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Monographien

  • Welle, Jutta/ Schneider, Stefan: Leitfaden für Wohnungslose Berlin. Ein Projekt der Pfefferwerk Stadtkulturgesellschaft in Kooperation mit mob e.V. Berlin 2004
  • Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung. Biografien, Lebenslagen und Perspektiven Wohnungsloser in Berlin. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Mit Fotos von Karin Powser. Berlin 1997 (= Dissertation, vorgelegt am Fachbereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Hochschule der Künste Berlin)
  • Schilf, Sabine/ Schneider, Stefan/ Zglinicki, Claudia von: Obdachlose Jugendliche in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Untersuchung der Problematik und konzeptionelle Überlegungen. Vorgelegt durch die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH - Treuhänderischer Sanierungsträger -. Berlin 1996
  • Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin - Moabit. Berlin 1990 (= Unveröffentlichte Diplomarbeit am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

Artikel/Aufsätze/Konzepte/ Vorträge etc.

  • Schneider, Stefan: Indien - ein sehr persönlicher Sachbericht. Berlin 2005
  • Schneider, Stefan: Weibliche Wohnungsnot. Zur Situation wohnungsloser Frauen in Deutschland (Vortrag). Warszawa 2005 (Międzynarodowa Konferencja pt. „Modele wychodzenia z bezdomności w krajach europejskich, standardy i praktyki pracy  z bezdomnymi ze szczególnym uwzględnieniem kobiet i dzieci” pod patronatem Wicepremier Izabeli Jarugi-Nowackiej)
  • Schneider, Stefan: self – help project promoted by poor homeless people. Berlin/ Barcelona 2004 (Group of projects and actions that dignify the life of the homeless: From marginalization to citizenship. World Urban Forum – UN Habitat, in the Universal Forum of Cultures Barcelona)
  • Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit in Deutschland (Vortrag). Warszawa 2004
  • Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosenhilfe in Warschau. Bericht über Projektbesuche und Vorort-Erkundungen. Berlin 2004.
  • Schneider, Stefan: Körperliche Zuwendung und drogenlose Entspannung - Physiotherapie für Wohnungslose und Arme. Schwerpunkte von Gesundheit Berlin e.V. - Kongress Armut und Gesundheit - 9. Kongress 2003 Berlin 2003.
  • Herbst, Kerstin/Schneider, Stefan: Obdachlos und psychisch krank. Rezension vom 30.06.2003 zu: Klaus Nouvertné, Theo Wessel, Christian Zechert (Hrsg.): Obdachlos und psychisch krank. Psychiatrie Verlag (Bonn) 2002. 220 Seiten. ISBN 3-88414-268-2. In: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/496.php,
  • Herbst, Kerstin / Schneider, Stefan: Selbsthilfe: Chaotische Professionalität. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 45. Jahrgang, 3/2003. Bielefeld 2003, S. 9.
  • Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Konzeption der Notübernachtung. Skizzen für eine selbstverwaltete Notübernachtung bei mob e.V./ strassenfeger. Berlin 2003.
  • Schneider, Stefan: Selbsthilfe ist ein Säule der Wohnungslosenhilfe! Statement auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Weimar 2001.
  • Schneider, Stefan: Bürgerrechte statt Armenfürsorge. (Zu Hendrik Bolkestein: Wohltätigkeit und Armenpflege im vorchristlichen Altertum. Frankfurt/M. 2001) Berlin 2001. In: strassenfeger 11/2001
  • Schneider, Stefan: »Hierarchien, Konkurrenz, gegenseitige Ausbeutung, wachsende Brutalität und nicht etwa Solidarität«. Straßenkinder in Deutschland. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 14/1998. Berlin 1998, S. 5ff.
  • Klunkelfuß, Hans/ Schneider, Stefan: Quo vadis Straßenzeitungen? Skizzen für eine bundesweite Initiative. Berlin/ Michelstadt 1998.
  • Czaplewski, Heinz/ Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Obdachlosenselbsthilfezentrum Berlin - Konzept. Berlin 1998.
  • Schneider, Stefan: Parteinahme für Arme, Ausgegrenzte und Obdachlose oder: Politik zu machen heißt, Probleme anzusprechen, deren Klärung notwendig ist (Interview mit dem StohHalm). Rostock 1997.
  • (Schneider, Stefan/ unter Pseudonym Bruno Katlewski): Wohnen ist kein Grundbedürfnis! Obdachlose sind überflüssige Menschen. Eine Polemik in sechs Teilen. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 2/97 vom 27.02.1997. Berlin 1997, S. 8 - 9.
  • Schneider, Stefan: Schon am frühen Morgen Bier trinken ... Obdachlosigkeit, Presse und der alltägliche Rassismus. (Eine Polemik). Berlin 1996.
  • Schneider, Stefan: Kuckuck? Nichts Gutes über Gerichtsvollzieher (Rezension) Berlin 1996.
  • Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Ein Armenhaus in der Mitte der Stadt. Konzeptionelle Vorüberlegungen und erste Skizzen für eine Projektbeschreibung. Berlin 1995
  • Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Randständig - abwegig - unbedacht. motz & Konsorten - Ein Programm. Berlin 1995
  • Schneider, Stefan/ Kemnitz, Sonja/ Knuf, Thomas: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Ein Briefwechsel. (Heimat - los?!? - Wärest Du nur konsequent - Heimatloser Normalzustand) Berlin 1995
  • Schneider, Stefan/ Doseé, Thomas: Wohnungslosigkeit in Berlin. Eine Collage zum Projekt Ob-Dach am Fachbereich Architektur der TU Berlin (Seminar & Ausstellung). Berlin 1995
  • Schneider, Stefan: Erste Tagung der Wohnungslosenzeitungen vom 04.-06.10.1995 in Loccum. Berlin 1995
  • Schneider, Stefan: motz & Co - Jetzt weltweit im Internet. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 37. Jahrgang, 3/95. Bielefeld 1995, S. 115 – 11.
  • Schneider, Stefan: Eine Kunst ohne Obdach: Der letzte Schrei?!? Die (Alltags-)Kultur der Wohnungslosen - bedrängendes Zeugnis der Armut und zugleich Armutszeugnis der Politik. In: Neues Deutschland von Sonnabend/ Sonntag, 22./23. Januar 1994. Berlin 1994, S. 14f.
  • Schneider, Stefan (in Zusammenarbeit mit Horst "Hotte" Hädrich und Dagmar Berndt): "Haste mal 'ne Mark?" - Und viele andere Fragen. In: Neues Deutschland vom Freitag, 4. Februar 1994. Berlin 1994, S. 10.
  • Schneider, Stefan: Keine Gnade auf der Straße! (Interview) Berlin 1994. In: Mob. Das Straßenmagazi: Obdachlosigkeit in Berlin. Nr. 1 vom 18.03.1994. Berlin 1994, S. 4-5.
  • Rosigkeit, Vera/ Schneider, Stefan: Null Hoffnung, dass die Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise von der Gesellschaft gelöst werden will. Gespräch mit Leonie Ossowski. Berlin 1994
  • Schneider, Stefan u.a.: ... es war nicht alles rosig auf meinem Weg, auch wenn es sich manchmal so anhört ... Gespräch mit Catwiesel, dem Landstreicher. Berlin 1994
  • Schneider, Stefan: "obdachlos in berlin" - ein Kommunikationsprojekt. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr. 19 vom Februar 1993, Berlin 1993, S. 10-12, und in: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 105 - 108; sowie in: HDK Magazin 2/93. Hg. von der Hochschule der Künste Berlin - Pressestelle -. Berlin 1993, S. 95 - 97.
  • Schneider, Stefan: Tabula rasa am Bodensee oder "Sauberer isch's konstanzerischer": Üben den Umgang einer Stadt mit Wohnungslosen. Bielefeld 1993. In: Gefährdetenhilfe 2/93, Bielefeld 1993, S. 72-73, sowie in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN.
  • Schneider, Stefan: Liedermacher von der Strasse? (Plattenkritik). Berlin 1993. In: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 123, und in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr.. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 17 und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 21.
  • Schneider, Stefan: Der Kölner Bankexpress - eine etwas andere Zeitung. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 18.
  • Schneider, Stefan: Obdachlosenreport? (Rezension). Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 13 und in: Kölner Bankexpress. Nr. xx vom xxxx 1993, Köln 1993, S. xx und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 22. 
  • Schneider, Stefan: Tod auf Raten in der Achterbahn (Kommentar). Berlin 1993. In: taz Berlin von Montag, den 29.11.1993, S. 28.
  • Schneider, Stefan: Offener Brief an Catwiesel, den Landstreicher. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 15-16.
  • Schneider, Stefan: Wohnungsnot in Polen - Beispiele aus Gizycko. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 11.
  • Schneider, Stefan: Und führet sie in die Gesellschaft? (Rezension). Essen 1992. In: Die Berufliche Sozialarbeit. Zeitschrift des  Deutschen  Berufsverbandes  der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen  e.V., Nr. 2/92, S. 37. Essen 1992.
  • Schneider, Stefan: Platte machen? (Rezension). Berlin 1992. In: In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. xx vom Oktober 1992. Berlin 1992, S. 00.
  • Schneider, Stefan: Theateraufführung der Berliner Obdachlosen GmbH & CoKG "Untergang" (Rezension). Berlin 1991. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XI vom Juni 1991, S.10. Berlin 1991

  • Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991

  • Schneider, Stefan: Forschung zu Lebenslage und biographischer Entwicklung Wohnungsloser - ein Beitrag zur Qualifizierung und konzeptionellen Entwicklung ambulanter sozialer Arbeit mit Wohnungslosen in Berlin (West). Berlin 1990 (= Antrag auf Förderung bei der Berlin-Forschung)
 

Banksy, Bristol: Arbeitspause 2009 - Foto: Stefan Schneider Ist Pankow ein armer Bezirk? Das ist die Frage, die auch mit verhandelt wurde in den Debatten der letzten Wochen um eine Armutskonferenz in Pankow. Die Anregung dazu kam in Form eines Antrags von der Volkssolidarität auf der Sonder-Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu seniorenpolitischen Themen im Sommer 2009. Zunächst war strittig, wer das veranstalten soll. Die Volkssolidarität war der Auffassung, das Bezirksamt sei hier in der Pflicht. Aber die kurze Tradition der Armutskonferenzen in Deutschland – erst Anfang des Jahres wurde eine Brandenburger Armutskonferenz gegründet – ist eine zivil-gesellschaftliche.

Und so konnte sich die BündnisGrüne Fraktion mit ihrer Idee, dass das Bezirksamt eine Armutskonferenz durchaus umfassend unterstützen, aber nicht selbst durchführen solle, auch durchsetzen. Gegen einige wenige Gegenstimmen und Enthaltungen aus dem konservativen Lager der BVV wurde mehrheitlich beschlossen: "Das Bezirksamt wird ersucht, Nichtregierungsorganisationen und Initiati­ven, die mit ihrer Arbeit und ihrem sozialen und fachlichen Kompetenzen zur Überwindung von Armut in Pankow beitragen, bei einer Pankower Ar­mutskonferenz im Rahmen seiner Möglichkeiten zu unterstützen." Die Befürchtung der Kritiker war, Pankow würde damit zu einem Armutsbezirk hoch stilisiert, was er aber nicht sei. Das aber sagen nicht einmal die Experten: Im Gegenteil. Pankow ist im Vergleich der Berliner Bezirke, etwa gemessen am Sozialindex, eindeutig kein Problembezirk. Trotzdem gibt es auch innerhalb Pankows Sozialräume mit einem deutlich erhöhten Armutsrisiko. Und auch jenseits des Dissenses, ob ALG II – Bezieher nun als arm gelten oder nicht, gibt es mit Sicherheit genug Menschen, die auch in Pankow in Armut leben. Angefangen von der steigenden Zahl der Obdachlosen über die Zahl der Gäste in Suppenküchen und Essensausgabestellen, Kinder und Jugendliche, die in der Schule benachteiligt sind, weil sie zu wenig Geld für trendige Klamotten und Technik haben bis hin zu unterschiedlichsten Problemen der Altersarmut. Nicht alles, so die Überlegung, ist dem Bezirksamt oder in der Kommunalpolitik auch bekannt, und eine Armutskonferenz könnten hier eine Abhilfe schaffen.

Weil die Volkssolidarität sich mit der Vorbereitung einer solchen Konferenz überfordert fühlte und das Projekt aber angeschoben werden musste, lud die BündnisGrüne AG Soziales im November 2009 zu einem offenen Treffen ein, dem auch viele Vertreter von sozialen Einrichtungen folgten. Eineinhalb Stunden lang konzentrierte Debatte ergab folgende Verabredung: Die Kleine Liga, also der bezirkliche Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände in Pankow wird sich des Themas annehmen und für Ende Januar / Anfang Februar zu einem weiteren Planungstreffen auf noch breiterer Ebene einladen. Die eigentliche Pankower Armutskonferenz – so die Zeitvorstellung - solle im zweiten Halbjahr 2010 stattfinden. Inhaltlich wurde festgehalten, dass zuerst Armutserfahrungen und -problematiken konkret zu benennen wären. Dann seien die regionalen Hilfeangebote und Strukturen zu betrachten. Die dritte Ebene wäre die Entwicklung einer Lobby und die Erhaltung und Verbesserung der bestehenden Netzwerke. In Bezug auf die Ziele gehe es erstens darum, die Öffentlichkeit sensibilisieren (Betroffene, Einrichtungen, Akteure, Politiker), zweitens eine Vernetzung herzustellen bzw. zu verbessern, und schließlich drittens konkrete kommunal-politische Lösungen zu erarbeiten. Dies könnten die Verabredung konkreter neuer Aktionen und Projekte, aber auch neue, unkonventionelle Ideen sein oder auch Forderungen an Dritte.

Damit hat, so mein Fazit, Bündnis90 Die Grünen dazu beigetragen, dass eine gute Idee auf einem richtigen Weg ist. Wir werden den Prozess weiter intensiv beobachten, im Kontakt mit den Akteuren bleiben und zusehen, was davon kommunal-politisch in der BVV umsetzbar ist. Denn genau umgekehrt wird daraus ein Argument: Gerade weil sich der Bezirk insgesamt, in Bezug auf die Einwohnerentwicklung und den Sozialindex im Durchschnitt positiv entwickelt, ist es eine besondere Verpflichtung und Verantwortung, die Aufmerksamkeit auf alle die zu richten, die immer noch oder weiterhin benachteiligt sind.

Dr. Stefan Schneider, BVO

 

Titelbild Strassenfeger-Sonderausgabe Ihr Recht von A-ZDie Berliner Straßenzeitung "strassenfeger" bietet seit dem Inkrafttreten von Hartz IV eine regelmäße Rubrik "Achtung Hartz IV", die den Betroffenen eine konkrete Hilfestellung vor allem im Umgang mit Arbeitslosengeld II (Alg II) geben möchte. Nach mehr als zwei Jahren wird mit dem vorliegenden Ratgeber auch Bilanz gezogen, und dies bewusst parteilich. Neben den HerausgeberInnen kommt auch der Berliner Professor und Politaktivist Peter Grottian zu Wort, es wird die Alternative zu Hartz IV, das sogenannte Grundeinkommen vorgestellt und auch die Rubrik "Schnittstelle" aus dem strassenfeger fehlt hier nicht.

Herzstück der Ausgabe ist jedoch der Ratgeber, der von A wie "Antragstellung" über K wie "Kaution" bis Z wie "Zuständigkeit" reicht. Betroffenenorientiert und gleichzeitig rechtlich fundiert wird es so den BezieherInnen und AntragstellerInnen von Alg II erleichtert, sich im Paragrafendschungel zurechtzufinden und die eigenen Rechte durchzusetzen. Als Links markierte Pfeile verweisen die LeserInnen jeweils auf weitere Stichworte und helfen so, rechtliche Zusammenhänge zu erfassen. Erstaunlicherweise fehlen im Ratgeber die Stichworte "wohnungslos" und "Mietschulden" - die ist wohl dem Umstand geschuldet, dass die MacherInnen des strassenfegers sich zwar als Lobby für Wohnungslose verstehen, die 14-täglichen Ausgaben aber häufig ganz andere Themen fokussieren, um eine möglichst breite Käuferschicht anzusprechen.

Ab und zu entgleist der Ton dann leider ("...gammeln die Arbeitslosenbehörden so vor sich hin"), sodass der strassenfeger unter den Jobcenter-MitarbeiterInnen mit diesem Ratgeber vermutlich keine neuen FreundInnen finden wird. Für die Betroffenen ist die Sonderausgabe jedoch ein kompakter und preiswerter Ratgeber mit vielen nützlichen Hilfestellungen und Anregungen, die Entscheidungen der Jobcenter noch einmal überprüfen zu lassen.

Die Extra-Ausgabe des "strassenfegers" wird von mob e.V. zu den üblichen Konditionen für einen Preis von 1,20 Euro in Umlauf gebracht. Nähere Informationen und Anfragen bitte an stefan.schneider@strassenfeger-berlin.de

mob - obdachlose machen mobil e.V. (Hg.) (2007): Alg II. Ihr Recht von A-Z. Ratgeber-Ausgabe Nr. 10 des "strassenfegers", April 2007. Berlin: mob e.V., ISSN 1437-1928, 42 Seiten, 1,20 Euro.

Die Ratgeber - Sonderausgabe auf der Homepage vom strassenfeger:
www.strassenfeger.org/strassenfeger/ausgabe_2007-10/

Susanne Gerull: Rezension für die Wohnungslos 2/2007, Seite xx.

www.susannegerull.de

 

von Pamo Roth, Fotos: Bernd Lammel

Obdachlosenzeitungen sind ein Sympathieträger. Oft kommen die Straßenverkäufer in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Käufern und Interessenten ins Gespräch. Meist geht es dabei um Biografien und persönliche Schicksale. Doch wieviel Einfluss haben die Obdachlosen eigentlich auf die redaktionellen Inhalte der Blätter, die sie verkaufen? Ein Besuch bei der motz-life, einer Redaktion von Obdachlosen in Berlin

Notübernachtung in der Weserstraße im Osten Berlins, sieben Uhr morgens. Die frisch gedruckte Straßenzeitung motz ist angeliefert, damit sich die Straßenverkäufer damit versorgen können. Michael Putzar, genannt Mikele, ViSdP der motz und Hauptverantwortlicher für die motz-life, sitzt an einem Tisch im Aufenthaltsraum. Der Raum ist gleichzeitig Küche, Wohnzimmer, motz-Vertriebsstation, Büro und motz-life-Redaktion. Auf dem Tisch steht eine Kanne frischer Kaffee, an der jeder sich bedienen kann. Auch das Päckchen Tabak für Selbstgedrehte ist für alle da. Die Ausstattung ist schlicht und liebevoll gepflegt. An der Wand hängen persönliche Erinnerungsfotos. Das Prinzip motz-life funktioniert auf Augenhöhe: „Man piept sich untereinander an.“ Die Themenschwerpunkte sind Monate im Voraus ersonnen.

Obdachlose – Wohnungslose, wie es formal richtig heißt –, die schreiben wollen, geben ihre Artikel sowohl handgeschrieben, per Schreibmaschine getippt oder digital an Mikele: „Das ist zum Teil ein ganz schönes Chaos. Aber es soll ja jeder sagen, was und wie er es will.“ Mikele trägt Geldbeträge in einen kleinen Quittungsblock ein.

Die Straßenverkäufer geben das, was sie gerade „auf Tasche haben“, und erhalten eine motz für 40 Cent, die sie für 1,20 Euro verkaufen. Mal sind es 20 Euro, die Mikele hingestreckt werden, mal 2 Euro. Mal wird der nächste Artikel abgesprochen oder der letzte kommentiert, manchmal fällt nur ein Wort. „Die Straßenzeitung ist ja auch aus dem sozialkritischen Aspekt entstanden, dass man den Leuten etwas in die Hand geben wollte, damit sie eine Zeitung verkaufen, Geld verdienen und in ein Kauf-Verkauf-Verhältnis und ins normale Leben treten.“ Außerdem soll Beschaffungskriminalität verhindert werden.

Die Zwei-Klassen-Redaktion
2000 entstand die motz-life aus einer Not heraus. Christian Linde, Chefredakteur und zugleich einziger angestellter Redakteur der motz, hatte sich außerstande gefühlt, alle zwei Wochen eine motz-Ausgabe zu füllen. Eine zweite Redaktionsstelle sollte helfen, doch dafür hatte der gemeinnützige Verein kein Geld. Die von der motz finanzierte Notunterkunft sprang ein. Michael Krahn, ehemals zur See gefahren, lange Jahre obdachlos und schließlich Leiter der Notunterkunft, schlug vor, eine zweite Ausgabe monatlich mit Hilfe der Wohnungslosen aus der Notunterkunft zu füllen – die motz-life war geboren. Ohne Vorlauf, ohne journalistische Kurse. Schwerpunkt ist hier die „Arbeit mit Betroffenen, die eine stark integrative Wirkung hat“, wie die motz-Homepage aufklärt.

Vom journalistischen Knowhow der motz-Redaktion kann die motz-life allerdings wenig profitieren. Linde, langjähriger Journalist, hat nach Auskunft der motz-life-Mannschaft noch kein einziges Mal die Not­unterkunft besucht. „Selbsthilfe statt Hilfe“ lautet hier das Prinzip, und das hört sich auf der Homepage der motz so an: „Ganz im Sinne der Selbsthilfe-Idee wird hier sehr erfolgreich auf staatliche Finanzierung und professionelle Unterstützung durch Nichtbetroffene verzichtet.“ So gilt die motz-life als boulevardeske „Bunte von unten“ – die motz als investigativer Berliner Sozial-Spiegel.

„Geizt mit Anerkennung, Anteilnahme und Förderung“
Diese qualitativ bedingte Aufteilung der Redaktion in zwei Klassen wird durch die örtliche Trennung zementiert: Die motz-life entsteht in Friedrichshain, die motz in Kreuzberg 61 mit „Linde und zwei, drei Leuten aus seinem Dunstkreis“, so Stefan Schneider, Gründungmitglied der motz und ehemaliger Redakteur des Straßenfegers. Informationen zwischen den Redaktionen fließen nur einseitig. Während die motz-life der motz ihre Themenvorschläge für die nächsten Monate regel­mäßig schickt, erfährt sie im Gegenzug das, was die motz schreibt, erst, wenn die frisch gedruckte Ausgabe an die Notunterkunft ausgeliefert wird: „Es ist noch nicht einmal ein Informationsgefälle; es herrscht Funkstille“, fasst Mikele den Workflow zusammen.

Auch personelle Überschneidungen im Autorenstamm sind die Ausnahme. Ein Zeitungsverkäufer, der bisher für die motz unter dem Pseudonym Findikus schrieb, wechselte zu den Autoren der motz-life. Über die Gründe will er nicht sprechen. Aber er hinterließ eine sprechende Kolumne in der 100. Ausgabe der motz im April dieses Jahres: „Kein Hätschelkind“. Darin sagt er über die intern als „Schmuddelmotz“ bezeichnete Zeitung: „[..] dieses Misstrauen hat sich bis heute in manchen Köpfen festgesetzt.“ Auch er bemängelt die Zwei-Klassen-Redaktion: „Anzumerken bleibt, was Kritikern innerhalb des Vereins immer wieder Wasser auf die Mühlen gibt, dass die motz-life bis heute zu keiner ‚erwachsenen‘ Zeitung herangewachsen ist. Die Frage sei aber auch erlaubt, ob ein derartiger Reifeprozess überhaupt (noch) im Interesse der Macher oder der aktiven Leserschaft liegt?“ Offen spricht er den Missstand an, dass „die Zeitung kein Hätschelkind des Herausgebers ist, der mit Anerkennung, Anteilnahme und Förderung, ja sogar mit innerbetrieblicher Kommunikation geizt“.

Motz! Mich! Nicht! An!
Gern hätten wir die Perspektive der motz-Redaktion geschildert. Leider war das unmöglich. Nachdem sich die Autorin dieses Artikels mit der motz-life im Büro der Layouter getroffen hatte, um auch über den Produktionsprozess berichten zu können, wurde sie am Telefon vom Chefredakteur der motz beschimpft. Eigentlich war ein Interview mit Christian Linde über die motz verabredet. Doch dazu kam es nicht. O-Ton Linde: „Was erlauben Sie sich, dass sie einfach zu unseren Layoutern ins Büro gegangen sind. Da haben Sie sich die Erlaubnis von der Geschäftsstelle des Vereins zu holen. Das können nicht wohnungslose Leute erlauben!“ Die Frage nach Mitspracherecht oder gar Kommunikation auf Augenhöhe, die sich nach diesen Äußerungen aufdrängte, konnte nicht mehr gestellt werden – Linde legte einfach auf.

Für Stefan Schneider ist die Antwort auf die Frage nach dem Mitspracherecht der Obdachlosen in den Straßenzeitungen eindeutig: „Nicht der Vorstand des Vereins ist der Chef, sondern die Gruppe der Straßenverkäufer.“ Für ihn ist ganz klar, dass es bei dem Projekt in erster Linie um die Verkäufer geht. In der Geschichte der Obdachlosenzeitungen in Berlin sorgte diese Frage immer wieder für Streit. 1994 gründen sich fast gleichzeitig die Zeitung MOB (Magazin obdachloser Bürger) und die HAZ (Hunnis Allgemeine Zeitung) – „einer Gruppe Punks von Rosa-Luxemburg-Platz, die sich um Uwe Hundertmark, Hunni, scharten“, so Schneider. Nach einem Jahr wurden beide Blätter von internen Auseinandersetzungen erschüttert. Zudem sollen bei der Mob unhaltbare Zustände geherrscht haben: „Leute bedienten sich aus der Kasse; ganze Zeitungspakete wurden mit einem Joint bezahlt, Verkäufer junkten, stinkende Socken lagen auf dem Computerkeyboard und Erbrochenes neben dem Tisch“, fasst Schneider einige unschöne Details zusammen. Dies und die Richtungsstreits bei beiden Zeitungen gipfelten im Zusammenschluss zur motz: Eine sprachliche Hybridbildung aus beiden Titeln.

„Variationen des gleichen Themas“
Die folgenden Überwerfungen und Neugründungen verschiedener neuer Straßenzeitungsprojekte (Platte, aufgelöst, weil der Vorstand mit der Kasse durchbrannte, ein Blatt, aus der der Straßenfeger hervorging, und Stütze, eine Koalition aus Abspaltungen von motz und Straßenfeger, seit Mai 2008 eingestellt) sind nach Auffassung von Schneider „Variationen des gleichen Themas“. Er macht auf den Grundsatz aufmerksam, nach dem beispielsweise der Straßenfeger arbeitet: Straßenverkäufer-Artikel haben Vorrang, weil sie die authentische Sicht von der Straße zeigen“. Außerdem sei der innere Redaktionskreis ganz bewusst von Straßenverkäufern besetzt worden, damit kein Entfremdungsprozess stattfinde. Eben nicht so wie bei Linde, dem Chefredakteur der motz, der immerhin auch Gründungsmitglied sei: „Der hat so wenig mit wohnungslosen Leuten zu tun, weil er sich von dieser Realität entfernt hat, beziehungsweise noch nie ein Teil davon war.“ Funkstille scheint auch gegenüber der anderen Berliner Obdachlosenzeitung zu herrschen: Während die motz (vierzehntägige Auflage: 12 000) auf ihrer Homepage ihre größere Schwester Straßenfeger (vierzehntägige Auflage: 21 000) mit keinem Wort erwähnt, ist man dort entspannter: Dort wird zu dem Konkurrenten verlinkt.

Quelle: www.berliner-journalisten.com/heft15_artikel7.php

 

Fritz Cremer Aufbauhelferin - Quelle: WikipediaFünf Sterne .M.ARSCH. durch OsTiS Berlin oder Abendlicher Vorosterspaziergang ohne HasenEier

JETzT!

Jetzt bin ich endlich - GEH.BESTUERZT. Um mich liegen, wie silberne Sterntaler, die Bruchstücke meiner Lebensgrund-SÄTZE. Ich sammle diese von der NACHTSTRASSE, und tue sie zu dem Trümmerhaufen meiner Gedächtnis-BUCHSTABEN, aus der RUINE von dem fast steinernen HERZ, was noch immer mein ist. In den Spuren der Vergangenheit findet sich TEILweise etwas vom Seelenheil, und ich bastele DAS zusammen mit den aufgefundenen RUDIMENTEN der nicht ROSTenden Liebe, in meine BIOKOMPASS = UHR = Die tickt jetzt auch wieder mal. DIE Reflexion meiner, jetzt etwas pragmatisch mechanisschen Bewegungen am Stock, ist MIR beim HALT vor einigen Scherben des WELTSPIEGEL gegeben, und ich erKENNE tatsächlich noch so Eine ART AURA um mich, die dem jetzt fast wieder GANZEN zu Einem Sinn genüge tut. - An den Stätten einstigen Schauen und TUN's vorbei, winkt hohnspottgrindend hier und DA ein DEJAVUE, was mich besinntermaßen weitergehen läßt. SO RICHTIG unterHALTSAM sind Berlin's OST _ B.R.ONZEN; Statuen und BRUNNEN.

ZilleneptundrachentöterspreeAnglerfischmarkblumenmädchenfrauen Gesäße ... Die der 4 wasserumringenden Schönheiten am NEPtunbrunnen, zeigen beeindruckenddeftigwackervoluminöses Schinkenfleisch, anmutige BUSen und holde Gesichter; jedoch KNACKiger ist der PO der SCHIPPE-schulternden BAUarbeiterinnen MAID, die von Fritz Kraemer beseelt, freimütig stehend vor dem ROTEN RAT HAUS ANDACHT hält.Sie schaut auf die DA Ein und AUSGEHENDEN, auch diesen PLANETEN bewohnenden MIeTESSER. OB ihrer Figur bekommt sie von = MIR = die Haltungsnote V.

Das wäre an den sowjetischen Schulen - zu meiner Schulzeit - amüsantermaßen Eine Eins.

Für Anja

HB 2008


Henry Beigel kenne ich schon seit vielen Jahren vom Helmholtzplatz und wenn ich sagen würde, Henry war damals einer der Penner vom Helmholtzplatz, würde er sich noch nicht einmal beleidigt fühlen, denn er weiss, wie ich das meine. Im Jahr 2008 traf ich ihn zufällig in der Kulturbrauerei, und er schenkte mir diesen bemerkenswerten Text, ein Resultat seiner vielen nächtlichen Spaziergänge und seiner Überlegungen dazu. Henry ist für mich ein Beispiel und ein Vorbild dafür, daß niemand seinem "scheinbaren" Schicksal ausgeliefert ist. Trinken und Rauchen ist Vergangenheit, die Zähne strahlend weis, der Bart ist kurz und die Kleidung dezent modisch schwarz. Ich mag Henry auch deswegen, weil er sich mit seinen eigenen Vorstellungen durch das Leben kämpft und immer sagt, was er denkt. Ich bin stolz darauf, seinen Text hier veröffentichen zu dürfen.

 

Stefan Schneider, 22.01.2009

 

24 Hours on the Streets; The Ultimate Test

Wannabe Homeless?: Or perhaps just try it out for a day

By Kai Ritzmann - Translated by Stephen Krug, Photos: Schulz

 Coming to Berlin soon? Perhaps you would like to experience life on the streets of Berlin with no money, no ID, no house keys or car keys in your pocket. Instead, tattered clothing. Very soon you get the feeling you no longer know how to go on. A "crash course in homelessness", offered by the organization "Obdachlose machen mobil" ("mobilizing against homelessness"), gives you an insight into a totally different kind of life. For 24 hours the experimentee is tossed into the life on the streets, supported only by an accompanying homeless person. To enroll, contact the editing office of the homeless-newspaper "Strassenfeger", Kopernikus-Strasse 2 (Friedrichshain), telephone: 2901959. A donation of 180 DM is expected - and lots of courage. We took the challenge.

24 Hours on the Streets - Enough to Lose Your Dignity

You're standing there in a rut and can't do anything about it: Selling the Berlin homeless paper the "Srassenfeger" as a means of survival.

These looks - colder than words could be. But nobody here would approach me with words anyway. But even the cold looks usually go past me by a hair's breadth. Hardly anyone looks me in the eye as I sit in the 245 on my way to the homeless shelter on Franklin-Strasse on this early evening.

I am wearing tattered clothing - two layers of pullovers and a ridiculous little coat that the railway charity had given me when it suddenly started pouring and the woolens began soaking up the water like a sponge. I look down on the floor or out the window, trying to make myself as small as possible in front of the other passengers, crouching in the face of their cleanliness, their cheerfulness, their looking forward to a comfortable home. They have become alien to me within just one day.

The upright way of walking is easily lost, a lot faster than you would think. When you're down and out you feel as shabby as the clothes you're wearing. Rapidly, you lose that solid middle-class aura, that had appeared to surround you forever and protect you against any peril you might come across. After a good twelve hours on the streets I humbly remove my cap as I ask a watchman in the urban train for directions. Sounds funny somehow, doesn't it? But gradually losing your self-respect is not funny at all.

The lady at the entrance of the homeless shelter is pessimistic about my future. I haven't got my ID-card on me. No ID means no chance of getting any money from the welfare office. "If you don't look after yourself a little more, you'll be back again in half a year, with the same coat - but much skinnier." Now, that hit home! Doesn't anyone see that I'm actually the friendly guy next door? Of course not, nobody does. For my environment I am no longer friendly and no longer someone from next door. The day started off relatively well, with a cup of hot coffee. But the fun is soon over. From Friedrichshain, where the organization "Obdachlosen machen mobil" (Mob) and the editorial office of the homeless-newspaper "Strassenfeger" ("road sweeper") are located, I take the urban train to Zoo station. I don't have a ticket - what choice do I have without a penny in my pocket. The 7 marks 50 for a BVG day-ticket have to be earned first. The VW-van where the "Strassenfeger" can be picked up is on Jebens-Strasse. One mark per paper goes to the organization, one mark remains with the vendor.

With the papers under my arm I'm off to Ku'damm. Lutz, who accompanies me, is a professional and strongly recommends that I approach every passer-by on the street. I can't bring myself to do that. Adolescents fooling around, yuppies with cellular phones, tourists - they will hardly pull out their wallets. With this attitude I manage to sell one paper in half an hour. It's depressing.

My angle is getting narrower. I perceive the boulevard only as a territory, on which I must fight for a couple of marks. Of the colorful wealth of thoughts that normally comes to my mind when I'm strolling down Ku'damm, only one has remained: sell your newspapers! See to it that you get some cash rolling in! After all, the day is long and there's a rumbling in my stomach. I have more luck in the subway. Some people pay the price I ask for and leave the paper with a patronizing look on their face.

On Savigny-Platz I start begging. Two children fish a couple of pennies out of their pockets. I take them and smile gratefully. How low can you get!

At night, in the homeless shelter, I can hardly catch any sleep. The hours are crawling by. The fellow in the bed above me is tossing and turning from one side to the other. One of the others is snoring loudly. And yet another obviously has only his sleep in which he say what's on his mind.

The night is over at six-thirty. Hardly anyone speaks in the breakfast room. Nearly silently the men take advantage of their remaining time to build up their strength for the day - the shelter closes at 9 o'clock. In a few hours I will be back in my home sweet home. If I wouldn't have this possibility to back out, I would have exactly 25 pfennigs initial capital. For a moment a cold shiver runs down my back.

Translated by Stephen Krug.

©Berliner Morgenpost 1997 [berliner morgenpost international]

 
In Berlin bieten Nichtseßhafte Politikern Schnupperkurse fürs Leben auf der Straße an - mit begrenztem Erfolg.

Die Matratze hatte gelbe Flecken, ein Dunst aus Fußschweiß und Alkohol hing in der Luft. In der zwölf Quadratmeter großen Notunterkunft in Berlin-Friedrichshain schnarchten sieben Obdachlose auf ihren Nachtlagern. Doch Karin Hiller-Ewers, 45, war "heilfroh", in der feuchtkalten Aprilnacht wenigstens einen überdachten Schlafplatz gefunden zu haben.
Für einen Tag probte die SPD-Abgeordnete, zu Hause im bürgerlichen Reinickendorf, das Leben auf der Straße. Im "Crashkurs Obdachlosigkeit", den der Berliner Verein "mob - Obdachlose machen mobil e. V." anbietet, gab sie frühmorgens Ausweis, Uhr, Schmuck und Geld ab - "nur die Zigaretten durfte ich behalten".
Essen und Getränke mußte die Kurzzeit-Vagabundin sich selbst verdienen. Wie, das zeigte ihr ein Obdachloser, der die Abgeordnete rund um die Uhr begleitete.
Ihr Tagwerk begann in der mobilen Vertriebsstation der vereinseigenen Zeitung strassenfeger (Auflage: 23 000), die zweiwöchentlich erscheint. Fünf Exemplare bekam Hiller-Ewers auf Kommission, jedes weitere mußte sie für eine Mark kaufen.
Zeitungsverkäuferin Hiller-Ewers (r.) - Foto: S. Blblinger/Papparazzi Quelle: SpiegelJede verkaufte Zeitschrift bringt einen Verdienst von einer Mark.
Für die bis zu 100 Obdachlosen, welche die Zwei-Mark-Postille meist in Straßen und U-Bahnen vertreiben, ist das Alltag. "Zwischen 50 und 80 Mark sind drin, wenn man die guten Stellen in der Stadt kennt und keine Skrupel hat, die Leute anzuquatschen", sagt Wolfgang Hoppe, 36, seit acht Jahren auf Platte. Anfängerin Hiller-Ewers verdiente gerade mal neun Mark: "Ich war schüchtern und fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut."
Das passende Outfit der Berber auf Probe wird aus Kleiderspenden zusammengestellt. "Das ist wirklich eklig", fand die SPD-Sozialexpertin Hiller-Ewers. "Die fremden Klamotten, von denen keine richtig paßt, entwurzeln einen noch mehr."
Solche Erkenntnisse sind genau das Ziel des Crashkurses, der nicht zufällig in Berlin angeboten wird. Bis zu 15 000 Menschen, schätzt der Senat, müssen sich in der Hauptstadt der Obdachlosigkeit ohne feste Bleibe durchschlagen, mit 40000 rechnen Caritas und Diakonie.
"Sie wollen mitreden?" fragte der Verein "mob" Anfang des Monats in einer doppelseitigen Anzeige im strassenfeger, einer von drei Berliner Obdachlosenzeitungen. Wer erfahren wolle, "wie es ist, auf der Straße zu leben, ohne einen Pfennig Geld, Dach überm Kopf und Privatsphäre", der könne dies unter "realistischen Bedingungen" tun.
Das Bedürfnis der Politiker, das Experiment mitzumachen, ist unterschiedlich groß. Hiller-Ewers hält es als Mitglied des Sozialausschusses in der SPD-Fraktion für ihre Aufgabe, "die Lebensbedingungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen kennenzulernen". Es sei einfacher, in Kohlegruben zu fahren, Bierfässer anzuzapfen oder Nachtwache in Pflegeheimen zu halten, als das städtische Berberleben mitzubekommen.
Auch der sozialpolitische Sprecher der Berliner Bündnis-Grünen, Michael Haberkorn, empfiehlt den Kurs "manch einem, der im Sozialausschuß sitzt". Mit der Begründung, er habe 15 Jahre als Sozialarbeiter die Szene studiert, beschränkte Haberkorn seinen Einsatz auf zwei Stunden als strassenfeger-Vertriebschef - er mußte den recht kommoden VW-Bus am Bahnhof Zoo gar nicht verlassen.
Elegant versucht sich auch der PDS-Abgeordnete Benjamin Hoff die Erfahrungen zu ersparen. Trotz des Gefühls "tiefer Scham über den Wohlstand in der reichen BRD" und seiner "tief verwurzelten karitativen Lebenseinstellung" will der Nachwuchspolitiker nicht mitmachen. Die Aktion berge die Gefahr, "die Betroffenen zu verhöhnen". Dialektiker Hoff, 21, möchte zudem den Obdachlosen nicht "ihren Kaffee wegtrinken und ihre Stullen wegessen".
Die CDU hält das "mob"-Angebot grundsätzlich für "hochinteressant und zu begrüßen", sagt Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky. Angenommen hat es allerdings noch kein Christdemokrat - "aus Zeitgründen", wie Pressesprecher Markus Kauffmann rechtfertigt. Zudem glaubt Kauffmann, daß "niemand obdachlos sein muß, wenn er es nicht wirklich will".
"Das fehlende Wissen um den Umfang der Wohnungslosigkeit", sagt Verena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG), könne der Schnupperkurs sicher besser wettmachen als jede Statistik. Die in Bielefeld ansässige BAG schätzt, daß in ganz Deutschland knapp eine Million Menschen wohnungslos sind, sie zählt dazu allerdings alle Menschen ohne Mietvertrag.
"mob"-Vereinsvorsitzender Stefan Schneider ist durchaus zufrieden mit der Resonanz auf seine Initiative. Der Vorwurf vieler Interessenten, die Kursgebühr von 180 Mark für einen Tag als Berber sei ziemlich happig, prallt an ihm ab. Schließlich gehe davon die Hälfte an den Begleiter - "der verdient ja sonst nichts an dem Tag".
Der Rest komme der Vereinsarbeit zugute, sagt Schneider. Und: "Geld ist nun mal das wirksamste Mittel gegen Armut."


