich auf meine fast schon 20jährige Zeit der Beschäftigung mit dem Thema Wohnungslosigkeit zurückblicke, komme ich immer wieder auf eine zentrale Erkenntnis aus den Anfängen zurück, in der ich eine Einrichtung für Wohnungslose, eine sogenannte Wärmestube, in Berlin untersucht habe.

Dabei ging es mir nicht um die Einrichtung an sich, ihre Ziele, Aufgaben, Konzepte und die Arbeitsweise, sondern um die Fragestellung: Was TUN die wohnungslosen Besucher in einer solchen Einrichtung? Die Ergebnisse möchte ich stichwortartig schildern:

Die Wohnungslosen
a)    warten draußen auf der Straße, daß die Einrichtung geöffnet wird,
b)    betreten die Einrichtung und setzen sich auf einen Stuhl,
c)    sitzen, dösen, lesen, unterhalten sich, spielen Karten oder andere Spiele,
d)    holen sich einen Tee, einen Kaffee, eine Suppe,
e)    führen ein allgemeines Gespräch mit einem der Sozialarbeiter,
f)    nehmen aus der Kleiderkammer neue Kleidungsstücke entgegen,
g)    verlassen zum Ende der Öffnungszeit die Einrichtung wieder.

Für solche Zwecke sind offene Angebote wie Wärmestuben insbesondere im Winter auch eingerichtet worden. Aber: Wohnungslose werden darauf reduziert, ein bestimmtes karitatives Angebot in Anspruch zu nehmen. Sie werden nicht als handelnde aktive Personen angesprochen, sondern als Hilfeempfänger. Als Adressaten von nützlichen Angeboten. Sie werden, zugespitzt ausgedrückt, in eine passive Abhängigkeit gedrängt.

Als Pädagoge stelle ich mir die Frage: Steht diese Passivität nicht in genauem Gegensatz zu dem, was eigentlich notwendig wäre, daß Wohnungslose als handelnde Personen, als Individuen an der Gesellschaft teilnehmen können? Daß Wohnungslose sich selbst als aktiv tätige, ihre Lebensumstände verändernde und gestaltende Individuen erleben, erfahren und ausprobieren können?

Wenn es also beispielsweise erforderlich ist, einen Treffpunkt für Wohnungslose einzurichten, ist es dann möglich, diesen zusammen mit Wohnungslosen aufzubauen und zu betreiben? Können Wohnungslose damit beauftragt werden, zu kochen und Suppe auszugeben, Spenden abzuholen und zu sortieren, die Räume zu renovieren und einzurichten, die Räume sauber zu halten und zu wischen? Ist ihnen auch zuzutrauen, Büro- und Organisationsarbeiten zu übernehmen? Können Sie selbst auch andere Wohnungslose über diese Angebote informieren und anfangen zu recherchieren, welche weiteren Kontakte und Informationen und Ressourcen notwendig sind, um von der Straße weg zu kommen?

Wenn so ein Konzept auf der Ebene eines Treffpunktes möglich ist, ist es auch übertragbar auf die Einrichtung von Übernachtungsmöglichkeiten, auf die Herstellung von Wohnraum, auf die Schaffung von Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten? Ist es möglich, zusammen mit Wohnungslosen und Arbeitslosen eine Art soziales Unternehmen, einen wirtschaftlichen Betrieb zu gründen, mit dem die zentralen Aspekte der Daseinsfürsorge – Ernährung, Kleidung, Unterkunft, Wohnung, Arbeit, Einkommen, gesundheitliche Versorgung, Alterssicherung, Kultur und Bildung – gemeinschaftlich, planvoll und in einem eigenen Wirtschaftskreislauf herstellbar sind?

Selbstverständlich hat der Ansatz, Angebote der Wohnungslosenhilfe zusammen mit Wohnungslosen aufzubauen und zu betreiben, klare Grenzen. Insbesondere wohnungslose Menschen, die körperlich oder psychisch krank sind, auch alte und pflegebedürftige Wohnungslose können in diesem Sinne nicht oder nur kaum gefordert werden, sie benötigen eine vielmehr medizinische, psychologische oder pflegerische Versorgung durch ausgebildete Spezialisten. Auch bei anderen Schwierigkeiten ist es oftmals notwendig, Experten hinzuzuziehen, etwa, wenn es um Fragen der Inanspruchnahme von gesetzlich garantierten Hilfeleistungen geht und eine Beratung erforderlich ist, oder bei juristischen Problemen, bei denen ein Rechtsanwalt benötigt wird.

Aber es gibt einen Effekt, der genutzt werden kann. Gerade Menschen, die wohnungslos waren und nicht mehr sind, verspüren oftmals das Bedürfnis, sich um aktuell Wohnungslose kümmern zu wollen. Hier ist ein Assistenzkonzept denkbar, bei dem ehemalige Wohnungslose eine Art unterstützende Patenschaft übernehmen für Menschen, die aktuell noch auf der Straße leben.

Damit komme ich zurück auf die Ausgangsfrage. Eine Änderung der Lebensumstände Wohnungsloser bis hin zu einer Integration kann für meine Begriffe nur gelingen, wenn wohnungslose Menschen wissen und erfahren: Ich werde gebraucht, auf mich kommt es an, von mir hängt es ab. Auf der anderen Seite müssen ihnen die Möglichkeiten eingeräumt werden, diese Erfahrungen machen zu können.

Dann ist möglicherweise auch ein persönliches Motiv vorhanden, die bestehenden eigenen Defizite bearbeiten zu wollen.

Um ein solches Konzept zu realisieren, bedarf es einer neuen Typologie der Sozialarbeit. Gefragt sind nicht mehr die helfenden, unterstützenden Sozialarbeiter, die einzelne Fälle, einzelne Klienten betreuen, sondern vielmehr Sozialmanager, Agenten der Sozialen Arbeit, die die einzelnen Ressourcen im Sinne der Wohnungslosen zusammenbringen können. Erforderlich ist dafür auch eine neue Theorie der Sozialen Arbeit mit Wohnungslosen.

Meine Damen und Herren, es ist mir bewußt, daß ich mit meinem Beitrag mehr Fragen aufwerfe, als Antworten zu geben. Wenn trotz vielfältiger Angebote der Hilfe für wohnungslose Menschen ein nicht unbedeutender Anteil dennoch wohnungslos bleibt oder Angebote nicht oder nicht mehr in Anspruch nimmt, ist das auch notwendig. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Stefan Schneider
 

"http://www.prz.tu-berlin.de/~motz"

Die Ausgaben der der Berliner Obdachlosenzeitung "motz & Co", können Sie - wenn alles so funktioniert hat, wie wir uns das vorgestellt haben - auch digitaler Form erhalten - sofern Sie Zugang zu einem Computer haben, der mit dem weltweiten Internet verbunden ist. Sie finden die jeweils aktuelle Ausgabe der "motz & Co" und einiges andere mehr im World Wide Wep (WWW) unter der Adresse: "http://www.prz.tu-berlin.de/~motz"

Warum das Ganze?

Natürlich finanzieren wir unser Zeitungsprojekt weiterhin durch den Straßenverkauf gemäß der Devise: Eine Mark für den (obdachlosen) Verkäufer, eine Mark für unser Projekt. Dieses Prinzip, das direkt und indirekt den Wohnungslosen nutzt, wollen wir damit nicht in Frage stellen, und wir wollen auch keine Käufer abwerben. Tatsache ist aber, daß die Computerisierung und Vernetzung unserer Gesellschaft zunehmende Bedeutung erfährt, kaum ein Bereich des öffentlichen und privaten Lebens ist davon nicht betroffen. Mit Sorge sehen wir einer Entwicklung entgegen, die die ohnehin schon bestehenden sozialen Gegensätze verschärfen könnte: Daß nämlich die Gesellschaft zerfällt in eine privilegierte Gruppe derer, die diese neue Technologie beherrscht und in die Gruppe der Computeranalphabeten, die zunehmend an den Rand gedrängt wird, keine Perspektive mehr hat auf dem Arbeitsmarkt und immer weiter ausgeschlossen wird von den Entwicklungen im Bereich Politik, Bildung, Qualifikation, Kultur und Soziales - eben weil sie diese immer wichtiger werdende Kompetenz der Computerliteralität nicht mehr beherrscht. Dem wollen wir etwas entgegensetzen, indem wir mit dieser Zeitung im weltweiten Internet präsent sind und zugleich mit unserem Projekt, Armen und Wohnungslosen den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Computerliteralität