Bildunterschrift: Zeitungsverkäuferin Hiller-Ewers (r.): "Ich war schüchtern, fühlte mich nicht wohl in meiner Haut"S. DOBLINGER / . Foto: S. Doblinger/ Paparazzi

Quelle: Der SPIEGEL 1997, Nummer 18, Seite 78 sowie in SPIEGEL-Online
 Berber auf Probe _ Spiegel_1997_18_78.pdf

 

Ansehen verleihen

Eine Ausstellung im Arbeitsministerium zeigt Büsten von Obdachlosen

Wenn Jürgen durch die Straßen geht, gucken die meisten Leute lieber weg. Wer will schon zusehen, wie jemand Flaschen aus Mülleimern fischt. Wer schaut in der S-Bahn schon hin, wenn einer durch die Waggons läuft und den „Straßenfeger“ anbietet.

Seit gestern ist das anders. Seit gestern steht Jürgen im Rampenlicht. Sein Kopf, überlebensgroß in Terrakotta gebrannt, ist Teil einer Ausstellung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die gestern eröffnet wurde. Der Künstler Harald Birck hat Jürgen und rund 30 weitere Obdachlose in der City-Station der Berliner Stadtmission besucht und porträtiert. Das Tagescafé für wohnungslose Menschen in Charlottenburg-Wilmersdorf wurde zu seinem Atelier. „Am Anfang mussten wir schon Überzeugungsarbeit leisten, die Leute waren erst mal sehr skeptisch, was ich da von ihnen will,“ sagt der in Berlin und Paris lebende Künstler.

„Auf Augenhöhe. Berliner Obdachlose im Porträt“ heißt sein Projekt. Die Idee dazu kam ihm zusammen mit Ralf Döbbeling, dem Leiter der City-Sation: „Wir wollten den Leuten eine Erfahrung gönnen, die sie sonst nie gehabt hätten: Einmal drei Stunden im Blickpunkt eines Künstlers zu stehen, ihnen damit buchstäblich Ansehen verleihen“, sagt der evangelische Pfarrer Döbbeling. Seitdem ist Harald Birck ständiger Gast in der City-Station. Er sucht das Gespräch mit seinen Modellen, sitzt mit ihnen zusammen bei Kaffee und Zigarette. „Mir ist wichtig, etwas über die Menschen zu erfahren, die ich porträtiere, denn deren Persönlichkeit soll sich ja in der Skulptur widerspiegeln.“

Auch Jürgen war neugierig, als er den Künstler am Porträtkopf eines Bekannten modellieren sah. „Ich fand das interessant, die Köpfe waren nicht so glatt geleckt oder aus Marmor, sondern mit Ecken und Kanten,“ sagt der schmächtige Mann mit Wollpulli und grünschwarz karierten Hosen. Er ist einer von rund zehntausend Obdachlosen in Berlin. Zwar ist er erst Mitte Vierzig, doch sein leicht nach vorne gebeugter Gang und die Furchen in seinem Gesicht lassen ihn beinahe zehn Jahre älter wirken. Das Leben auf der Straße hat Spuren hinterlassen. Wie lange er schon ohne festen Wohnsitz ist, weiß er selbst nicht mehr genau: „Das war irgendwann zu DDR-Zeiten, nach meiner Scheidung, das war wohl der Auslöser.“ Er spricht nicht gern über sich und seine Situation. Beiläufig nuschelt er etwas in seinen grauen Rauschebart, von Arbeitslosigkeit, Alkohol und schlechtem Umgang. Das „Reisefieber“ habe ihn eben immer wieder gepackt. Meistens genau dann, wenn sein Leben gerade in geregelte Bahnen kam, wenn ihm die eigene Wohnung schon sicher war. „Ich will eigentlich nicht so leben. Aber da ist so ein innerer Drang, den ich selbst nicht ganz verstehe“, sagt er.

Inzwischen gibt es Jürgens Kopf schon zweimal in Harald Bircks Terrakotta-Sammlung. „Jürgen hat ein tolles Gesicht, das hat so etwas von einem Seebären oder einem Abenteurer“, findet der Künstler, der sich durch die Zusammenarbeit sogar mit seinem Modell angefreundet hat. „Harald Birck hat es mit seiner Kunst geschafft, die Leute zu öffnen. Sie haben ihm Dinge erzählt, die sie mir oder einem Sozialpädagogen nie anvertraut haben“, sagt Pfarrer Döbbeling, der viele der Porträtierten schon seit Jahren kennt.

Dass sein Kopf jetzt im Bundesministerium zu besichtigen ist, macht Jürgen stolz. „Das ist schön zu sehen, dass es da jemand fertig gebracht hat, Kunst aus mir zu machen“, sagt er. „Und außerdem ist das etwas, was fortbesteht, wenn man selbst sich mal in die Kiste gelegt hat.“
Sandra Stalinski

Auf Augenhöhe – Berliner Obdachlose im Porträt. Ausstellung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Kleisthaus, Mauerstraße 53, 10117 Berlin (Mitte), bis 17. April. Montags bis freitags 8 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2008)

http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,2490640

 

Thomas Knuf

OBDACHLOSENZEITUNGEN

Mobilisierungsfaktor der Betroffenen oder publizistische Marktnische?

Diplomhausarbeit am Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin - Januar 1995

Inhalt
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Mobilisierungsfaktor oder Marktnische?
4. Methodisches Vorgehen
5. Portraits
6. Entwicklungsskizzen
7. Mobilisierungsfaktor und Marktlücke (Zusammenfassung)
Vollständiges Inhaltsverzeichnis
Fußnoten
Autor


1. VORWORT

Die Idee scheint genial einfach: Obdachlose verkaufen eine Zeitung und/oder gestalten diese mit, wodurch sie eine Beschäftigung und Erwerbsmöglichkeit bekommen. Über "Hinz & Kunz(t)" aus Hamburg war viel berichtet worden, und es war nur eine Frage der Zeit bis ein ähnliches Projekt in Berlin, der "Hauptstadt der Wohnungslosen", angeschoben wurde.

Das Interesse an diesem neuen Phänomen Obdachlosenzeitung als auch die Tatsache, daß ich mich in den vorhergegangenen zwei Jahren mit dem Thema beschäftigt hatte, u.a. in Form kleinerer empirischer Untersuchungen, veranlaßten mich, den Aufbau einer solchen Zeitung in Berlin zu begleiten. Die ursprüngliche Idee, die Obdachlosenzeitungen in Berlin, Hamburg und München in ihrer Entstehung, ihrem Konzept und dessen Umsetzung zu vergleichen, ließ sich nicht realisieren. Keine zwei Monate nach Erscheinen der ersten wurden bereits vier Zeitungen auf den Straßen Berlins zum Verkauf angeboten wurden. Diese Entwicklung erschien mir interessant genug, um sie zu untersuchen und einen Vergleich mit den anderen Städten zu unterlassen. 


2. EINLEITUNG

Im Oktober und November 1993 erschienen in München und Hamburg die ersten Straßenzeitungen in der Bundesrepublik Deutschland zum Thema Obdachlosigkeit, durch deren Verkaufserlös von einer Mark pro Exemplar die VerkäuferInnen den ersten Schritt aus der Abhängigkeit vom Sozialamt oder Betteln realisieren konnten.

"BISS" (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) im Süden und "Hinz & Kunz(t)" im Norden der Republik hatten einen durchschlagenden Erfolg. In Hamburg war die erste Auflage von 30.000 Exemplaren nach zehn Tagen ausverkauft, so daß nachgedruckt werden mußte. Mittlerweile werden monatlich 120.000 Exemplare von 450 VerkäuferInnen unter die Leute gebracht. In München war zwar der quantitative Verkaufserfolg nicht so überwältigend, überstieg aber dennoch die Erwartungen der Redaktion bei weitem. "BISS" erschien anfangs vierteljährlich, nun zweimonatlich mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren.[1]

Die Idee einer Obdachlosenzeitung stammt aus den USA und fand in Europa u.a. in London und Paris erfolgreiche Nachahmer. Im September 1991 startete "THE BIG ISSUE" in London als Monatsmagazin mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren. Inzwischen erscheint die Zeitung wöchentlich mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren, die von ca. 800 VerkäuferInnen vertrieben werden.[2] In Paris existieren seit November 1993 vier Zeitungen, die von Obdach- und Arbeitslosen verkauft werden. Die vom Anspruch und Inhalt unterschiedlichen Blätter erscheinen in einer Gesamtauflage von über 700.000 Exemplaren im Monat.[3]

"Nur "Le Reverbere" wird auf der Straße geschrieben"[4] , so George Mathis, der Herausgeber einer der vier Pariser Zeitungen und der "HAZ" in Berlin, der ersten Obdachlosenzeitung der Stadt, die im März 1994 erschien. Es folgten "mob", "ZEITDRUCK" und "Platte". In Berlin werden monatlich etwa 100.000 Zeitungen von Obdachlosen verkauft. Diese Zahlen machen deutlich, daß ein durchaus nennenswerter Markt für solche Zeitungen existiert. In welchem Maße sie dem Geldbeutel der Herausgeber oder aber den Betroffenen dienen, soll hier für Berlin untersucht werden. 


3. MOBILISIERUNGSFAKTOR ODER MARKTNISCHE?

"Im vereinten Deutschland leben mehr als eine Millionen Menschen in Obdach- und Wohnungslosigkeit, davon 150.000 völlig ohne Wohnung, dauerhafte Unterkunft und ohne Wohnsitz auf der Straße oder befristet in Heimen. Und alles deutet daraufhin, daß diese Zahl weiterwachsen, dramatisch weiterwachsen wird."[5] Neben der allgemeinen Zunahme an Obdachlosen lassen sich zwei weitere, spezielle Steigerungstendenzen festmachen. Im westlichen Teil der Bundesrepublik gibt es etwa 50.000 wohnungslose Frauen, von denen 13.000 auf der Straße leben.[6] Ungefähr 40.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren leben ebenfalls zeitweise oder ganz auf der Straße.[7]

Diese Zahlen sollen lediglich verdeutlichen, welche quantitative Dimension das Problem Obdachlosigkeit in Deutschland hat und welchen Stellenwert diese Zeitungsprojekte in Anbetracht solcher Zahlen nur haben können.

Der "Berber-Brief", "Der Bürgerschreck" oder der "Bankexpress" sind Publikationen von Betroffenen, überwiegend für Betroffene geschrieben, die in relativ kleiner Auflage vertrieben werden.[8] Die hier zu untersuchenden Zeitungen unterscheiden sich von den letztgenannten deutlich durch Aufmachung und Auflage, was die Frage nach der Motivation der Herausgeber sinnvoll erscheinen läßt.

Ging es darum, nachdem die englischen und französischen Vorbilder die enorm hohen Absatzmöglichkeiten demonstriert haben, die in Berlin bis dahin existierende Lücke zu füllen, zumal in Hamburg ein solches Projekt sich erfolgreich zu etablieren schien?

Sollen Obdachlose lediglich den Verkauf mit den durchaus möglichen finanziellen Vorteilen für sie übernehmen oder finden sie sich auch thematisch in der Zeitung wieder? Werden sie an der inhaltlichen und redaktionellen Arbeit beteiligt und in welcher Form und mit welchen Problemen ließe sich eine solche Kooperation bewerkstelligen?

Letzteres verweist auf den Aspekt der "Arbeitsfähigkeit" der Betroffenen, die meistens jahrelang aus strukturierten Arbeitsprozessen ausgeschlossen waren und auf die mitunter sehr problembeladene Zusammenarbeit von "Profis" und Betroffenen.

"Klare Betriebsregeln und Sanktionskataloge sind nötig, um objektiviert auf die Verletzung der für produktive Arbeit unverzichtbaren Absprachen reagieren zu können. Betriebliche, an der Kompetenz festgemachte Hierarchien und klare Rollen erleichtern den Teilnehmern die Orientierung - Ansprüche und Ansätze in Richtung "Selbstverwaltung" überfordern sie (die Betroffenen, d.V.) in der Regel maßlos."[9]

Klare Regeln wurden schon in Hamburg eingeführt: jeder Verkäufer muß sich registrieren lassen und erhält einen Ausweis. Es ist verboten, in betrunkenem Zustand zu verkaufen und Leute zu beschimpfen, die die Zeitung nicht kaufen wollen. Bei Verstößen gegen diese Regeln muß der Ausweis zumindest zeitweilig abgegeben werden.[10]

Die Einführung bestimmter Reglements erscheint einsichtig und notwendig. Die Intention dieser Obdachlosenzeitungen, "helping the homeless help themselves"[11], tendiert offensichtlich in Richtung Selbsthilfe, was zunächst auf die Verkaufstätigkeit und den damit verbundenen selbstständigen Verdienst bezogen ist. Darüber hinausgehende Ansätze von Sozialer Selbsthilfe in den Bereichen Vertrieb und Redaktion oder in Projekten, die sich aus diesem Zusammenhang und mit dessen finanzieller Unterstützung entwickeln, sollten gerade bei diesen, in der Form neuartigen, Vorhaben nicht vorschnell aufgrund einschlägiger Erfahrungen mit "Selbstverwaltung" als unrealisierbar charakterisiert werden. Die Etablierung Sozialer Selbsthilfegruppen, deren Handlungsnormen durch Autonomie, Selbstgestaltung, Solidarität und Betroffenheit gekennzeichnet werden[12], ist zum selbstverständlichen und staatlicherseits geförderten Teil der sozialpolitischen Infrastruktur avanciert. Warum sollten nicht ebenfalls obdachlose Menschen ihre Interessen in dieser Art und Weise durchzusetzen suchen? Können die Obdachlosenzeitungen die Funktion einer Keimzelle einer "Obdachlosen-Bewegung" erlangen und somit Kritiker der bestehenden Verhältnisse und Mobilisierungsfaktor einer Veränderung gleichermaßen sein? Die Beantwortung der letzten Frage ist sicherlich erst in einigen Jahren möglich, dennoch ist es schon jetzt von Bedeutung, inwieweit Betroffene Mitsprache und Verantwortung in den Zeitungsprojekten haben, inwieweit eine Mobilisierung auf individueller Ebene stattfindet.


4. METHODISCHES VORGEHEN

Zwei Faktoren bestimmten maßgeblich die methodische Vorgehensweise und den Aufbau der Arbeit. In Anbetracht der Neuartigkeit dieser Publikationen erscheint es nicht verwunderlich, daß bisher keine wissenschaftliche Literatur zu dem Thema erschienen ist. Deshalb konnte es sich nicht um die Bearbeitung eines speziellen Aspektes, als vielmehr um den Versuch eines allgemeinen Überblicks handeln, in dessen Verlauf bestimmte Charakteristika der jeweiligen Zeitung besondere Beachtung fanden.

Der zweite entscheidende Faktor erklärt sich aus meiner Mitarbeit während der ersten vier Monate bei "mob". Die in dieser Zeit miterlebten Konflikte und deren Eskalation zwischen dem Herausgeber, den RedakteurInnen und den Betroffenen ließen mich zu der Überzeugung kommen, daß eine Rekonstruktion der Entwicklung notwendiger Bestandteil dieser Arbeit sein muß, wenn versucht werden soll, die speziellen Probleme dieser neuen Form von Öffentlichkeitsarbeit wiederzugeben. Aus dieser direkten Konfrontation und dem daraus resultierenden tieferen Einblick in die formellen und informellen Strukturen des Projekts erklärt sich der wesentlich größere Stellenwert, den die Beschreibung von "mob" im Gegensatz zu den anderen Zeitungen einnimmt.

Meine Mitarbeit bei "mob" bestand in der regelmäßigen Teilnahme an den mindestens einmal monatlich stattfindenden Redaktionssitzungen und dem Schreiben von drei Artikeln. Den unausweichlichen Rollenkonflikt zwischen Beobachtung und Teilnahme[13] kompensierte ich durch die Interviews mit allen Konfliktparteien, wodurch das notwendige Maß an Objektivität gewährleistet wurde. Die Bereitschaft der Beteiligten zu diesen Interviews, in deren Verlauf Interna preisgegeben wurden, die in dieser Arbeit nur in dem Maße wiedergegeben werden, wie es zum Verständnis der Entwicklung erforderlich war, wäre ohne meine Mitarbeit wesentlich geringer ausgefallen. Einerseits hätte es ganz allgemein an Vertrauen gemangelt, einem Fremden gegenüber interne Probleme anzusprechen und andererseits war es mir durch meine Mitarbeit möglich, an gemachte Erfahrungen anzuknüpfen, Widersprüchlichkeiten eher wahrzunehmen und dadurch mehr Informationen zu erhalten.

Neben der Teilnahme und den Interviews, wovon ich in der Regel zwei sowohl mit den verschiedenen Parteien bei "mob" als auch den Verantwortlichen der anderen Zeitungen durchführte, gehörte noch eine qualitative Inhaltsanalyse zur methodischen Vorgehensweise, um das redaktionelle Profil der vier Zeitungen darzustellen. 

Im ersten Teil dieser Arbeit wird der Aufbau der Zeitungen, die Intention und Konzeption der Herausgeber bzw. der RedakteurInnen sowie das redaktionelle Profil portraitiert. Hierdurch sollen die Unterschiede zwischen den Zeitungen bezüglich Anspruch und Inhalt deutlich werden.

Im zweiten Teil werden die Entstehung und der Werdegang der Projekte skizziert, worin die Initiatoren vor- und die Arbeit bei der Zeitung in redaktioneller und betriebswirtschaftlicher Hinsicht dargestellt werden. Diese Skizzen beschreiben die Anlaufschwierigkeiten, die Mitarbeit von Betroffenen in Redaktion und Vertrieb sowie die finanzielle Entwicklung, wodurch sich die Frage beantworten läßt, ob diese Projekte eher den Betroffenen zu Gute kommen oder aber eine Marktlücke in der Zeitungsbranche profitabel füllen können.


5. Portraits

Einführung

In diesem Kapitel sollen die vier Berliner Obdachlosenzeitungen vorgestellt werden, wobei "mob" aus oben erwähnten Gründen ausführlicher beschrieben wird.

Im ersten Teil wird die Struktur der jeweiligen Zeitung dargestellt, womit der Aufbau in unterschiedliche Rubriken und die inhaltliche Gliederung gemeint ist. Im zweiten Teil werden die Ziele, die mit der Publikation verbunden wurden, und deren konzeptionelle Umsetzung umrissen.Abschließend wird versucht, das redaktionelle Profil mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse nachzuzeichnen. Aufgrund der überschaubaren Anzahl der zu untersuchenden Exemplare aller vier Zeitungen von insgesamt 34 Ausgaben ließen sich die folgenden Katagorien erstellen, mit denen die Ausrichtung der Berichterstattung der vier Zeitungen vergleichend analysierbar war. Es handelt sich hierbei aber nur um eine Grobskizze, da der rein quantitativen Analyse keine Hypothese zugrunde lag, die es zu verifizieren oder zu falsifizieren galt. Es sollten lediglich die Artikel den Kategorien zugeordnet und somit thematische Schwerpunkte der Berichterstattung der jeweiligen Zeitung ermittelt werden.[14]

Inhaltsanalytische Kategorien:

  • 01. Anzeigen
  • 02. Service: Adressen, Tips, Termine
  • 03. Leserbriefe
  • 04. Cartoons, Comics, Fotos
  • 05. Politik und Gesellschaft: Wohnungspolitik, Spekulation, Sozialpolitik, gesellschaftliche Armut, politische Parteien
  • 06. Institutionen der Obdachlosenhilfe (Wärmestuben, Pensionen, Beratungsstellen, Projekte, medizinische Versorgung, staatliche Behörden etc.)
  • 07. Lebenssituation von Obdachlosen, Wagenburglern, Hausbesetzern und Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind (soziale, rechtliche und sozialpsychologische Aspekte)
  • 08. Sucht, Knast, Psychiatrie und Heime
  • 09. Frauen
  • 10. Kinder und Jugendliche
  • 11. Internationales
  • 12. Kultur und Literatur
  • 13. Gedichte, Berichte und Biographisches von Betroffenen
  • 14. Feuilleton: Geschichten, Märchen, Fiction, Short Story
  • 15. Internes: Selbstdarstellungen der Zeitung, ihrer Entwicklung, ihrer MitarbeiterInnen und der von ihnen initiierten Projekte

Die Kategorien und die Ergebnisse dieser quantitativen Inhaltsanalyse wurden an dieser Stelle plaziert, um sie nicht bei der Beschreibung des redaktionellen Profils jeweils wiederholen zu müssen.

Durchschnittliche Berichterstattung anhand obiger Kategorien (Angaben in Seiten)

 Kategorie mob 1  mob 2  haz1  haz2  Platte  Zeitdruck 
 01  0,5  1,7  0,0  0,0  0,0  0,0
 02  1,0  0,7  1,5  1,5  2,7  0,3
 03  0,3  0,3  0,6  0,5  0,7  0,4
 04  1,0  1,2  3,2  0,7  2,5  1,5
 05  1,6  1,7  1,4  3,9  2,0  0,7
 06  2,1  0,0  2,1  1,2  2,3  1,5
 07  1,0  0,6  0,9  2,4  0,8  3,6
 08  0,0  0,0  0,0  0,0  0,3  2,6
 09  0,8  0,4  0,5  0,1  0,8  0,8
 10  0,5  0,3  0,0  0,2  0,2  1,4*
 11  0,8  0,7  0,7  1,3  0,1  3,5
 12  2,4  2,2  2,0  4,6  0,7  1,3
 13  1,4  2,3  3,8  2,7  2,5  2,3
 14  0,0  0,5  3,8  0,4  2,4  0,5
 15  1,0 1,9  0,6   1,5   4,7  0,6

* Da es sich bei "ZEITDRUCK" um eine Zeitung von Jugendlichen handelt, gibt dieser Wert die Berichterstattung nur über Kinder wieder.


Durchschnittliche Berichterstattung anhand obiger Kategorien (Angaben in Prozent)

 Kategorien mob1  mob2  haz1  haz2  Platte  Zeitdruck 
 01  03,5  11,7  00,0  00,0  00,0  0,00
 02  06,9  04,8  07,1  07,1  11,7  01,4
 03  02,1  02,1  02,8  02,4  03,0  01,9
 04  06,9  08,3  15,2  03,3  10,9  07,1
 05  11,0  11,7  06,7  18,6  08,7  03,3
 06  14,5  00,0  10,0  05,7  10,0  07,1
 07  06,9  04,1  04,3  11,4  03,5  17,1
 08  00,0  00,0  00,0  00,0  01,3  12,4
 09  05,5  02,8  02,4  00,5  03,5  03,8
 10  03,5  02,1  00,0  01,0  00,9  06,7*
 11  05,5  04,8  02,9  06,2  00,4  16,7
 12  16,5  15,2  09,5  21,9  03,0  06,2
 13  09,7  15,9  18,0  12,8  10,9  11,0
 14  00,0  03,5  18,0  01,9  10,4  02,4
 15  06,9  13,1  02,9  07,1  20,4  02,8

 * Da es sich bei "ZEITDRUCK" um eine Zeitung von Jugendlichen handelt, gibt dieser Wert die Berichterstattung nur über Kinder wieder.


mob

Von dem Monatsmagazin "mob" sind in der Zeit vom 18. März bis zum 1. Dezember 1994 acht Ausgaben erschienen. Zum 31.7.94 beendete der bisherige Herausgeber BIN e.V. seine Tätigkeit aufgrund finanzieller Notwendigkeiten, was auch die Kündigung der drei RedakteurInnen zur Folge hatte. Bis zu dem Zeitpunkt waren fünf Ausgaben publiziert worden.

Am 1.8. wurde der Träger- und Herausgeberverein "mob - Obdachlose machen mobil" gegründet, der die Zeitungsarbeit unter veränderten Bedingungen fortsetzte.

Wegen der konzeptionellen Unterschiede der ersten fünf und der folgenden drei Ausgaben ist es erforderlich, diese getrennt zu betrachten: "mob" I und "mob" II

Struktur

mob I

Der Aufbau und die Gliederung der Zeitungen sind bis auf kleine Veränderungen in jeder Ausgabe gleich. Den i-Punkt von "magazin" stellt eine kleine Fledermaus, das Logo der Zeitung, dar, "das Tier mit dem sensiblen Orientierungssinn und Tönen, die normalerweise nicht jedeR hört...".[15]

Jede Ausgabe hat sechzehn Seiten, welche bis auf punktuelle Abweichungen jeweils denselben Themen zugeordnet sind. Die Seiten zwei und drei sind einem Interview mit einem "Kulturschaffenden", der Inhaltsübersicht der Ausgabe und einem halbseitigen Editorial der Redaktion sowie dem Impressum vorbehalten. Das folgende Prominenten-Interview nimmt fast zwei Seiten, das Schwerpunktthema zwei bis drei Seiten in Anspruch. Im Mittelteil der Zeitung werden unter dem Begriff "Straßenpoesie" auf zwei Seiten Gedichte und Texte von obdachlosen Menschen und der oder die "Obdachlose des Monats" vorgestellt. Dann folgt eine Seite, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit aus der Sicht bzw. Erfahrung von Frauen beschäftigt. Auf der Kulturseite gibt es eine Rezension, ein Interview oder eine Reportage.

Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft) Wohnungslosenhilfe - Betroffeneninitiative hat sich im November 1993 auf einem Treffen verschiedenmer Selbsthilfegruppen, Vereine und Initiativen aus dem Wohnungslosenbereich gegründet. Der BAG steht in jeder Ausgabe von "mob" eine Seite zur freien Verfügung. Eine weitere Seite widmet sich einem berlinspezifischen Thema unter der Überschrift "Stadtentwicklung und Wohnen". Ebenso auf einer Seite werden die Themen "Gesundheit und medizinische Versorgung" von obdachlosen Menschen in der Stadt behandelt. Die Rubrik "Projekte und Einrichtungen" stellt Institutionen der Obdachlosenhilfe vor.

In den ersten beiden Ausgaben wurde jeweils noch eine Seite von "ZEITDRUCK" gestaltet, die seit dem 1.5.94 als eigenständige, ausschließlich von jugendlichen Obdachlosen hergestellte, Straßenzeitung existiert. "ZEITDRUCK" hatte hier die Möglichkeit, sich selbst vorzustellen und auf das baldige Erscheinen der eigenen Zeitung aufmerksam zu machen. Diese, ab der dritten Ausgabe freie Seite wurde in den folgenden drei Ausgaben für aktuelle, die Zeitung selbst bzw. die 'Räume' für Obdachlose betreffende, Artikel genutzt.

Adressen, Service, Szenesplitter und LeserInnenbriefe sind ständige Rubriken, die aber keine ganze Seite in Anspruch nehmen und überwiegend am Seitenrand plaziert werden. Die letzte Seite sollte ursprünglich als Anzeigenfläche fungieren, was sich aber nicht realisieren ließ. Bis auf die Nummer 2 sind die Rückseiten der Ausgaben mit ganzseitigen Fotos gefüllt. Die Erschließung von finanziellen Mitteln durch Werbung konnte bei "mob"I erst in der fünften Ausgabe einen nennenswerten Stellenwert erreichen.

mob II

Das Layout und die Gestaltung der Titelseite wurden bei "mob" II nicht verändert. Ebenso wurde weiterhin ein Schwerpunktthema behandelt und die "Straßenpoesie" publiziert. Eine Kultur- und Frauenseite und das Prominenteninterview waren nicht in jeder der drei Ausgaben zu finden. Die BAG hat in den letzten beiden Ausgaben nichts mehr veröffentlicht. Gänzlich entfielen die Rubriken "Projekte und Einrichtungen","Stadtentwicklung und Wohnen" und "Gesundheit". Seit der vorletzten Ausgabe gehören die Sparten "Internes" und "Aktuell" zum festen Bestandteil der Zeitung. Der Anzeigenteil erhöhte sich von einer Seite in der sechsten Ausgabe auf zweieinhalb Seiten in "mob" Nr.8.

Intention und Konzeption

mob I

Der gemeinnützige Verein BIN e.V. existiert seit über zehn Jahren und gab seit 1989 das BINFO heraus, eine vier- bis fünfmal jährlich erscheinende Fachzeitschrift für Berlin zu den Themen Obdach- und Wohnungslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung. MitarbeiterInnen aus Beratungsstellen und Ämtern sowie Klienten und Betroffene schrieben Artikel für diese Zeitung, die in einer relativ kleinen Auflage von 400 Exemplaren von Kirchengemeinden, Wärmestuben, Bibliotheken, Fachhochschulen, Journalisten und engagierten Leuten abonniert wurden.[16]

Ausgelöst durch das erfolgreiche Beispiel der "Big Issue" in London, begann im Sommer '93 in der Redaktion die Diskussion über den Ausbau des BINFO zu einer Straßenzeitung, die von obdachlosen Menschen verkauft werden sollte. Konzeptionell wurden folgende grobe Richtlinien festgelegt: es sollte kein Anzeigen- und Veranstaltungsblatt werden, was sich zwar gut zum Verkauf eignen würde (siehe "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg), sondern eher Sprachrohr der Obdachlosen. Eine inhaltlich kritische Auseinandersetzung mit der (sozial)politischen Situation ähnlich wie im bisherigen BINFO sollte auf eine breite Öffentlichkeit zugeschnitten werden. Die Berichterstattung dürfte nicht zu fachspezifisch, sondern müßte allgemein verständlich, interessant und ansprechend sein. Ein Ratgeber- und Serviceteil sollte Hilfestellungen und Anlaufstellen für alle in soziale Notlagen geratene Menschen bieten.

Die Zeitung sollte nicht in erster Linie als Arbeitsbeschaffungsprojekt fungieren, weil damit Arbeitslosigkeit nicht abzubauen sei. Sie sollte vorrangig dazu dienen, öffentlich politischen Druck auszuüben. Die Verdienstmöglichkeit durch den Verkauf für Betroffene stelle eher einen Nebeneffekt dar. Obdachlose Menschen sollten sich in die Zeitung einbringen können. BIN veranstaltete einen Workshop für alle, die sich beteiligen wollten. Mit Hilfe dieser "Ideenbörse" sollten Leute mobilisiert werden für IHRE Zeitung, mit der sie dann auch gegen die Bedingungen, unter denen sie leiden, kämpfen können.[17]

Die Mitgliederversammlung von BIN beschloß Anfang 1994 die Herausgabe einer solchen Straßenzeitung. Kurz darauf erhielt der Verein 100.000 DM aus dem Berliner Bußgeldfond zugewiesen, die als Startkapital für die Zeitung genutzt wurden.[18]

Drei Personen wurden eingestellt, die hauptamtlich den Aufbau der Zeitung leisten sollten. Lars F. sollte hauptsächlich für den betriebswirtschaftlichen Teil zuständig sein, Sonja K. für den redaktionellen und Vera R. sowohl für die Redaktion als auch den Vertrieb.[19] Diese mußten innerhalb kürzester Zeit konzeptionelle Richtlinien festlegen, die der Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurden.

"Das Risiko Wohnungslosigkeit kann heute fast jeden und jede treffen. Darum wird "mob" mit sozialpolitisch kritischem Zuschnitt alle Themenfelder rund ums Wohnen, Wohnungsnot und (Haupt-)Stadtplanung zum Gegenstand haben. Vor allem ist "mob" ein Betroffenenmagazin, Sprachrohr einer Lebensart - ohne jeglichen Anflug von Elendskult! "mob" will aber auch generell ein Forum bieten für alle Fragen, die sich um Wohnungsnot, Mietschuldenkrise (vor allem) in den östlichen Stadtbezirken, Hausbesetzungen und alternative Wohnformen etc. ranken. Aber auch themenspezifische Beiträge prominenter Kulturschaffender werden ebenso zum festen Programm des Magazins gehören wie Meinungsäußerungen von VertreterInnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Und nicht zuletzt: "mob" soll ganz grundsätzlich Brücken bauen zwischen WohnungsinhaberInnen und Unbehausten, den BerberInnen, RollheimerInnen, WagenburglerInnen."

Die Betroffenen selber "werden dieses Magazin entscheidend mitgestalten: von der Recherche bis zum Vertrieb. Drei RedakteurInnen sind in der Aufbauphase mit der Unterstützung, Vernetzung und Koordination der redaktionellen und an den Vertrieb gebundenen Arbeit der Wohnungslosen betraut. (...)

Den Verkauf übernehmen ausschließlich Wohnungslose, die den überwiegenden Teil der Einnahmen als Verdienst für die Verkaufstätigkeit einbehalten. Darüberhinaus liegt ein zentraler Schwerpunkt von "mob" auf der Veröffentlichung und Präsentation publizistischer und künstlerischer Eigenproduktion von Obdachlosen, die tarifüblich vergütet werden soll."[20]

Das redaktionelle Konzept wurde in Anbetracht der sehr kurzen Vorlaufzeit quasi während der praktischen Vorbereitungen für die erste Ausgabe ausgestaltet.[21] Es war geplant, daß zum Themenbereich Obdachlosigkeit neben einem Schwerpunktthema jeweils folgende Sparten eingerichtet werden: Einrichtungen/Projekte, Frauen, Gesundheit & medizinische Versorgung und drei bis vier Seiten von und über Betroffene. Das zweite Standbein der Zeitung sollte der Kulturteil inclusive eines Interviews mit einer prominenten Person aus der Berliner Kulturszene und ein Interview mit "VertreterInnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen" bilden. Hiermit war anvisiert, potentielle KäuferInnen zu interessieren, die nicht ausschließlich Berichte über Obdachlosigkeit und soziale Verelendung lesen wollten. Die Interviews mit prominenten bzw. bekannten Personen sollten einerseits einen PR-Effekt hervorbringen, der die Leute auf der Straße dazu bringt, diese Zeitung jetzt zu kaufen, weil sie das Interview lesen wollen. Der Redakteur ging davon aus, daß dann auch die Artikel über sozialpolitische Themen zumindest wahrgenommen werden. Andererseits sollten Prominente oder Funktionsträger als "VertreterInnen gesellschaftlicher Gruppen" in die Pflicht genommen und befragt werden, die sogenannte "bündnispolitische Komponente"[22] des redaktionellen Konzepts. Es sollten dadurch Diskussionen angeschoben und Schnittstellen ausgemacht werden zwischen verschiedenen Gruppen und Bereichen z.B. zu den Themen Sozialpolitik, Ausgrenzung und Gewalt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen.

mob II

"Um unser Projekt zu erhalten, mußten wir einige Änderungen vornehmen. Ein neuer Verein ist in Gründung, "mob - Obdachlose machen mobil", der nun dabei ist, die Angelegenheiten für das Magazin zu regeln. Der Verein besteht nicht wie vorher nur aus "Normalbürgern" mit geregeltem Einkommen, sondern auch aus Obdachlosen, die nun endlich ein uneingeschränktes Mitspracherecht haben. Wir können jetzt also von einem echten Selbsthilfeprojekt sprechen."[23]

Es gab keine hauptamtlichen RedakteurInnen mehr, eine der bisherigen arbeitete zeitweilig ehrenamtlich mit. Wesentlicher Motor dieses Umstrukturierungs-, fast schon Neugründungsprozesses waren Stefan S., Vereinsmitglied von BIN e.V., und Burga K., freie Journalistin. Diese und Heiko M., obdachloser Mitarbeiter der ersten Stunde bei "mob", stellen den Vorstand des neuen Vereins.

Primäres Ziel nach dem Wechsel des Herausgebers war der Erhalt der Zeitung als Betätigungsfeld für ca. zehn Betroffene, als engagiertes Medium und als Erwerbsmöglichkeit für die VerkäuferInnen, wobei die Reduzierung solcher Zeitungsprojekte auf den Verkauf als "neue Beschäftigungsperspektive" für Obdachlose abgelehnt wird. Relevanter seien Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, "wenn also jemand das sozusagen als Schritt begreift, rauszukommen aus der Wärmestube und jetzt Leuten offenen Auges ins Angesicht zu blicken, anders aufzutreten, etwas zu sagen, sich dazu eine Meinung zu bilden und vielleicht auf die Idee zu kommen: ich schreib' jetzt auch was." Dieser Entwicklungsprozeß könnte darin münden, daß der Obdachlose zu einer für ihn akzeptablen Lebensform und -weise findet, die nicht unbedingt eine feste Wohnung und eine geregelte Arbeit beinhaltet, sondern "wo er mit sich selbst ins Reine kommt". Denn: "Es geht gar nicht mehr darum, Leute irgendwohin zu integrieren, weil es diese Mitte schon gar nicht mehr gibt, in die man Leute hinintegrieren könnte."[24]

Ein inhaltlich detailliertes Konzept wurde nicht erstellt.[25] Es sollte ein Schwerpunktthema in jeder Ausgabe behandelt und die Texte von Betroffenen in der Rubrik "Straßenpoesie" veröffentlicht werden. Desweiteren sollte das "Prominenten-Interview" fester Bestandteil der Zeitung bleiben. Bedingt durch die zeitlich begrenzte ehrenamtliche Tätigkeit einerseits und die notwendige Einarbeitungszeit der obdachlosen Mitarbeiter in den Bereichen Recherche und Redaktion andererseits wurde verstärkt auf Fremdtexte aus Zeitungen und Büchern zurückgegriffen.

Zusammenfassend wurde das redaktionelle Konzept derart skizziert, daß bei der neuen "mob" in zunehmendem Maße Betroffene zu Wort kommen und schreiben, und daß prominente Personen durch die Interviews zum PR-Träger der Zeitung werden.[26]

Redaktionelles Profil

Die Einteilung in feste Rubriken führte dazu, daß eine relativ kontinuierliche Berichterstattung zu den verschiedenen Aspekten von Obdachlosigkeit in den ersten fünf Ausgaben von "mob" stattfand. Aufgrund der inhaltsanalytischen Untersuchung lassen sich quantitative Schwerpunkte ausmachen. Reportagen über und Interviews mit Menschen, die sich kulturell betätigen, nahmen den meisten Raum in der Zeitung in Anspruch (16,5%), gefolgt von Dar- und Vorstellungen staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen der Obdachlosenhilfe (14,5%). Berichte über Politik und Gesellschaft standen an dritter Stelle (11%) und die Texte von Betroffenen an vierter (9,7%).

Der in der Presseerklärung formulierte Anspruch, daß "mob mit sozialpolitisch kritischem Zuschnitt alle Themenfelder rund ums Wohnen, Wohnungsnot und (Haupt-)Stadtplanung zum Gegenstand haben" wird, ist durchaus erfüllt worden. Die Etablierung von "mob" als Betroffenenmagazin, das "Sprachrohr einer Lebensart" sein wollte, erscheint mir dagegen nicht erreicht worden zu sein.

Die Veränderungen bei "mob" durch den neuen Herausgeber und die neue Redaktion schlugen sich auch im Profil der Zeitung nieder. Während sich das Anzeigenvolumen mehr als verdreifachte (11,7%), entfielen die Artikel über die Institutionen der Obdachlosenhilfe. Parallel dazu stieg der Anteil der Betroffenentexte um mehr als die Hälfte (15,9%) und die Berichterstattung über Internes verdoppelte sich fast (13,1%), wobei festzuhalten ist, daß diese Artikel ganz überwiegend von Betroffenen verfaßt wurden. Während Themen aus den Bereichen Politik und Gesellschaft (11,7%) sowie Kultur und Literatur (15,2%) als auch Internationales (4,8%) in verleichbarem Umfang behandelt wurden, reduzierte sich die Berichterstattung zu Frauenobdachlosigkeit um die Hälfte (2,8%) und über die Lebenssituation von Betroffenen um ca. ein Drittel (4,1%).

Das Profil der neuen "mob" zeichnete sich bisher weniger durch eine breitgefächerte Berichterstattung aus, im Vordergrund stand nun die Veröffentlichung von Texten der Betroffenen. Das korrespondierte mit der Intention der neuen Herausgeber, die Arbeit bei der Zeitung als Schritt der persönlichen Entwicklung der Betroffenen zu verstehen und zu fördern.


HAZ

Struktur

Vom 9.3. bis zum 12.12.94 erschienen neun Ausgaben von "HAZ", "HUNNIS ALLGEMEINE ZEITUNG". Sie sollte monatlich erscheinen. Zur Beschreibung und Analyse der Zeitungen ist es allerdings notwendig, die ersten beiden Ausgaben seperat zu betrachten ("HAZ") , da mit der dritten Nummer die Redaktion wechselte und das gesamte Konzept der Zeitung verändert wurde ("haz"). Jede Ausgabe hat 24 Seiten. Die Schrift ist im Vergleich zu anderen Zeitungen, auch den anderen Obdachlosenzeitungen, überdimensional groß, so daß auf jeder Seite etwa ein Drittel der Zeichen Platz finden im Vergleich zu "mob" oder "ZEITDRUCK". Es gibt keine einheitliche Gliederung. Wiederkehrende Rubriken sind: WIE WO WAS, wissenswerte Adressen nicht nur für obdachlose Menschen; NEUES VON HUNNI, Gedichte, Texte und Biographisches von Obdachlosen; FICTION, Kurzkrimis; SÄTTIGUNGSBEILAGE, Satire; KULTUR, Berichte über DIE RATTEN, eine der beiden Berliner Obdachlosentheatergruppen.

Daneben gibt es Berichte über die Obdachlosenzeitungen in Paris -der Herausgeber von "HAZ" publiziert dort eine davon- und Hamburg und Reportagen über Institutionen der Obdachlosenhilfe.

Nachdem die gesamte Berliner Redaktion die "HAZ" verlassen und sich mit "Platte" selbstständig gemacht hatte, erschien die neue "haz" im Juni 94 in etwas veränderter Form. Der Umfang betrug immer noch 24 Seiten. Die Schriftgröße wurde stark reduziert, sodaß mit dem neuen Layout fast doppelt soviele Zeichen auf einer Seite Platz finden im Vergleich zu den ersten beiden Ausgaben. Eine klare, wiederkehrende Gliederung der Zeitung wurde nicht eingeführt. Konstante Bestandteile der Zeitung stellen ein INTERVIEW mit einer prominenten Person (PolitikerIn, Erzbischof, Intellektueller etc.) nicht nur zum Thema Obdachlosigkeit dar, und die BERICHTE VON BETROFFENEN, Gedichte, Biographisches und politische Reflexionen. LITERATUR, klassische als auch aktuelle, und KULTUR, etablierte als auch die "Kultur von unten", nehmen einen großen Stellenwert ein. Die Thematisierung der europäischen Dimension von Wohungslosigkeit fand in den ersten vier Ausgaben der neuen "haz" durchgehend statt. Die Rechte von obdachlosen Menschen, ihre gesellschaftliche, politische und institutionelle Ausgrenzung sowie die gesundheitliche Situation von auf der Straße lebenden Menschen gehören zu den nicht konstant, aber regelmäßig bearbeiteten Themen der Zeitung. 

Intention und Konzeption

Nach dem insgesamt gescheiterten "Runden Tisch" vom 19.2.94 kam es zu einer Kooperation zwischen George Mathis aus Paris und Frank K., der schon ein halbes Jahr zuvor mit der Arbeit an einer Zeitung mit dem geplanten Titel "Platte" begonnen hatte. Letzterer begründete dies damit, "daß die "HAZ" und die "Platte" ein übereinstimmendes Konzept hatten"[27]. "mob" sei zu politisch gewesen und "ZEITDRUCK" zu speziell auf Jugendliche zugeschnitten. Sie seien die einzigen dieser vier Projekte gewesen, die sich als "Vertreter der ganz normalen Obdachlosenszene auf der Straße" verstanden, "wo alles eingeschlossen ist: Politik genauso wie Suchtproblematik, aber vor allen Dingen: die Leute sollten selbst schreiben von der Straße, sie sollten nicht von uns immer etwas vorgesetzt bekommen."

Die Zeitung sollte von Obdachlosen und Arbeitslosen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, verkauft werden. Diese sollten dadurch die Möglichkeit erhalten, "aus eigener Kraft ihr Leben zu meistern". Ebenfalls bestand Übereinstimmung darin, daß die Überschüsse direkt den Obdachlosen zugute kommen sollten in Form von Projekten wie Wohnraumbeschaffung. Bezüglich der Verwendung dieser Überschüsse gab es unterschiedliche Auffassungen, die dazu führten, daß diese Zusammenarbeit zwischen Paris und Berlin schon nach zweieinhalb Monaten auseinanderbrach.

Nachdem die "HAZ" zwei Monate auf dem Berliner Markt nicht mehr präsent gewesen war, ging es Sonja K., ehemalige "mob"-Redakteurin und neue "haz"-Chefredakteurin, darum, so schnell wie möglich die nächste Ausgabe herauszugeben.

"Die Zeitung soll vor allen Dingen die Funktion haben, Brücken zu bauen und eine soziale und politische Sicht auf die Dinge von unten nach oben zu transportieren. Also Brücken zu bauen heißt, die Lebensart, wie sie auf der Straße gelebt wird, in aller Härte, aber auch in aller Originalität, möglichst authentisch wiederzugeben und annehmbar zu machen für den sogenannten Normalbürger. Zugleich aber die Bedürfnisse der Leute, die auf der Straße liegen und die Widersprüche, die dazu führen, daß sie nicht von der Straße runterkommen, die zu attackieren und das an Entscheidungsträger in der Politik und Verwaltung zu transportieren, und auch ein bißchen Druck auszuüben." Zudem soll die Zeitung den VerkäuferInnen ermöglichen, zu Geld und einer sinnvollen Arbeit zu kommen, "die sehr viel damit zu tun hat, daß sich Selbstwertgefühl wieder entwickelt und damit auch Chancen eröffnet, daß Leute die Kraft und den Mut finden, den mühseligen Weg über Sozialamt, Arbeitsamt, Wohnungssuche etc. überhaupt nochmal zu gehen."[28]

Im Editorial der ersten von ihr produzierten Ausgabe weist Sonja K. darauf hin, daß sich "haz" besonders jenen am unteren Rand der Wohnungslosen-Szene in Berlin zuwenden will. Es sollen engagierte Mitbürger als auch Lebensansichten von der Straße portraitiert werden. Die "haz" sehe Wohnungslosigkeit als europäisches Problem und will sinnvolle Lösungen aus anderen Ländern und die kulturellen Unterschiede darstellen. Die Überschüsse der Zeitung sollen in den Aufbau einer Wärmestube fließen, die der Redaktion als Hintergrund dienen soll. "Jede Obdachlosenzeitung bietet Chancen für alternativen Journalismus. Als Redakteur eines solchen Blattes wird man auch Sozialarbeiter, lebt ein Stück mit den Menschen mit, über die und für die man schreibt."[29]

Redaktionelles Profil

Das Profil der ersten beiden Ausgaben der "HAZ" zeichnete sich maßgeblich durch die Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten von Betroffenen (jeweils 18%) sowie Catoons und Comics aus (15,2%). Darüberhinaus wurde über Institutionen der Obdachlosenhilfe (10%) und über Kultur (9,5%) berichtet.

Die Schwerpunkte der neuen "haz" verschoben sich zu einer umfangreicheren Berichterstattung über Kultur und Literatur (21,9%) sowie Politik und Gesellschaft (18,6%). Der Anteil an Cartoons und Comics wurde auf ca. ein Fünftel seines vorherigen Umfangs reduziert (3,3%). Die Gedichte und Berichte von Betroffenen nahmen um ca. ein Drittel ab (12,8%) und stellen jetzt eine feste Rubrik dar. Die Darstellung der Lebenssituation von Obdachlosen und Wagenburglern (11,4%) und die Berichte über Obdachlosigkeit in anderen Ländern (6,2%) nahmen um mehr als das Doppelte zu.

Dem Anspruch, "Brücken zu bauen", wird die Zeitung im wesentlichen gerecht. Durch die Berichte der Betroffenen wird für die Leserschaft nicht nur der harte und belastende Alltag der Obdachlosen nachvollziehbar. Darüber hinaus vermittelt die Ironie, der Witz und die selbstkritische Betrachtungsweise der Betroffenen den Lesern einen Eindruck von der Gedanken- und Gefühlswelt dieser Menschen, die durch ihre Obdachlosigkeit ausschlaggebend geprägt wird. Durch die umfangreiche Berichterstattung über Kultur und Politik werden immer wieder Verbindungslinien zwischen den Unbehausten und den Behausten gezogen, wodurch deutlich gemacht wird, daß Obdachlosigkeit ein gesellschaftliches Problem darstellt, dessen Brisanz eher zunehmen und somit Bevölkerungsgruppen tangieren wird, die bisher davon verschont geblieben sind.


PLATTE

Struktur

Die erste "HAZ"-Radaktion gab am 1.5.94 die erste Ausgabe der "Platte" heraus, bis zum 9.12.94 sind zwölf Ausgaben erschienen.

Die 24-seitige Zeitung erschien anfangs monatlich, mit der fünften Ausgabe wurde auf einen vierzehntägigen Erscheinungsturnus umgestellt. Seit der zehnten Ausgabe hat die Zeitung einen Umfang von 32 Seiten.

Die ersten Ausgaben der "Platte" ähnelten vom Erscheinungsbild und Aufbau den ersten beiden Ausgaben der "HAZ". Neben dem zunehmend ausführlicheren Adressenservice, der Berichterstattung über Institutionen der Obdachlosenhilfe sowie Gedichten und Berichten von Betroffenen nehmen Comics, fiktive Kurzgeschichten und Märchen und insbesondere Selbstdarstellungen der Zeitung großen Raum ein. Lezteres ist darin begründet, daß der Verein, dem die Überschüsse der Zeitung zufließen, Wohnprojekte in Selbsthilfe für obdachlose Menschen aufzubauen versucht, und diese Entwicklung, mit den damit verbundenen Problemen, in jeder Ausgabe thematisiert wird.

Nachdem mit der fünften Ausgabe das äußere Erscheinungsbild etwas verändert worden war, womit auf einen inhaltlichen Schwerpunkt der Ausgabe hingewiesen wurde, erschien die elfte in gänzlich neuem Layout. Strukturiert wurde die Zeitung nun durch die Rubriken Soziales, Platte intern, Berichte/Interview, Adressen, Kostenfreie Anzeigen und Leserbriefe.

Intention und Konzeption

Die Konzeption der "Platte" hat sich durch die Trennung von der "HAZ" nicht wesentlich geändert. Auffallend ist allerdings, daß in den Darstellungen und Begründungen des Wechsels und Neubeginns die Herausgabe der Zeitung eher als Mittel zum Zweck verstanden wird. "Gründung einer Verlags GmbH als Wirtschaftsträger mit der Aufgabe, im Sinne eines Dienstleistungsbetriebes die erforderlichen Publikationen herzustellen, somit dem Verein ein Produkt zur Verfügung zu stellen, das wiederum den Verein in die Lage versetzt, für die Betroffenen die Grundlage zu schaffen, aus eigener Kraft, Motivation und Eigeninitiative ihre Wertsituation zu verbessern." Dieser Verein soll Soforthilfe leisten und weiterführende Hilfe anbieten, Mittel, Möglichkeiten und Gelegenheiten bereitstellen, "die geeignet sind, Menschen in Notsituationen zur Selbsthilfe zu befähigen, dies auch in dem Sinne, Betroffene nach dieser Befähigung weiter zu betreuen."

Das Konzept sieht weiter vor, daß eine Gemeinde gegründet werden soll als Grundlage für die Arbeit des Vereins bzw. der GmbH. Alternativ dazu sei "auch die Neubelebung eines niederliegenden Objekts der Wirtschaft oder auch die Restaurierung eines Objekts des Denkmalschutzes möglich."

Die publizistische Arbeit hat das Ziel, "der Bevölkerung unseres Landes unsere Absichten offenzulegen."[30] Ein bis zwei "richtige Artikel" sollen in jeder Ausgabe erscheinen, "der Rest ist ja eigentlich nur aus dem Herz und dem Bauch Geschriebenes, so Erlebtes halt."[31]

Redaktionelles Profil

Aufgrund der Konzeption ist es wenig verwunderlich, daß die Berichterstattung über "Internes" mehr als 20% der Zeitung beansprucht, da "Platte" die Überschüsse unmittelbar in weiterführende Hilfe umzusetzen sucht und diese Versuche ausführlich darstellt. Ebenso auffällig ist der sehr große Serviceteil von 11,7%, wo entweder kostenlose Anzeigen von gemeinnützigen Projekten oder Adressen von Wärmestuben, therapeutischen Wohngemeinschaften, Notunterkünften, speziellen Einrichtungen für Frauen und Jugendliche usw. veröffentlicht werden.

Gedichte und Biographisches von Betroffenen (10,9%), Märchen und fiktive Geschichten (10,9%), Darstellungen von Institutionen der Obdachlosenhilfe (10%) sowie politischer und gesellschaftlicher Dimensionen (8,7%) bestimmen den Rest der Zeitung. Die Thematisierung der Lebenssituation der Betroffenen (3,5%) findet bei "Platte" mehr durch die Selbstdarstellungen von obdachlosen Menschen statt als durch Beschreibungen der Strukturen und allgemeinen Bedingungen.

"Platte" verstand sich von Anfang an als "Vertreter der ganz normalen Obdachlosen-Szene auf der Straße" und wollte diese zu Wort kommen lassen, was auch ausführlich praktiziert wurde. Das redaktionelle Profil veränderte sich im Laufe der Zeit. Dem authentischen O-Ton von Betroffenen wurden Berichte über Institutionen der Obdachlosenhilfe zugefügt, Interviews mit dort Tätigen und seit der 9. Ausgabe wurden regelmäßig Auszüge aus dem Buch "Armut in Deutschland", dem sog. Armutsbericht vom DGB und DPWV, abgedruckt. "Platte" ist politischer geworden und hat den Anteil der Berichterstattung über die Zeitung und ihre Projekte in den letzten Ausgaben etwas reduziert, was Raum geschaffen hat für andere Themen, womit sie insgesamt interessanter geworden ist.


ZEITDRUCK

Struktur

Am 1. Mai 1994 erschien die erste eigenständige Ausgabe von "ZEITDRUCK", dessen Umfang 24 Seiten beträgt. Es gibt keine festgelegte Gliederung, dennoch existieren mehrere durchgängige Rubriken bzw.Themen.

In der Rubrik "geschichten" berichten Jugendliche über ihr Leben: Gewalt in der Familie, Flucht, Leben auf der Straße, im Heim und vieles mehr. In den ersten drei Ausgaben wurde jeweils ein Interview mit einem/r MitarbeiterIn einer Institution, die mit Jugendlichen arbeiten, abgedruckt. Die internationale Dimension von Obdachlosigkeit findet kontinuierlich ihren Niederschlag, überwiegend in Form der Übernahme von Berichten aus polnischen, russischen, italienischen oder südamerikanischen Obdachlosenzeitungen, aber auch durch eigene Berichterstattung. Auf der Lyrikseite werden Gedichte von Jugendlichen veröffentlicht, und "zeck", die Kinderseite, zeichnet sich durch Rätsel, Comics und kurze Texte aus. Ein Bericht oder eine Dokumentation von "amnesty international" über die Unterdrückung und Verfolgung von Menschen in anderen Staaten gehört zum durchgängigen Repertoire der Zeitung. Die Vorstellung von sozialen Projekten für Kinder und Jugendliche findet sich ebenso in jeder Ausgabe wie die Abteilung "tips & tricks", in der die Erfahrungen von jungen Menschen mit staatlichen Sozialbehörden wiedergegeben und somit Rechte als auch Unzulänglichkeiten thematisiert werden.

Ab der zweiten Ausgabe gibt es drei zusätzliche Themen, die fortsetzend behandelt werden. Zum einen ist das die Serie "Neues aus der Pfarrstraße". In der Pfarrstraße gab es mehrere besetzte Häuser, in denen immer noch viele Jugendliche, jetzt in legalisierter Form, leben. In jeder Folge berichtet ein Jugendlicher über sein Leben dort und vorher, über Politik und das Leben im allgemeinen. Das Thema "Knast" bestimmt die beiden anderen neuen Rubriken. Unter der Überschrift "'Ich kam mir vor wie 'n Tier' - Knast in DDR" wird aus dem gleichnamigen Buch von Torsten Heyme der Dialog zwischen dem Autor und einem Gefangenen in Fortsetzungen abgedruckt. In der zweiten Reihe zum Thema berichten Jugendliche aus Jugendstrafanstalten bzw. Untersuchungsgefängnissen.

Seit Ausgabe Nr.4 gibt es in "Zeitdruck" "DOMPLATT": die Zeitung von Straßenkindern aus Köln veröffentlicht auf vier Seiten ihre Texte.

Intention und Konzeption

MitarbeiterInnen von Jugendfreizeiteinrichtungen haben 1990 "KARUNA - Freizeit ohne Drogen Int. e.V." gegründet. Dieser Verein betreibt verschiedene Projekte im Ostteil der Stadt, die im Vorfeld von Drogenabhängigkeit tätig werden.
Die "BLEIBE" ist seit März '93 Erstanlaufstelle für nichtseßhafte Kinder und Jugendliche in Friedrichshain. Hier wird versucht, den Jugendlichen bei ihrer Lebensplanung zu helfen. Dazu gehört seit Mai '94 die Herausgabe und der Verkauf von "ZEITDRUCK". Die "VILLA STÖRTEBECKER" ist ein Wohnprojekt mit sechs Wohnungen für minderjährige Drogen und Suchtgefährdete. "DRUGSTOP" wurde im März '93 als drogen- und alkoholfreies Cafe' in Lichtenberg eröffnet: Kieztreff, Veranstaltungsort für Kleinkunst und Ausstellungen, Kino, Beratungsstelle sowie Nachbetreuung für Kinder und Jugendliche aus der "VILLA". Die "NESTWÄRME" ist Anlaufstelle für gefährdete Jugendliche im Prenzlauer Berg. Dort gibt es Hilfe zur Erziehung, Freizeitarbeit und Beratung.[32]

Innerhalb des Vereins gab es Einrichtungen für Freizeit und Wohnen für die Jugendlichen, aber keine Angebote bezüglich Arbeit. Nach dem erfolgreichen Start von "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg unterbreitete Claudia S. Anfang '94 den Jugendlichen in der "BLEIBE" die Idee, etwas ähnliches ebenfalls zu versuchen, was eine positive Resonanz hervorrief. Claudia S. ist Mitbegründerin von "KARUNA", Projektleiterin der "BLEIBE" und verantwortliche Redakteurin von "ZEITDRUCK".[33]

Die Intention war, daß die Jugendlichen ihre Probleme mit Schule, Eltern, Drogen, Obdachlosigkeit und vieles mehr selbst öffentlich machen, und diese nicht mehr nur durch die etablierte Presse dargestellt werden. Es ging darum, sich zu artikulieren, die Ausgrenzung aufzubrechen und die Problematik der Jugendlichen "dem Bürger" zu vermitteln. Diese Artikulationsmöglichkeit als sozialpädagogisches Mittel sollte zweierlei bewirken: einerseits Spaß an der Arbeit und Erfolgserlebnisse angesichts der gedruckten Eigenproduktionen, andererseits über diese Arbeit eine stärkere Auseinandersetzung mit der eigenen Situation. Zudem könnten sie durch den Zeitungsverkauf legal Geld verdienen.

Die Konzeption der Zeitung wurde von Anfang an mit den Jugendlichen zusammen entwickelt, Vorgaben vom Herausgeber gab es nicht. Die Redaktionssitzung war (und ist) das Beschlußgremium, das den Namen, den Inhalt und die Form festlegte. In der Zeitung sollten unzensiert die Lebensgeschichten der nichtseßhaften Jugendlichen, ihrer Ideen und Probleme veröffentlicht werden. Selbst durchgeführte Interviews, eigene Texte, Fotos und Comics waren geplant sowie ein kleiner Kulturteil beispielsweise in Form eines Interviews mit einer Musikgruppe. Die Zeitung soll "unsere Lebenswelt widerspiegeln".[34]

Texte von Prominenten zum Thema, wie ursprünglich angedacht, wurden in Anbetracht der Fülle des Materials, das von Jugendlichen geliefert wurde, nicht mehr veröffentlicht.

Redaktionelles Profil

Drei thematische Schwerpunkte fallen bei "ZEITDRUCK" besonders deutlich auf. Die Darstellungen der Lebenssituationen von obdachlosen Jugendlichen nehmen mit 17,1% den meisten Raum ein, was mit den vier Seiten von "DOMPLATT" zu erklären ist, beliefe sich der Faktor für diese Kategorie ansonsten auf 9,5%. Die Berichterstattung über Obdachlosigkeit in anderen Ländern nimmt mit 16,7% ebenso einen überdurchschnittlichen Stellenwert im Vergleich mit den anderen Zeitungen ein wie die Thematisierung der Aspekte Sucht, Gefängnis und Heime (12,4%), wobei letzteres aufgrund der Minderjährigkeit nur junge Menschen betreffen kann und somit für die Zeitung von Interesse ist. Infolge des inhaltlichen Konzepts nehmen die Artikel für und über Kinder ebenfalls relativ viel Raum mit 6,7% in Anspruch.

Die Intention der Herausgeber, daß die Jugendlichen ihre Probleme selbst darstellen, haben diese ausführlich und interessant erfüllt. Der Titel 'Obdachlosenzeitung' erscheint für diese Publikation allerdings zu eng gefaßt, wurden doch bisher Themen angesprochen, die über diesen Problembereich weit hinausgehen. Die breite thematische Palette läßt eher den Schluß zu, daß sich hier Jugendliche äußern, die mit den gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen nicht klarkommen, die sich in den Drogenkonsum flüchten, die ein Leben ohne Zuhause einem gewalttätigen vorziehen und somit zumindest teilweise nichtseßhaft sind. Die autobiographischen Berichte aus Heimen und Jugendstrafanstalten unterstreichen nochmal diese Ausrichtung, daß sozial benachteiligte und ausgegrenzte Jugendliche hier ein Sprachrohr etabliert haben, immer mit dem Blick über den Tellerrand, die Situation von Kindern und Jugendlichen in vergleichweise drastischeren Verhältnissen in anderen Ländern miteinbeziehend.


6. ENTWICKLUNGSSKIZZEN

Am 19. Februar 1994 gab es ein Treffen im "Haus der Demokratie", den "Runden Tisch Obdachlosenzeitung", an dem alle teilnahmen, die an der Herausgabe einer Obdachlosenzeitung in Berlin arbeiteten. Anwesend waren George Mathis mit zwei Leuten aus Paris ("HAZ","Le Reverbere"), Frank K. mit Kollegen ("Platte"), Sonja K. und einige MitarbeiterInnen von BIN ("mob") und Claudia S. mit einigen Jugendlichen ("ZEITDRUCK"), insgesamt etwa zwanzig Personen.

Im Verlauf der Diskussion, in der ausgelotet werden sollte, ob ein gemeinsames Zeitungsprojekt dieser Gruppen möglich sei, wurden die unterschiedlichen und unvereinbaren Vorstellungen und Konzepte immer deutlicher. Nachdem George Mathis abschließend 30 Exemplare der ersten "HAZ" auf den Tisch legte, war das Scheitern dieses Treffens offensichtlich. Dennoch entstand daraus eine zeitlich befristete Zusammenarbeit zwischen "HAZ" und "Platte" einerseits, sowie "mob" und "ZEITDRUCK" andererseits, dessen Vorbereitungen und Entwicklungen ich hier skizzieren will.

Diese Beschreibungen sollen verdeutlichen, inwieweit die Mitarbeit von Betroffenen stattfand und in welchen Bereichen sie praktiziert wurde. Desweiteren können die Angaben über Verkaufszahlen und Überschüsse sowie deren Verwendung Aufschluß darüber geben, ob diese Zeitungen als profitable Unternehmungen realisiert wurden oder als Projekte, die den Obdachlosen direkt zu Gute kommen.

Auch hier fällt die Darstellung von "mob" wesentlich umfassender aus. Die Zeitung unterschied sich anfangs konzeptionell von den anderen dadurch, daß versucht wurde, einen hohen Anspruch an politischer Berichterstattung und professioneller Gestaltung zu realisieren, woraus sich die konflikthafte Entwicklung zum Teil erklärt.

Die Vorstellung der InitiatorInnen bzw. verantwortlichen RedakteurInnen, ihrer Motivation und ihres Selbstverständnisses, ist notwendiger Bestandteil, um die Unterschiedlichkeit der Zeitungen und ihrer Entwicklungen nachvollziehbarer zu machen.


mob

Die RedakteurInnen

Vera R.[35], Diplom-Politologin, hatte sich schon vorher auf den Posten einer Redaktionsassistentin fürs BINFO beworben und arbeitete bei BIN an der "mob"-Gründung als erste der zukünftigen Redaktion mit. Sie hatte bereits während des Studiums beim DGB Bildungsarbeit mit Jugendlichen gemacht und erfuhr dort von einer anderen Mitarbeiterin, die Kontakte zu BIN hatte, daß der Verein eine Redakteurin suchte.

Auf ihrer ersten Vereinssitzung bemerkte Vera R. ein gewisses Maß an Konzeptionslosigkeit. Einerseits schafften sie es nur mit Mühe durch die ehrenamtliche Arbeit im Verein circa vierteljährlich das BINFO herauszugeben, andererseits waren sie so begeistert von "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg, daß sie etwas ähnliches in Berlin ebenfalls auf den Weg bringen wollten. Nur wollte der Vorstand dafür kein Geld ausgeben. Sie fuhr Anfang '94 mit einer anderen Mitarbeiterin nach Hamburg, um Informationen über die Vorbereitung, den Anlauf, die Schwierigkeiten und die Kosten des Projekts aus erster Hand zu bekommen. Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß die wichtigsten Voraussetzungen genügend Startkapital und feste MitarbeiterInnen sind. Das war dem Vorstand zwar auch klar, nur glaubte der, diese Arbeit auch auf ehrenamtlicher Basis realisieren zu können. Durch die Zuweisung der 100.000,- DM aus dem Bußgeldfond war die erste der Voraussetzungen erfüllt, mit der dann auch die zweite geschaffen werden konnte.

Vera R. beschrieb sich selbst so, daß sie keine besondere Qualifikation zur Herstellung einer solchen Straßenzeitung hatte. Das stellte aber für sie insofern kein Problem dar, da zu dem Zeitpunkt gar nicht klar war, wie das Konzept dieser Zeitung aussehen wird. Darüber hinaus glaubte sie aufgrund ihrer Ausbildung zur Politologin Artikel schreiben, Recherche anstellen und sich kurzfristig in ein Thema einarbeiten zu können. Hierzu stellte der Verein bzw. dessen MitarbeiterInnen ein Potential an Wissen und Erfahrung zum Thema Obdachlosigkeit dar, das es für die Zeitung nutzbar zu machen gelte. Sie fühlte sich allerdings nicht kompetent, ein solches Projekt aufzubauen, da ihr jegliche dazu notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlten. Ihre hauptsächliche Motivation diese Stelle anzutreten, bestand in der Notwendigkeit, einen Job zu finden. Konkrete Ziele verband sie nicht mit dieser Arbeit. 

Lars F.[36] hatte einige Semester Theaterwissenschaft, Theologie und Politologie studiert und während seines Studiums ASTA-Politik betrieben, wobei Öffentlichkeitsarbeit sein Schwerpunkt war. Er sagte von sich, daß er gerne schreibe und Öffentlichkeitsarbeit mache und sich darin auch kompetent empfinde. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Jobs als Buchhalter in verschiedenen Firmen. Seit '89 war er in der Gewerkschaft engagiert: Sozial- und Jugendpolitik waren dort die Schwerpunkte. Über die Bekanntschaft mit einer Frau von BIN e.V. kam er zu dem Redaktionsposten bei "mob". Er sollte eigentlich hauptsächlich für die betriebswirtschaftliche Seite des Zeitungsprojekts zuständig sein. Über seine Tätigkeit im Bereich Sozialpolitik bei der Gewerkschaft war ihm das Thema Obdachlosigkeit zwar nicht unbekannt, dennoch war er kein "Experte". Seine Motivation, sich um diese Stelle zu bemühen, lag zum einen in der Überdrüssigkeit, die er für seine bisherige Tätigkeit empfand. Zum anderen stellte die Sozialpolitik, und hierbei besonders das Verhältnis von Sozial- und Gesellschaftspolitik, einen Interessensschwerpunkt seinerseits dar. Sein Ziel war, einer breiten Leserschaft transparent zu machen, daß Obdachlosigkeit eine logische Konsequenz der hiesigen Politik darstellt. Nach seinem politischen Selbstverständnis geht es darum, "an allen Rändern, wo es nur geht, zu versuchen, irgendeine Form von Widerstand zu mobilisieren und zu organisieren. Und ob ich das jetzt als Betriebsrat mache oder in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit oder bei einer Obdachlosenzeitung, der Grundbezugsrahmen bleibt überall relativ gleich und da bleibt auch immer eine Distanz."[37]

Sonja K.[38], die einzige der Redaktion aus der ehemaligen DDR, kam über einen Freund mit der Mahnwache von Obdachlosen am Rosa-Luxemburg-Platz im Oktober '93 in Kontakt. Sie hatte in der DDR Philosophie studiert und ging 1985 im Zuge der Ära Gorbatschow in die Partei, die sie drei Jahre später wieder verlassen mußte. Während der Wende arbeitete sie in der Vereinigten Linken und in der PDS. In diesen zwei Jahren von '90 bis Ende '92 verlor sie alle ihre politischen Vorstellungen und Illusionen was die Wende betraf. Ende '91 trat sie aus der PDS aus. Darüberhinaus war sie von der West-Linken absolut enttäuscht. Sie hatte für die PDS zur Bundestagswahl kandidiert und in Niedersachsen Wahlkampf betrieben. Einerseits erlebte sie die Westlinken als destruktiv, sich gegenseitig zerfleischend. Andererseits war sie mit einem enormen Maß an Unwissen über die DDR konfrontiert, was aber nicht die guten Ratschläge ausschloß, wie die Linke zu dem damaligen Zeitpunkt die Revolution voranzutreiben hätte. Nach diesen vielen politischen und im Gefolge auch persönlichen Krisen hatte sie zum ersten Mal wieder das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zum Thema Obdachlosigkeit leisten zu können. Sie führte viele Gespräche mit Obdachlosen, bewegte sich oft in der Szene und fand insofern eine Nähe zu den Leuten, als sie die Angst, in dieser Gesellschaft "kein Bein mehr auf die Erde zu bekommen", mit ihnen teilte. Weihnachten '93 gab es in der "taz" eine vierseitige Beilage zum Thema Obdachlosigkeit. Die "taz" hatte sich mit ihr in Verbindung gesetzt und sie erstellte mit Obdachlosen und einer anderen nicht-obdachlosen Person diese Beilage. In diesem Kreis entstand dann die Idee einer regelmäßigen journalistischen und publizistischen Zusammenarbeit zu diesem Thema.

Ende Januar '94 traf Sonja K. auf George Mathis aus Paris, der ihr eine Zusammenarbeit anbot für die Herausgabe einer Berliner Obdachlosenzeitung. Sie lehnte ab, weil es ihr journalistisch nicht machbar erschien, eine Zeitung von Paris aus für Berlin herauszugeben. Parallel dazu setzte sich BIN mit ihr in Verbindung und nach einem Gespräch sagte sie ihre Zusammenarbeit zu.

Sonja K. wollte mit einer solchen Zeitung die Vereinzelung in der Szene aufbrechen, die mangelnde Kommunikation untereinander verbessern und politische Forderungen formulieren, die die Betroffenen aus ihrer eigenen Erfahrung ableiten können. Zudem wäre es für viele eine Möglichkeit, sich finanziell halbwegs abzusichern.

Die Vorbereitungen

Am 01. Februar gab es ein Treffen bei BIN, wo sich zum ersten Mal die drei zukünftigen RedakteurInnen begegneten. Ein Ergebnis hiervon war, daß sich die Redaktion sobald wie möglich zusammensetzen und ein Konzept entwerfen sollte. Der Vorstand legte fest, daß man so schnell wie möglich handeln müsse, weil George Mathis kurz vor der Herausgabe einer Berliner Straßenzeitung stehe. Diese Vorgehensweise wurde auch von Lars F. unterstützt und forciert: "entweder sofort los oder gar nicht".[39]

Am 5.Februar kamen die RedakteurInnen und zwei Vereinsmitarbeiter zusammen, um konkreter und detaillierter die nächsten Schritte und den weiteren Ablauf zu bestimmen. Von Vereinsseite wurden aber laut Vera R. ausschließlich formale und organisatorische Fragen angeschnitten, so daß die inhaltliche und konzeptionelle Debatte viel zu kurz kam. Erst zum Schluß wurde quasi stichwortartig der inhaltliche Entwurf diskutiert. Die Hamburger hatten bei dem Besuch vier Wochen zuvor empfohlen, nicht im Sommer, sondern im Winter mit einer solchen Zeitung zu starten. Auf diesen Einwand, dessen Berücksichtigung eine Vorbereitungszeit von einem halben Jahr bedeutet hätte, entgegneten die Vereinsmitarbeiter, daß dafür kein Geld vorhanden sei, und daß die Herausgabe der "HAZ" unmittelbar bevorstehe. "(...) die "HAZ" kam raus, (...) und wenn die erstmal die Plätze besetzen, dann sieht 's schlecht aus für die "mob". Also- haben wir die rausgepowert."[40]

Für den 10. Februar wurde zu einer öffentlichen Versammlung aufgerufen, auf der abrißartig das Konzept und der weitere Fahrplan dargestellt und zu Mitarbeit und Unterstützung aufgerufen wurde. Es wurden Folgetreffen angeboten für diejenigen, die der Zeitung in Form von Artikeln, Gedichten, Bildern o.ä. zuarbeiten, und solchen, die den Vertrieb und Verkauf mit aufbauen wollten. Ersteres entwickelte sich in der Folgezeit zur monatlich stattfindenden öffentlichen Redaktionssitzung und letzteres zum kontinuierlichen Vertriebstreffen.

Auf einer Pressekonferenz am 18.2.94 wurde das baldige Erscheinen von "mob" öffentlich angekündigt. Sonja K. hatte für eine Verschiebung der Pressekonferenz plädiert, um einer möglichen Kooperation, als potentielles Resultat des "Runden Tisches Obdachlosenzeitungen" am 19.2., nicht durch vollendete Tatsachen eine Absage zu erteilen. Für den Vereinsvorstand war eine Zusammenarbeit mit der "HAZ" nicht möglich, "schon allein aufgrund der Tatsache, daß die "HAZ" von einer französischen Obdachlosenzeitung aufgebaut wurde, die ihrerseits von französischen Faschisten gesponsert wurde.[41] (...) Unsere Pressekonferenz am 18.2. hat in der Tat damit zu tun, daß wir uns nicht von der "HAZ" das Wasser abgraben lassen wollten. Die "HAZ" kam bereits mit einer fertigen Zeitung aus Paris in Berlin an und hatte bereits vor uns ihre PR-Arbeit begonnen (Interview in Radio 100,6)."[42]

Bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe einen Monat später mußten nicht nur die organisatorischen Notwendigkeiten geregelt werden (Einrichtung der Büroräume, Suche von Verkäufern etc.), die Redaktion hätte auch innerhalb kürzester Zeit ein Konzept für die Zeitung erstellen müssen, das von allen RedakteurInnen getragen wurde. Diese konzeptionelle Diskussion ist nach rückblickender Einschätzung der RedakteurInnen mindestens viel zu kurz gekommen bzw. ganz unterblieben.