Anders gesagt: Der Umgang mit dem vernetzten Computer ist eine Schlüsselqualifikation der heutigen Zeit, und der entscheidende Vorteil ist, daß der oder die AnwenderIn eben nicht auf eine bestimmte Art der Nutzung festgelegt ist. Ob ein Wohnungsloser den Computer dazu nutzt, weltweit Liebesbriefe abzusetzen, seine Gedichte und Texte verbreitet, elektronisch verfügbare Zeitungen, Zeitschriften, Aufsätze und Publikationen ließt, zu bestimmten Themen recherchiert, auf Stellenanzeigen oder Angebote der Wohnungsvermittlung reagiert oder einfach nur irgendwelche Spiele spielt, oder ob er oder sie sich mit diesen erworbenen Fertigkeiten um einen Job bemüht oder einfach den elektronischen Postkasten benutzt, um erreichbar zu sein, daß ist letztlich egal und jedem einzelnen überlassen. Und eines ist klar: Wer in das Netz eine Nachricht schickt oder sich mit einem Text präsentiert, dem sieht man nicht an, ob er wohnend oder wohnungslos ist, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, behindert oder nicht-behindert, süchtig oder clean, alt oder jung. Vorurteile können dadurch abgebaut werden, allein Argumente und Positionen zählen. Die Frage ist, was wir daraus machen können, was wir damit bewegen können? Das wird sich herausstellen.

Informationssuche und redaktionelles Arbeiten im Netz

Indem wir "motz & Co" im Internet präsentieren, wollen wir einen ersten Schritt in diese Richtung unternehmen. Momentan wird die "motz & Co" aus technischen Gründen nicht vollständig im Netz verfügbar sein, sondern zunächst nur die Texte und eine Auswahl an Fotos und Zeichnungen. Und wir werden im Netz auch eine Abstriche an unser gestalterisches Konzept machen müssen, weil derzeit nicht alles möglich ist und weil im Netz die Information wichtiger ist als die Gestaltung. Das kann sich aber schon bald ändern. Aber wichtig ist, daß wir unser redaktionelles und politisches Ansinnen nun im Internet weltweit verbreiten können: "In unserem redaktionellen Selbstverständnis wollen wir die Sicht derer von Unten, der Ausgegrenzten drucken und manchem Ängstlichen helfen, seine Stimme zu erheben. Insbesondere Obdachlose sind unsere wichtigsten Korrespondenten, aber auch jene, die sich in der gefahrenvollen Welt der Armen und Heimatlosen bewegen. Wir sind ein Armenjournal, reich an Ideen für einen lebendigen, anspruchsvollen und kritischen Journalismus sowie hintergründige Informationen. Wir wollen etwas bewegen und werden auch Bewegung einfordern - nicht nur bei den Politikern. Wir schauen aus der SZENE heraus nach draußen, nicht von draußen auf die Szene drauf." (Editorial der motz 0). Und natürlich werden unsere (obdachlosen) Redakteure wissen wollen, wie das aussieht, und schon bald eigene Anschlüsse haben wollen, um sehen zu können, wie das aussieht, und natürlich, um im Netz eigenständig recherchieren zu können. (Die taz, der Spiegel, die Welt und viele andere Zeitungen sind schon jetzt im Netz präsent, ganz zu schweigen von den vielen anderen Informationen.)

Bedarf

Wir hoffen, daß wir von Seiten der Computeranwender entsprechende Unterstützung und Beratung erhalten. Aus eigener Kraft können wir das nicht allein, wir brauchen Partner und Spenden (Hardware und Software). Wir brauchen vor allem weitere Computer für unsere zum Teil wohnungslosen Redakteure, damit sie an eigenen vernetzten Computern in unseren Redaktionsräumen in der Boxhagener Str. 17 arbeiten und und im weltweiten Internet recherchieren können, wir brauchen weitere Rechner als auch Drucker und Scanner, um unsere redaktionelle Arbeit verbessern und auch anderen Wohnungslosen Computerarbeitsplätze anbieten zu können. Und natürlich suchen wir auch einen provider (Anbieter), der für unser Projekt und unsere Mitarbeiter und Redakteure die entsprechenden Anschlüsse an das internationale Internet am Besten kostenfrei gewährleistet. Langfristig benötigen wir einen Server (einen leistungsfähigen Zentralcomputer, der die permanente Anbindung an das internationale Netz rund um die Uhr als auch die interne Vernetzung unserer Computer in der Boxhagener Str. 17 sicherstellt).