Mitarbeit der Betroffenen

Ohne hinreichende inhaltliche Vorbereitung, was sowohl das Konzept für die Zeitung an sich betraf, als auch das Projekt insgesamt, also die Zusammenarbeit mit Betroffenen und deren Stellenwert und Einflußmöglichkeiten sowie der Aufbau eines Vertriebsnetzes, aber mit der Einschätzung, daß "wir drei inhaltlich eine relativ ähnliche Ausrichtung hatten"[43], die mit "sozialkritisch und links"[44] charakterisiert wurde, begann die Redaktion die Arbeit an der ersten Ausgabe. Trotz stark reduzierter Konzeptdiskussion kann man die Presseerklärung vom 18.2.1994 als quasi offizielles Konzept der Zeitung verstehen. Der Entwurf dieser Erklärung stammte von Sonja K., überarbeitet wurde er von Lars F. und von der gesamten Redaktion getragen. Wesentlich für die konzeptionelle Frage der Zusammenarbeit mit Obdachlosen erscheint mir folgender Auszug:

"...- werden Wohnungslose dieses Magazin entscheidend mitgestalten: von der Recherche bis zum Vertrieb. Drei RedakteurInnen sind in der Aufbauphase mit der Unterstützung, Vernetzung und Koordination der redaktionellen und an den Vertrieb gebundenen Arbeit der Wohnungslosen betraut."[45]

In der Praxis wurde eine Zusammenarbeit mit Betroffenen insofern versucht, als daß häufig Obdachlose in der Redaktion anwesend waren, die sowohl Teile ihrer Biographie darstellten als auch Vorstellungen bezüglich der Zeitung. Diese Berichte und Beschreibungen erschwerten aufgrund des generellen Zeitdrucks die innerredaktionelle Verständigung. Bezogen auf die Frage, eine Zeitung mit oder für Obdachlose zu produzieren, stellte sich der Alltag so dar, daß "dieses 'mit' eigentlich praktiziert wurde, aber dann wiederum auch nicht. Es wurde praktiziert dadurch, daß sie ständig anwesend waren, aber letztendlich auch nicht praktiziert, weil keine Entscheidungen mit ihnen zu fällen waren. Es war schier unmöglich."[46] Unter anderem deswegen, weil immer wieder andere Betroffene anwesend waren. Es gab keine Strukturen oder Kontinuitäten.[47] Erschwerend kam hinzu, daß die Redaktions- und Vertriebsräume nebeneinander lagen, so daß eine strikte räumliche Trennung unmöglich war. Das Kommen und Gehen der VerkäuferInnen sowie die Tatsache, daß die Vertriebsräume zunehmend den Charakter eines sozialen Treffpunkts, incl. Dusch-, Koch- und Waschgelegenheit, annahmen, war zwar prinzipiell nötig für die Betroffenen, der Arbeitsfähigkeit der Redaktion war es aber eher abträglich.

Lars F. bewertete im Nachhinein die Presseerklärung nicht als Konzept. Sie sei "mit der heißen Nadel gestrickt" und zu dem Zeitpunkt eine "wohlwollend idealistische Darstellung, wie wir es gerne gehabt hätten. Ich glaube, wenn ich die ersten zwei Wochen, die nach der Pressekonferenz kamen an täglicher Realität, da in den Räumen, schon hinter mir gehabt hätte, wäre mir so ein Satz nie mehr aus der Feder geflossen."[48]

Für Sonja K. stellte die Presseerklärung "keine Worthülse" dar. Sie sei nicht bis in die Feinheiten ausdiskutiert worden, es sei ein "intuitiver Anspruch" gewesen, der auch ihrer Meinung nach von allen ernst und ehrlich gemeint war. In der praktischen Arbeit habe sich dann erst herausgestellt, daß alle etwas anderes damit verbanden. Sie wollte die Fragestellungen, die von den Betroffenen aufgeworfen wurden, verfolgen, und zudem ein Mitsprache und Vetorecht für obdachlose MitarbeiterInnen in den Redaktionssitzungen.[49]

Einen weiteren, dauerhaften Konflikt verursachten die unterschiedlichen Ansprüche bezüglich der Texte, die gedruckt werden sollten. Die Vorstellungen von Lars F., wie Texte aufgebaut sein und aussehen sollten und ob sie seinem Verständnis davon entsprächen, was politisch ist und was nicht, führten laut Vera R. dazu, daß er Artikel sowohl von Obdachlosen als auch anderen überarbeitete und teilweise zusammenstrich.

"Ich finde das ganz schwierig, nicht für jede Zeile in der Zeitung geradestehen zu können."[50]

Von einer ansatzweisen gleichberechtigten redaktionellen Mitarbeit der Betroffenen konnte also keine Rede sein. Das drückte sich auch dadurch aus, daß nur ein oder zwei Betroffene an den Redaktionssitzungen teilnahmen und sie somit im Vergleich zur Redaktion, der Herausgeber und freien Mitarbeiter eine Minderheit darstellten.

Die Erfahrungen der Arbeit an der ersten Ausgabe,die dann am 18.3. erschienen ist, haben also deutlich unterschiedliche redaktionelle und konzeptionelle Vorstellungen zu Tage treten lassen. Die Idee einer 'Auszeit' für die tägliche Zeitungsarbeit zur Durchführung einer nachträglichen Konzeptionsdiskussion scheiterte aber immer an den 'Sachzwängen'. Einerseits mußte die nächste Ausgabe unbedingt rechtzeitig erscheinen, um den Vertrieb aufzubauen und zu stabilisieren, andererseits ging es darum, im Konkurrenzkampf mit der "HAZ" zu bestehen. "Wir waren eh immer froh, wenn wir überhaupt mal eine halbe Stunde Ruhe hatten."[51] In diesen kurzen Zeitabschnitten sei es dann ausschließlich darum gegangen, was als nächstes geregelt werden müsse und wann die Redaktion die nötige Zeit für ihre interne Klärung finden könne.

Zusammenarbeit von Redaktion und Herausgeber

In den Sitzungen der Redaktion mit dem Vorstand wurden laut Vera R. ebenfalls nur organisatorische und arbeitstechnische Fragen thematisiert. Ein Resultat davon war, daß die Redaktion nach der ersten Ausgabe auch den Vertrieb organisieren mußte, was dann so aussah, daß sie neben der redaktionellen Arbeit von morgens bis abends und auch am Wochenende die Zeitungen an die StraßenverkäuferInnen ausgegeben haben. Der Vertrieb wurde zu dem Zeitpunkt noch nicht in die Hände von obdachlosen MitarbeiterInnen gelegt, weil es noch keine gab, die diese Aufgabe auch hätten bewältigen können. Grundsätzlich sollte jemand bei der Ausgabe der Zeitung anwesend sein, um einen Überblick über die Verkaufszahlen zu bekommen. Desweiteren war zunächst unklar, wie der Vertrieb aussehen sollte. Ein anderes Problem, das eigentlich im Vorfeld der Gründung von "mob" hätte geklärt werden müssen, bestand in einer Vereinbarung mit der BVG bezüglich der Genehmigung des Zeitungsverkaufs in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln.

Nebenbei zogen sich über längere Zeit schwierige Verhandlungen zwischen Vorstand und Redaktion über ihre Arbeitsverträge. Außerdem bemängelten die RedakteurInnen die langwierigen und zeitaufwendigen Verhandlungen wegen der Anschaffung notwendiger Arbeitsmittel wie z.B. Computer.[52]

Der Vorstand hatte grundsätzlich die Vorstellung, "in einem Team zusammen mit den RedakteurInnen, VerkäuferInnen und SchreiberInnen konstruktiv und kooperativ zusammenzuarbeiten."[53] Die RedakteurInnen beschrieben demgegenüber einen Grundkonflikt, der darin bestand, daß sie angehalten worden seien, mit den AutorInnen des bisherigen BINFOs zusammenzuarbeiten bzw. ihre noch unveröffentlichten Texte in "mob" zu drucken. Dieser Konflikt "war zum überwiegenden Teil etwas sehr Unterschwelliges, eher Atmosphärisches. Es hat einzelne Knalleffekte gegeben an bestimmten Punkten."[54]

Auch hier hat es keine genügende Auseinandersetzung und Absprache darüber gegeben, wo die Kompetenzen des einen enden und die des anderen beginnen. Die Vorstellung des Herausgebers, in einem Team zusammenarbeiten, erschien angesichts dieses 'Experiments Obdachlosenzeitung' verständlich, vernachlässigte aber die funktionale Arbeitsteilung in diesem Projekt, wo der Herausgeber zwar Arbeitgeber ist und die notwendigen entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, aber gleichzeitig die Gratwanderung zwischen Respektierung der redaktionelle Autonomie und Erfüllung der konzeptionellen Ziele des Projekts gewährleisten muß.

Innerredaktionelle Konflikte

Im Zuge der weiteren Arbeit spitzten sich die gegensätzlichen konzeptionellen Vorstellungen zwischen Lars F. und Sonja K. dahingehend zu, daß ersterer keine Motivation mehr verspürte, mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten, während letztere nach dem Motto verfuhr: "jeder kann kommen". Hinzu kamen drastische Differenzen in Bezug auf den Arbeitsstil. Während Lars F. wie ein "Buchhalter" Arbeitszeiten und Sitzungstermine festlegte, handhabte Sonja K. solche Verabredungen mit extremer Unverbindlichkeit. "Das prallte natürlich auch ständig aufeinander und mündete dann in dem Streß, daß keine Artikel von Sonja kamen oder zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, wo sie kommen sollten."[55] In der zweiten Ausgabe gab es aufgrund dieser innerredaktionellen Arbeitsschwierigkeiten kein Schwerpunktthema.

Die Beantwortung der Frage, warum diese Probleme nicht geklärt werden konnten, blieb letztlich unbefriedigend. Erklärend wurde von allen RedakteurInnen die ungenügende konzeptionelle Diskussion im Vorfeld und der enorme Zeit- und Konkurrenzdruck angeführt, der keinen Raum für interne Klärungsprozesse zuließ. Darüberhinaus schottete sich die Redaktion sowohl gegenüber dem Herausgeber als auch den Betroffenen bezüglich dieser Konflikte überwiegend ab, was im Nachhinein als Fehler eingeschätzt wurde.[56]

Sonja K. war thematisch für die "Szene" verantwortlich (Recherche, Kontakte etc.). Unabhängig davon, daß "es zuviel war" und sie sich damit überforderte, hielt sie diese zeitlich sehr aufwendige Arbeit aber für notwendig, da eine gewisse Anpassung an den "Rythmus der Szene" zur authentischen Berichterstattung unumgänglich sei. Aus diesem Grunde kam sie zu der nachträglichen Aussage, daß sie "eher damit leben kann, daß man 'ne Zeitung um eine Woche verschiebt, als daß man so arbeitet, daß man sie nur füllt."[57]

Nach dem Erscheinen der zweiten Ausgabe (8.4.) mit beschriebenen Mängeln zogen sich die RedakteurInnen für einen Tag zur Beratung zurück. Die Beschreibungen dieser Klärungsversuche waren sehr unterschiedlich und verdeutlichten nochmal die Diskrepanzen und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen ihnen. "Es war wie ein Strudel, in dem wir alle drin waren. Das Gefühl, daß es so nicht weiter gehen kann, hatten wir alle drei."[58]

Die Eskalation der Konflikte

Am Montag dem 18.4.94 kam Sonja K. ohne Abmeldung nicht zur Arbeit. Auch am darauffolgenden Tag erschien sie nicht, war aber auch nicht erreichbar. Bedingt durch die Tatsache, daß in den nächsten Tagen die kommende Ausgabe, zu der Sonja K. mit einigen Artikeln beitragen sollte, ins Layout gehen mußte, um zum Drucktermin gestalterisch vorbereitet zu sein, bekam diese Verzögerung ihre Brisanz. Die beiden anderen RedakteurInnen hielten diese Zuspitzung der bisherigen Unzuverlässigkeit für nicht mehr tragbar. Dennoch erhielt der Herausgeber eher zufällig Kenntnis von der aktuellen Situation als zwei Vereinsmitarbeiter am Mittwoch in der Redaktion erschienen. In einem Gespräch kamen beide Seiten zu dem Ergebnis, daß Sonja K. gekündigt werden soll. Die RedakteurInnen wollten aber vorher eine Abmahnung schreiben und abwarten bis sie wiederkommt, um Genaueres zu erfahren.[59]

Am Donnerstag, 21.4., erhielt Sonja K. ihre fristlose Kündigung per Bote und am Tag darauf nochmals per Post, wovon die Redaktion nur noch telefonisch unterrichtet wurde. Sonja K. ihrerseits versuchte vergeblich am Freitag den Vorstand telefonisch zu erreichen. Die Verkäufer meldeten sich nach der Kündigung und versicherten sie ihrer Solidarität und kündigten an, daß sie ab Montag in den Streik treten wollten. Sonjas Entgegnung, daß die Kündigung rechtens sei, konnte die Verkäufer nicht umstimmen, da es ihnen darüber hinaus um eine Klärung der genauen Funktion von BIN bezüglich "mob" ging und sie ihr mangelndes Mitspracherecht bei der gesamten Zeitungsarbeit anprangern wollten.[60]

Am Montag, 25.4., besetzten einige Verkäufer die Redaktionsräume. Sie verlangten von BIN eine öffentliche Stellungnahme in Form einer Pressekonferenz zu den Punkten: welche Ziele verfolgt BIN mit "mob", wie sieht die finanzielle Situation des Projekts aus und warum haben die Betroffenen kein umfangreicheres Mitspracherecht bei der Gestaltung und Weiterführung des "mob"-Magazins.[61] Diese Form der öffentlichen Auseinandersetzung lehnte der Vorstand ab und drängte auf nichtöffentliche Gespräche, was die Besetzer wiederum verweigerten. Ausschließlich Sonja K. erhielt Zutritt zu den besetzten Räumen. Sie forderte die Besetzer zu Gesprächen mit BIN auf und mahnte sie, daß nichts in den Räumen zerstört und verändert werden oder verlustig gehen darf.[62]

Dienstagmorgen ließ der Vorstand die Redaktionräume polizeilich räumen ohne die RedakteurInnen davon vorher in Kenntnis zu setzen bzw. ihre Zustimmung oder Meinung dazu einzuholen. Die Besetzer führten mittags ihre schon am Tag zuvor angekündigte Pressekonferenz durch, auf der sie ihre Kritik und Fragen an den Vorstand öffentlich machten. Der Vorstand, der bei der Pressekonferenz nicht anwesend war, erklärte: "Das ist uns nicht leichtgefallen, doch wir hatten Sorge, daß da Gelder wegkommen."[63]

Sonja K. forderte eine gemeinsame Sitzung von Redaktion und Vorstand, um eine Stellungnahme zu ihrem Verhalten, das zur Kündigung geführt hatte, und zur Entwicklung des gesamten Zeitungsprojekts abzugeben und zu diskutieren. Nachdem ihr das verweigert wurde und sie darüber hinaus vom Vorstand der Rädelsführerschaft geziehen wurde, da sie während der Besetzung die Redaktionsräume betreten, die Besetzung aber nicht beendet hatte, erschien ihr jede weitere Initiative zwecklos. Sie veröffentlichte anschließend ihre Stellungnahme in der Mai-Ausgabe des "Scheinschlag", einer Kiez-Zeitung in Berlin-Mitte.[64]

Die direkte Konsequenz aus der Eskalation der vorhandenen Konflikte bestand darin, daß zunächst keine Kommunikation zwischen den verschiedenen Parteien möglich war und auch nicht angestrebt wurde. Die Redaktion verurteilte die vom Vorstand initiierte polizeiliche Räumung und kündigte an, ihre Position auch öffentlich zu machen. Zeitweise überlegten sie auch, selbst zu kündigen.[65]

Circa eine Woche später verlangte die Redaktion bei einem Treffen mit dem Vorstand, daß eine Vereinssitzung anzuberaumen sei, auf der über die Räumung und die allgemeinen Krise diskutiert und gegebenenfalls auch Konsequenzen gezogen werden sollten, sprich: die Abwahl des Vorstands. Auf dem Hintergrund des Klimas, das von Konfrontation geprägt war, bestand die Reaktion des Vorstands laut Vera R. darin, auch die Redaktion zur Disposition zu stellen, falls selbiges mit dem Vorstand getan werden sollte. Damit konnte die Redaktion sich einverstanden erklären. Die geforderte Vereinssitzung fand sechs Wochen später statt.[66]

In der vierten Ausgabe von "mob" vom 1.Juni wurden Stellungnahmen der Redaktion und des Vorstands abgedruckt.

"Unausgesprochene Konflikte und Schwierigkeiten, im Anfangsstreß klare Übereinkünfte und Strukturen gemeinsam zu erarbeiten, aber auch Mißverständnisse und diffuse Unzufriedenheiten veranlaßten einen Teil der VerkäuferInnen, die Redaktionsräume zu besetzen und vorübergehend den Verkauf weitgehend zu blockieren." Die Redaktion stellte klar, daß sie "einer polizeilichen Räumung keinesfalls zugestimmt hätte." Sie habe sich entschlossen, "eine Fortführung von "mob" zu ermöglichen." Bezüglich des Konflikts mit dem Vorstand wegen der Besetzung und Räumung ließe sich kein weitgehenderes Ergebnis konstatieren, "als daß die vorhandenen, zum Teil gegensätzlichen Positionen veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können." "Für die Redaktion ist durch diese Krise nochmal sehr nachhaltig deutlich geworden, wie komplex und vielschichtig die Herausforderung ist, eine Zeitung von und mit Obdachlosen auf den Markt zu bringen und dort zu behaupten."[67]

"Um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden und im Interesse der Mehrheit der VerkäuferInnen sah sich BIN e.V. gezwungen, die Redaktionsräume räumen zu lassen. Dieser Schritt ist uns nicht leicht gefallen." Den Anlaß der Besetzung, "das Ausscheiden einer Redakteurin", will der Vorstand aber nicht öffentlich diskutieren. Die Aktion habe den Vorstand insofern überrascht, als die Unzufriedenheit einiger VerkäuferInnen, die als Hintergrund ausgemacht werden, bis zu dem Zeitpunkt nicht an den Vorstand herangetragen worden sei. Als Antwort auf die erhobenen Vorwürfe verweist der Vorstand darauf, "daß alle Vereinssitzungen und die monatlich stattfindenden Redaktionskonferenzen öffentlich waren und sind. Auch die VerkäuferInnen waren dazu eingeladen." Aber: "Sicherlich ist es noch nicht gelungen, die VerkäuferInnen optimal in den Redaktionsbetrieb mit einzubeziehen. Dazu gehört ganz bestimmt mehr als offene Redaktionskonferenzen und Mitgliederversammlungen." Zur finanziellen Situation stellte der Vorstand fest, daß sich "mob" noch nicht selbst trage und BIN die Zeitung mit Spendengeldern finanziere. Bisher habe "mob" 55.000,- DM von BIN erhalten. "Dem Projekt geht es ausschließlich darum, - neben den politischen und journalistischen Zielen - den Wohnungslosen eine Chance zu geben, sich mit der Zeitung zu identifizieren, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen, Selbstbewußtsein und Initiativen zu entwickeln sowie selbstverständlich, sich damit Geld zu verdienen."[68]

Auf der nächsten Redaktionssitzung nach Erscheinen der vierten Ausgabe, an der auch eine Autorin der Stellungnahme des Vorstands teilnahm, kam es zu einer heftigen Debatte darüber, daß der Vorstand sich im Nachhinein nicht von der Räumung distanziert hatte, was die meisten Anwesenden für durchaus angebracht gehalten hätten.

Die Ruhe...

Nachdem der Mai noch von den "Nachwehen" der Besetzung geprägt war, wurde es im Juni zunehmend ruhiger in der Redaktion. Auf einen Vorschlag von Lars F. begann Tjark K. Anfang Juni als dritte Kraft mit seiner Arbeit in der Redaktion. Er hatte journalistische und redaktionelle Erfahrungen durch seine Veröffentlichungen in verschiedenen Berliner Zeitungen. Durch seine jahrelange Arbeit in einem AIDS-Projekt war er vertraut mit der Problematik der Balance zwischen Abgrenzung und Emphatie bezogen auf die Klientel. Es stellte sich schnell heraus, daß er dieser Anforderung souveräner gerecht wurde im Gegensatz zu dem vorherigen Arbeitsstil der Redaktion, indem er sich einerseits mit den Betroffenen zusammensetzte und auch ihre Texte kritisierte, sich aber andererseits nicht verwickeln ließ, was sich z.B. darin ausdrückte, daß er im Falle einer zu extensiven Anwesenheit von Betroffenen die nötige Grenze zu ziehen imstande war. Der Effekt davon war eine Entlastung für alle. Sowohl periodisch stattfindende interne Redaktionsbesprechungen als auch Absprachen zeitlicher und inhaltlicher Art konnten realisiert werden. Die Vorbereitungen für die fünfte Ausgabe gestalteten sich konstruktiv und bis auf finanzielle Engpässe schien sich die Zeitungsarbeit zu stabilisieren. Zudem hatte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Redaktion und Betroffenen als Konsequenz der Besetzungsaktion eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem Kern von sechs bis acht Obdachlosen entwickelt.[69]

...vor dem Sturm

Am 28. Juni fand die von der Redaktion geforderte Vereinsitzung statt, an der diese Gruppe von obdachlosen Mitarbeitern auch teilnahm. Die späte Terminierung dieser Vereinssitzung hatte der Vorstand damit begründet, daß einer kurzfristigen Einladung nur wenige Vereinsmitglieder würden folgen können. Dennoch erschienen zu diesem Termin neben dem vierköpfigen Vorstand lediglich vier weitere Mitglieder,[70] die über die vergangenen Konflikte und Debatten gar nicht informiert gewesen seien. Die Intention der Redaktion, den Vorstand nach einer Diskussion über die Verantwortung für die Besetzung und Räumung von den Mitgliedern abwählen zu lassen, erschien in Anbetracht dieser Situation unrealistisch.[71]

Stefan S., Vereinsmitglied und BINFO-Autor, verteilte auf dieser Sitzung seinen Gegenentwurf zu dem offiziell vom Vorstand veröffentlichten, der eine gänzlich andere Perspektive dieser Krise vermittelte. "Wir haben damit (der Räumung, d.V.) vor unseren eigenen Ansprüchen kapituliert und etwas getan, was wir nie hätten tun dürfen. Auch der Anlaß der Besetzung war ein eindeutiger Fehler unsererseits. Wir haben eine unserer Redakteurinnen fristlos gekündigt, obwohl eine erste Abmahnung das übliche Verfahren ist. (...) Wir haben uns in der positiven Resonanz auf "mob" gesonnt und völlig übersehen, daß damit völlig neue Herausforderungen auf uns zukommen, die unser bisheriges sozialpädagogisches Selbstverständnis völlig in Frage stellen. Die Wohnungslosen bei "mob" sind nicht unsere Klienten, sondern Partner, mit denen wir kooperieren wollen und müssen. "mob" ist ihre Zeitung und nicht unsere. Wir sind nur Herausgeber. (...) Wir haben dem Projekt nicht genügend Autonomie gewährt, sondern die Beteiligten nur in begrenztem Umfang partizipieren lassen. (...) Wir ziehen daraus die Konsequenz, für diesen Fehler die politische Verantwortung zu übernehmen und als Vorstand geschlossen unseren Rücktritt zu erklären. Nur ein personeller Wechsel im Vorstand des Herausgebervereins kann sicherstellen, daß der Vertrauensbruch, den wir allein zu verantworten haben, nicht zu einem Problem eskaliert, der das Projekt ernsthaft in Gefahr bringt."[72]

Die ohnehin vorhandene Polarisierung der Debatte wurde laut Vera R. durch den Vorstand noch vorangetrieben, indem dieser die schlechte finanzielle Situation der Zeitung mit einer unzureichenden Motivation der VerkäuferInnen in Verbindung brachte, obwohl gerade diejenigen, die sich mittlerweile kontinuierlich engagierten, anwesend waren. Für die Redaktion war eine weitere Zusammenarbeit mit diesem Vorstand nicht mehr machbar, sie hatte ihrerseits unter diesen Umständen eine Kündigung ernsthaft in Erwägung gezogen. Abschließend, nach massiven Angriffen auch seitens der Betroffenen, habe sich der Vorstand gezwungen gesehen, seine Tätigkeit als Herausgeber einzustellen.[73]

Regina T. vom Vorstand beschrieb die Vorwürfe als teilweise diffamierend und es sei deutlich zum Ausdruck gekommen, daß eine fachliche und inhaltliche Mitarbeit von BIN nicht mehr gewünscht wurde. Entscheidender aber war der finanzielle Stand der Zeitung. "Unsere Überlegungen, das Projekt zu halten, sind in dem Moment zerronnen, als wir Klarheit über die finanzielle Situation erlangten. Das Projekt war betriebswirtschaftlich nicht mehr zu halten. Die völlig unzureichenden Vorschläge von Lars F., das Projekt finanziell zu retten und die Stellen zu halten, haben wir von einem fachlich qualifizierten Berater überprüfen lassen und sind auch nach eingehender Beratung durch unsere Anwälte zu dem Schluß gekommen, daß wir die "mob" finanziell abwickeln mußten. Hätten wir dies nicht getan, wären wir nicht nur mit einem "blauen Auge" davongekommen, sondern mit einem Riesenberg Schulden."[74]

Finanzielle Entwicklung und Vertrieb

"mob" hatte mit 100.000 DM begonnen und 70.000 DM durch den Verkauf der ersten fünf Ausgaben eingenommen. Von diesen 170.000 DM entfielen in dem Zeitraum vom 1.2.- 31.7.1994 für Gehaltskosten ca. 70.000 DM und für Produktionskosten (Layout, Druck etc.) ca. 50.000 DM. Die laufenden Kosten wie Miete, Telefon, Strom etc. schlugen für dieses halbe Jahr mit ca. 35.000 DM zu Buche und Anschaffungen vom Briefpapier bis zum Computer wurden in der Höhe von ca. 15.000 DM getätigt.[75]

Die durchschnittlich verkauften 14.000 Exemplare jeder Ausgabe reichten bei weitem nicht zur Deckung der Kosten. Die anfängliche Überlegung ging dahin, die rein technischen Produktionskosten durch Anzeigen zu kompensieren, und das Projekt monatlich mit einer verkauften Auflage von 25.000 Exemplaren zu stabilisieren. Weder das eine, noch das andere ließ sich realisieren, so daß das Startkapital zur Deckung genutzt wurde.[76]

Der Vertrieb, die Ausgabe der Verkäuferausweise und der Zeitungen, gestaltete sich am Anfang sehr chaotisch. "Es war alles 100%ig durchdacht, es funktionierte nur einfach nicht, beim besten Willen nicht."[77] Es war keine Übereinstimmung herstellbar zwischen der formal festgehaltenen Menge an ausgegeben Zeitungen und der Summe des eingenommen Geldes. Einen Monat lang sei es "kunterbunt durcheinander" gegangen, nach der Einführung neuer Formblätter und anderer Veränderungen habe sich die Erfassung der Abläufe der Realität etwas mehr angenähert. Nach einigen Monaten wäre, nach Meinung von Lars F., wahrscheinlich ein zufriedenstellender Zustand erreichbar gewesen, doch die Zeit und das Geld haben nicht ausgereicht. Hätten sie den Vertrieb von heute auf morgen effektiver gestalten wollen, hätte das bedeutet, diese Arbeit einem "Profi" zu überantworten und nicht mehr von Betroffenen durchführen zu lassen. Das aber wollten sie nicht.[78]

Darüber hinaus lag das wahrscheinlich größte Manko des Vertriebs in der mangelhaften Präsenz von "mob" auf der Straße. "Das ist ja das, was im Grunde genommen so bitter daran ist, daß eine Zeitung, die sich sehr wohl in einer kostentragenden Auflage verkauft hätte, wenn denn alle, die sie kaufen wollten auch hätten kaufen können. Daß das eben nicht möglich war, den Vertrieb so zu organisieren, daß sie ausreichend verkauft worden ist."[79]

Das hier angedeutete Problem läßt sich meines Erachtens auch mit einem effektiver strukturierten Vertriebsablauf nicht unmittelbar aus der Welt schaffen, tangiert es doch die Motivation und das Engagement der VerkäuferInnen. In einem Gespräch mit drei quasi hauptamtlichen, obdachlosen Mitarbeitern von "mob" wurden mehrere Erklärungsansätze beschrieben, die ich hier kurz auflisten will.

  • Zunächst stellt es generell eine Überwindung dar, ZeitungsverkäuferIn zu werden, weil man sich dadurch als Obdachlose(r) "outet".
  • Die ganz überwiegende Mehrheit kommt nur einmal, um sich die obligatorischen ersten zehn Freiexemplare zu holen und erscheint dann nie mehr. Bei "mob" gibt es ca. 20 Obdachlose, die regelmäßig verkaufen, aber 380 sind als VerkäuferInnen registriert.(Dez.'94)
  • Die meisten VerkäuferInnen gehen ihrer Tätigkeit aus rein finanziellen Gründen nach. Sie verstehen die Zeitung nicht als ihr Projekt, als ihr Sprachrohr.
  • Letzteres hat Auswirkungen auf ihr Verkaufsengagement, auf die Art und Weise, wie sie potentiellen KäuferInnen gegenübertreten. Angebotene Vertriebstreffen oder VerkäuferInnenschulungen werden kaum wahrgenommen bzw. als Bevormundung empfunden.
  • Zum Verkauf gehört ein offensives und lautstarkes Auftreten, was anstrengend ist und teilweise weniger Geld einbringt als das traditionelle Betteln.
  • Weit verbreitete Unzuverlässigkeit und Unverbindlichkeit: sie haben ein anderes Zeitgefühl, leben von einem Tag zum anderen.
  • VerkäuferInnen kommen nicht mehr wieder, weil sie Zeitungen auf Kommission gekauft haben und diese nicht bezahlen können.
  • Die Zeitungen werden auch über einige Wärmestuben vertrieben. Von Bedeutung ist dabei, ob die dortigen SozialarbeiterInnen die VerkäuferInnen unterstützen und motivieren.
  • Feststellbar ist eine Motivationssteigerung und Identifizierung durch den Abdruck eigener Texte in der Zeitung. Nur ist die Angst vor dem Schreiben sehr groß.[80]

Diese Aspekte erwähnten auch die Verantwortlichen der anderen Berliner Obdachlosenzeitungen.

Durch diese Auflistung soll allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, daß das finanzielle Ende von "mob" I den VerkäuferInnen anzulasten sei. Die gravierenden betriebswirtschaftlichen Mängel wurden erst im Nachhinein deutlich, nachdem der Vorstand einen erfahrenen Buchhalter mit der Aufarbeitung der Buchführung beauftragt hatte. "Leider haben wir uns in der fachlichen Qualifikation von Lars F. getäuscht. Das Projekt wäre sicherlich völlig anders gelaufen, wenn wir einen Menschen eingestellt hätten, der einen formalen Abschluß in Betriebswirtschaft und Buchhaltung vorweisen kann und über die nötige Erfahrung mit Projekten verfügt, und der engagiert mit den Betroffenen an dem Projekt gearbeitet hätte."[81]

Daß der Vertrieb nicht effektiver und nachvollziehbarer strukturiert und die Buchführung laut des Buchprüfers mehr als ungenügend durchgeführt wurde, ist überwiegend dem informellen Geschäftsführer Lars F. anzulasten. Die Begründung, sie, also die Redaktion, hätten den Vertrieb den Betroffenen nicht entziehen wollen, entbindet sie ja nicht der Verantwortung für dessen Funktionsfähigkeit. Ein Betroffener äußerte sich dahingehend, daß der Geschäftsführer durchaus hätte Einfluß nehmen können, daß er aber nicht den "Nerv" gehabt hätte, "in dieses Chaos einzugreifen". Die Konzentration aller drei Hauptamtlichen auf die redaktionelle Arbeit und die daraus resultierende Vernachlässigung der Vertriebsarbeit war nicht geplant und läßt sich allenfalls mit der nicht vorhandenen Erfahrung bezüglich eines Zeitungsprojekts rechtfertigen.

Der Herausgeber muß sich fragen lassen, warum er nicht frühzeitiger seinem Recht und seiner Verantwortung nachgekommen ist und detaillierte Zahlen und Abrechnungen verlangt hat.


"mob" - Obdachlose machen mobil

Stefan S., BIN-Mitglied und BINFO-Autor, hat sich seit dem "Zoff bei mob" [82] in der Zeitung engagiert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule der Künste. Nach der finanziellen Abwicklung führte er die Gespräche mit dem bisherigen Herausgeber über die Weiterführung des Projekts.In den Verhandlungen einigte man sich darauf, daß die angemieteten Räume und die notwendigen Arbeitsmittel wie Computer, Fax und Telefon gegen Übernahme der entsprechenden Kosten von dem neuen Träger weiterhin genutzt werden können. Die 160.000 vorhandenen, nicht verkauften Exemplare der bisherigen Ausgaben stellten das Startkapital des am 1.August gegründeten neuen Trägervereins "mob - Obdachlose machen mobil" dar.

Nach zähen Verhandlungen konnten die Layout- und Druckkosten reduziert und durch Reglementierungen die laufenden Bürokosten eingeschränkt werden, so daß sich die monatlichen Fixkosten von vorherigen 15.000 DM auf aktuelle 8.000 DM verringerten.[83] Zudem entfielen die bisherigen Gehaltskosten, da die jetzigen 'Profis' ehrenamtlich arbeiten.

Die erste Ausgabe der neuen "mob" erschien am 28. September. "mob" II hat quasi bei Null angefangen. Das Geld zur Finanzierung einer neuen Ausgabe mußte immer erst durch einen genügenden Verkauf der letzten erwirtschaftet werden. Diese Notwendigkeit den Betroffenen immer wieder zu erklären, sei unumgänglich und mühsam gewesen, habe aber mittlerweile dazu geführt, daß sie einen Finanzplan erstellt hätten.[84]

Redaktionelle Arbeit

Stefan S. beschrieb das Arbeitsprinzip der neuen Redaktion, in der Obdachlose gleichberechtigt mitarbeiten, als ein gänzlich anderes. "Wir arbeiten mit dem Chaos und nicht gegen das Chaos, würde ich mal vereinfachend sagen. Und wenn Probleme auftreten, dann ist die Lösung also nicht, das Chaos zu reduzieren, sondern es voranzutreiben."[85] Sozialarbeit habe bisher immer autoritär funktioniert und lasse keine Selbstbestimmung und Selbstorganisationsformen der Leute zu.

Zentrale Bedeutung für die Redaktionsarbeit habe der Computer. Einige der Betroffenen haben sich nach einer Einführung diese Fähigkeiten angeeignet. Insgesamt existiere nun das Bewußtsein, daß alle möglichen Texte in den Computer eingegeben werden müssen, um potentiell für die Zeitung nutzbar zu sein. Diese Entwicklung habe maßgeblich dazu beigetragen, daß zunehmend mehr Beiträge der Wohnungslosen in der Zeitung stehen. Stefan S. mißt dem einen hohen pädagogischen Stellenwert bei, da soziale Arbeit bisher darin bestand, Menschen immer nur mit etwas zu versorgen, sie aber von Kompetenzen weitgehend ausgeschlossen blieben. Beim Computer sei das anders: die Leute haben einen Zugriff darauf, können sich die Fähigkeiten aneignen, es gibt keine Vorgaben seitens der Maschine, sie können schreiben was sie wollen und es verwenden, wie sie wollen.

"Das ist eine Lebensgemeinschaft, die Leute leben in diesem Projekt, in diesen Räumen. Sie arbeiten da tagsüber, sie saufen da abends manchmal und sie pennen da nachts. Und zwar Leute, mit einem ganz hohen Konfliktpotential, die es aber immer schaffen, sich irgendwie zusammenzuraufen."[86] Er bezifferte die Gruppengröße mit fünf bis fünfzehn. Vier bis fünf wohnen dort, und wenn es kalt wird, können es auch acht bis zehn werden. Zudem gebe es einige Leute, die jeden Tag anwesend sind.

Es habe sich ein innerer Kreis herausgebildet, der die täglichen Öffnungszeiten von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr gewährleistet. Diesem Kreis sei mittlerweile, nachdem sie die dritte Ausgabe erstellt haben, auch die Logik der Zeitungsproduktion klar:

Erscheinungsdatum am Monatsanfang - Drucken gegen Ende des vorherigen Monats - davor Layout - hierfür Strukturierung der Ausgabe nötig - Artikel müssen geschrieben sein - Planung der Ausgabe und Themen. Das sei ein kollektiver Lernprozeß, der die Leute befähigt, perspektivisch zu denken und sich auch schon Gedanken über die übernächste Ausgabe zu machen.

Betriebswirtschaftliche Führung

Jens L.[87], der die Aufarbeitung der Buchführung von "mob" I im Auftrag von BIN durchgeführt hatte, übernahm bei der neuen "mob" die betriebswirtschaftliche Führung des Projekts. Es wurden Vertriebsstrukturen und Kontrollmechanismen eingeführt, die sämtliche Bewegungen von Zeitungen und Geld nachvollziehbar machen.

Das Projekt hatte sich bis Anfang Dezember finanziell stabilisiert, obwohl sich die letzten Verkaufszahlen "bedenklich" entwickelt hatten. Nachdem von der sechsten Ausgabe, also der ersten "neuen mob", 25.000 Exemplare verkauft wurden, waren es von der siebten nur noch 15.000 Stück. Zu dem Zeitpunkt des Interviews waren von der aktuellen achten Ausgabe nach einer Woche 2.500 Exemplare verkauft. Die Auflagenhöhe von 50.000 soll ab Januar '95 auf 30.000 reduziert werden, wobei die finanzielle Ersparnis nur gering sein wird.[88]

Die seit Juli laufende Spendenkampagne für "mob" hatte bis zum 30.11.94 über 5.000 DM erbracht und das Anzeigenvolumen konnte erhöht werden. Es standen noch offene Rechnungen von "mob" I aus und es werden Ablösungen an BIN für die Computer zu zahlen sein, so daß Rücklagen gebildet werden sollen. Insgesamt aber stellt die Zeitung einen Zweckbetrieb des gemeinnützigen Vereins "mob - Obdachlose machen mobil" dar, der sich selbst trägt.[89]

Resümee

Die Beschreibung der Entwicklungen von "mob" I ist notwendigerweise lückenhaft, eine Skizze eben und kein Bild, hätte sie doch sonst den drei- bis vierfachen Umfang, wären alle Positionen, Widersprüche und Unklarheiten der an diesem Prozeß beteiligten AkteurInnen dargestellt worden. Daß die Obdachlosen in diesem Entwicklungprozeß eher am Rand zu stehen scheinen, ist aber kaum der selektiven Wahrnehmung des Autors geschuldet, als vielmehr die Widerspiegelung des Grundkonflikts dieser neuen Art von Zeitung, der bei "mob" am deutlichsten in Erscheinung getreten ist.