Ziele/ Perspektiven

Aber die Zielsetzung der internationalen Computervernetzung von "motz & Co" ist einigermaßen klar: Bislang gibt es nur lockere Kontakte zwischen den Armen- und Wohnungslosenzeitungen in Deutschland, Europa und weltweit. Indem wir uns vernetzen, können wir unser gemeinsames Anliegen vorantreiben, uns schneller gegenseitig informieren, Artikel und Positionen austauschen und vor allem sehr viel schneller und effizienter gemeinsame Aktionen und Veranstaltungen planen und durchführen. Wenn wir damit anfangen, werden andere nachziehen, weil sie die Vorteile sehen. Wenn Armut und Wohnungslosigkeit ein globales Problem ist, dann müssen wir auch entsprechend darauf reagieren. Das heißt zum einen, daß möglichst viele Wohnungslose die Gelegenheit erhalten sollten, dieses neue Medium für sich und ihre Zwecke zu nutzen, und zum anderen, daß strukturelle Lösungen gesucht werden müssen, um das Engagement gegen Armut, Ausgrenzung, Vertreibung und Wohnungslosigkeit international und weltweit voranzubringen. Für eine gerechte Gesellschaft: die "motz & Co" weltweit im Internet. Auch wenn einer motzt!

Stefan Schneider
zosch@zedat.fu-berlin.de

PS:

"motz & Co" im weltweiten Internet käme nicht zustande ohne die Hife von vielen Menschen, die aus Überzeugung und mit großem ehrenamtlichen Engagement bereit sind und bereit waren, diese Idee auch praktisch voranzutreiben. Unser Dank gilt vor allem Jens Sambale (sambale@zedat.fu-berlin.de), der die entsprechenden Kontakte besorgte und sich für die Umsetzung mitverantwortlich erklärt, Stefan Frühauf (sfr@prz.tz-berlin.de) und dem Team von der digitaz (taz@prz.tu-berlin.de), die bereit waren, uns erstmal unter ihrem Dach mitzunehmen und das entsprechende Know-How und die Technik bereitzustellen, aber auch vielen anderen Menschen, die direkt oder indirekt ihren Beitrag zum Gelingen dieses Projekts geleistet haben, so zum Beispiel: Sven, Margit, Talmadge, Uli, Angela, Michael, Georg, Ulla, Jürgen, Martin und viele andere.


aus: Schneider, Stefan: "motz & Co" - Jetzt weltweit im Internet. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 37. Jahrgang, 3/95. Bielefeld 1995, S. 115 - 116.  


Jan Teszcla

InterNet für Obdachlose

Eine Vision entsteht in den Windungen meines Gehirns - InterNet für Obdachlose! Obdachlose vertreten in einem weltweiten Computernetzwerk, wo man die Möglichkeit hat, WELTWEIT zu kommunizieren. Das wäre doch etwas, oder?!? Die Idee zu der Sache kam mir, als ich neulich in der Berliner Kirchenzeitung einen Artikel las, wo ein amerikanischer Parlamentarier anregte, man solle Obdachlosen gratis Laptops (mobile Computer, die man auf den Schoß legen kann) übereignen, mit denen selbige dann in der Lage wären, am Datenverkehr teilzunehmen. Tolle Idee, dachte ich, da ich selber bereits im InterNet unter der Adresse "remke@nostromo.in-berlin.de" vertreten bin, und so die vielen Vorzüge kenne, die es hat, im Netz vertreten zu sein.

In kurzen Worten erklärt:

  1. Man hat die Möglichkeit, WELTWEIT elektronische Briefe zu senden, sowie zu empfangen (sogenannte e-mail).

  2. Es besteht die Möglichkeit, an WELTWEITEN Diskussionen teilzunehmen; es gibt da sogenannte "boards" zu allen erdenklichen Themen.
     
  3. Nachrichten sind aktueller als in der Zeitung, da man ebenfalls Zugang zu den Rechnern der Presseagenturen hat, um sich das Neueste vom Tage zu "saugen". Auch schreiben Leute privat, was zu Hause so abläuft. Unter anderem schreiben z.B. User (Benutzer) aus Sarajevo, was gerade vor ihrer "Haustür" passiert, oder Leute aus Tschetschenien schreiben was da los ist. Diese Beispiele ließen sich endlos fortsetzen.

  4. Ferner besteht die Möglichkeit, Programme übers Netz zu schicken. Im Prinzip ist alles möglich, was auch im BTX und ähnlichen Netzen möglich ist, nur mit dem Unterschied, dieses Netz ist WELTWEIT erreichbar, und untersteht keinem Monopol, wie z.B. das BTX der Telekom. Es macht also kein Unternehmen als "provider" Gewinn. Ein "provider" ist jemand, der eine Leistung (in diesem Fall das Netz) zur Verfügung stellt. Das InterNet war im Anfang ein Netz der Universitäten, um datenmäßig in Verbindung zu sein. Es wurde zuerst in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen, und nahm in kurzer Zeit internationale Dimensionen an. Heute gibt es keinen Staat, in dem es nicht mindestens einen Rechner gibt, der am InterNet hängt. Sprich WELTWEIT!

In der Hauptsache sind dies Rechner, die unter dem Betriebssystem UNIX arbeiten, da in diesem Betriebssystem die Vernetzung per TCP/IP vorgesehen ist (TCP/IP ist das Protokoll, WIE die Daten übertragen werden.) Es ist jedoch auch mit anderen Rechnern, die das Protokoll "verstehen", möglich, am Datenverkehr teilzunehmen. Voraussetzung ist lediglich, die richtige Software (Programme) und ein Internet-Knoten (ein Rechner, der am Netz hängt, auf dem man einen "account", sprich eine Zugangsberechtigung hat). Der Rechner wird per Telefonleitung angewählt (wie BTX), man gibt Benutzerkennung und Zugangscode (username & password) ein, und schon geht's los.

Das war die technische Seite; nun zurück zu meiner Vision. Meine Vision ist, daß in Wärmestuben sowie Beratungsstellen Computer an's InterNet angeschlossen werden, die von Obdachlosen benutzt werden können. Als Obdachloser ist man, was Information betrifft, eindeutig im Nachteil. Man hat gerade mal Klamotten, vielleicht noch einen Schlafsack und das war's. Oder schleppen Obdachlose neuerdings ständig Fernseher und Radio mit sich rum?!? Sich Informationen zu beschaffen, stellt eine echte Hürde dar, meistens hat man noch nicht mal soviel Barschaft, um sich eine aktuelle Zeitung zu besorgen. Wie also das Neueste aus aller Welt erfahren, wenn man von der Information so gut wie abgetrennt ist?

Und da setzt meine Vorstellung an. Selbst Behörden sind heute am InterNet angeschlossen, Daten im Rahmen der "Amtshilfe" werden über's InterNet geleitet, Banken hängen dran. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen... Zum Beispiel könnte man so auch für das Arbeitsamt "postalisch" erreichbar sein, eine der Voraussetzungen, um an Alg./AlHi. zu kommen, und man könnte untereinander in Verbindung bleiben, sowie WELTWEIT Leute kennenlernen. In den Staaten sowie in Kanada existieren bereits Projekte dieser Art, selbst ich hatte bereits beste Kontakte zu Obachlosen am anderen Ende der Welt. Im Moment jedoch scheine ich in Deutschland der einzige Obdachlose zu sein, der am InterNet hängt, in Berlin bin ich es ganz sicher. (Leider wahr.) Darum meine ich, daß sich da SCHNELLSTENS (!) was ändern sollte.