"An einer Frage jedoch kommt keine dieser Zeitungen vorbei: Zeitung f ü r Obdachlose - dann sind sie Verkäufer und die Zeitung ist Einnahmequelle - oder Zeitung m i t Obdachlosen. Letzteres erfordert Mitspracherecht der Unbehausten in redaktionellen und allen anderen Fragen."[90]

"Um die Zeitungsarbeit und die betriebswirtschaftliche Organisation möglichst professionell zu gestalten"[91], hatte BIN drei RedakteurInnen angestellt, womit ungewollt, aber zwangsläufig der 'Raum' für Obdachlose in der Redaktion eng wurde. Darüber hinaus ziehen drei Festanstellungen finanzielle Sachzwänge nach sich, die redaktionelle Flexibilität und Experimente nicht zulassen, und vor allem benötigt der Prozeß der Einbeziehung und des Hineinwachsens von obdachlosen Menschen in die Zeitungsarbeit sehr viel Zeit, die in einem professionell angelegten Redaktionsablauf nicht vorhanden ist.

Die personelle Zusammensetzung der Redaktion und die Kürze der Vorbereitungszeit verursachten Konflikte während der Produktionsphasen, die eigentlich im Vorfeld entschärft oder geklärt werden sollten. Hier liegt meines Erachtens die Verantwortung des Herausgebers, der aus der Überzeugung, schnell auf die kommende Konkurrenz aus Paris reagieren zu müssen, die nötige Sorgfalt bei der Auswahl der zukünftigen Redaktion hat vermissen lassen, sind doch diese Stellen nicht einmal öffentlich ausgeschrieben worden, wodurch keine personelle Alternative zu der dann eingestellten Redaktion zur Auswahl existierte.

Die polizeiliche Räumung der Besetzung halte ich für einen fatalen Fehler, läßt doch dieses "mit Kanonen auf Spatzen schießen" ein Kooperationsverständnis zum Ausdruck kommen, das wenig Raum für reale Gleichberechtigung und Mitsprache schaffen kann.

Die Redaktion ihrerseits hat es versäumt, sowohl ihre internen Arbeitsprozesse zu strukturieren, als auch die Mitarbeit von Obdachlosen in eine institutionelle Form zu bringen. Mit der Einstellung von Tjark K. sind solche Ansätze realisiert worden, wodurch belegt scheint, daß die konstruktive Zusammenarbeit von 'Profis' und Obdachlosen möglich ist. Ein gravierender Irrtum bestand meiner Meinung nach darin, daß sich die Redaktion aus gut gemeinter Loyalität nach außen abschottete, wodurch ihre internen Konflikte diese Eigendynamik annehmen konnten. Die Hinzuziehung von außenstehenden Personen, sei es z.B. jemand aus der Redaktion von "Hinz & Kunz(t)" aus Hamburg oder eine professionelle Supervision, und die damit zwangsläufig festzulegenden Zeiten für Diskussionen und Reflexionen hätten durchaus die Entwicklung produktiverer Arbeitsgrundsätze mit sich bringen können.

Ein Resultat der nicht genügend geleisteten Strukturierung der Arbeitsprozesse des gesamten Projekts war der mangelhafte Vertrieb. Lars F. als informeller Geschäftsführer und betriebswirtschaftlicher Leiter von "mob" scheint mit der Dimension der an diesen Posten verbundenen Aufgaben überfordert gewesen zu sein, sind doch im Nachhinein Unzulänglichkeiten offenbar geworden, die sich zur Zeit in einer juristischen Klärung befinden[92] und zu einer nachträglichen kritischen Distanz der Betroffenen zum Geschäftsführer geführt haben, nachdem im Zuge der Krise um die Räumung der besetzten Redaktionsräume die Redaktion und die VerkäuferInnen enger kooperiert hatten.[93]

Die Umstrukturierung von einer 'professionellen' zu einer von den Betroffenen selbst erstellten Zeitung scheint mir gelungen. Der verringerte finanzielle Druck durch die Reduzierung der Fixkosten schafft Freiräume, Variationsmöglichkeiten und ein größeres Maß an Zeit, um den vorhandenen Kapazitäten und Fähigkeiten der Betroffenen gerecht zu werden. Die Problemhaftigkeit dieses "Selbstfindungsprozesses" und die Tatsache, daß die Betroffenen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit und in dem Projekt leben und es gleichberechtigt mitgestalten, macht die Bedeutung der Entwicklung von "mob" I zu "mob" II aus.


HAZ

Der Herausgeber

George Mathis begann als Straßenverkäufer anderer Obdachlosenzeitungen in Paris, bevor im Juli '93 die von ihm gegründete "Le Reverbere" erschien. Der ehemalige Fern- und Taxifahrer hatte nach der Scheidung acht Jahre auf der Straße gelebt. Den Erfolg der Zeitung, von der mindestens 200.000 monatlich verkauft werden, führt er auf die Tatsache zurück, daß sie die einzige in Paris ist, die "auf der Straße geschrieben wird", also "auf Baustellen, Bänken oder in Cafes". Die Überschüsse fließen in die Krankenversorgung, Suchtbehandlung und Rentenfinanzierung von Obdachlosen.

Die "HAZ" in Berlin "soll inhaltlich und vielseitig die Armut vertreten, aber unabhängig sein von Senatssubventionen. Ich will Politiker und Wirtschaftsbosse drängen, sich stärker zu engagieren, Parteien zu Äußerungen zwingen."[94] 

Der verantwortliche Redakteur

Frank K.[95] ist gelernter Einzelhandelskaufmann und arbeitete ein Jahr in diesem Beruf, bevor er für acht Jahre auf Erdölmontage ins Ausland ging, wo er das Trinken begann. Nach seiner Rückkehr begann er mit einem Entzug und einer Therapie, woraufhin er aber einige Wochen später wieder rückfällig wurde. Die folgenden zwei Jahre waren von seiner extremen Alkoholsucht geprägt, in deren Verlauf er seine Frau und sein Kind sowie seine Arbeit verlor. Ein Jahr verbrachte er in "Läusepensionen", am Bahnhof Zoo oder er "machte Platte" (unter freiem Himmel nächtigen, d.V.) irgendwo in der Stadt. Seit Sommer 1990 ist er "trocken".

1992 machte er sich mit Hilfe eines Freundes selbstständig, gründete eine Werbefirma, erstellte Visiten- und Speisekarten, führte Auto- und Bauträgerbeschriftungen durch. Seit Mitte '93 hatte er die Idee einer Zeitung, in der, ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung, der mit dem Alkoholismus verbundene soziale Abstieg inclusive Obdachlosigkeit an die Öffentlichkeit gebracht werden sollte. Durch eine Fernsehsendung erfuhr er von "Hinz & Kunz(t)", insbesondere dem Vertrieb über den Straßenverkauf durch die Obdachlosen selber, was ihn zu der Überzeugung kommen ließ, das Gleiche in Berlin zu realisieren. Mit seinem Freund entwickelte er das Konzept der Zeitung und installierte das Layout auf dem Computer. Anfang '94 erfuhr er von den anderen Berliner Zeitungsprojekten. Er nahm dann am "Runden Tisch" am 19.2. teil, woraus die Zusammenarbeit mit George Mathis entstand.

Die Vorbereitungen

George Mathis hatte durch ein Interview, das die "Berliner Zeitung" mit ihm in Paris geführt hatte, erfahren, daß es in Berlin noch keine Obdachlosenzeitung gab. "Wir fuhren nach Berlin, berichteten in "Le Reverbere", nahmen über die "Ratten" (eine Berliner Theatergruppe von Obdachlosen, d.V.) Kontakt zur Szene auf und spürten Interesse."[96] Die genaueren Umstände dieser Kontakte und der Erstellung der ersten Ausgabe, die beim "Runden Tisch" vorgelegt wurde, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Ein geplantes zweites Interview mit Frank K. kam nicht zustande, darüber hinaus erhielt ich keine Antwort auf drei Briefe mit einigen konkreten Fragen und telefonisch war ebenfalls niemand in der Redaktion erreichbar.

Die Vereinbarung zwischen "Le Reverbere" und "Platte" sah laut Frank K. so aus, daß letztere nicht erscheinen wird und die Berliner die Herstellung und den Vertrieb der "HAZ" übernehmen werden, gedruckt werden sollte in Paris. Es wurde der Förderverein "HAZ e.V." und die "HAZ Verlags GmbH" gegründet, wobei die Gesellschaft die Produktion übernahm, während der Verein die Überschüsse verwaltete. Einziger Gesellschafter war George Mathis.

Kurz darauf wurden 30.000 Exemplare der ersten Ausgabe als kostenlose Starthilfe nach Berlin geschickt, die aber wieder eingestampft werden mußten, weil sie Bilder enthielten, die ohne Zustimmung der Inhaber der Veröffentlichungsrechte abgedruckt worden waren. Es erfolgte ein Neudruck ohne diese Streitobjekte. Es wurde noch eine Nachauflage geschickt, die aber niemand angefordert habe.[97]

Redaktionelle Arbeit

Die zweite Ausgabe wurde von der Berliner Redaktion erstellt, die aus vier Personen bestand, die alle entweder arbeits- oder obdachlos waren und trockene Alkoholiker. Dazu kam eine in Paris lebende professionelle deutsche Journalistin. Die Zeitung wurde auf einer Diskette nach Paris geschickt, wo sie gedruckt wurde. Hier entstanden erste Unstimmigkeiten, da Texte gestrichen bzw. gekürzt wurden.

Vertrieb und Finanzen

Nach dem Verkaufsstart der ersten Berliner Obdachlosenzeitung am 9. März '94 war der Andrang von Obdachlosen, die Verkäufer werden wollten, laut Frank K. sehr groß. Es gab einen Vertriebsbus am Bahnhof Zoo, von dem aus der Verkauf organisiert wurde.

Aufgrund der großzügigen Ausgabe von Freiexemplaren in der ersten Zeit bezifferte Frank K. die Einnahmen der Verlags GmbH mit ca. 40.000 DM für die ersten beiden Ausgaben. Als die Nachauflage der zweiten Ausgabe geliefert werden sollte, sei stattdessen der Gesellschafter gekommen, um die Finanzen zu überprüfen und die Einnahmen nach Paris zu überweisen. Die Buchführung habe er einsehen können, aber die kompletten Einnahmen seien ihm verweigert worden. Zum einen gab Meinungsunterschiede über die Anzahl der gelieferten Menge und andererseits seien von den Überschüssen schon Projekte gestartet worden. Dem Gesellschafter sei daraufhin die Erstattung der Druckkosten angeboten worden, was dieser ablehnte.

Es war mir nicht möglich, diesen Konflikt aus benannten Gründen detaillierter zu beschreiben. George Mathis äußerte sich dazu kurz in einem Interview: "Die alte Mannschaft hat die Gelder nicht sachgerecht verwaltet. Das klären die Gerichte. Keine Einnahmen wurden aber nach Paris abgefordert. Eine Redaktion hat es eigentlich nicht gegeben, inhaltlich war die Zeitung nicht gut."[98] Zu dem Zeitpunkt des Interviews mit Frank K. war dieser Streit noch offen, es waren noch keine Zahlungen erfolgt.

Mit der Entlassung des Berliner Geschäftsführers der GmbH endete die Zusammenarbeit und die Redaktion machte sich selbstständig.

Die Redakteurin

Nach der Kündigung bei "mob" setzte sich Sabine G., die Rechtsanwältin und Vertreterin von George Mathis in Berlin, mit Sonja K. in Verbindung, die Gesprächsbereitschaft signalisierte. Ihr Motiv war, daß sie journalistisch in der Art und Weise weiterarbeiten wollte, wie sie es bei "mob" begonnen hatte. In den folgenden zwei Gesprächen wurde ihr ein Einstellungsangebot unterbreitet, das sie unter zwei Bedingungen annahm. Die Zeitung sollte komplett in Berlin produziert und die potentiellen Überschüsse sollten ebenfalls in Berlin verwendet werden.[99]

Die Vorbereitungen

Innerhalb eines Monats realisierte Sonja K. in Zusammenarbeit mit Sabine G. die Herausgabe der dritten Ausgabe der "haz". Ein kleines Büro mit Computer stand zur Verfügung, Layout, Druck und Vertrieb mußten neu organisiert werden. Wichtig war ihr, den Betroffenen in der Szene ihren Wechsel zu vermitteln und sich gleichzeitig das Veröffentlichungsrecht für bestimmte Dinge zu sichern, was sich als problemlos herausstellte. Für die inhaltliche Gestaltung hatte sie anfangs kein ausgearbeitetes Konzept, sie verwendete erstmal schon begonnene und fertiggestellte Artikel.

Wesentlich an dieser ersten Ausgabe war für sie, daß sich George Mathis in einem Interview zu seinen Vorstellungen über die "haz" äußerte, insbesondere was die Verwendung der Überschüsse betraf.[100]

Die redaktionelle Arbeit

Sonja K. empfindet es als großen Mangel, daß es für die "haz" keine größeren, geeigneten Räume gibt, die sowohl als fester Anlaufpunkt für die Betroffenen als auch für Redaktionssitzungen nutzbar wären. Die Zeitung macht noch nicht soviel Gewinn, um größere Gewerberäume mieten zu können. Ihre Bemühungen, ein Objekt zu finden, wo Redaktionsräume und Wärmestube getrennt, aber nahe zueinander gelegen sind, sind noch nicht abgeschlossen.

Am "haz"-Bus am Zoo, dem einzigen Vertriebspunkt der Zeitung, lassen sich keine Redaktionssitzungen durchführen, so daß sie sich auf eine Einzelarbeit mit den Obdachlosen, die schreiben konzentriert hat. Regelmäßig schreiben fünf Betroffe, und unregelmäßig fünf weitere, was bedeutet, daß sie mit letzteren, oft Wochen nachdem sie von ihnen einen Text erhalten hat, das Manuskript mit ihnen überarbeiten kann. In der Regel erhält sie handschriftliche Texte, die sie korrigiert, per Computer abschreibt und anschließend mit den Autoren diskutiert, was zur Zeit nur extensiv für sie zu bewältigen ist.[101]

Vertrieb und Finanzen

Nach anfänglich eigenhändiger Führung eines Kassenbuches hat mittlerweile ein Steuerberater die Buchführung übernommen. Am Vertriebsbus wird jedes verkaufte Exemplar eingetragen. Die Nummer des Verkäufers, an den die Zeitungen ausgegeben werden, wird vermerkt und er zeichnet auch gegen. Es findet ein täglicher Abschluß dieser Buchhaltung statt. Am Ende jeder Ausgabe gibt es eine Bestandskontrolle, so daß insgesamt eine relativ lückenlose Erfassung des Zeitungsverkaufs durchgeführt wird.[102]

Die "haz" begann mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren, von denen die Hälfte verkauft wurde. Mit der nächsten Ausgabe wurde die Stückzahl auf 30.000 reduziert und nur 13.000 wurden verkauft, was das bisherige absolute Tief darstellte und auf den sehr heißen Juli zurückgeführt wurde. Die Verkaufszahlen haben sich dann bei etwa 20.000 Exemplaren eingependelt.

Die Kosten inclusive Gehalt, Layout, Druck, Miete, Telefon etc. belaufen sich auf ca. 17.000 DM, womit ein Überschuß von 3.000 DM bei entsprechenden Verkaufszahlen erreicht wird. Unkalkulierbare zusätzliche Kosten wie z.B. Reparaturen am Vertriebsbus lassen Sonja K. zu der Einschätzung gelangen, daß die Überschüsse nicht dazu ausreichen, sich vertraglich bei üblichen Marktpreisen für Gewerbemieten längerfristig zu binden.

Obdachlose AutorInnen erhalten siebzig Pfennig Honorar pro Druck zeile, d.h. bei zweispaltigem Layout wird jede Spalte extra berechnet. Neben dem finanziellen Verdienst, eben Arbeit, die bezahlt wird, hat das für sie auch die Bedeutung, bekannt zu werden.[103]

Bei der "haz" arbeiten ca. 30 VerkäuferInnen regelmäßig, worunter Sonja K. jeden zweiten Tag versteht, und mindestens dieselbe Anzahl sporadisch im Falle akuten Geldbedarfs. Es ist aber eine Minderheit, die sich für das Projekt engagiert, jeden Tag arbeit, sich überlegt, wo und wie läßt sich die Zeitung am besten verkaufen und es wird nach ihrer Meinung eine Minderheit bleiben. Anfänglich sei es allen egal gewesen, was in der Zeitung steht, ging es doch ausschließlich um den Verkauf. Das änderte sich z.B., wenn eigene Texte gedruckt oder Fragen aufgegriffen wurden, die ihnen selber auf den Nägeln brennen. "Ich denke, daß die Verkäufer die Zeitung in der Regel doch lesen, zwar oberflächlich, also auszugsweise. Sie lesen nur, was sie interessiert. Aber es gibt auch über dieses Lesen eine andere Reflexion oder Wahrnehmung ihrer eigenen Situation, die über ihr unmittelbares, alltägliches Einzeldasein hinausgeht." Desweiteren hat Sonja K. festgestellt, daß sich Verkäufer Ziele setzen, wieviel Zeitungen sie am Tag verkaufen wollen. "Da kommt eine ganz andere Zielstrebigkeit in das eigene Verhalten hinein und das halte ich für einen ganz wesentlichen Schritt, sich überhaupt wieder Ziele zu setzen, überhaupt wieder in die Zukunft zu denken."[104] Eine Zeitung könne, abhängig von der Rahmenkonzeption (Wärmestube, Beratungsstelle o.ä.), die Obdachlosen dazu befähigen, überhaupt ein Projekt, in welcher Art und Weise auch immer, mitzugestalten.

Resümee

Die "haz" hat sich seit und durch ihre redaktionelle Umgestaltung meines Erachtens deutlich verbessert. Eine parteilich engagierte, professionelle Berichterstattung korrespondiert mit einem umfassenden Abdruck interessanter und aufschlußreicher Texte der Betroffenen. Der Anspruch, eine gleichberechtigte Mitgestaltung der Obdachlosen in allen Belangen zu verwirklichen, ließ sich bisher mangels bezahlbarer und geeigneter Räumlichkeiten nicht gänzlich umsetzen. In Anbetracht dieser Situation erscheint mir die Arbeit mit Einzelnen an ihren Texten eine adäquate Zwischenlösung, bedeutet sie doch für die Betroffenen ernstgenommen und in ihrem Ausdruck respektiert zu werden, was eine notwendige Voraussetzung für eine eventuelle weitere Zusammenarbeit darstellt.

Der strukturelle Nachteil der nicht vorhandenen größeren Redaktionsräume war meiner Einschätzung nach zumindest für die Anfangsphase von Vorteil für die Redakteurin. Sie gewann dadurch zwangsläufig das erforderliche Maß an Distanz zu den Betroffenen, das sie bei "mob" nicht herzustellen imstande schien.


Platte

Die Vorbereitungen

Innerhalb kürzester Zeit erstellte die ehemalige Berliner Redaktion der "HAZ" die erste Ausgabe der "Platte", die am 1.5.94 erschien. Das Layout, das Frank K. schon ein halbes Jahr zuvor entwickelt hatte, kam nun zur Anwendung. Kontakte zu Druckereien gab es auch schon vorher, weil die alte "HAZ" -Redaktion preisgünstige Alternativen gesucht hatte, um nicht mehr in Paris drucken lassen zu müssen. Die Technik wie Computer und Schneidplatte der ehemaligen Werbefirma von Frank K. waren ebenfalls vorhanden, so daß die notwendigen Voraussetzungen für die neue Zeitung existierten.

Bezüglich der Texte waren einige Veränderungen nötig, um nicht Veröffentlichungsrechte, die der "HAZ" zustanden, zu verletzen. Das wurde zum Teil dadurch gelöst, daß in der ersten Ausgabe der "Platte" auf fünf Seiten Artikel anderer Zeitungen nachgedruckt wurden. 

Redaktionelle Arbeit

Ein Redaktionsrat aus fünf Leuten legt mehrheitlich die Themen der "ein bis zwei richtigen Artikel" der Ausgabe fest und entscheidet über die Auswahl der Texte, die ihnen von Betroffenen zugesandt worden sind. Das Konzept der Zeitung, daß sie "auf der Straße geschrieben" wird, wurde laut Frank K. bisher beibehalten. Bei den Texten werde lediglich die Rechtschreibung korrigiert, stilistisch aber nichts verändert. Die Redaktion selber besteht aus Leuten, "die bis vor kurzem noch auf der Straße gelegen haben."[105] Frank K. war und ist für das Layout zuständig, kümmerte sich aber zunehmend um die vom Verein initiierten Projekte.

Vertrieb und Finanzen

Der Vertrieb wird von Betroffenen organisiert. Eine Dreier-Gruppe von ehemaligen Abhängigen organisiert den Vertrieb, regelt den Verkauf an den bestimmten Verkaufsorten, überwacht die Einhaltung der Regeln (kein Alkohol) und zahlt die Einnahmen ein.

Zweiwöchentlich erscheint die Zeitung in einer Auflage von 50.000 Exemplaren, wovon bis zum Zeitpunkt des Interviews durchschnittlich 30.000 verkauft wurden, was also eine monatliche Einnahme von ca. 60.000 DM bedeutet. Darüber hinaus werden Freiexemplare für neue Verkäufer und bestimmte Institutionen ausgegeben.

In der 11. Ausgabe vom 15.11.94 wurden dazu einige Zahlen veröffentlicht. "Platte" wird von "50 permanenten und 1000 temporären Verkäufern" vertrieben. Von den Einnahmen -eine Mark pro Zeitung für den Verkäufer, die andere fließt zurück- werden folgende Ausgaben bestritten:

Druckkosten pro Ausgabe ca. 9000 DM (monatlich also 18.000 DM); Miete, Strom etc. ca. 2000 DM; Miete, Pacht für die Projekte ca. 3500 DM; Bezahlung von zwei Vollzeit- und zwei Halbtagskräften ca. 9000 DM: insgesamt ca. 32.500 DM im Monat. Darüber hinaus wird Geld ausgegeben für Zeilenhonorar, Versicherung, Kraftstoff, Verkäuferfeste etc. Es werden also Überschüsse in der Größenordnung von ca. 20.000,- DM im Monat erwirtschaftet.

Projekte

"Die Initiatoren der "Platte" sind sich darüber klar geworden, daß es nicht nur darum gehen kann, daß ein paar Leute sich ein paar Mark verdienen, hier geht es um viel mehr. Die weiterführende Hilfe sieht deshalb so aus, daß wir (die Redaktion, der Verein, die Verkäufer) darum kämpfen, von den Ämtern, Behörden, von den verantwortlichen Stellen in Städten, Ländern und Gemeinden, in den politisch zuständigen Organen nicht mehr als aussteigende "Rollheimer", sondern als Menschen in vorübergehenden Notunterkünften, die sehr wohl ein Konzept und klare Vorstellungen von einer Problembewältigung haben, behandelt und respektiert und vor allen Dingen auch entsprechend unterstützt werden."[106] Ich will hier nicht ins Detail gehen und die Konzepte der verschiedenen geplanten Projekte darstellen, sondern lediglich einen Abriß der Aktionen geben.

Im April '94 wurden Bauwagen gekauft und Ende des Monats auf brachliegendes Land des ehemaligen Grenzstreifens bei Frohnau gebracht. Die "Plattenburg" stellte einen Antrag bei der Landesregierung von Brandenburg auf Gründung einer Gemeinde und Bewirtschaftung des Landes. Am 10. Mai wurde polizeilich geräumt. Eine Woche später besetzten 15 Leute der "Platte" das Stadtgut Stolpe. Sogar der Ministerpräsident Stolpe kam vorbei und sicherte alle erdenkliche Hilfe zu. Zwei Wochen nach der Besetzung erhielten die neuen Bewohner den Räumungsbeschluß durch die Stadtgüter GmbH. Es folgten Anträge, Anhörungen und Gespräche mit dem Gemeinderat, dem Ministerium und der Stadtgüter GmbH, es wurden Miet- und Pachtgesuche unterbreitet sowie Vorschläge und Konzepte. Einen erneuten Räumungsbefehl lehnte das Amtsgericht ab wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse. Eine gütliche Einigung in der Folgezeit war bedingt durch die Abwesenheit der verantwortlichen Vertreter bei entsprechenden Terminen nicht erreichbar, so daß am 22.7. geräumt wurde.

Im weiteren Verlauf suchte die "Platte" nach einem Grundstück, auf dem sie ihr Konzept der "Nur-Dach-Häuser" umsetzen könnten, die sie nach einem finnischen Modell selber konzipiert haben und auch selber bauen könnten.[107] Nach langer Suche und vielen Verhandlungen konnte "Platte" im November ein zwei Hektar großes Gelände bei Bernau mit einer alten Gärtnerei pachten. Diese soll abgerissen und neu gebaut werden, ebenso wie ein Wohnobjekt zur Unterbringung der Betriebszugehörigen, alles in der Nur-Dach-Konzeption. Der Gärtnereibetrieb soll zum 1.2.95 wieder aufgenommen werden. Darüber hinaus war ein Künstleratelier geplant und die Errichtung eines Jugendclubs durch die Bernauer Jugend angedacht.[108]

Resümee

"Platte" verkauft mit 60.000 Exemplaren pro Monat die meisten Obdachlosenzeitungen in der Stadt. Die Bedeutung dieser Zeitung besteht aber mehr darin, daß sie den Aufbau eines Wohn- und Arbeitsprojekts für die Betroffenen durch die Überschüsse des Zeitungsverkaufs ermöglicht, als in der Herausgabe der Zeitung an sich und den damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten der VerkäuferInnen. Obschon die hohen Verkaufszahlen, die auf einen funktionierenden Vertrieb und auf eine hohe Motivation der VerkäuferInnen verweisen, einen Erfolg und die Voraussetzung für diese "weiterführende Hilfe" darstellen, verdeutlicht doch die Realisierung eines solchen Projekts in Eigenregie und mit selbst erwirtschafteten Mitteln die Machbarkeit von Selbsthilfe im Obdachlosenbereich. Die Reaktivierung von vorhandenen Fähig- und Fertigkeiten jedweder handwerklicher Art in der "Szene" gehört hierbei ebenso zum Konzept wie die praktische Qualifizierung der Ungelernten. Offensichtlich haben die monatelangen Bemühungen bei der Suche nach einem Pachtgrundstück, die kontinuierlich in der Zeitung geschildert wurden, die KäuferInnen von der Konzeption der Initiatoren überzeugt, so daß sie mit dem Kauf zur Umsetzung beitragen wollten.

Einschränkend sei hier aber deutlich darauf hingewiesen, daß die herrschende Obdachlosigkeit auch durch erfogreiche Selbsthilfeprojekte nicht abgeschafft werden kann. Das Bedeutsame liegt eher in der Tatsache, daß solche Projekte Vorbildcharakter haben und motivationsstiftend sein können für weitere Betroffene. Die Organisierung der Obdachlosen in kleinsten Ansätzen in Form von Zeitungen oder anderen Zusammenhängen könnte sich im Laufe der Zeit zu einer Art Lobby entwickeln, die auf lokaler Ebene in Zusammenarbeit mit den 'Profis' der Obdachlosenhilfe den Interessen der Betroffenen mehr Gehör zu verschaffen imstande wäre.


ZEITDRUCK

Die Redakteurin

Claudia S. hat Germanistik studiert und noch während ihres Studiums den Verein "KARUNA" mitgegründet. "Ich bin ja außerdem noch so 'n Wendeprodukt. Während meines Studiums war der Mauerfall und wenn der nicht gewesen wäre, würde ich heute im Zentralinstitut für Sprachwissenschaft sitzen."[109] Zum Ende ihres Studiums arbeitete sie im Juli '92 für fünf Wochen an der Universität in Worcester bei Boston an dem Abschluß eines Forschungsprojekts. Diese Erfahrung brachte sie zu der Entscheidung, nicht professionell als Germanistin im Wissenschaftsbetrieb arbeiten zu wollen. Sie bezeichnete ihr Spezialgebiet, die Sprachwissenschaft, als sehr interessant. Aber das Verhältnis von Zusammenarbeit mit Menschen und der Arbeit am Schreibtisch bzw. Computer, das sie mit 1:99 quantifizierte, entsprach nicht ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Somit entschied sie sich für die Anstellung bei "KARUNA", wo sie ab Oktober '92 als Projektleiterin die" BLEIBE" aufbaute.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, daß in der DDR die MitarbeiterInnen in den Jugendclubs keine Sozialarbeiter waren. Es gab keine Sozialarbeiterausbildung, lediglich ein Studium "Jugendclubleiter", was nach Angaben von Claudia S. nur wenige absolviert hatten. Unter den Gründungsmitgliedern von "KARUNA" befand sich kein einziger Sozialarbeiter, stattdessen ein Stukkateur, ein Baumaschinist, eine Lehrerin, eine Germanistin usw. In der DDR war es üblich, daß Leute aus anderen Berufen in die Jugendarbeit eingestiegen sind.

Claudia S. arbeitete hauptamtlich in der "BLEIBE" und war daneben verantwortlich für den Aufbau der Zeitung. Mittlerweile beansprucht die Zeitungsarbeit fast die vollständige Arbeitszeit. Die hinzugekommene Arbeit an der Zeitung entsprach dann noch mehr ihren Vorstellungen, weil sie neben den Kontakten mit den Jugendlichen ihr ursprüngliches Betätigungsfeld als Germanistin, die Arbeit mit Texten, ausfüllen konnte. Ihr war es wichtiger, daß die Jugendlichen Spaß an der Arbeit haben, etwas schreiben und auch dabei lernen, z.B. mit dem Computer umzugehen, als die Möglichkeit, über den Verkauf Geld zu verdienen.[110] 

Die Vorbereitungen

Claudia S. und einige Jugendliche haben an dem "Runden Tisch" am 19. Februar mit der Vorstellung teilgenommen, "daß man womöglich eine gemeinsame Zeitung machen könnte."[111] Ihrer Einschätzung nach hatten aber alle anderen Parteien schon ihr Konzept, von dem sie eigentlich auch gar nicht ablassen wollten. Es sei merkwürdig gewesen, sie hätten geredet und geredet und George Mathis habe immer wieder betont, er wolle nur die Idee transportieren und ansonsten gar nichts weiter. "Aber dann lag sie da, die Zeitung. Das war natürlich für uns, die wir alle in den Kinderschuhen steckten, 'n bißchen hart."[112] Als klar gewesen sei, daß nichts zusammen geht, habe "mob" den Leuten von" ZEITDRUCK" angeboten, als Beilage zu erscheinen. Das erschien als nicht akzeptabel und war dennoch typisch: Jugendliche als Beilage und nicht als Spezifikum. Nach dem Scheitern dieses Kooperationsversuchs fiel dann die Entscheidung, eine eigene Zeitung herauszugeben. Mit "mob" wurde eine zeitlich befristete Zusammenarbeit vereinbart. In den ersten beiden Ausgaben von "mob" konnte "ZEITDRUCK" jeweils eine Seite gestalten, womit sie die Möglichkeit hatten, ihr Projekt vorzustellen, Öffentlichkeit herzustellen und auf den Start ihrer eigenen Zeitung aufmerksam zu machen, der für den 1. Mai terminiert war. Es gab eine Absprache mit "mob", alternierend vierzehntägig zu erscheinen: "ZEITDRUCK" am Anfang des Monats und "mob" Mitte des Monats. Trotzdem erschien "mob" auch am 1. Mai.

Die Finanzierung der ersten Ausgabe wurde durch die Stiftung "Demokratische Jugend" geleistet, die schon andere Projekte von "KARUNA" gefördert hatte, wodurch die Antragsbewilligung relativ unkompliziert erfolgte.

Redaktionelle Arbeit

Die redaktionellen Vorarbeiten für die erste Ausgabe fanden unter schlechten Voraussetzungen statt. Es gab noch keine eigenen Redaktionsräume, so daß in der "BLEIBE" und in Privatwohnungen gearbeitet werden mußte, und es mangelte an den notwendigen technischen Arbeitsgeräten, so daß die Zeitung "irgendwie chaotisch mit vielen Engagierten zusammengeschustert"[113] worden ist. Zur zweiten Ausgabe stand ein Redaktionsraum zur Verfügung und die Stiftung "Demokratische Jugend" hatte nochmal finanzielle Mittel für zwei Computer bereitgestellt und ein Auto für den Vertrieb geschenkt.

Auf den wöchentlichen Redaktionssitzungen werden die Themen und die Gestaltung gemeinsam festgelegt. Claudia S. bringt sowohl ihre eigenen Ideen, die sie aber nicht als Vorgaben verstanden wissen will, als auch die Texte und Fotos, die ihr zugeschickt worden sind, ein. " Es ist Demokratie pur, und wir sitzen da stundenlang und reden über allen möglichen Kram."[114]

Es sind ca. zehn Leute, die regelmäßig bei der Zeitung mitarbeiten. Vorrang für die Jugendlichen hat die Arbeit an der Zeitungsproduktion, während das Geldverdienen absolut in den Hintergrund getreten ist. Probleme gibt es nur auf Vertriebsebene, redaktionell klappt es gut.

Die Ausgaben vier und fünf (Sept. und Okt.) wurden von einer Augsburger Consulting-Firma technisch produziert und finanziert. Der Geschäftsführer hatte "ZEITDRUCK" dieses Angebot gemacht, "weil sich Wirtschaftsunternehmen stärker im sozialen Bereich engagieren sollten."[115] Dieses sozialpolitische Engagement wurde auf den letzten Seiten jeweils begründet und andere dazu aufgefordert. "Solange der Nachwuchs auf die Straße ausweichen muß, weil keine geeigneten Plätze geboten werden, darf kein Pfennig aus dem Steuersäckel für neue Regierungsgebäude, Atomkraftwerke oder die Bundeswehr ausgegeben werden. Politischer Druck ist also die allererste Aufgabe, der wir nachgehen müssen. Doch solange die wirklich Verantwortlichen sich vor der Wahrnehmung ihrer Pflichten drücken, muß Hilfe her. Denn die Kids brauchen uns jetzt."[116]

Plötzlich, von einem zum anderen Tag, hat diese Augsburger Firma im Oktober ihre Unterstützung beendet, was aber nicht ausführlich erklärt wurde. Dadurch, daß das gesamte Material für die nächste Ausgabe schon abgeschickt worden war, entfiel diese und es sollte im Dezember eine Doppelausgabe erscheinen. Zu Anfang Dezember zog die Redaktion in neue Räume, die in unmittelbarer Nähe zum "DRUGSTOP" liegen, so daß eventuell einige Jugendliche eher zu einer Mitarbeit zu bewegen wären, weil sie nicht mehr bis in einen anderen Bezirk fahren müßten.

Auch bei der Erstellung dieser Doppelausgabe gab es finanzielle und technische Schwierigkeiten, so daß nochmals umdisponiert und neu konzipiert wurde. "Erst jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, könnte unsere Zeitschrift in Druck gehen. Doch leider macht die verlorene Zeit unsere Ausgabe unaktuell. Zudem kommen überhöhte Druckkosten zur Weihnachtszeit. Dafür erwartet Euch zum 5. Februar des neuen Jahres eine um 8 Seiten erweiterte ZEITDRUCKausgabe. Zudem kommt ZEITDRUCK ab 1995 nun nicht mehr als Zeitung, sondern eher als Magazin."[117]

Finanzielle Entwicklung und Vertrieb

Die Zeitung war bisher kaum von hohen Verkaufszahlen abhängig, um ihre Existenz zu gewährleisten. Durch die Unterstützung der Stiftung "Demokratische Jugend", als auch der Tatsache, daß Claudia S. nicht über die Verkaufseinnahmen finanziert werden mußte, konnte "ZEITDRUCK" in der dritten Ausgabe einen Gewinn von fast 5.000 DM nach den ersten beiden Ausgaben öffentlich machen. Das "socialsponsoring" aus Augsburg war eine zusätzliche finanzielle und arbeitstechnische Entlastung, die nun, nach dem Wegfall, durch verstärkte Verkaufsbemühungen kompensiert werden muß. Die Redaktion arbeitet jetzt mit einer Berliner Agentur zusammen, die das Layout kostenlos erstellt. Zur Finanzierung der Druckkosten reichen die bisher durchschnittlich verkauften ca. 4.000 Exemplare allerdings nicht aus. Die Auflage soll mit der nächsten Ausgabe von 15.000 auf 6.000 Exemplare reduziert werden.[118]

Seit dem 15.10.94 gibt es zwei Stellen, die nach dem Arbeitsförderungsgesetz beantragt worden sind, d. h. sie werden vom Arbeitsamt und der Senatsverwaltung finanziert. Eine davon für einen Layouter, die andere für den Vertrieb. Der Vertrieb lief bisher über den Handverkauf der Jugendlichen und über die Jugendclubs. Er wurde mehr oder weniger nebenbei organisiert, was zur Zeit durch den neuen Vertriebsleiter strukturiert und effektiviert werden soll.

Die VerkäuferInnen mit Druck zum Verkaufen anzuhalten, bewirkt laut Claudia S. gar nichts, es geht nur mit Motivation. Auch hier geht die Erfahrung gerade der sehr jungen, etwa zwölfjährigen VerkäuferInnen dahin, daß sie durchs "Schnorren" (Betteln) mehr und leichter Geld erhalten als durch den Zeitungsverkauf, wo sie aktiv werden und reden müssen. "Das hatten wir als sozialpädagogisches Konzept: sie müssen nicht mehr betteln, sondern können ein Produkt anbieten. Das ist aber gar nicht so wichtig."[119] Der Entwicklung von Kontinuität steht auch entgegen, daß die Jugendlichen den Verkauf in "Hau-Ruck-Aktionen" durchführen. Sie verkaufen relativ viele Zeitungen und haben dadurch entsprechend viel Geld, was für die nächste Zeit ausreicht. Es gibt auch ein Stück Ablehnung bei den Jugendlichen, die Angst in einen Resozialisierungsprozeß zu rutschen. Es sei für die Jugendlichen ungewohnt, irgendetwas zu machen und damit Geld zu verdienen, eben diese Regelmäßigkeit. Dann gebe es immer mal wieder so einen "Block": "und jetzt mach' ich erstmal wieder gar nichts".[120] Diese Probleme treten auch bei anderen Projekten des Vereins auf.

"ZEITDRUCK" hatte schon für 1994 einen Antrag beim Bundesministerium für Frauen und Jugend auf einen Druckkostenzuschuß gestellt, der aber abgelehnt wurde, weil es kein bundesweites Projekt ist. Dieser Antrag wurde für 1995 erneut gestellt, einerseits weil die Zeitung seit September '94 durch die Kooperation mit "DOMPLATT" aus Köln nicht mehr nur ein Berliner Straßenblatt ist, und andererseits wird eine Zusammenarbeit mit anderen deutschen Großstädten angestrebt. "Ohnehin ist die Problematik nichtseßhafter Kinder und Jugendlicher nicht auf Berlin beschränkt, die Probleme sind überall ähnlich."[121] Deswegen wird eine bundesweite Zusammenarbeit sowohl inhaltlich als auch im Vertrieb zu erreichen versucht. Darüber hinaus existieren ansatzweise Kooperationen mit Straßenzeitungen aus Italien, Dänemark, Tschechien und Polen.