Die Gesellschaft denkt meistens so: "Gib' den Obdachlosen was zu essen, stell' ihnen einen Bettplatz zur Verfügung (egal, was für einen, auch wenn die Viecher die Wände hoch krabbeln...), mehr brauchen die nicht.", und damit hört die Hilfe dann auf. Viele gehen dann noch soweit: "Gib' Obdachlosen JA KEIN GELD, das wird sowieso nur versoffen, oder für Drogen ausgegeben", so als wäre man prinzipiell zu dämlich, mit Geld gut umzugehen... Das Problem ist jedoch, daß der Mensch MEHR braucht als Essen und ein Bett, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, um echt wie ein Mensch zu leben. Wir Obdachlosen werden AUSGEGRENZT, wo immer es nur geht, als wären wir keine Menschen.

Lieber Leser, vergiß bitte eins nicht: Auch wer obdachlos ist, ist ein MENSCH! Nur weil man das Pech hat, keine Wohnung (mehr) zu haben, ist man noch lange kein Stück Vieh! Es heißt im Grundgesetz: "Die WÜRDE des Menschen ist UNANTASTBAR."!!! Uns Obdachlose jedoch bei jeder, aber auch jeder Gelegenheit zu benachteiligen, sowie zu bevormunden (was besonders die Behörden gern tun, allen voran das Sozialamt...) IST eine Antastung der Menschenwürde, die auch ein Obdachloser hat, auch wenn er sich mal gehen läßt, nicht so "chic" gekleidet ist, sowie Alkohol- oder Drogenprobleme hat. Selbst wenn der Obdachlose nicht immer in allen Dingen einem "normalen" Mitglied der Gesellschaft gleicht, ist er DENNOCH ein MENSCH, und hat deswegen Würde, sowie Rechte!!! Laut Sozialhilfegesetzgebung soll die Sozialhilfe dem Menschen ein "MENSCHENWÜRDIGES" Dasein ermoglichen, bloß frage ich mich, wie das gehen soll, mit ca. 500 Mark pro Monat, die noch nicht mal für eine ausgewogene Ernährung reichen, und dann noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen? Wie bitte, WIE soll das vor sich gehen, erklär' mir das bitte jemand. Da setzt mein Vorschlag an, zumindestens das Informationsbedürfnis der Obdachlosen zu befriedigen, um wenigstens informationsmäßig auf dem neuesten Stand zu bleiben, denn auch da sind Obdachlose -leider- immer noch so gut wie ausgegrenzt. Bitte, Leute, schreibt mir Eure Meinung zu diesem Artikel, ich bin an Resonanz interessiert, erreichbar bin ich über die Postadresse:

Jan Teszcla (Remke), Postfach 30 40 41, 10725 Berlin, sowie über das InterNet, wo ich hoffentlich bald mehr Obdachlose antreffen werde. Falls jemand der mob oder der H.A.Z. oder einer der anderen Obdachlosenzeitungen einen InterNet - Account besorgen kann, so wende er/ sie sich an die Redaktionen. Ebenfalls bitte ich die Leser, sich für diese Idee stark zu machen, und sich mit mir zusammen zu tun, um diesen Traum bald Realitat werden zu lassen. Es gibt viel zu tun - PACKEN WIR'S AN!!!

Herzlichst, Euer

Jan
InterNet: (remke@nostromo.in-berlin.de)


James L. Eng

From: mayer (Margit Mayer)
To: zosch@fub46.zedat.fu-berlin.de (Stefan Schneider)
Date: Wed, 22 Mar 1995 20:41:27 +0000 (GMT)
>From Frank_Semrau@doit.fido.de Fri Mar 17 18:14:52 1995
Subject: Obdachlose im Internet

Im Internet fühlen sich Seattles "Homless People" nicht diskriminiert

"Irgendwo muß ich mir als Obdachloser meinen Kick ja holen"

Sie sind die Hobos des elektronischen Superhighways - eine Handvoll Wohnsitzlose in Seattle, die sich aus der Stadtbibliothek in die Computernetze einklinken und die weite Welt suchen. 

Nachts verkriecht sich der 25jährige Rodney Lindsey in seinem Zimmer im Obdachlosenasyl im ehemaligen Pacific Hotel. Doch am Tag erkundet er Rußland, China, Deutschland, die Schweiz - jeden nur erdenklichen Platz auf der Welt, den er mit dem Internet erreichen kann.

Jeden Morgen kurz vor neun Uhr steht Lindsey inmitten einer Gruppe von Wohnsitzlosen vor den Toren der öffentlichen Bibliothek im Stadtzentrum von Seattle und wartet darauf, bis er sich wieder an eines der 35 Terminals setzen und in das weltweite Netzwerk namens Internet einsteigen kann. Für viele, die das Schicksal und ihre Bank im Stich gelassen haben, ist das Internet zum sozialen Netz geworden, und besser als die Straße ist es allemal.

"Hier bekomme ich meinen Kick", sagt Lindsey, der sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, während er sich vom Bildschirm ab- und dem neugierigen Journalisten zuwendet. "Ich trinke nicht, und mit Drogen habe ich auch nichts am Hut. Und irgendwo muß ich mir meinen Kick ja holen." Seit die Bibliothek in Seattle im Juli 1993 als erste große öffentliche Bücherei in den USA den kostenfreien Zugang zum Internet anbietet, gehört eine Gruppe von Wohnsitzlosen, inzwischen nur noch "The Internetters" genannt, zum festen Nutzerstamm.

Lindsey forscht nach Freunden...

In den Straßen von Seattle findet man nirgends eine Haustür mit ihrem Namensschild, aber in der virtuellen Welt der Datennetze kann man sie erreichen. Manchmal sitzen nur zwei von ihnen an den Terminals, manchmal zwölf, mal verbringt einer eine oder zwei Stunden im Netz, mal der andere den ganzen Tag. Lindsey, der sich selbst als "Internet-Junkie" bezeichnet, gibt damit an, einmal sogar 72 Stunden ohne Unterbrechung im Internet verbracht zu haben.

Als die Bibliothek damals ihre Pforten schloß, stiefelte er einfach ein paar Meilen weiter in das Computerzentrum der Universität Washington und klinkte sich wieder ein. "Okay, ich bin auf die Toilette gegangen, aber das war es dann auch schon", erzählt er. "Ich habe nicht geschlafen und nicht gegessen. Ich war nur im Netz."

Die Bibliothek in Seattle bietet zwar nur Verbindungen zu zehn Gateways, wie etwa zu der Bibliothek des Kongresses oder des Nachrichtendienstes des Weißen Hauses, an. Aber die Internetter haben einen Weg ausgetüftelt, wie sie aus dem Menüsystem der Bibliothek herausspringen und mit praktisch jedem öffentlichen Terminal, das am Internet hängt, Verbindung aufnehme können. Einmal in der weiten Welt des Internet angelangt, stehen ihnen zahllose Mailboxen, Datenbanken, Spiele, Chat-Lines, sogenannte MUDs (Multiuser-Dimensions, eine Art computersimulierte Umwelt) und E-Mail zur Verfügung. So können sie beispielsweise mit Carlos in Brasilien "Star Wars" spielen und danach Präsident Clinton noch kurz eine Nachricht schicken.

Einige der Hobos sind inzwischen so versiert, daß andere Internet-User sich ab und zu hilfesuchend an sie wenden. "Wenn man den ganzen Tag Zeit hat, wird man fast unweigerlich zum Experten. Es ist kein Wunder, daß ein paar von ihnen in der Lage sind, unsere Mitarbeiter oder Bibliotheksbesucher zu unterweisen", meint Jim Taylor, der in Seattles Bibliothek für die automatisierten Dienste zuständig ist.

Lindsey landete im Januar 1993 auf der Straße, nachdem ihn die Navy aus Gründen, über die er lieber schweigen möchte, rausgeschmissen hatte. Er sieht das Internet vor allem als ein Mittel, die Welt zu erkunden. "Für mich ist es wie ein Banktresor ohne Wachen. Ich gehe rein und raus, wie es mir paßt", schwärmt Lindsey. "Ich kann überall hingehen und mitmischen. Nach Rußland, Japan, China, Deutschland, England, in ganz USA, Kanada, Mexiko - es gibt keine Grenzen."

Jon Cooper, 41, benutzt das Internet, um seinen Forschungen über Hexerei nachzugehen und mit einer Frau aus Maryland zu kommunizieren, die er in einer Mailbox "getroffen" hat. Die "Gespräche" mit ihr, sagt er, geben ihm Mut und Zuversicht. "Sie vermittelt eine sehr positive Einstellung", meint Cooper, "und ein gut Teil davon färbt auf mich ab."