Die Vertriebs- bzw. Verkaufsprobleme wurden und werden auf den Redaktionssitzungen immer wieder thematisiert. Die Überlegungen gingen auch in die Richtung, andere Vertriebswege oder Erscheinungsformen ins Kalkül zu ziehen, die dann allerdings von dem Muster 'Obdachlosenzeitung mit Handverkauf' abweichen würden. Wichtig sei nur, daß solch eine Veränderung öffentlich klargestellt werden müßte. Noch wichtiger aber sei die Weiterexistenz von "ZEITDRUCK", da die Kinder und Jugendlichen sich mit ihrer Zeitung identifizieren.

Resümee

"ZEITDRUCK" läßt sich zwar auch zu den Obdachlosenzeitungen rechnen, hebt sich aber von diesen durch die ausschließliche Berichterstattung aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen deutlich ab. Drei Gründe scheinen die vergleichsweise konfliktarme Entwicklung des Projekts ermöglicht zu haben. Zum einen haben sie sich genügend Zeit genommen, um die konzeptionellen Fragen zu klären. Desweiteren haben an diesem Gründungsprozeß die Betroffenen von Anfang an gleichberechtigt teilgenommen, und schließlich halte ich den Faktor für wichtig, daß die Zeitung aus einem bestehenden, sozialen Zusammenhang heraus entwickelt wurde, wie ihn die "BLEIBE" für die Jugendlichen darstellte.

Obwohl die Zeitung von 'Profis' initiert wurde und mit Claudia S. eine Akademikerin und Sozialarbeiterin zur "Chefredakteurin" hat, kann man meiner Meinung nach eindeutig von einer Zeitung sprechen, die von und mit Betroffenen hergestellt wird, und nicht für sie. Daß die durch die Vertriebsprobleme bedingte perspektivische Existenzunsicherheit eventuell auch dadurch überwunden wird, daß "ZEITDRUCK" z.B. über Kioske ihre LeserInnen findet, erscheint mir praktikabel und gerechtfertigt. Wesentlicher als die Tatsache, daß einige jugendliche Obdachlose durch den Verkauf Geld verdienen können, ist die Bedeutung der Zeitung für die Kinder und Jugendlichen, die sie machen, und ihrer insbesondere jungen LeserInnen. Zudem halte ich es für nicht unwahrscheinlich, daß die Absatzchancen für" ZEITDRUCK" auch über konventionelle Vertriebswege eher steigen, zumal die VerkäuferInnen offenbar nur gering motiviert sind.


7. MOBILISIERUNGSFAKTOR U N D MARKTLÜCKE

(Zusammenfassung)

Meiner Meinung nach stellen die Obdachlosenzeitungen in Berlin einen Mobilisierungsfaktor für Betroffene dar u n d schließen zudem eine publizistische Marktlücke. Letzteres aber nicht im Sinne einer profitträchtigen Verwertbarkeit, sondern eher als Kritik am praktizierten Journalismus der (Print-) Medien.

Keine der Zeitungen begann und entwickelte sich als originäre Selbsthilfegruppe. Die InitiatorInnen waren entweder SozialarbeiterInnen ("mob" und "ZEITDRUCK") oder ehemalige Betroffene, die sich schon wieder etabliert hatten ("HAZ" und "Platte"). Aus diesem Grunde möchte ich von professionell angeleiteten Selbsthilfegruppen sprechen, wobei sich die Fähigkeiten der InitiatorInnen nur zum Teil auf die Zeitungsarbeit bezogen, als mehr auf die Durchführung und Strukturierung von Projektarbeit.

Die Beschreibungen der Betroffenen ihrer Mitarbeit bei einer Zeitung und der dadurch eingetretenen Veränderungen in ihrem Leben, die regelmäßig dort veröffentlicht wurden, bekunden in der Regel vornehmlich Positives. Zunehmend werden zwar auch die Probleme und Widrigkeiten eines Verkaufsalltags dargestellt, dennoch überwiegen eindeutig die Vorteile, die sich aus ihrer Tätigkeit ergeben.

Neben der Verdienstmöglichkeit durch den Verkauf, infolge dessen sich hin und wieder einige der für den "Normalbürger" üblichen Partizipationsmöglichkeiten am Konsumgeschehen realisieren lassen, wie z.B. Restaurant und Kinobesuche, der Kauf neuer Kleidung oder die Übernachtung in einem sauberen und ruhigen Pensionszimmer, werden immer wieder Veränderungen des Selbstwertgefühls und des Selbstbewußtseins konstatiert. Die mehr oder weniger regelmäßige Verkaufs-, Vertriebs- oder Redaktionstätigkeit vermittelt Lebenssinn, der üblicherweise nur darin besteht, von einer Wärmestube zur nächsten Suppenküche zu ziehen, um satt zu werden, ab und zu zu duschen und sich nachmittags über den nächtlichen Schlafplatz Gedanken zu machen. So überlebensnotwendig dieser Ablauf ist, so ist er doch gleichermaßen nur auf das ÜBERleben reduziert. Zudem wird durch die Arbeit die weit verbreitete Isolation ein Stück weit überwunden, es entsteht ein Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit innerhalb eines Zeitungsprojekts. Darüber hinaus stellt für die meisten ihre Tätigkeit den Ansatz einer Rückkehr zu geregelter Arbeit dar, die auch bezahlt wird und sie somit vom Betteln oder Sozialamt unabhängig macht. Das ist insofern von Bedeutung, als von Betroffenen Ämter- oder Behördengänge als wahre Qual erlebt werden, so daß sie oft auf ihre Ansprüche verzichten und sogar das Betteln vorziehen. Auch der Wegfall der bisher notgedrungen praktizierten Kleinkriminalität und Prostitution durch den neuen Verdienst wird beschrieben. Ferner wird davon berichtet, daß Verkäufer nun die Kraft finden, einen Alkoholentzug erfolgreich durchzuhalten, wobei sie von bis kurz zuvor ebenfalls Abhängigen unterstützt werden. Desweiteren stellt nicht nur der Kauf einer Zeitung für sie eine Anerkennung dar, sondern die Bereitschaft der KäuferInnen auch zu einem Gespräch mit den Betroffenen macht sie selbstsicherer, zeugt es doch von Interesse an ihrer Situation, die sie ansonsten meistens als Anlaß von Ablehnung und Ausgrenzung erleben. Diese positiven, individuell erfahrenen Fortschritte können natürlich nicht die strukturellen Benachteiligungen, denen sie unterliegen, gravierend verändern. Nur in Einzelfällen erhielten Verkäufer aufgrund ihrer Tätigkeit eine Wohnung. Dennoch stellt die Aneignung der Betrachtungsweise, selbst etwas bewegen zu können, den notwendigen ersten Schritt dar.

Nur eine Minderheit der Obdachlosen ist überhaupt in der Lage, den Schritt von der passiven Haltung zur aktiven Mitgestaltung zu vollziehen. Geht man von den Verkaufszahlen der Zeitungen aus wird offensichtlich, daß sich überhaupt nur eine sehr begrenzte Anzahl durch den Verkauf einen notdürftigen Erwerb sichern kann. Ob es irgendwelche Kriterien oder sozialen Merkmale wie z.B. Bildung, Alter, Dauer der Obdachlosigkeit etc. gibt, die die Aktiven untereinander verbinden, konnten mir selbst die dort Tätigen nicht beantworten.

Ein anderer Aspekt erscheint erwähnenswert, den Stefan S. im Interview beschrieben hat. Die verschiedenen, in den letzten ca. vier Jahren entstandenen Projekte in der Obdachlosen-Szene, wozu nicht nur die Zeitungen, sondern auch Theatergruppen, Literaturlesungen über, von und mit Obdachlosen, gemeinsame Arbeiten von Künstlern und Regisseuren mit Betroffenen usw. zählen, treiben Spaltungen und Differenzierungen in der Szene voran und erzeugen Spannungen. Da gebe es die "Stars", die auf Tournee gehen, zu publizieren beginnen, zu Konferenzen fahren oder politische Lobbyarbeit leisten. Daneben existiere die Gruppe der "Hiwis", die daran mitarbeitet und davon profitiert, desweiteren die "Laufburschen" usw. Diese Ausdifferenzierung setze sich nach oben und unten fort, wodurch von der ehemals angenommenen, dennoch nie real vorhandenen, Gleichheit der Wohnungslosen nun gar nicht mehr die Rede sein könne. Diese Projekte seien auch eine Reaktion auf den veränderten Problemdruck, der sich aus der Zunahme der Obdachlosigkeit unter jungen Menschen, Frauen und innerhalb der unteren Mittelschicht ergebe. Die Resulte dieser Spaltungen wie informelle Hierarchien, stereotypische Klassifizierungen oder Neid auf hohe Verkaufszahlen eines anderen wurden von den Betroffenen und auch den Initiatoren geschildert.

Die Frage nach der publizistischen Marktnische im Sinne eines profitablen neuen Absatzmarktes stellt sich bisher in Berlin nicht. Während nur "Platte" nennenswerte Überschüsse erwirtschaftet, sind die anderen drei Zeitungen auf Spenden, Anzeigen und "socialsponsoring" angewiesen, um ihre Existenz zu sichern. Sollten sich auch hier durch erhöhte Verkaufszahlen Gewinne in größeren Dimension ergeben, stellt die rechtliche Konstruktion der gemeinnützigen Vereine ein Hindernis dar, das eine private Bereicherung nicht zuläßt.

Dennoch haben diese Zeitung eine inhaltliche publizistische Marktlücke gefüllt. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Wohnungslosigkeit und Armut, die angesichts der politischen Entwicklungen der letzten 15 Jahre immer weitere Kreise der Bevölkerung betreffen oder bedrohen. Diese brisanten politischen Aufgabenstellungen haben sowohl mit Sozial- und Innenpolitik, als auch Wirtschafts- und Wohnungsbaupolitik zu tun. Die Darstellung des Zusammenspiels dieser Politikfelder, konzentriert auf das Thema Obdachlosigkeit, stellt das Neue an diesen Zeitungen dar.

Die etablierten Zeitungen behandeln dieses Thema entweder in Form eines spektakulären Einzelfalls oder als statistische Größe, die mit Zahlen und Fakten das Problem zu beschreiben sucht. Die Obdachlosenzeitungen dagegen haben die Möglichkeit, die Strukturen und Bedingungen des Alltags der Betroffenen zu vermitteln, was aber nur solange realisiert werden kann, wie sie ein Basis- und Betroffenenkonzept verfolgen, was schon die alternativen Zeitungen in den 70er Jahren in ihrer Abgrenzung zu den etablierten kennzeichnete.[122] Ein weiterer Aspekt den Stamm beschrieb, daß die professionellen Zeitungen Themen der alternativen aufgegriffen haben, scheint sich bei den Obdachlosenzeitungen zu bestätigen. Sonja K. berichtete, daß sie vier Fälle nennen könnte, in denen die "HAZ" ein Thema in der Zeitung behandelte, das von größeren Redaktionen aufgenommen und weiter bearbeitet wurde. Im Gegensatz zu der damaligen Alternativpresse erreichen die heutigen Obdachlosenzeitungen eine höhere Auflage und breitere Bevölkerungskreise. Wenn sie denn gekauft, um gelesen zu werden, und nicht nur aus Solidarität, was aber wahrscheinlich für die Mehrheit der KäuferInnen nach Einschätzung der Betroffenen und einer Umfrage in Paris[123] gilt, so könnten sie den Status einer "populären Fachzeitschrift" erlangen.

Der Begriff Obdachlosenzeitung läßt zunächst die Assoziation entstehen, als handele es sich dabei um eine ausschließlich von Obdachlosen hergestellte Publikation. Das trifft aber auf keine derjenigen zu, die in höherer Auflage im Straßenverkauf angeboten werden. Die Kenntnisse und Beziehungen in technischer und finanzieller Hinsicht können Betroffene aus ihrer Situation heraus gar nicht aufweisen, was allerdings nicht ausschließt, daß sie nach einer entsprechenden Einarbeitung und Erfahrung die Zeitung selbstständig und eigenverantwortlich herausgeben. Unabhängig davon, ob dieses Ziel konzeptionell anvisiert wurde, stellt die Durchführung eines solchen Projekts ein Experiment dar. Wesentlich für die Etablierung einer Zeitung, die auch als authentisches Sprachrohr der Betroffenen fungieren soll, erscheint mir die Motivation und Einstellung der "Profis". Toleranz, Geduld, Abgrenzungsfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf die Betroffenen einzulassen, alles Charakteristika der Sozialarbeit, scheinen unabdingbare Voraussetzungen zu sein, soll es ein Blatt werden, mit dem sich die Obdachlosen identifizieren können, was wiederum, nach Meinung obdachloser Mitarbeiter, Bedingung für Motivation und Engagement der VerkäuferInnen ist.

In Berlin existieren vier, zum Teil sehr unterschiedliche, Obdachlosenzeitungen. So sehr diese Tatsache interessante Vielfalt und Wahlmöglichkeit bedeudet für Käufer und Verkäufer, bin ich doch der Meinung, daß nur eine oder zwei Zeitungen auf eine größere Akzeptanz der Bevölkerung stoßen würde. Die regelmäßige Konfrontation mit unterschiedlichen Zeitungen besonders in der U-Bahn, wo zusätzlich Musikanten und notleidende Menschen die Aufmerksamkeit und eine Spende der Fahrgäste erbitten, trägt eher zur Verwirrung oder Desinteresse bei. Zudem könnten im Falle einer Konzentration der Kompetenzen und finanziellen Mittel auf weniger Zeitungen, diese umfangreicher und ausführlicher auf soziale Probleme eingehen, die über die Obdachlosigkeit hinausreichen und dadurch mehr Menschen ansprechen.

Die Idee dieser Art von Zeitung scheint zumindest so attraktativ, daß immer mehr Initiativen in anderen Städten bekannt werden.


LITERATUR

keine Angaben


Fußnoten

[1] vgl. Frankfurter Rundschau vom 24.10.94, BISS Nr.2, Hinz & Kunz(t) Nr.2
[2] vgl. Rosenke, S.73
[3] vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.2.1994
[4] haz Nr. 3, S. 8
[5] Frankenberg u.a., 1991, S.8
[6] vgl. Heins, S. 71
[7] vgl. Heins, S. 81
[8] vgl. Heins, S. 144; Rosenke, S. 75; Schmid, S. 151
[9] Michael Puhlmann, S. 230
[10] vgl. Hinz & Kunz(t) Nr.1, S. 5
[11] Untertitel von THE BIG ISSUE
[12] vgl. Vilmar, S. 17
[13] vgl. Friedrichs, S. 308 [14] vgl. Friedrichs, S. 324
[15] mob Nr.1, S.3
[16] Regina T., Vorstandsmitglied von BIN e.V., 13.6.94
[17] Regina T., 13.6.94
[18] Regina T., 13.6. und 14.12.94, Stefan S., Vereinsmitglied von BIN e.V., 8.12.94
[19] Regina T., 14.12.94
[20] Presseerklärung vom 18.2.1994
[21] Lars F., 3.6.94, Sonja K., 4.8.94, Vera R.,24.10.94
[22] Lars F., 3.6.94
[23] mob Nr.6, S.3
[24] Stefan S., 8.12.1994
[25] ebenda
[26] Burga K. auf der Vereinssitzung am 30.11.94
[27] Frank K., 23.8.1994
[26] Sonja K., 21.11.1994
[29] haz Nr.3, Juni 1994, Seite 2
[30] Platte Nr.3, S. 16 und 17
[31] Frank K., 23.8.1994
[32] Selbstdarstellung im Pressespiegel nach Erscheinen der Nr.1
[33] Interviews vom 18.8. und 5.12.1994
[34] Claudia S., 18.8.1994, zitiert die Jugendlichen
[35] Interview vom 24.10.1994
[36] Interviews vom 3.6. und 19.11.1994
[37] Lars F., 3.6.1994
[38] Interviews vom 4.8. und 21.11.1994
[39] Lars F., 19.11.1994
[40] Regina T., Vorstandsmitglied von BIN e.V., vom 13.6.1994
[41] Diesem Vorwurf hat George Mathis in einem Interview in haz Nr. 3 widersprochen.
[42] Regina T., 14.12.1994
[43] Vera R., 24.10.94
[44] Sonja K., 4.11.94
[45] Pressekonferenz 18.2.1994, Presseerklärung, Seite 1
[46] Vera R., 24.10.94
[47] ebenda
[48] Lars F., 19.11.1994
[49] Sonja K., 21.11.1994
[50] Lars F., 3.6.1994
[51] Vera R., 24.10.94
[52] ebenda
[53] Regina T., 14.12.1994
[54] Lars F., 19.11.1994
[55] Vera R., 24.10.1994
[56] Sonja K., 21.11. und Lars F., 19.11.1994
[57] Sonja K., 21.11.1994
[58] ebenda
[59] Vera R., 24.10.1994
[60] Sonja K., 4.8.1994
[61] Flugblatt der Besetzer
[62] Sonja K., 4.8.1994
[63] die tageszeitung vom 27.4.94, Seite 18
[64] Sonja K., 4.8.1994
[65] Vera R. 24.10.1994
[66] ebenda
[67] mob Nr.4, Seite 3
[68] mob Nr.4, Seite 13
[69] Vera R., 24.10 und Lars F., 19.11.1994
[70] Stefan S. bezifferte die Mitgliederanzahl von BIN mit ca. 10 aktiven und 50 nominellen.
[71] Vera R., 24.10.1994
[72] Unveröffentlicht, liegt dem Verfasser vor.
[73] Vera R., 24.10.1994
[74] Regina T., 14.12.1994
[75] Lars F., 19.11.1994
[76] ebenda
[77] ebenda
[78] ebenda
[79] ebenda
[80] Gespräch mit Horst H., Heiko M. und Ralf S., 6.12.1994
[81] Regina T., 14.12.1994
[82] die tageszeitung vom 27.4.94, Seite 18
[83] Jens L., 6.12.1994
[84] Stefan S., 8.12.1994
[85] ebenda
[86] ebenda
[87] Jens L., 6.12.1994
[88] ebenda
[89] Jens L. auf der Vereinssitzung am 30.11.1994
[90] Sonja K., HAZ Nr.5, Seite 2
[91] Regina T., 14.12.1994
[92] Jens L., 6.12.1994
[93] Stefan S., 8.12.1994
[94] haz Nr.3, S. 8 und 9, Interview mit George Mathis
[95] Frank K., Interview vom 23.8.1994
[96] haz Nr.3, S. 9
[97] Frank K., 23.8.1994
[98] haz Nr.3, S. 9
[99] Sonja K., 21.11.1994
[100] ebenda
[101] ebenda und 4.8.1994
[102] ebenda
[103] ebenda
[104] ebenda
[105] Frank K., 23.8.1994
[106] Platte Nr.2, S. 14
[107] Frank K., 23.8.1994
[108] Platte Nr.12, S.27
[109] Claudia S., 5.12.1994
[110] ebenda
[111] ebenda
[112] ebenda
[113] ebenda
[114] ebenda
[115] ZEITDRUCK Nr.4, Seite 3
[116] ebenda, Seite 24
[117] Brief an alle AbonenntInnen vom 21.12.1994
[118] Claudia S., 5.12.1994
[119] ebenda
[120] Claudia S., 18.8.1994
[121] Claudia S., 5.12.1994
[122] vgl. Stamm, S. 246
[123] haz Nr.3, S. 8


Autor

Thomas Knuf
Adalbertstr.25
10179 Berlin

 

Vorbemerkung: Obgleich im Text nicht ausdrücklich erwähnt, ist Jan Markowski seit vielen Jahren regelmässiger Autor beim strassenfeger, seit dem Jahr 2007 auch Mitglied des Vereins mob - obdachlose machen mobil e.V. und vor allem Macher der 14tägigen okb-Sendung strassenfeger - die Sendung mit dem Aufzug. Aus diesen Gründen gehört ein Portrait von Jan Markowski unbedingt in diese Rubrik.
Berlin, 10.03.2008, Stefan Schneider


Frei von Zwängen

Von der DDR-Opposition in die deutsche Armut: das bewegte Leben des Berliner Obdachlosen Jan Markowsky

Erik Heier

BERLIN. Es ist Freitagabend, als Jan Markowsky in einem Laden im Wedding Stühle und Tische beiseite schiebt. "Unter Druck. Kultur von der Straße e.V." steht auf einem Holzschild über der Tür. Martina, Ulla, Horst und Thommy schauen Markowsky zu. Der Jüngste von ihnen ist fünfundvierzig Jahre alt, die Älteste achtundsechzig. Die Theatergruppe des Vereins probt ihr neues Stück, eine zeitgenössische Version von "Hänsel und Gretel". Ein landloser Bauer aus Mecklenburg und eine entlassene Kantinenwirtin aus Helmstedt suchen ihr Glück, das heißt einen neuen Job. Grimms Märchen im Hartz-IV-Deutschland.

Den Investor, auf den sich die Hoffnungen richten, spielt Horst. Er setzt eine Krone auf, posiert damit vor Ulla, die beiden glucksen wie zwei alt gewordene Kinder. Horsts Sporthose und das alte T-Shirt sind noch nicht bühnenreif. Seine dürftige Mimik ebenso wenig.

Markowsky schüttelt den Kopf, schickt ihn auf das Sofa, spielt die Szene vor. Wie er sie sich vorstellt. Er prüft die Finger von Hänsel und Gretel. "Immer noch zu fett!" Dann rümpft er die Nase, furcht die Augenbrauen. Horst kratzt sich am Kopf, auf dem immer noch die Krone sitzt. "Nicht schlecht, Jan. Gefällt mir. Dafür üben wa ja."

Zum Obdachlosentheater ist Jan Markowsky gekommen, als er selbst erst wenige Monate auf der Straße lebte. Anfangs wollte er lediglich zuschauen. Dann machte er mit.

Mittlerweile sitzt er im Vereinsvorstand, ehrenamtlich. Er sammelt Lebensmittelspenden, arbeitet in Zirkeln über Wohnungsnot, geht zu Sozialausschüssen.

Manchmal trifft man ihn bei Veranstaltungen über Obdachlosigkeit. Dort sucht er sich einen Platz ganz hinten. Dann sitzt er still auf dem Stuhl, konzentriert, stets sauber gekleidet, einen kleinen Rucksack an sich gepresst. Eine Randgestalt.

Es ist nicht anders als damals in der DDR. Jan Markowsky mischt sich ein für etwas, das ihm wichtig erscheint. Heute sind es Menschen, die keine Wohnung haben und kein Bankkonto, die nicht krankenversichert sind und von Armenspeisungen leben - wie er. Damals waren es Menschen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung der DDR für ein besseres Land einsetzten, Dissidenten, Intellektuelle, Künstler

Das klingt nach einem sozialen Absturz. Wie eine traurige Pointe im Leben des Jan Markowsky, geboren 1949 in Greifswald, die Eltern Mediziner, drei Brüder. Es klingt nach einem Leben, dem immer mehr die Bedeutung abhanden kommt.

An einem Januartag vor acht Jahren, von dem an Jan Markowsky obdachlos sein wird, kann er seine Toilette nicht benutzen. Sie ist defekt. Er geht vor die Tür, seine Wohnung liegt parterre. Plötzlich fällt es ihm ein. Der Schlüssel. Der steckt in der anderen Hose. Markowsky starrt auf die Tür. Gerade erst hat er seinen Job geschmissen. Die Miete. Wie soll er die zahlen? Er dreht sich um, geht weg, einfach so, lässt alles zurück. Möbel, Kleidung, Geburtsurkunde, sein bisheriges Leben. Es kommt ihm nicht seltsam vor, nur logisch. "Wie eine Befreiung", behauptet er. Seine Finger gleiten dabei durch seinen Schnauzbart. Der zieht sich bis über die Mundwinkel. Wie bei Wolf Biermann. Zufall, sagt er.

Mit der Ausbürgerung des Liedermachers am 16. November 1976 verschlägt es Jan Markowsky zu den Bürgerrechtlern. Wegen seines Bruders Bernd, zwei Jahre jünger als er und ein Freund Wolf Biermanns.

Bernd wird in Jena verhaftet. Gerade war er aus Berlin zurückgekehrt, von Robert Havemann, dem prominentesten DDR-Dissidenten. Dort hatte Bernd Markowsky eine Protestresolution einiger Autoren um Stephan Hermlin abgeholt.

"Bernd war der Mutigere von uns beiden, der eher einen eigenen Weg suchte als ich", sagt Jan Markowsky. "Das Politische ergab sich in einer Diktatur zwangsläufig."

Er selbst wohnt damals erst seit kurzem in Berlin, als Diplomingenieur arbeitet er beim VEB Gasversorgung. Als der Bruder festgenommen wird, fährt er nach Jena. Dort lernt er dessen Freunde kennen, dann auch Oppositionelle in Berlin. Darunter den Schriftsteller Lutz Rathenow, mit dem Bernd Markowsky in Jena den staatskritischen Arbeitskreis Literatur gegründet hat.

Nach Monaten in Haft wird sein Bruder 1977 nach Westberlin abgeschoben. Der Vater folgt. Im Osten bleiben Jan, seine beiden anderen Brüder und die Mutter. Nun sind die Markowskys geteilt wie das Land.

"Eine rebellische Familie", sagt Lutz Rathenow. "Politisch eigenwillig, Unruhestifter im Guten."

Wie ein Unruhestifter sieht Jan Markowsky nicht aus, nicht auf den ersten Blick. Wie er zum Beispiel dieser Tage an einem Tisch kauert. Regungslos, still, in sich gekehrt. Es ist das Kaffee Bankrott in der Prenzlauer Allee, wo sich Menschen ohne festen Wohnsitz treffen. Im fahlen Licht der Neonröhren tagt die Redaktionskonferenz des Obdachlosenmagazins "Straßenfeger". Ein Dutzend Leute redet über Jugendgewalt, Elternverantwortung, Kapitalismus und Kriminalität. All so was. Einer grummelt dazwischen: "Das ist zu oberflächlich." Plötzlich donnert Markowsky los: "Dann hör' genau zu!" Ein Ausbruch wie ein Faustschlag. Ansatzlos, selbstgewiss. Eigentlich eine Spur zu heftig.

Jan Markowsky ist niemand, der stillhält, wenn ihm etwas nicht passt. Das war er nie. Selten ist er ganz vorn in der DDR-Opposition dabei, aber oft mittendrin. Wie im September 1981. Da fährt er nach Woltersdorf östlich von Berlin. Im Garten des Physikers Gerd Poppe, dem späteren Bundestagsabgeordneten für Bündnis 90/Die Grünen, treffen sich einige Bürgerrechtler. Es ist ein sonniger Tag, Wochenende. In der Runde sitzt Robert Havemann. Er liest einen offenen Brief vor, an den sowjetischen Staatschef. Breschnew solle die Stationierung der atomaren SS-20-Mittelstreckenraketen in der DDR zurückziehen.

Aber Havemann geht noch weiter: "Wie wir Deutsche unsere nationale Frage dann lösen werden, muss man uns schon selbst überlassen, und niemand soll sich davor mehr fürchten als vor dem Atomkrieg." Gleich dort im Garten unterzeichnen einige den Brief. Unter ihnen der Pfarrer Rainer Eppelmann und der Lyriker Sascha Anderson, der als IM der Stasi von dem Tag berichtet. Und Jan Markowsky. Kurz darauf schreiben sich im Westen einige Friedensaktivisten hinzu.

Zwei Wochen später ruft Bruder Bernd an. Er will Markowsky warnen. Der Brief werde in einigen Westzeitungen veröffentlicht, mit den Erstunterzeichnern. Jan Markowsky sagt nur: "Ist doch in Ordnung."

So erzählt er es. Er will verstanden werden. Denn es geht ihm ums Prinzip. Sein Prinzip. Alles mit vollem Namen.

Als von ihm ein Text über die Friedensbewegung der evangelischen Kirche der DDR in der Westberliner taz abgedruckt wird, steht darunter "Jan Markowsky, Ost-Berlin". Auch wenn es ihm ein Verhör bei der Stasi einbringt. Dem Amtsleiter der Abteilung Inneres von Berlin-Weißensee, der Freunde von ihm wegen vermeintlich staatsfeindlicher Aktivitäten vorführen ließ, schickt er eine Postkarte mit Auszügen aus der DDR-Strafprozessordnung. Der Leiter möge sie unterschreiben und an ihn zurücksenden. Seine Adresse steht dabei.

Nicht verstecken, das bleibt sein Credo. Auch jetzt, ohne Wohnung. Vielleicht ist er das seinem Stolz schuldig. Markowsky steht zu seinem Leben. Zu seiner Armut.

Wenn Jan Markowsky ins Erzählen kommt, schichtet er akribisch Detail auf Detail. Man kann ihn dabei schlecht zur Kürze anhalten. "Moment!" wehrt er dann ab: "Ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte, die ganze Geschichte, ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte."

Manchmal kommt er von den Sätzen nicht mehr los. Als würden seine Gedanken stranden, irgendwo in seinem Kopf. Weil alles zusammenhängt. So viele Dinge.

Als 1984 sein Ausreiseantrag genehmigt wird, packt er nur etwas Wäsche in eine Reisetasche. Am anderen Ende des Tränenpalastes beginnt sein neues Leben. Nichts wird damit leichter.

Ein erster Job als Energieberater ist nur befristet, seine Versuche als Freiberufler scheitern. Das Gefühl, dass auch in Westberlin nichts vorwärts geht, wird immer bohrender. Hinzu kommen Mietschulden, Beziehungsprobleme, Depressionen.

Als die Mauer fällt, sind die Kontakte in den Osten längst gekappt.

Ein Architekt, bei dem er zeitweise doch angestellt wird, hilft ihm beim Entschulden, bringt ihn in einem Haus in Prenzlauer Berg unter. Es wird seine letzte Wohnung sein.

"Jan Markowsky war hoch intelligent und sehr individuell", sagt der Architekt. "Aber als Ingenieur fehlte ihm der Sinn dafür, was praktisch durchführbar ist." Er spricht von ihm in der Vergangenheit.

Womöglich ist es so, dass sich Menschen wie Markowsky in kein System einpassen können. Weil sie sich mit Autoritäten schlecht arrangieren. Weil sie zu eigensinnig sind. Zu eigenbrötlerisch wohl auch.

Im Januar 2000 zerstreitet er sich mit seinem Chef. Dann passiert die Sache mit der Wohnungstür, mitten in einer schlechten Phase.

Das Ende? Der Neuanfang.

"Frei von allen Zwängen zu sein", sagt Jan Markowsky, "das ist das Wichtigste."

Sein jüngerer Bruder Helmut, Pfarrer in Thüringen, sagt: "Ich sehe seine Obdachlosigkeit nicht als absteigenden Ast, sondern einfach als seinen Lebensweg. Er scheut sich nicht, soziale Grenzen zu durchbrechen."

Eine Geschichte erzählt Jan Markowsky gern. Einmal schläft er in einem Park. Im Morgengrauen läuft ein Jogger vorbei. Er sieht wie ein Büromensch aus, einer, der sich quält, um fit zu wirken, belastbar. "Der hat bestimmt gedacht: Der arme Penner. Ich habe gedacht: Der arme Jogger."

Das ist seine Sicht auf die Welt. Markowsky besitzt kaum etwas. Es fehlt ihm an nichts.

Der kleine Mann hat es eilig. Er rennt durch die Schlesische Straße, seine offene Regenjacke flattert, der Schal hängt lose am Hals. Die schnellen Schritte wollen kaum passen zu dem massiven Körper. An diesem Abend nimmt die Kreuzberger Taborkirche Obdachlose auf. Menschen wie ihn. Es wird voll sein. Er ist spät dran. Jan Markowsky läuft um seinen Schlafplatz.

Als er den Vorraum betritt, sind die meisten Isomatten schon belegt. Unter seinem Arm klemmt eine blaue Ikea-Einkaufstasche. Am nächsten Morgen will er von einer Bäckerei Essenspenden für andere Obdachlose abholen.

Er setzt sich, sieht sich um, ausdruckslos. Am Tisch starrt ein bärtiger Mann verschlossen in seine Tasse. Auf dem Boden krümmt sich ein schwer zugedröhnter junger Kerl. Daneben ist noch eine Matte frei. Die letzte. Direkt an der Tür. "Ist in Ordnung", brummt Jan Markowsky. "Reicht mir doch."

Es muss reichen.

Berliner Zeitung, 22.02.2008, Seite 3
 

Genug warme Plätze für Obdachlose

Doch viele Betroffene meiden die Unterkünfte der Hilfsorganisationen

Bild aus der Morgenpost

 "Ingo vom Kotti" hatte 15 Jahre unter der Hochbahn übernachtet

Foto: Tollkühn

Vor zwei Tagen ist der erste Obdachlose beigesetzt worden, der in diesem Winter in Berlin erfror, Burkhard Horstmann vom Kottbusser Tor. Nach Ansicht von Stefan Schneider droht das Schicksal von "Ingo vom Kotti", wie Horstmann genannt wurde, auch vielen anderen Wohnungslosen; angesichts von den 7000, die in der Stadt registriert sind, sei eine hohe Dunkelziffer anzunehmen.

Schneider leitet das "Kaffee Bankrott", eine Anlaufstelle für Obdachlose am Prenzlauer Berg. Die Einrichtung bietet auch bis zu 19 Übernachtungsmöglichkeiten an. Wenn sie ausgeschöpft sind, wird das Kältehilfe-Telefon eingeschaltet. Diese "Koordinationsstelle" versucht, eine andere Einrichtung zu finden, wo noch freie Plätze verfügbar sind. Das funktioniere einwandfrei, sagt Schneider, der die Obdachlosen-Szene seit zwölf Jahren beobachtet. "Freie Kapazitäten gibt es genug."

Mit Kältehilfe-Telefon, einem Kältebus und zahlreichen Obdachlosen-Einrichtungen in allen Bezirken ist dafür gesorgt, daß kein Obdachloser draußen erfrieren muß. Daß es trotzdem zu solchen Todesfällen kommt, hängt damit zusammen, daß Betroffene sich lieber draußen mit Alkohol und Drogen betäuben als im warmen Asyl darauf zu verzichten.

Nadja Stodden, Leiterin des Kiez-Cafés der Arbeiterwohlfahrt in Friedrichshain, kennt diese "Hemmschwelle". Viele Obdachlose seien es nicht mehr gewöhnt, sich in eine Gemeinschaft einfügen und Regeln befolgen zu müssen. Und mit der Größe der Gruppe wächst auch das Konfliktpotential. Aus diesem Grund plädiert Stefan Schneider vom "Kaffee Bankrott" für kleinere Einrichtungen, die über 10 bis 20 Plätze verfügen. Denn bei solchen Kapazitäten komme Gewalt erfahrungsgemäß weitaus weniger vor als in großen Unterkünften.

jcs

Aus der Berliner Morgenpost vom 15. Dezember 2005
 

Kampagne Noteingang Berlin

Im November 2000 wurde die Kampagne Noteingang – in Anlehnung an eine Brandenburger Initiative – in Berlin von Bündnis 90 / Die Grünen mit dem Gesamtverband des Einzelhandels Berlin (GdE), dem Internationalen Bund (IB) – Freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit e.V., dem Türkischen Bund Berlin Brandenburg e.V., der Vereinigung Türkischer Reiseagenturen Berlin (BETÜSAB) sowie des Berliner Landesverbandes der SPD  am 24.11.2000 als gemeinsame Aktion gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gestartet.


Der Aufkleber

Was ist Sinn und Ziel der Berliner “Kampagne Noteingang”?

Die Kampagne Noteingang ist sicherlich nicht die eine Maßnahme, mit der sich das Problem der rechtsextremen und rassistischen Gewalt schnell und komplett beseitigen ließe. Solch eine Maßnahme gibt es nicht. Sie ist aber eine Initiative, die sich bestimmter Teilprobleme annimmt und den Bürgerinnen und Bürgern in Berlin eine Möglichkeit bietet, sich gegen den Rechtsextremismus zu positionieren. Das Symbol, der leuchtendrote Aufkleber mit der Aufschrift “Wir bieten Schutz vor fremdenfeindlichen Übergriffen”, erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Sensibilisierung für das Problem der Fremdenfeindlichkeit in Berlin
    Viele Menschen in Berlin wollen das Problem der Fremdenfeindlichkeit und der rassistischen Gewalt in ihrer Stadt nicht wahrhaben. Man verdrängt entweder das Problem oder verweist auf Brandenburg oder andere Gegenden, wo ja ‚alles viel schlimmer‘ sei. Das mag verständlich sein, ist aber gefährlich. Die meisten deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger bekommen diese Probleme nur über die Medien und das Fernsehen mit, selten aus eigener Erfahrung. Der Aufkleber, wenn er häufig genug im Stadtbild auftaucht, soll den Leuten bewusst machen, dass das Problem auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld präsent ist. Das mag schmerzlich sein, ist aber nötig. Nur wenn sich die Menschen des Problems als solchem – und als ein Problem ihrer eigenen Umgebung - bewusst sind, kann die Bereitschaft zur Initiative entstehen.

  2. Herstellung von Gesprächsbedarf und –bereitschaft
    Die Auseinandersetzung mit dem Problem setzt eine Anerkennung der Situation als Problem voraus. Wenn dies geschehen ist, werden die Menschen über das Thema sprechen. Die Gespräche beginnen bereits in der Belegschaft der Betriebe, die sich entschließen, den Aufkleber anzubringen, Gespräche finden zwischen Kundinnen und Kunden sowie den Angestellten der Läden und Betriebe, der Behörden und Organisationen statt, die sich beteiligen. Diese Gespräche werden sicherlich vollkommen unterschiedlich verlaufen, je nach Situation und Ausgangslage. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Aktion Noteingang in Brandenburg, wo die Gespräche zwischen Initiative und Ladenbesitzerinnen und Ladenbesitzern im Mittelpunkt standen. Dies ist in Berlin nicht so. Von uns werden diese Gespräche an Aktionstagen, bei denen wir Ladenbesitzer und Passanten ansprechen und über die Kampagne informieren, angestoßen.

  3. Förderung des subjektiven Sicherheitsgefühls bedrohter Gruppen
    Je mehr Aufkleber in Berlin hängen, um so größer wird das Sicherheitsgefühl von Angehörigen potentiell bedrohter Opfergruppen, also aller Menschen, die nicht in das beschränkte Weltbild der Rechtsextremisten und Rassisten  passen, da sie wissen, wo sie Hilfe finden können. Doch nicht erst im Ernstfall ist das Schild wichtig; es symbolisiert auch im Alltag Solidarität mit den bedrohten Gruppen.
    Angst macht Opfer. Wenn wir diese Angst verringern können, betreiben wir Opferprävention.