...die Jon schon gefunden hat

Cooper, der einen akademischen Abschluß in Wirtschaftswissenschaften vorweisen kann, arbeitete 13 Jahre für den Forstdienst und danach als Schweißer in einer Nuklearfabrik in Kalifornien. Nachdem er Job und Frau verloren hatte, zog er im Februar nach Seattle und lebt seitdem auf der Straße. Während er darauf wartet, daß Boeing wieder Leute einstellt, schlägt er sich seine Nächte auf einem Feldbett im Keller einer Kirche um die Ohren.

"Ich weiß nicht, was die anderen im Internet suchen", sagt er, "aber ich brauche einfach eine Rückzugsmöglichkeit, einen Ort, wo ich mich wohlfühlen und lernen kann. Sonst würde ich wahrscheinlich noch verrückt werden."

Frank, ein eloquenter 25jähriger, der mit 14 Jahren von zu Hause ausriß, vertreibt sich im Internet die Zeit mit Spielen, bis er einen Job findet. "Was sonst sollte ich tun? Etwa auf der Straße rumhängen und von der Polizei belästigt werden? Es ist gut, ein Ventil zu haben, irgendwohin flüchten zu können, die langen Tage, an denen man nicht weiß, was man tun soll, totschlagen zu können - und dabei auch noch etwas zu lernen." Und vor allem, meint Frank, "sieht im Netz niemand, daß ich schwarz bin."

Gut möglich, daß es genau dieses Gefühl der Sicherheit und Anonymität ist, das die Menschen ohne Obdach am Internet so fasziniert, spekuliert Nancy Amidei, Dozentin an der Schule für Sozialarbeit der Universität Washington und Leiterin eines Hilfsprogramms für jugendliche Wohnsitzlose. "Wer auf der Straße lebt, mal hier, mal da, und ohne eine geregelte Arbeit ist, dem fällt es oft verdammt schwer, normal mit Leuten umgehen zu können", sagt Amidei. "Wer einmal per E-Mail kommuniziert hat oder im Internet war, der weiß, daß er dort mehr Freunde treffen kann, als er es sich jemals hätte träumen lassen. Dazu kommt, daß der Gesprächspartner nicht sehen kann, wie man angezogen ist oder wo man lebt. Das Internet kennt keine Klassen, Rassen, keine Geschlechter." Und es ist umsonst.

"Eine der Aufgaben der öffentlichen Bibliotheken ist es, jedem den freien Zugang zu Informationen zu ermöglichen, sei es in gedruckter oder in elektronischer Form", sagt Seattles stellvertretender Bibliotheksleiter Craig Butold. Und Wohnsitzlose sind "eindeutig Menschen, die sonst außen vor bleiben würden.

Nach einer Erhebung, die die Nationale Kommission für Bibliotheks-und Informationswissenschaften im Juni durchführte, bieten zur Zeit zwar noch weniger als drei Prozent der über 9000 öffentlichen Bibliotheken in den USA Zugänge zum Internet an, aber immer mehr Büchereien aus allen Ecken der Welt klopfen in Seattle an und wollen wissen, wie sie sich ans Internet anschließen lassen können.

Natürlich ging es auch in Seattle anfangs nicht ganz ohne Reibungen ab. Einige Bibliotheksbenutzer beschwerten sich, daß die Wohnsitzlosen die Terminals blockierten und zu laut seien. Daraufhin setzten sich die Bibliotheksmitarbeiter mit den Internettern an einen Tisch und handelten Verhaltensregeln aus. Außerdem wurden einige Terminals für Benutzer reserviert, die im Bestandskatalog der Bibliothek nach Literatur suchen, und seitdem läuft der Betrieb wieder reibungslos.

So gut, wie sich Lindsey inzwischen im Internet auskennt, müßte er eigentlich, meint er, eingestellt werden, um anderen den Umgang mit dem Netz beizubringen. "Ich lerne und lerne", sagt er. "Irgendwann wird jemand sagen: ,Hey, du weißt doch so viel. Ich will dich."

James L. Eng
(mit freundlicher Genehmigung von Associated Press, übersetzt von Thomas Pfeiffer)

 
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