  4. Verunsicherung rechtsextremer Gesinnungsträger und potentieller Gewalttäter
    Im Gegenzug wird rechtsextremen/rassistischen Gewalttätern signalisiert, dass sie nicht auf das stillschweigende Einverständnis einer gesellschaftlichen Mehrheit bauen können, sondern dass ihr Verhalten abgelehnt wird. Es gilt, die ‚Schweigende Masse‘ dazu zu bewegen, Stellung zu beziehen. Der Aufkleber bietet eine Möglichkeit dazu, ebenso wie der “Pin” (s.u.).

  5. Symbolische Solidarisierung mit den Opfern rechtsextremer / rassistischer Gewalt
    Der Aufkleber soll zudem eine Solidarität mit den Opfern signalisieren, ein “so geht es nicht weiter” zum Ausdruck bringen. Gewaltopfer brauchen Solidarität, sie dürfen nicht alleine gelassen werden mit dem Gefühl, die Menschen in diesem Land interessierten sich nicht für ihr Schicksal. Es muss immer wieder klargemacht werden, dass rassistisch motivierte Überfälle einen schwer wiegenden und nicht hinnehmbaren Angriff auf die Menschenwürde darstellen.

Der Noteingangs-Pin


Der Pin ist ein kleiner Anstecker in Form des Männchens, das auf dem Aufkleber dargestellt ist. Man trägt ihn, um seine Einstellung deutlich zu machen und Solidarität zu demonstrieren, ähnlich dem “Red Ribbon”, der roten AIDS-Schleife. Des Weiteren ist er auch ein Zeichen dafür, dass die jeweilige Person in der konkreten Gefahren- und Bedrohungssituation Hilfe leistet (auch wenn es “nur” das Rufen der Polizei oder das Ziehen der Notbremse ist).

Vor allen Dingen jedoch bietet der Pin Privatpersonen die Möglichkeit – im Gegensatz zu den Aufklebern, die ja meist Geschäftsinhabern vorbehalten sind – Stellung zu beziehen und Gesicht zu zeigen.

Im Laufe der Kampagne konnten eine ganze Reihe von UnterstützerInnen gewonnen werden. Eine stets aktualisierte Liste findet sich im Internet auf unserer Homepage www.kampagne-noteingang-berlin.de . Hier seien nur einige wenige genannt: BVG, S-Bahn Berlin GmbH, die Berliner  Apothekerkammer, die Evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg, die SPD, Bezirksämter mehrerer Berliner Bezirke, die Humboldt-Universität Berlin, das Studentenwerk sowie eine ständig steigende Anzahl von Berliner Schulen.

Wie beteiligt man sich an der Kampagne Noteingang?

Sämtliches Infomaterial, den Pressespiegel, die Aufkleber sowie den Pin und die “Grüne Karte Nr.1” kann man über die Kampagne gegen Rechtsextremismus bei der Berliner Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90 / Die Grünen beziehen: Oranienstrasse 25, 10999 Berlin, Tel: 615 005-30, -72, Fax: 615 005 66. Bestellungen können Sie zudem per Internet unter www.kampagne-noteingang-berlin.de tätigen. Aufkleber u.a. können aber auch während der Bürozeiten der Landesgeschäftsstelle (Mo-Fr 11:00 – 16:00) abgeholt werden. Aufkleber (Euro 0,24), Pins (Euro 0,25) und die “Grüne Karte Nr.1-3” (je Euro 0,15) werden zum Selbstkostenpreis abgerechnet, zzgl. Versandkosten. Die Bezahlung erfolgt per Rechnung oder (bei Selbstabholung) durch Barzahlung. 

Wie können Sie sich in einer Bedrohungssituation verhalten?

  1. Vorbereiten!
    Bereiten Sie sich auf mögliche Bedrohungssituationen – egal, ob Sie nun Opfer oder Zeuge sind - innerlich vor. Spielen Sie Situationen für sich allein und im Gespräch mit anderen durch. Es ist gut, auf Eingeübtes zurückgreifen zu können, da alles relativ schnell ablaufen wird.

  2. Ruhig bleiben!
    Machen Sie möglichst keine hastigen Bewegungen; ein sich bedroht fühlender Angreifer kann mitunter noch brutaler werden. Durch ruhiges Auftreten Ihrerseits entziehen Sie dem anderen den Angriffspunkt.

  3. Nicht drohen oder beleidigen!
    Machen Sie keine geringschätzigen Äußerungen über den Angreifer. Kritisieren Sie sein Verhalten, aber werten Sie ihn nicht persönlich ab.

  4. Gehen Sie die Ihnen zugewiesene Opferrolle nicht ein!
    Wenn Sie angegriffen werden, flehen Sie nicht und verhalten Sie sich nicht unterwürfig. Der Täter könnte sich hierdurch unter Umständen als Herr der Situation bestätigt fühlen. Ergreifen Sie die Initiative, agieren Sie!

  5. Halten Sie Kontakt (Reden-Zuhören-Blickkontakt)!
    Sagen Sie irgend etwas. Ein stummes, dumpfes “Etwas” mag ein leichteres Opfer sein als ein Mensch, der sich bemerkbar macht. Hören Sie zu, was der Angreifer sagt. Aus seinen Antworten können Sie Ihre nächsten Schritte ableiten.

  6. Holen Sie sich Hilfe!
    Sprechen Sie nicht eine breite Masse an, sondern einzelne Personen. Viele sind bereit zu helfen, wenn ein anderer den ersten Schritt tut oder sie persönlich angesprochen werden.

  7. Aktiv werden!
    Falls Sie Zeug/in von Gewalt werden, zeigen Sie, daß es Ihnen nicht gleichgültig ist, was passiert. Ein einziger kleiner Schritt, ein kurzes Ansprechen, jede Handlung verändert die Situation und könnte andere dazu bringen, ebenfalls einzugreifen.
    Schauen Sie nicht weg! Denn genau damit rechnet der Täter.

  8. Vermeiden Sie möglichst jeglichen Körperkontakt!
    Wenn Sie jemandem zu Hilfe kommen, vermeiden Sie es – so weit es geht -, den Angreifer anzufassen. Körperkontakt ist in der Regel eine Grenzüberschreitung, die zu weiteren Aggressionen führt. Wenn möglich, nehmen Sie lieber direkten Kontakt zu dem Opfer auf.

  9. Risiken abwägen!
    Falls direktes Eingreifen zu gefährlich ist, bzw. Sie sich aus irgendwelchen Gründen nicht dazu in der Lage sehe, holen Sie in jedem Fall so schnell wie möglich Hilfe herbei, alarmieren Sie umgehend die Polizei. Ein Handy hat inzwischen fast jeder, und die 110 ist auch hier kostenfrei! Tragen Sie zur Aufklärung der Tat bei!  

Typische Vorurteile und deren Gegenargumente: eine kleine Hilfe für Gesprächssituationen

Ich habe Angst, durch das Anbringen des Aufklebers (Tragen des PIN) selbst zur Zielscheibe rassistischer Gewalt zu werden.
 - Dies ist zwar unwahrscheinlich, ganz auszuschließen ist es jedoch leider nicht. Allerdings zeigt diese Befürchtung, daß sich noch viel mehr Menschen und Ladenbesitzer daran beteiligen müssen. Denn je mehr mitmachen, desto breiter ist die Front gegen solche Übergriffe. Irgendwo muß der Anfang ja gemacht werden – wenn alle wegsehen oder Angst haben, wird es so weitergehen oder noch schlimmer werden!

Das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich einem Menschen in Not helfe. Dafür brauche ich keinen Aufkleber oder PIN.
 - Sie vielleicht nicht. Aber es ist auch ein Zeichen für die Anderen, daß Sie etwas tun. Und besonders der PIN soll ja gerade die Solidarisierung untereinander in Gefahrensituationen fördern, da Sie ja nie wirkliche wissen können, welchen Standpunkt ihr Gegenüber oder Banknachbar hat.

Wir haben hier in meinem Bezirk diese Probleme nicht. Daher brauche ich auch keinen Aufkleber an meiner Tür.
 - Dies ist Augenwischerei. Denn überall existiert das Problem rassistischer Übergriffe – es geht ja nicht nur um die rechtsextremen Angriffe, sondern um sämtliche Bedrohungssituationen.

Ich möchte als Ladenbesitzer überparteilich bleiben. Außerdem fürchte ich, durch den Aufkleber meine Kundschaft zu verlieren.
 - Der Aufkleber ist bewußt neutral gehalten, eben da es nicht vordergründig um eine Partei-Aktion geht, sondern um Hilfe für bedrohte Menschen. 

HILFE Notfalltelefone

Polizeiliche Dienststellen
Polizei    110
Politisch Motivierte Straßengewalt / Berliner Polizei     030/ 691 11 83
BGS (Hotline des Bundesgrenzschutzes)        01805-23 45 66 

Adressen antirassistische Initiativen und Notfalltelefone

Amadeu-Antonio-Stiftung Mo-Fr 10-18 Uhr; 030/ 240 45 450
RAA (Regionale Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule e.V.)    
Mo-Fr 8:30-17 Uhr; 030/ 240 45 100
ADB (Antidiskriminierungsbüro):  Mo 10-13 Uhr, Di + Do 12-19 Uhr ;       030/ 204 25 11
Antirassistische Initiative,  tagsüber 030/ 785 72 81
Kampagne Noteingang Berlin    030/ 615 005-30/-72
Potsdamer Verein Opferperspektive e.V. (unterstützt Opfer rechtsextremer Gewalt)        
0171/ 193 56 69
 

Juristische Unterstützung

Geschäftsstelle des deutschen    Anwaltvereins    (stellt und vermittelt kostenlose Rechtshilfe)
030/ 726 15 20

Nachtrag: Stefan Schneider unterstützt diese Kampagne ebenfalls.
 

Noble Geste
mob e.V. legt finanziellen Grundstein für Bürgerstiftung

In immer mehr deutschen Städten erweisen sich Bürgerstiftungen als eine erfolgreiche Form bürgerschaftlichen Engagements für das Gemeinwohl. Auch in Prenzlauer Berg ist jetzt eine solche Plattform im Aufbau. Am 11. Oktober übergab der Verein »mob - obdachlose machen mobil« als erster Stifter eine Verpflichtung über 1.000 EUR zugunsten des Stifterkapitals an die Initiative »Bürgerstiftung Prenzlauer Berg«. Für deren Gründung ist ein Stiftungskapital von mindestens 50.000 EUR erforderlich. »Weitere Absichtserklärungen liegen uns vor, so dass wir den Gründungsakt hoffentlich im nächsten Jahr vollzierhen können«, sagt die Politikwissenschaftlerin Romy Köhler von der Initiative, die ihren Sitz im Eliashof in der Senefelderstraße 6 hat und zu ihren Mitgliedern auch die Medienpädagogin Melanie Ludwig, die Juristin Stefanie Engelbrecht und den Industriekaufmann und Diplomsoziologen Andreas Domke zählt. Mit den Zinserträgen des Stiftungskapitals sollen vor allem Projekte in den Bereichen Kultur, Bildung, Soziales und Umwelt in Prenzlauer Berg entwickelt bzw. gefördert werden. Der Förderschwerpunkt liegt auf Integrationsprojekten für Kinder, Jugendliche und Senioren. Gemeinsam mit der Seniorenfreizeitstätte »Herbstlaube« in der Dunckerstraße sowie mehreren KiTas wird zurzeit das generationsübergreifende Netzwerk »Oma und Opa gesucht« vorbereitet.
Finanzielle Beiträge zum Aufbau der parteiunabhängigen, autonom handelnden Stiftung können sowohl mit einer »Zustiftung« von mindestens 500 EUR als auch durch Spenden geleistet werden (Treuhandkonto
Initiative Bürgerstiftung Prenzlauer Berg; Berliner Volksbank, Konto-Nr. 8847012006, BLZ 100 900 000). Weitere Infos unter www.buergerstiftung-prenzlauerberg.de.

Albrecht Molle


http://www.mieterberatungpb.de/admin/download/files/Heft1107.pdf, seite 8

 

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Vortrag von Bärbel Krämer am 23.06.2010 bei Paula Panke

anläßlich der Aktionswoche zur Nationalen Armutskonferenz -
Arm in einem reichen Land: Gemeinsam gegen Frauenarmut

Präsentation Armut ist weiblich.pdf


lady on wallFrauen tragen aufgrund ihres Geschlechts immer noch ein durchgehend erhöhtes Armutsrisiko. Schaut man sich die Ergebnisse des ersten Gender - Datenreports der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen an, so wird deutlich, dass Männer und Frauen nicht in gleichen Maßen von Armut bedroht oder betroffen sind. Neben der immer noch klaffenden Schlucht von 25% [1] im Verdienst zwischen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen und Männern, ist die Gruppe der Alleinerziehenden und im speziellen der alleinerziehenden Mütter die, die am stärksten von Armut bedroht oder betroffen ist.

Nun macht die Analyse der Zahlen einiges bewusst, jedoch liefert der Datenreport keine Ursachen für die herrschenden Verhältnisse. Auf Spurensuche begeben sich SoziologInnen, SozialwissenschaftlerInnen und im besten Falle PolitikerInnen.

Eines wird bei der Auseinandersetzung mit der Thematik jedoch überdeutlich: Die Benachteiligung von Frauen resultiert aus ihrer Gebärfähigkeit und aus der geschlechtsspezifischen Zuordnung der Gesellschaft.

Frauen werden arm, weil sie nicht in einer „Normalfamilie“ leben. Obwohl Menschen heute angeblich aus einer Vielzahl von Lebensformen auswählen könnnen, führt ein Abweichen von der „Normalbiografie“, zu der Ehe und festgelegte Geschlechtsrollen gehören, oft zu Armut. Eine Umgestaltung des Ehegattensplittings, das vor allem den Tatbestand der Ehe und alleinverdienende Ehemänner subventioniert, steht nicht (mehr) auf der Agenda der Regierungsparteien. Geschiedene und alleinlebende Frauen sind weit eher von Armut betroffen als „Familienfrauen“ und haben auch im Alter keine besseren Aussichten. „Alleinerziehende“ Frauen, die am Ärmsten dran sind, wehren sich mit Recht dagegegen, per se als arme Frauen zu gelten. Viele haben sich diese Lebensform selbst gewählt, oder sie erscheint ihnen erstrebenswerter, als das Aufrechterhalten einer unerträglichen Beziehung. Dennoch werden sie zu Bittstellerinnnen gegenüber dem Staat gemacht und sind kontrollierbar.
Im Mai 2003 lebten in Deutschland 2,5 Millionen „Einelternfamilien“, 85% waren Mutterfamilien. 26,3% waren auf Sozialhilfe angewiesen. Erschwerter Zugang zu Erwerbstätigkeit und fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten waren die wichtigsten Ursachen. Der Armutsrisikoquotient betrug bei den Alleinerziehenden im Jahre 2003 35,4% während bei „Normalfamilien“ (2 Erwachsene mit Kindern) 11,6% betrug. Seit 1.1.2005 müssen Frauen, die keinen finanzstarken Partner in ihrer Bedarfsgemeinschaft haben, Erwerbsarbeit leisten. Dies, obwohl in der BRD 27 Erwerbslose auf eine offene Stelle kommen und sie sich einer  ständig schwindenden Zahl von Kindertagestätten und Kindergartenplätzen mit kontinuierlich steigenden Kosten gegenüber sehen [2].

Zu Beginn ihrer Karriere erhalten Männer und Frauen heutzutage für die gleiche Arbeit in den meisten Berufen in etwa das gleiche Gehalt und es entwickelt sich auch weitestgehend parallel bis ungefähr Mitte 30. Dann plötzlich steigen die Männergehälter weiter an, die der Frauen hingegen fallen zurück, und die Lücke zwischen den Einkommen wird immer größer.
Grund dafür ist, dass Frauen Kinder kriegen und ihre Karriere unterbrechen. Zwar steigen viele später wieder in den Beruf ein, verrichten dann aber in aller Regel andere Tätigkeiten als ihre männlichen Kollegen, die keine Karrierepause hatten und bekommen dafür auch weniger Lohn.

Mit zunehmendem Alter vergrößert sich die Einkommensdifferenz zischen den Geschlechtern. In den Altersgruppen der 55- bis 65- jährigen entfielen nur ca. 21% der weiblichen aber noch rund 37% der männlichen Bevölkerung auf ein monatliches Nettoeinkommen von über 1500 Euro [3].

Frauen haben in Deutschland eine durchschnittliche Rente von 650€ [4], die Renten für Männer sind im Durchschnitt doppelt so hoch. Die Ursachen hierfür liegen in den geringeren Beitragszeiten, die vor allen Dingen durch Unterbrechung der Erwerbstätigkeit wegen Kindererziehung begründet sind und in den niedrigeren Beiträgen, die Frauen auch in vergleichbaren Tätigkeiten erzielen.
Der maximale Freibetrag, der Frauen bei der Grundsicherung zugestanden wird beträgt  13.000€ (im 65. Lebensjahr). Bei einer Geldanlage in dieser Größenordnung kann eine Rente in Höhe von 65.00€ [5] monatlich erwartet werden. Seit Jahren wirbt die Politik darum, dass wir mehr private Vorsorge für unser Alter treffen. Das ist für Frauen noch viel notwendiger als für Männer. Frauen, die nun gezwungen sind, ihre Altersvorsorge aufzubrauchen, empfinden das gelinde gesagt als Zumutung und fühlen sich getäuscht. Eine 58jährige, die nun versucht, sich selbstständig zu machen, drückt  es so aus: „Ich habe immer darauf gespart , dass es mir im Alter besser geht, das war nun alles umsonst. Diejenigen, die uns geraten haben, für das Alter vorzusorgen und nun dafür gesorgt haben, dass ich alles verliere, haben wohl keine Probleme damit; deren Pensionsansprüche sind nicht hartzgefährdet.

Gleichzeitig besteht eine große Diskrepanz in der Entlohnung der unterschiedlichen Tätigkeiten. Partnerschaftlichkeit bringt weniger Geld als Durchsetzungskraft und Lautstärke.

Konkret bedeute das: Wer eine gewisse "Habituskultur" an den Tag legt, wer nach Macht strebt, gern viel arbeitet und seine Ellbogen einsetzt, ist im Beruf erfolgreich. "Eigenschaften wie Partnerschaftlichkeit, die mit Frauen in Verbindung gebracht werden, gelten als weniger wert und werden schlechter entlohnt als Durchsetzungskraft und Lautstärke", sagt Julia Nentwich [6], Dozentin am Lehrstuhl für Organisationspsychologie der Universität St. Gallen. Das Gleiche gelte im Übrigen für Berufe, in denen typisch weibliche Eigenschaften gefragt sind, etwa Krankenschwester oder Erzieherin.

Die Folgen: Selbst im Lehramt an Grundschulen, einem frauendominierten Beruf, findet man überdurchschnittlich viele Männer in den Führungspositionen. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der gläsernen Rolltreppe. Viele Frauen stoßen dagegen irgendwann auf ihrem Karriereweg, meist unterhalb des oberen Managements, an die sogenannte gläserne Decke. Die Zahlen dazu liefert der Gender - Datenreport in der Statistik zu „Durchschnittliche Bruttoverdienste der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin 2008 nach Wirtschaftsbereichen und Geschlecht“

Nun will ich aber nicht ausschließlich auf die Problematik der Besserverdienerinnen eingehen sondern auch über die Frauen sprechen, die bereits von Armut direkt bedroht oder betroffen sind. Gemessen wird dies in Deutschland meist an der relativen Armutsgrenze. Relative Armutsgrenzen sind Ungleichheitsmaße. Bei ihnen wird ein bestimmter Grad an Abweichung vom gesellschaftlichen
Durchschnittseinkommen als Armut definiert. Üblich sind hier 40%, 50% und 60% Grenzen. Wer also zum Beispiel: weniger als 50% des Durchschnittseinkommens erzielt, gilt nach der 50% - Armutsgrenze als arm [7].
Anhand dieser Armutsgrenze wird beispielsweise der Arbeitslosengeld II - Satz berechnet und dies bedeutet ganz konkret, dass Menschen, deren Einkommen unterhalb dieser Grenze angesiedelt sind, als arm gelten.

In Berlin lag die Armutsgefährdungsschwelle im Jahr 2008 bei 731 Euro [8].

Bei meiner Arbeit als Dozentin bei einem Träger für Mehraufwandsentschädigungsmaßnahmen,d.h. „Ein-Euro-Jobs“, habe ich die Gelegenheit mit Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen zu sprechen.

Meine Erfahrungen in diesem Bereich sind, dass die Frauen in den meisten Fällen einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. So habe ich mich beispielsweise mit einer Frau unterhalten, die während ihrer 30-stündigen MAE - Tätigkeit ihren krebskranken Mann bis zum Tod gepflegt hat und gleichzeitig noch zwei Kinder zu betreuen hatte.
Die erste Frage, die ihr nach dem Tod ihres Mannes im Jobcenter gestellt wurde, war, was sie denn nun mit den Schulden ihres Mannes vor hätte und ob es ihr klar wäre, dass diese jetzt auf die beiden Töchter umgelegt werden.
Oder eine andere Frau, die neben ihrer 30-stündigen MAE - Tätigkeit ihre demente Mutter zuhause versorgte und sich gleichzeitig um ihren suizidgefährdeten und an Epilepsie erkrankten Sohn kümmerte und die nach dem Auszug des Sohnes um ihre Wohnung kämpfen musste, weil sie 50 Euro über dem Satz lag. Nun könnte man behaupten diese Fälle sind Einzelfälle, jedoch habe ich diese
Erfahrung ganz und gar nicht gemacht.

Klagt Ulrike Herrmann [9] in ihrem Buch „Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ den Realitätsverlust der Mitte an und schildert darin ein Land, das sich zwar gern als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ sieht, in Wirklichkeit aber extrem ungleich ist, so ist dies in den Jobcentern bereits harte Realität.
Denn diese Frauen haben nicht nur mit ihren persönlichen Einzelschicksalen zu kämpfen, sondern auch mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung, wird doch die soziale Absicherung dieser Frauen heutzutage selbst in hohen politischen Kreisen als „spätrömische Dekadenz“ [10] degradiert.

Die Mühlen der Jobcenter mahlen langsam in Frauen-Fragen. So hatten Ende 2007 fast 40% der Grundsicherungsstellen noch keine Beauftragten für Gleichstellungsfragen benannt.

Ohne Recht bleibt Moral Deklaration - Recht ohne Moral führt in Willkür - und beide Extreme führen in Barbarei.


Werte bewähren sich gerade dann, wenn eben „keine Not“ besteht, wenn Verarmung trotz Massenhaftigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund zu treten scheint, also z.B. Solidarität sich nicht nur an präsentem Leiden (als Mitleid), sondern sich an einer eigenständigen und stabilen Gesellschaftssicht festmacht.

Dazu kommt, dass die Hartz- Gesetze geschlechtsblind sind. Sie behandeln formal die Geschlechter gleich, allerdings ohne dass für diese die realistische Möglichkeit besteht, sich gleich zu verhalten.

Bei einem hilfebedürftigen Paar mit einem Kind heißt das beispielsweise: Der Arbeitsvermittler ist in erster Linie daran interessiert, den Mann in einen Vollzeitjob zu vermitteln. Sofern dies gelingt und die neue Stelle ausreichend bezahlt ist, überspringt die Familie die Bedürftigkeitsschwelle und die Grundsicherungsstelle ist nicht weiter zuständig.

Die Frau in den Arbeitsmarkt zu integrieren, hat für den Arbeitsvermittler dagegen eine geringere Priorität. Denn oft würde sich dies schwieriger gestalten: Zuerst müsste, im Falle der noch immer verbreiteten traditionellen familiären Arbeitsteilung, eine Betreuungsmöglichkeit für das Kind gefunden werden. Häufig wären umfangreiche Weiterbildungsmaßnahmen nötig, um die Frau in die Lage zu versetzen, ein existenzsicherndes Arbeitseinkommen zu erzielen, denn klassische Frauenberufe sind, wie wir vorhin schon gehört haben, unterdurchschnittlich bezahlt.
Trotz ihres Auftrags „in Bedarfsgemeinschaften alle erwerbsfähigen Mitglieder zu aktivieren“ begnügen sich viele Arbeitsvermittler in der Praxis damit, dass Frauen Kinder betreuen und allenfalls in Mini- oder Teilzeitjobs mit wenigen Stunden arbeiten [11].

Gleichzeitig fand im Allgemeinen eine Verschiebung von der Vollzeit zur Teilzeitbeschäftigung statt. Zwischen den Jahren 2000 und 2008 ist der Anteil von Teilzeitbeschäftigung bei den Männern von 7,5% auf 11,4% gestiegen, bei den Frauen von 25,2% auf 30,1% [12].

Dass die bei der Mittelvergabe gesetzlich vorgesehene Frauenförderquote oft nicht eingehalten wurde, blieb meist folgenlos. Bessere Gleichstellungsangebote bei einigen Grundsicherungsstellen gehen einer Studie der Böckler - Stiftung zufolge meist auf das Engagement einzelner Mitarbeiter oder Anstöße aus der Kommunalpolitik zurück.

Wie groß die Diskrepanz bei der Förderung von Frauen und Männern ist, zeigen auch die Daten des Gender - Index für Deutschland: Im Jahr 2007 bekamen von 1.000 männlichen Langzeitarbeitslosen in vielen Regionen mehr als 40 Eingliederungszuschüsse, um wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Bei Frauen lag der Wert meist unter 20.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Frauen in vielfältiger Weise von Armut bedroht oder betroffen sind. Sei es die Altersarmut von Frauen die ihre Kinder zuhause betreut hatten, evtl. nie einen Beruf erlernt haben und somit im Rentensystem den niedrigsten Rang einnehmen oder die größte von Armut bedroht oder betroffene Gruppe der alleinerziehenden Mütter, die neben der Organisation ihres Alltags auch für die Finanzierung dieses Alltags in die Pflicht genommen werden.

Ursachen für die Armut von Frauen sind:

  • Sie arbeiten in schlechter bezahlten Berufen
  • Sie stehen oft in ungeschützten oder geringfügigen Arbeitsverhältnissen
  • Sie arbeiten in Teilzeit
  • Viele Unternehmen bieten weiblichen Mitarbeiterinnen keine Aufstiegschancen
  • Sie bekommen durch unterbrochene Erwerbsbiografien weniger Rente
  • Steuerfreibeträge, das sogenannte Ehegattensplitting, etc. kommt dem Mann zu gute, der individuell darüber entscheidet, inwieweit er diesen Ausgleich an die Frau/Familie weitergibt
  • Sie nach einer Trennung oder Scheidung häufig über kein eigenes Einkommen verfügen.
  • Der Ex- Partner keinen Unterhalt zahlen kann, will oder muss.
  • Sie Allein erziehend sind, d.h. für sich und ihre Kinder sorgen müssen

In einem Forderungskatalog zur Vermeidung von Frauenarmut in Berlin sollte
deswegen stehen:

  • Durchgehende Zahlung staatlicher Vorleistung bei Unterhaltsgeldzahlung bis zur Selbstständigkeit der Kinder
  • Gleiche Bezahlung von Frauen für gleiche Leistung
  • Verbesserung der Vereinbarkeit von Kind und Beruf
  • Quotenregelung für Führungskräfte
  • Schaffung von gesellschaftlichen Strukturen die den Bedürfnissen von Frauen besser Rechnung tragen
  • Unterstützung frauenfördernder Unternehmenspolitik

Fazit:
Frauenarmut ist ein gesamtgesellschaftliches Problem!
Eine Gesellschaft, die Frauen wertschätzt, verhindert ihre Armut


Für die Zukunft wird das Verteilen der Armensuppe nicht mehr ausreichen. Es wird notwendig, den Mechanismen nachzuspüren, die die zunehemde Armut bewirken und daraus echte Reformsätze zu entwickeln. In diesem reichen Land geht es nicht allen schlechter. Die Reichen können einen weitern Anstieg ihres Vermögens und Einkommens verzeichnen. 5 Billionen Euro Nettovermögen  wurden inzwischen angehäuft. Ein Zehntel der Haushalte verfügen über 47% des Reichtums. Reichtum vererbt sich – Armut ebenso.  Wenn Armut vor allem durch Erwerblosigkeit verursacht wird, so wird eine Umverteilung der gesellschaftlich notwendigen (bezahlt und unbezahlt geleisteten Arbeit) ebenso notwendig wie eine Umverteilung des Reichtums. Wenn Armut mit dem Abweichen von der „Normalfamilie“ zu tun hat, wird es dringend notwendig, dass alle Lebensformen gleiche Existensbedingungen genießen [13].

Fussnoten

[1] Gender Datenreport, 1.Einkommen und Verdienste, S.1, Berlin 2009

[2] Gisela Notz: “Warum Armut (oft) weiblich ist, Sozialistische Zeitung

[3] Gender Datenreport, S.1

[4] Verbraucher News,“Frauen leben länger, aber wovon?“11/2004

[5] Frauenfinanzdienst,“ Hartz IV und seine Folgen für Frauen“09/2004

[6] brand eins Online:“Die Besserverdienerinnen“-brand eins 04/2009

[7] Carsten G. Ullrich: Soziologie des Wohlfahrtsstaates, S.124, Campus Verlag 2005

[8] Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Tabelle A2 Armutsgefährdungsschwelle nach Haushaltstyp

[9] Tagesspiegel:“ Die teure Angst vor der Unterschicht“-Tagesspiegel, 12.04.2010

[10] Westerwelle, G:“An die deutsche Mittelschicht denkt niemand“-Welt Online, 11.02.2010

[11] Böcklerimpuls,“Jobcenter: Frauen stehen hinten an“-Böcklerimpuls 20/2009

[12] Gender Datenreport, 1 Erwerbsbeteiligung, S.1, Berlin 2009

[13] Gisela Notz,“ Wrum Armut (oft) weiblich ist, Sozialistische Zeitung


 

 

 

Berliner Straßenzeitung legt mit 1000 Euro den finanziellen Grundstein für die zukünftige Bürgerstiftung Prenzlauer Berg

Berlin (sk) - Zum 1. Oktober 2007 hat der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. / strassenfeger als erster Stifter eine Stifterverpflichtung über 1000 Euro zugunsten des Stiftungskapitals der Bürgerstiftung Prenzlauer Berg unterzeichnet. Damit setzt der im Prenzlauer Berg ansässige Obdachlosen-Selbsthilfeverein, der auch die Obdachlosenzeitung strassenfeger herausgibt, sein langjähriges bürgerschaftliches Engagement fort.

Diese Zustiftung ist der erste Schritt zur Gründung einer parteiunabhängigen, autonom handelnden Stiftung von Bürgern für Bürger im Stadtteil Prenzlauer Berg, für deren Gründung insgesamt ein Stiftungskapital in Höhe von 50.000 Euro erforderlich ist. Dem ersten Schritt des mob - obdachlose machen mobil e.V. folgend, lädt die Gründungsinitiative der Bürgerstiftung Prenzlauer Berg alle Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils Prenzlauer Berg zur bürgerschaftlichen Mitarbeit in der Stiftung, sowie zu Spenden und Zustiftungen ein.

Nach ihrer erfolgreichen Gründung verfolgt die Bürgerstiftung Prenzlauer Berg das Ziel, die Lebensqualität in diesem Stadtteil langfristig zu verbessern, indem sie Projekte aus den Bereichen Kultur, Bildung, Soziales und Umwelt selbst entwickelt und ähnlich orientierte Projekte aus den Zinserträgen des Stiftungskapitals fördert. Der Förderschwerpunkt liegt auf Integrationsprojekten von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen.

Weitere Informationen unter www.buergerstiftung-prenzlauerberg.de


aus: http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=3515&Itemid=260

 

 

Die BAG Wohnungslosenhilfe plant eine Kampagne mit dem Titel Der Sozialstaat gehört allen! vom 21. - 30. September 2010. Die zentrale Veranstaltung findet am 23. September 2010 auf dem Alexanderplatz in Berlin statt. Ich finde diese Kampagne nicht nur gut, denn üblicherweise präsentieren sich hier die bekannten Wohlfahrtskonzerne, die mit Armut und Wohnungslosigkeit ihre Profite erwirtschaften und sich gerne als Wohltäter feiern lassen. Wohnungslose selber werden erwartungsgemäß eher am Rande in Erscheinung treten. Dabei müsste es genau genommen umgekehrt sein. Aber es gibt Beispiele, in denen Wohnungslose und Arme sich erfolgreich selbst organisieren und es ist zu hoffen, dass sich diese Organisationsformen hinreichend Gehör schaffen.

Weil aber der Aufruf an und für sich nicht schlecht ist, veröffentliche ich hier nochmal gerne:

Der Sozialstaat gehört allen!
Menschen in Armut und Wohnungsnot haben ein Recht auf Wohnen, Arbeit, Gesundheit!

Eine Aktion der BAG Wohnungslosenhilfe im Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung

Die Europäische Union hat das Jahr 2010 zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung erklärt. Auch die Bundesregierung hat sich damit verpflichtet, „einen entscheidenden Beitrag zur Beseitigung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ zu leisten und das „Grundrecht der von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffenen auf ein Leben in Würde und auf umfassende Teilhabe an der Gesellschaft“ anzuerkennen. (Beschluss der EU vom 22. 10. 2008)
Die Bundesregierung lässt jedoch extreme Armut, Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot, die immer untragbareren Gesundheitskosten für Arme und die Zunahme der Wohnungslosigkeit unter den jungen Bürgerinnen und Bürgern unbeachtet. Stattdessen wird von Teilen der Bundesregierung in beispielloser Weise gegen Arbeitslosengeld II-Beziehende Stimmung gemacht. Aber nicht nur Politiker, auch Feuilleton und Interessenverbände in Wirtschaft und Wissenschaft polemisieren gegen Arme und Ausgegrenzte: Die SGB II-Regelsätze, die sog. HARTZ IV-Leistungen, seien zu üppig; ALG II-Beziehende sollten Sachleistungen für sich und ihre Kinder erhalten, weil sie das Geld nur für Alkohol, Tabak und Junk Food ausgäben, die Kosten für ihre Wohnungen sollten pauschaliert werden, damit sie lernten sich zu bescheiden.

Wir sind der Überzeugung, dass Wohnungslosigkeit, Wohnungsnot und soziale Ausgrenzung im „Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ auf die Tagesordnung in Deutschland gehören.
Wir rufen Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker, gesellschaftliche Verbände und Organisationen auf, sich an der Kampagne „Der Sozialstaat gehört allen!“ zu beteiligen.

Poster Wohnungsverlust. . . und morgen ohne Wohnung?

In Deutschland sind nach Schätzung der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. ca. 223.000 Menschen wohnungslos, 20.000 von ihnen leben ganz ohne Unterkunft auf der Straße. Im letzten Winter sind mindestens 18 wohnungslose Männer auf der Straße, in Erdhöhlen, auf Parkbänken, in Hauseingängen erfroren. Bisher hatte keine Bundesregierung ein Interesse daran, eine offizielle Statistik zur Erfassung der Wohnungslosigkeit einzuführen.
Zu viele Menschen sind vom Wohnungsverlust unmittelbar bedroht: Nach Schätzung der BAG W sind dies ca. 103.000 Menschen bzw. ca. 53.000 Haushalte.
Der Bestand an öffentlich gefördertem und damit preiswertem Wohnraum nimmt überall ab, da die Belegungsbindungen sukzessive auslaufen. Diese Tendenz des knapper werdenden gebundenen Mietwohnungsbestandes wird befördert durch den Verkauf kommunaler und landeseigener Wohnungsbaubestände an private Investoren.
In vielen Städten und Gemeinden fehlt somit Wohnraum zu angemessenen Preisen. Die Mietobergrenzen sind zu niedrig angesetzt, insb. mangelt es an preiswerten Klein- und Großwohnungen.
Mietkautionen müssen i. d. Regel sofort in Raten zurückgezahlt werden, die vom Regelsatz abgezogen werden. Diese rechtswidrige Praxis zusammen mit den nicht an den örtlichen Mietspiegeln angepassten Mietobergrenzen und der pauschalen Begrenzungen der Betriebs- und Heizkosten ist für viele arme Haushalte ein weiterer Schritt in die Verschuldungsspirale, die letztlich zu Mietrückständen und damit zu Wohnungsverlusten führen kann.
Sollten die Kündigungsfristen – wie im Koalitionsvertrag der Regierungsfraktionen verankert – generell auf drei Monate gesenkt und die Kosten der Unterkunft sowie der Mietnebenkosten im Rahmen von Hartz IV pauschaliert werden, ist ein Ansteigen der Zahl von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen bzw. wohnungsloser Menschen nicht auszuschließen.

Poster U25Man müsste noch mal 20 sein . . . .!?

Arbeitslose junge Erwachsene unter 25 Jahren erhalten Leistungen für Unterkunft und Heizung in einer eigenen Wohnung nach dem SGB II nur, wenn der kommunale Träger diese vor Abschluss des Mietvertrages zugesichert hat. Bei vielen dieser jungen Leute ohne Job und ohne Ausbildung sind die Auszüge aber nicht geplant und gut vorbereitet; oft fliehen sie vor unhaltbaren häuslichen Verhältnissen oder werden von den Eltern vor die Tür gesetzt. Viele landen in außerordentlich prekären und nicht selten von Gewalt und Missbrauch geprägten Lebenssituationen. Der Anteil der jungen Frauen und Männer unter den Wohnungslosen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.
Darüber hinaus kommt es bei U-25-Jährigen häufig zu Sanktionen, sogar in nicht wenigen Fällen zu 100%-Kürzungen. Die Sanktionsquote bei den U-25-Jährigen liegt bei 10 % und ist damit mehr als dreimal so hoch wie bei den über 25-Jährigen. Hauptursache für Sanktionen sind mit einem Anteil von über 50% Meldeversäumnisse, d.h. Termine bei der Arbeitsvermittlung oder dem Ärztlichen Dienst wurden nicht eingehalten.

„Ohne Arbeit, keine Wohnung - ohne Wohnung, keine Arbeit“

Dauerhaft hohe Arbeitslosenraten, insb. der Langzeitarbeitslosigkeit, die schnelle Abnahme niedrig qualifizierter Arbeitsplätze, ohne dass gleichzeitig die Chance für alle auf einen qualifizierten Arbeitsplatz besteht, die rapide Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse – dieses sind Kennzeichen des Arbeitsmarktes. 90 % der wohnungslosen Männer und Frauen sind arbeitslos, zumeist langzeitarbeitslos. Sie haben oft ein Einkommen, das noch unter den Eckregelsätzen des SGB II / XII liegt, viele verfügen über gar kein Einkommen. Der Teufelskreis „Ohne Arbeit, keine Wohnung - ohne Wohnung, keine Arbeit“ muss durchbrochen werden, denn das Ziel einer sozialen Arbeitsmarktpolitik muss es sein, den Lebensunterhalt über Erwerbsarbeit zu sichern.

Poster Gesundheitsversorgung. . . es geht doch auch ohne?! Gesundheitsversorgung – ein Luxus?

Trotz eines Einkommens, das oft unter dem Existenzminimum liegt, müssen Wohnungslose Praxisgebühren und Zuzahlungen zu Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln leisten. Ihr Gesundheitszustand ist entsprechend besonders schlecht.
Arme PatientInnen sparen an der gesundheitlichen Versorgung und riskieren damit eine Verschleppung und Chronifizierung ihrer Krankheiten, die letztlich zu steigenden Kosten im Gesundheitssystem führen können. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Arztkontakte bei Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand und geringem Einkommen reduziert. Im Jahr 2006 gaben die bundesdeutschen Haushalte im Durchschnitt 83,00 € / Monat für Gesundheitspflege aus; Einpersonenhaushalte 67,00 €, Haushalte in der untersten Einkommensklasse (bis 1.300,- netto) 25,- €. In dem HARTZ IV-Regelsatz für einen Einpersonenhaushalt sind 14,- € monatlich für Gesundheitspflege vorgesehen.
Die in extremer Armut lebenden wohnungslosen Männer und Frauen wären nahezu gänzlich von der gesundheitlichen Versorgung abgekoppelt, wenn es nicht vor Ort medizinische Versorgungsangebote für Wohnungslose gebe oder die Wohnungslosenhilfe nicht für ihre Klientinnen und Klienten Praxisgebühren, die Kosten für Brillen und weitere Zuzahlungen übernehmen. Diese Grundversorgung ist aber in hohem Maße abhängig von Spenden und freiwilligem Engagement.

Wir fordern:

  • für alle Bürgerinnen und Bürger eine menschenwürdige, bedarfsgerechte und preiswerte Wohnraumversorgung: Bis 2015 soll niemand mehr auf der Straße schlafen müssen!
  • ein Verfassungsrecht auf Wohnen und eine feste Verankerung der Wohnungspolitik auf der Ebene des Bundes
  • eine bedarfsgerechte Grundsicherung
  • für alle Bürgerinnen und Bürger eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung
  • einen Existenz sichernden Mindestlohn

Denn: „Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.“ (Artikel 25 der UN Menschenrechtscharta)

Notwendig sind:

  • der konsequente Ausbau der Prävention von Wohnungsverlusten, u. a. durch die Förderung von Zentralen Fachstellen zur Vermeidung von Wohnungsverlusten und die Übernahme von Schulden für Unterkunft und Heizung auch als Beihilfe
  • der Erhalt der gesetzlichen Rahmenbedingungen des Mieterschutzes
  • ein SGB II – Regelsatz, der anhand eines aussagefähigen Statistikmodells ermittelt wird und die tatsächlichen Verbrauchskosten berücksichtigt
  • verbindliche Kriterien zur Festlegung der Mietobergrenzen - keine Pauschalierung der Kosten der Unterkunft; eine sozialräumliche Differenzierung dieser Mietobergrenzen sowie Einzelfallprüfungen zur Angemessenheit der Miete
  • Abschaffung der Sanktionen bei den Kosten der Unterkunft
  • ein Ende des staatlich festgelegten Auszugsverbots für junge Frauen und Männer, die weder über gut situierte Eltern noch über einen Arbeitsplatz verfügen
  • ein Rahmen für die soziale Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt; Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen müssen einen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten
  • die Wiedereinführung der Befreiung von Zuzahlun-gen bei Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln sowie die Abschaffung der Praxisgebühren für Bezieher und Bezieherinnen von SGB II - und XII – Leistungen
  • Härtefallregelungen bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und Hilfsmitteln
  • eine reguläre Finanzierung der niedrigschwelligen medizinischen Projekte für Wohnungslose durch Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen und Kommunen

Der Sozialstaat gehört allen!
Menschen in Wohnungsnot haben ein Recht auf Wohnen, Arbeit, Gesundheit!

Flyer zum Download (PDF-Datei 63kb)

 

 

Klaus Stark über die Berliner U-Bahn und Berufe, die man nicht wirklich haben will

Wenn man viel mit der Berliner U-Bahn unterwegs ist, trifft man ab und zu einen Trupp Plakatierer. Die nehmen die riesigen Werbetafeln an der Wand über den Schienen herunter, bestücken sie auf dem Bahnsteig mit neuen Plakaten, klettern übers Gleis zurück und bringen sie wieder an ihren alten Platz. Da verschwindet dann das angeblich klimaneutrale Atomkraftwerk schon mal blitzschnell unter dem neuesten Harry-Potter-Film.

Zwei kleben, einer hält die Leiter, ein Vierter trägt die Verantwortung. Ganz so wie im realen Leben, denkt man sich. Und das alles in den kurzen Pausen zwischen zwei U-Bahn-Zügen.

Das Schlimmste, was einem in der U-Bahn passieren kann, am frühen Morgen, ohne Kaffee und ohne Frühstück im Magen, ist aber eine Schulklasse. Alle drängeln wild durcheinander, reden gleichzeitig und ihre schrillen Stimmen vertreiben die letzten Reste von Schlaf und Traum.

Man fängt die gequälten Blicke der berufsmäßigen Betreuer auf und wenn dann innerhalb von nur fünf Stationen zum dritten Mal einer die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ verkaufen will, denkt man sich: Ach, eigentlich ist man doch ganz zufrieden mit dem eigenen Job.


http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11095807/485072/Klaus_Stark_ueber_die_Berliner_U_Bahn_und.html

 

 
1800 Jugendliche und junge Erwachsene sind obdachlos. Manche sind trotz Kontakt zu den Ämtern auf der Straße gelandet - weil die richtigen Hilfen fehlen.

Still und geduldig wartet der junge Punk. Wartet darauf, dass sich die schwere Eisentür endlich öffnet. Reden möchte er jetzt nicht, und deshalb bleibt die Frage nach seinem Namen unbeantwortet. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sitzt er auf dem Boden, starrt ins Leere und bläst den Rauch einer Zigarette in die kalte Winterluft. Neben ihm, das Gesicht zwischen den Armen versteckt, schläft zusammengekrümmt seine Freundin. Es ist 14 Uhr, und am Berliner Zoo warten die zwei Jugendlichen auf die Essensausgabe der Bahnhofsmission.

Die Frauen und Männer der kirchlichen Sozialeinrichtung stapeln derweil Brote, füllen Schalen mit Gebäck und kochen Tee. Tannenzweige stehen auf den Tischen und ein paar Kerzen. „Viermal am Tag geben wir Essen an Bedürftige aus, insgesamt bis zu 1000 Portionen täglich“, erzählt Annina Budnick, Sozialarbeiterin der Bahnhofsmission. Etwa jeder dritte Gast ist ein Jugendlicher, schätzt die junge Helferin. Die Berliner Landesregierung schätzt, dass es in der Hauptstadt allein rund 1800 Minderjährige gibt, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben.

Mit durchschnittlich 15 Jahren, manchmal aber auch schon ab dem elften Lebensjahr, haben die Jugendlichen ersten Kontakt zur Straßenszene. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Junge Menschen auf der Straße in den Berliner Innenstadtbezirken“ des Instituts für Sozialforschung, Informatik und Arbeit (ISIS). Im Sommer 2007 befragten die Autoren Mädchen und Jungen auf dem Berliner Alexanderplatz sowie vor den Bahnhöfen Ostkreuz, Warschauer Straße und Frankfurter Allee. Etwa ein Drittel der „Straßenkids“ ist tatsächlich wohnungslos. Weitere 20 Prozent leben in unsicheren Wohnverhältnissen, also entweder bei Freunden, Lebenspartnern oder in Wagenburgen. Erschreckend ist der Gesundheitszustand der Jugendlichen. Rund 80 Prozent sagten, dass sie zeitweise unter Hunger leiden. Hinzu kommen Probleme mit Alkohol und anderen Drogen sowie starke psychische Belastungen. „Viele haben sich leider mit ihrer Situation arrangiert“, berichtet Budnick resigniert.

Hilfe finden die Jugendlichen unter anderem im „Klik“, dem Kontaktladen für Jugendliche auf der Straße in Berlin-Mitte. „Bei uns können sie essen, Wäsche waschen, duschen, und wir versuchen die Jugendlichen auch in geeignete Wohnprojekte zu vermitteln“, so Ralf Köhnlein, einer der Sozialarbeiter. Das Problem für manche Jugendliche sei aber, so Köhnlein, dass die Aufnahme in Einrichtungen des betreuten Wohnens auch mit bestimmten Auflagen, wie regelmäßigem Schulbesuch oder etwa der Teilnahme an einer Drogenberatung, verbunden ist. „Aus diesem Grund landen Jugendliche auf der Straße, obwohl sie vorher Kontakt zum Jugendamt hatten“, erklärt er und betont, wie wichtig sogenannte niederschwellige Angebote seien. Noch bis vor wenigen Tagen drohte dem „Klik“ die Schließung. Private Spenden, unter anderem von den Lesern des Tagesspiegels, sichern die Fortsetzung der Arbeit zumindest in den kommenden zwölf Monaten. „Wir sind natürlich froh, wünschen uns aber eine langfristige Finanzierung“, so der Sozialarbeiter. Denn nicht nur für minderjährige Jugendliche, mehr noch für die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen, die auf der Straße leben, fehlen geeignete Hilfsprojekte. „Es ist falsch, wenn sinnvolle Maßnahmen, etwa betreutes Wohnen, mit der Volljährigkeit enden, denn auch danach sind viele Jugendliche mit ihrem Alltag überfordert“, sagt Anett Leach, ebenfalls Sozialarbeiterin im „Klik“.

Olli beispielsweise. Leise klopft der 25-Jährige an den kleinen Wohnanhänger der Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“, der in einer Seitenstraße hinter dem Bahnhof Zoo steht. Drinnen sitzt Marcus Zywietz. Der Ofen in der Ecke sorgt für gemütliche Wärme, auf dem Tisch blubbert eine Kaffeemaschine, und im Hintergrund dudelt leise ein Radio. Der 37-jährige „Strassenfeger“-Mitarbeiter verteilt von hier aus zweimal pro Woche die Obdachlosenzeitschrift an die Straßenverkäufer. Alle paar Minuten erscheint ein Gesicht im Türrahmen, nimmt einen Stapel Zeitungen und verschwindet schnell wieder. Olli finanziert seit sieben Jahren sein Leben durch den Verkauf des Blattes. Viel verdient er damit nicht. „Ich verticke nur zehn bis zwölf Stück am Tag“, erzählt er. In den U- oder S-Bahnen könnte man sicher mehr loswerden, aber da reinzugehen und einen flotten Spruch aufzusagen, liege ihm nicht so. Olli steht am Bahnhof Friedrichstraße. Und nachts? „Na mal hier, mal dort“, antwortet er ausweichend.

Marcus Zywietz erkennt sofort, ob jemand obdachlos ist. „Das sieht man an den Klamotten, aber auch, wenn jemand mit einer riesigen Tasche und Schlafsack auftaucht, kann man eins und eins zusammenzählen“, erklärt der gelernte Tischler. In seinem Wohnwagen erzählen die Straßenverkäufer von ihren Erlebnissen. Zwei, drei Bier müsse er oft erst trinken, um locker zu werden und sich zu trauen, die Menschen anzusprechen, berichtet einer, der wie die meisten anonym bleiben möchte. „Wenn ich Zeitungen verkaufe, kann ich damit meine Drogen finanzieren, die mir helfen, die Nacht vernünftig zu überstehen“, so ein anderer. Es sind traurige, müde Menschen, die an Marcus Zywietz' Wohnwagen klopfen oder auch am Kältebus der Stadtmission, der regelmäßig am Bahnhof Zoo steht.

Ein paar Stunden später, an einem anderen Ende der Stadt. Es ist kurz vor 21 Uhr, und vor der Notübernachtung in Charlottenburg steht ein unauffällig gekleideter junger Mann und schreit. „Verreckt doch alle“, hallt es durch die Franklinstraße. Tom ist sein Name. Tags zuvor habe man ihn nicht mehr reingelassen, weil er zu spät gekommen sei, empört er sich. „Wie soll man denn pünktlich sein, wenn man auf der Straße lebt?“ Jetzt flucht Tom laut und unflätig, und deshalb wird er auch heute hier auf ein warmes Bett verzichten müssen. Nach einer halben Stunde und dem Fund einer großen Tüte fast frischer Brötchen im Müllcontainer des angrenzenden Bürokomplexes hat er sich beruhigt. „Es gibt ja auch noch andere Unterkünfte“, sagt Tom und trottet langsam davon.

Eine ist in Friedenau. Doch gegen 23.30 Uhr sind auch im Nachtcafe „Zum Guten Hirten“ schon alle 15 Schlafplätze besetzt. Es tue ihm wirklich leid, sagt der nette Mitarbeiter am Eingang, einen Tee zum Aufwärmen könne er anbieten und einen Stuhl, auf dem man die Nacht sitzend verbringen kann. Auf einer der Sitzgelegenheiten im Gang döst bereits eine Frau, daneben sitzt ein älterer Wohnungsloser in T-Shirt und kurzen Hosen. „Du musst früher hier sein, Jungchen“, rät er und gibt gleich weitere Tipps, wie man in Berlin eine kalte Nacht übersteht.

Der Tee ist alle und der Stuhl unbequem. Also zurück zum Zoo. Punkt Mitternacht beendet die Bahnhofsmission die letzte Essensausgabe. Nur noch wenige Menschen stehen vor dem Gebäude. Die Frau hinter dem Tresen redet auf einen jungen Mann ein, der kein Trinkgeschirr mitgebracht hat. „Du bist ja nicht zum ersten Mal hier und weißt doch, dass man bei uns ein eigenes Gefäß brauchst“, erklärt sie ihm geduldig. Mittlerweile haben sich wenige Meter weiter die ersten Jugendlichen schlafen gelegt – auf die Gitter des U-Bahn-Luftschachts. Dort beißt die Kälte nicht ganz so schlimm.

Olli ist plötzlich weg. „Ich werde solange Zeitungen verkaufen, bis ich mein Leben auf die Reihe bekomme“, hatte er noch kurz zuvor gesagt. Was das heiße: ’das Leben auf die Reihe bekommen’? Naja, eine eigene Wohnung und vielleicht eine richtige Arbeit haben, war seine Antwort. Nun ist er verschwunden. Die Nacht hat ihn unsichtbar gemacht. Genau wie all die anderen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.01.2008)
http://www.tagesspiegel.de/berlin/Kaeltebus;art270,2450273

 

Wolfgang Thierse preist den Strassenfeger an. Foto: Volker SonderhoffDas Elend mit den Straßenzeitungen

"Sagt mal, für welche Zeitung arbeiten wir gerade?" pflegte der Redakteur und spätere Bachmann-Preisträger Karsten Krampitz gerne in öffentlicher Runde provozierend zu fragen, wenn es um Straßenzeitungen ging. Und in der Tat waren die Aus- und Neugründungen, die Fusionen und Pleiten der Berliner Straßenzeitungen Mitte der 90er Jahre selbst für Insider kaum noch verstehbar. Platte, Stütze, Haz und Mob-Magazin waren die Namen jener Zeit. Wer kennt sie noch, die Blätter? Auch heute ist es für Aussenstehende kaum möglich, genau zu sagen, worin sich Motz, Querkopf und Strassenfeger, so die gegenwärtigen Zeitungen im Jahr 2009, voneinander unterscheiden.

 

Wäre es nicht besser für die Obdachlosen, wenn es nur eine Zeitung gäbe – das war zu Beginn eine oft gestellte Frage. Als im Frühjahr 1994 durch einen Zufall die Berliner Gruppen, die eine Straßenzeitung herausbringen wollten, über einen Kontakt zum Hamburger Magazin Hinz & Kunzt voneinander erfuhren, war es dafür schon zu spät. Die damaligen Macher konnten und wollten wohl auch nicht mehr ihr Konzept in Frage stellen, es ging ja auch um eigene Gewinnerwartungen und unterschiedliches Selbstverständnis. Und so gab es von Anfang an mehrere Straßenzeitungen in Berlin. Ein Glück für die Verkäufer, denn in keiner anderen Stadt ist der Erscheinungszyklus so kurz (in der Regel vierzehntägig) sowie das Verhältnis von Einkaufs- und Weiterverkaufspreis so günstig, und nirgendwo sonst wurde von Anfang an so konsequent daran gearbeitet, soziale Angebote wie Notübernachtungen, Wohngemeinschaften, Treffpunkte mit Essensversorgung oder Kleiderkammern bereitzustellen. Nirgendwo sonst war und ist der Verkauf von Zeitungen so wenig reglementiert wie in Berlin. Stammplatzverordnungen, Ausweispflicht, Alkohol- und Drogenkontrollen – alle diese Erfindungen aus anderen Städten mit Straßenzeitungen gibt es nicht, und sie wären auch kaum durchsetzbar. Dazu ist die Stadt zu groß und eben die Konkurrenz davor. Wer mit einer Zeitung oder ihren Machern nicht zufrieden ist oder in Konflikt gerät, geht eben zur anderen. Andere VerkäuferInnen wiederum bieten alle Zeitungen an und können so flexibel auf die Kundenwünsche reagieren. Auch konnten sich – bisher – sozialarbeiterische Konzepte der Maßregelung und Gängelung von unangepaßten Verhaltensformen so gut wie gar nicht durchsetzen. In keiner anderen Stadt werden so viele Straßenzeitungen umgeschlagen wie in Berlin. Zählt man die Verkaufszahlen aller in Berlin erscheinenden Blätter zusammen, dürfte Berlin mit insgesamt mehr als 70.000 abgesetzten Exemplaren pro Monat deutlich vor Hamburgs Hinz & Kunzt mit 57.000 verkauften Zeitungen liegen.

 

Die „anarchischen“, offenen Verhältnisse haben in Berlin durchaus Tradition. Gustav Brügel, Landstreicher und Schriftsteller aus Balingen bei Stuttgart, gab 1927 die erste Zeitschrift der Vagabunden heraus: Der Kunde. Doch gleich die erste Nummer wird wegen einer homoerotischen Geschichte beschlagnahmt. Brügel, vors Amtsgericht geladen, setzt sich nach Jugoslawien ab. Gregor Gog übernimmt die Herausgeberschaft und Schriftleitung, gründet die Bruderschaft der Vagabunden und kreiert angesichts der Weltwirtschaftskrise das Kampfmotto vom Generalstreik – ein Leben lang. Der Kunde erscheint "in zwangloser Folge" etwa viermal im Jahr mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren; der Preis beträgt 30 Pfennige, aber "Kunden, die unterwegs sind, bezahlen nichts". Von der Auflage wird ein Drittel in den Stempelstellen und Arbeitsämtern, in den Herbergen und Obdachlosen-Asylen verteilt. Der Rest wird von Hand zu Hand weitergereicht und dürfte damit eine größere Verbreitung erreicht haben, als die Auflage verspricht. Mit der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 findet diese Episode ein jähes Ende, die Protagonisten müssen fliehen.

1987 – also noch weit vor dem Erscheinen der Street-News in New York im Jahr 1989, die als erste "moderne" Straßenzeitung gilt – gibt ein gewisser Hans Klunkelfuß die ersten Berberbriefe heraus. Die Berberbriefe erscheinen unregelmäßig etwa vier Mal im Jahr in einem Umfang von 8 - 12 Seiten auf fotokopiertem Papier mit einer Auflage von 100 bis 500 Stück. Klunkelfuß hat freimütig erzählt, wie er diese Briefe produziert hat. Wenn genug Geld zusammengeschnorrt war, was am besten in den Innenstädten gelang, ging er mit seinen Kumpels in die Kneipe zur Redaktionssitzung, wo passende Zeitungsausschnitte zusammengeklebt und handschriftlich kommentiert wurden. Wenn von der Zeche noch Geld übrig war, wurde im Copyshop das fertige Exemplar so oft für den Verkauf vervielfältigt, wie das Geld eben reichte. So war Klunkelfuß unterwegs, von Stadt zu Stadt, von Kneipe zu Kneipe, immer wieder neue Ausgaben der Berberbriefe produzierend.

Selbst die erste "moderne" Straßenzeitung in Deutschland war weder die Münchener BISS im Oktober 1993 noch die Hamburger Hinz & Kunzt 14 Tage später, sondern eine Wohnungslosen-Initiative aus Köln. Im März 1992 gründeten einige Wohnungslose und Mitarbeiter der Benedikt - Labre - Hilfe e.V. den "Kölner Bankexpress" - der sich später in Kölner Bank Extra umbenennen musste -, eine Zeitung von Berbern für Berber, die hauptsächlich von betroffenen Wohnungslosen selbst gestaltet wird. Über die Philosophie dieser Zeitung gibt am besten eine Stellenanzeige aus einer der ersten Ausgaben Auskunft: "Stellenmarkt. Wir sind ein junges, expandierendes Unternehmen der Obdachlosenbranche. Zur Verstärkung unserer Außendienstmannschaft suchen wir zum sofortigen Eintritt keine Journalisten, keine Reporter, sondern einfach nur Berber/innen, die etwas über ihre Erlebnisse und Probleme schreiben wollen. Wir erwarten keinen einwandfreien Leumund. Gehaltsvorstellung: 0,00. Das Ergebnis Eurer Tätigkeit könnt Ihr in der Oase oder bei Rolf und Christian am Bahnhof (Köln) abgeben. Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit." Noch heute arbeiten der Kölner Bank Extra und einige andere, durchweg weniger bekannte und eher kleinere Straßenzeitungen in Deutschland auf dieser basisorientierten Grundlage, mit Betroffenen als Akteuren und Sprechern in eigener Sache.

Die Blüte der Straßenzeitungen wurde in den Jahren 1996 – 1999 erreicht. Die motz investierte in ein von Betroffenen selbst gestaltetes Wohnprojekt und in ein Trödelkaufhaus mit Umzugsunternehmen. Es war der Strassenfeger, der die Idee einer Zeitung mit innovativen öffentlichen/politischen Projekten über eine selbstverwaltete Notübernachtung hinaus  verband. Aktionen wie die (symbolische) Besetzung von Berliner Edel-Hotels wie dem Adlon oder dem Kempinski unter dem Motto "Es sind noch Betten frei" wurden abgelöst von pressewirksamen Angeboten an Politiker und Medienvertreter, 24 Stunden als Wohnungslose auf der Straße zu verbringen (Crashkurs Obdachlosigkeit) oder Überlebensstrategien der Straße zu erlernen (Betteldiplom). Demonstrationen und Sit-Ins auf Bahnhöfen gegen die Privatisierung öffentlicher Plätze und restriktive Hausordnungen (Freiheit stirbt mit Sicherheit) erreichten ebenfalls eine breite Aufmerksamkeit. Es waren Hans Klunkelfuß, Karsten Krampitz, Werner Picker, Jutta Welle und Stefan Schneider, die für die kurze Zeit von eineinhalb Jahren die beiden Straßenzeitungen Strassenfeger und Looser zu einer bundesweiten Zeitung mit dem „Kampfnamen“ Die Strassenzeitung fusionierten. Das Projekt erreichte eine Auflage von bis zu 75.000 Exemplaren und fand Verbreitung in Berlin, Brandenburg, Odenwald, Freiburg, Essen, Oberursel, Heidelberg, Bremen und weiteren Orten Deutschlands, scheiterte aber an seinen eigenen hohen Ansprüchen, inhaltlichen Differenzen über das Maß möglicher Radikalität und der letztlich doch fehlenden Kraft der wenigen Aktivisten. Aber immerhin, wenigstens für eine kurze Zeit war Obdachlosigkeit ein Thema in der gesellschaftlichen Debatte, ging es um mehr als Mitleid und Almosen.

Die später in Berlin verfolgten ambitionierten lokalen Projekte der wieder in Strassenfeger zurückbenannten Zeitung, wie etwa der Aufbau eines Gebrauchtwarenhauses und die umfassende Sanierung von Altbauten zu einem Selbsthilfehaus in der Oderberger Straße beförderte letztlich den Aufbau einer starken Vereinsadministration und führte zu einem Absterben der letzten Reste von basisbestimmter Selbsthilfe. Halbherzige Versuche, hier nochmals gegenzusteuern und eine Politisierung der Berliner Straßenzeitungen sowie einen Anschlusss an die gegenwärtige Protestkultur (Globalisierungskritik, Anti-Hartz-Kampagne, Sozialforumsbewegung) zu erreichen, blieben erfolglos. Straßenzeitungen in Berlin sind heute in der politischen Bedeutungslosigkeit, weil sie über eine randständige, marktkritische Orthodoxie nicht hinauskommen (Querkopf), weil sie als auf Propagandainstrumente für eigene Sozialprojekte wie Verkäuferwohngemeinschaft und Umzugsfirma reduziert werden und sich selbst genügen (motz) oder weil sie, auf kommerziellen Erfolg schielend, nur noch werbewirksam professionelle Elendsberichterstattung betreiben, am Spendengeschäft partizipieren und primär Arbeitsplätze für Redakteure schaffen (Strassenfeger). Die Möglichkeiten, aktive Teile wohnungsloser, armer und ausgegrenzter Menschen in Projekte und Aktionen einzubinden, verstreichen ungenutzt, weil die Verkaufenden in jedem dieser Konzepte nahezu ausschließlich auf ihre fixierte Rolle reduziert bleiben. Zugleich fehlt eine öffentliche Darstellung und Diskussion originärer politischer Vorstellungen Wohnungsloser.

Die Bearbeitung realer sozialer Probleme sowohl der Verkaufenden als auch der Wohnungslosen, die zunehmend Migranten sind, wird den professionellen Anbietern der Wohlfahrtskonzerne überlassen und die Chance zum Aufbau alternativer Wohn-, Arbeits- und Lebensformen verkommt zu bloßer Rhetorik. Innovationen finden in anderen sozialpolitischen Handlungsfeldern statt. Die etwa 400 Berliner Straßenzeitungsverkäufer bleiben weitgehend sich selbst überlassen, sind keineswegs repräsentativ für die mehr als 10.000 Wohnungslosen in der deutschen Hauptstadt und verfestigen das bürgerliche Bild des ewig hilfebedürftigen, abhängigen Obdachlosen. Strassenzeitungen sind zu einer besseren Bettelhilfe verkommen – den Mehrwert streichen andere ein. Ändern wird sich das wohl erst, wenn – in der Tradition von Gog und Klunkelfuß – Anarchisten, Unangepaßte und Aktivisten von der Straße das Instrument einer Zeitung noch einmal neu entdecken. Und es riskieren, eine Zeitung als ad-hoc-Organ für die Herstellung kollektiver Öffentlichkeit und neuer Allianzen randständiger, abwegiger und unbedachter Menschen einzusetzen.

Stefan Schneider

www.drstefanschneider.de/ www.eisop.org

Literatur:

  • Bono, Marie L.: Straßenzeitungen. Ein Ratgeber. Freiburg im Breisgau 1999

  • Herbst, Kerstin / Schneider, Stefan: Selbsthilfe: Chaotische Professionalität. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 45. Jahrgang, 3/2003

  • Hoerig, Ralf G./Schmück, Hajo: Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA (http://www.graswurzel.net/295/vagabunden.shtml )

  • Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: randständig - abwegig - unbedacht. Ein Programm. In: motz & Co. randständig - abwegig - unbedacht. Ausgabe 0/95 vom 19.05.1995. Berlin 1995, S. 3.

  • Klunkelfuß, Hans/ Schneider, Stefan: Quo vadis strassenzeitungen? Berlin/Michelstadt 1998 (unveröffentlichtes Manuskript, siehe www.drstefanschneider.de)

  • Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.), Wohnsitz: nirgendwo. Vom Leben und Überleben auf der Straße, Berlin 1982.

  • Mollenhauer, Katja: Persons was a rolling stone oder wie alles anfing mit den heutigen Straßenzeitungen. In: Strassenfeger 13/2007, Seite 8

  • Schneider, Stefan: Der Kölner Bankexpress - eine etwas andere Zeitung. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 18.

  • Schneider, Stefan: Hans Klunkelfuß und das Selbsthilfehaus Oderberger Straße. In: Strassenfeger 2/2006, Seite 11.

  • Schneider, Stefan: Kunde oder Vagabund? 80 Jahre Straßenzeitung in Deutschland 1927 – 2007. Ein Bericht von den Anfängen. In: Strassenfeger 13/2007, Seite 5

  • Trappmann, Klaus: Landstrasse, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen, Berlin 1980;

 

Richtung Wannsee und zurück

Vor 30 Jahren hat OKW den Zug verpasst. Heute passiert ihm das nicht mehr

Von Christina Matte
Züge sind die Konstante in OKWs Leben.
 Züge sind die Konstante in OKWs Leben

S-Bahnhof Berlin-Schöneberg. Um neun nach neun Uhr beginnt OKW seine Tour. Dann fährt der Zug nach Wannsee ein, dann gehört die Linie S1 ihm – jeden Tag, auch samstags und sonntags. Um neun nach neun wird der Zug nach Wannsee zu so etwas wie OKWs Arbeitsplatz. Einen Arbeitsvertrag und festen Stundenlohn hat er nicht. Er verkauft die »motz«.

Morgens halb acht geht OKW aus dem Haus Weserstraße 36 in Berlin-Friedrichshain. Dort befinden sich die »motz«-Redaktion und die Notunterkunft, in der er seit ein paar Wochen abgestiegen ist, wobei »Abstieg« es recht gut trifft – ein Freund hat ihn vor die Tür gesetzt. Es ist nicht das erste Mal, dass er keine eigene Bleibe hat: Einmal hat er drei Jahre am Stück auf der Straße gelebt. Schlafen musste er in Bahnhöfen oder auf Dachböden, das will er jetzt nicht mehr. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch sein Spitzname: OKW steht nicht für »Oberkommando der Wehrmacht«, sondern für »Ostkreuz-Wolfgang«. Er war damals einer der ersten, die in Berlin Obdachlosenzeitungen verkauften, und zwar am Bahnhof Ostkreuz. Der Name OKW gefällt ihm besser als einfach nur Wolfgang, sogar besser als sein Familienname. Auf diesen Namen kann er stolz sein: Er macht ihn zur Institution.

Um neun nach neun hat er auf dem Bahnsteig bei »Kings« schon seinen Kaffee getrunken. Und eine Zigarette geraucht. Rauchen ist sein einziges Laster; von Alkohol und Drogen lässt er die Finger. Bei »Kings« hält er sich immer ein paar Minuten auf: Mit den Verkäuferinnen versteht er sich. Sie palavern übers Wetter und auch schon mal über Politik, darüber, dass alles teurer geworden ist und es für kleine Leute wie sie immer enger wird. Irgendwann hat OKW ihnen wohl auch erzählt, wie sein Leben gelaufen ist: 1960 kam er in Leipzig zur Welt, im Frauengefängnis, wo seine hochschwangere Mutter wegen versuchter Republikflucht einsaß. So lautet seine Version der Geschichte. Vielleicht kennt er keine andere, vielleicht ist es diejenige, die am wenigsten schmerzt, vielleicht kommt sie einfach nur gut an – dass die deutsche-deutsche Grenze 1960 noch offenstand, fällt sowieso kaum jemandem auf. Und für den Fortgang seines Lebens spielt es ja auch keine Rolle: Den Vater hat er nie kennen gelernt. Im Alter von sechs Monaten brachte man ihn zur Uroma nach Bernburg und, als er sechs geworden war, in verschiedene Kinderheime. Mit fünfzehn durfte er »im Rahmen der Familienzusammenführung« zur Mutter nach Westberlin, die einen Tag vor dem Mauerbau »doch noch abgehauen« war. Sie steckte ihn, weil sie mit ihm nicht zurechtkam, nach einem halben Jahr wieder ins Heim. Seit 30 Jahren haben sie keinen Kontakt mehr. So wollen sie es beide.

Schräger Vogel
Der Zug neun nach neun ist ein sogenannter Vierer. Das heißt, er fährt mit vier Waggons – andere fahren nur mit drei. Also muss OKW in diesem hier erst nach vier Stationen wieder raus und auf den Zug zurück warten – das ist effektiv. Stets beginnt er am »Kopf«, im ersten Wagen. Um sich dann von Station zu Station in den nächsten vorzuarbeiten. 15 Zeitungen trägt er bei sich, mehr nicht. Mehr wird er sowieso nicht los. Für 40 Cent pro Exemplar hat er sie der Redaktion abgekauft, für 1,20 Euro darf er sie wieder verkaufen. Zwölf Euro kann er Gewinn machen, wenn er es schafft, alle Zeitungen loszuwerden.

Nachdem sich der Bahnsteig geleert hat, schließen sich die S-Bahntüren. OKW wartet dann, bis sich alle neu zugestiegenen Fahrgäste gesetzt haben. Sobald der Zug angefahren ist und der Fahrer seine Ansage beendet hat, tritt er in die Mitte und macht seine eigene Ansage. Es ist immer derselbe Spruch, den er in leicht schleppendem Tempo vorträgt, damit man ihn gut versteht: »Guten Tag. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich verkaufe das Straßenmagazin ›motz‹. Wir wären dankbar, wenn Sie uns mit einer Spende helfen würden, weitere Unterkünfte für Obdachlose einzurichten.« Noch während er spricht, nimmt er die vertraute Szenerie wahr: Leute, die zur Arbeit fahren, in eine Bank oder eine Arztpraxis, die unterwegs zur Uni sind, zum Einkaufen oder zu einer Freundin. Die in Büchern oder in Zeitungen lesen, Laptops auf den Knien halten, die Ohren zugestöpstelt haben, sich schlafend stellen, aus den Fenstern starren. Die bemüht sind, nicht aufzuschauen, seinem Blick nicht zu begegnen.

Zeit, sich in Bewegung zu setzen. Er geht den Mittelgang entlang, beugt sich mal nach rechts, mal nach links, hält Abstand, fragt leise: »Hier vielleicht?« Auch andere haben ihre Sprüche; OKW kennt sie auswendig: »Kann nicht lesen« oder »Kein Kleingeld«. Die meisten tun so, als sei er Luft. OKW weiß: Das ist er nicht. Sie fürchten, dass er, der »schräge Vogel«, sie persönlich ansprechen könnte. Weil er sie stört oder gar aufstört. Weil er sie emotional erpresst. Weil sie mit ihrem Gewissen ringen. Weil es ihnen peinlich ist, wenn sie nicht in die Tasche greifen. Weil er ihnen peinlich ist. Das tut ihm leid, das will er nicht.

S-Bahnhof Friedenau. Er ist am Ende des ersten Waggons angelangt. Herrscht Gedränge am Ausstieg, muss er sich sputen, den zweiten Wagen zu erreichen und noch schnell hineinzuspringen. Wieder sagt er seinen Spruch auf. OKW ist es nicht peinlich, dass er stört. Er ist sich auch selbst nicht peinlich. Warum auch? Er belästigt niemandem mit einem unangenehmen Geruch, ist sauber gewaschen und angezogen. Darauf hält er sich etwas zugute: Nicht jeder in seiner Situation schafft das. Und anders als manche seiner »Kollegen« glaubt er nicht, jemand sei ihm etwas schuldig. Vor 30 Jahren hatte auch er seine Chance: Er hätte Einzelhandelskaufmann werden können. Die Lehre bei »Bolle« schmiss er – aus »Doofheit«.

Sternstunden
Kurz vor dem Bahnhof winkt ihn eine Frau heran und möchte eine Zeitung. Die erste des Tages, na bitte. Das mit den Zeitungen, sagt die Frau, finde sie achtbar, das wolle sie anerkennen. Leuten dagegen, die auf dem Ku’damm rumlungern und behaupten, sie hätten Hunger, traue sie nicht übern Weg. Ein Gespräch bahnt sich an, ganz nach seinem Geschmack: Solche Gespräche sind Sternstunden, auch wenn sie nur Sekunden dauern. Er kann mit Insiderwissen glänzen, auch mal derjenige sein, der gibt. Klar, pflichtet OKW ihr bei, hungern müsse wirklich niemand. In Berlin gäbe es hundert Umsonst-Stellen, wo sich Arme sattessen, waschen und Klamotten holen könnten.

Feuerbachstraße, dritter Waggon. Für OKW ein verlorener: Eine Gruppe Schüler sitzt drin. Seinen Spruch kann er sich schenken: Kinder sind laut und toben rum, er würde zu niemandem durchdringen. Dafür entdeckt er zwei alte Bekannte, die ihm öfter mal eine Zeitung abkaufen. Auf der S1 hat er viele alte Bekannte, er nennt sie »Stammkunden«. Manche fragen schon mal, »Wie geht’s?« Diese beiden werden ihm heute allerdings keine Zeitung abnehmen. Er hat ihnen schon letzte Woche ein Exemplar verkauft – die »motz« erscheint nur vierzehntägig.

Rathaus Steglitz: Spurt zum letzten Wagen. Jäh hält OKW inne, bremst. Jemand von der Sicherheitsfirma, die für die BVG arbeitet, ist eingestiegen. Da ist es besser, er bleibt draußen. Der Sicherheitsmann müsste einschreiten, wenn OKW versuchen würde, in seiner Gegenwart tätig zu werden. OKW ist überzeugt, dass es eine stille Übereinkunft zwischen den »Sicherheitsnadeln« und ihnen, den Verkäufern der Straßenzeitungen, gibt: Solange sie ihren Job nicht unmittelbar unter deren wachsamen Augen ausüben, drücken sie diese einfach zu. Dafür müssen OKW und seine »Kollegen« ihre Augen umso offener halten.

Mit dem »Vierer« nach Wannsee hat OKW Pech gehabt. Eigentlich hatte er bis Botanischer Garten mitfahren wollen, nun muss er schon in Steglitz umsteigen. Der Zug zurück Richtung Oranienburg ist ein »Dreier«. Er wird bis Bahnhof Schöneberg weitere zwei Zeitungen verkaufen. 3,60 Euro hat er verdient, als er sich wieder bei »Kings« einfindet. Kaffee leistet er sich nicht mehr, doch eine Zigarette raucht er. Nein, teilt er der Verkäuferin mit, »das Geschäft« laufe heute nicht. Manchmal, wenn Messen in der Stadt sind, wird er alle Exemplare in nur zwanzig Minuten los. In der Regel ist er aber zwei bis drei Stunden unterwegs. Heute, weiß er, ist so ein Tag. Immerhin hat er schon Kost und Logis verdient, für die er in der Weserstraße 3,50 Euro zu zahlen hat. Dann tritt OKW seine Kippe aus. Der Zug Richtung Wannsee fährt ein.

Zugvögel
Sie ziehen zur Sonne, dorthin, wo es warm ist. Wir stellen Menschen vor, die es wie sie halten, oder irgendwie mit ihnen verwandt sind.

Quelle: Neues Deutschland, 05.12.2007

http://www.neues-deutschland.de/artikel/120413.html

 

»... bis ich alles auf die Reihe bekommen habe«

Durch den Verkauf eines Straßenmagazins verdienen sich Obdachlose einige Euro hinzu. Ein Gespräch mit Marcus Zywietz und Olli

Interview: Frank Brunner

Herr Zywietz, wie viele Exemplare des Strassenfeger haben die Verkäufer heute schon bei Ihnen abgeholt?

Ich sitze hier seit neun Uhr morgens, also insgesamt sieben Stunden, und bisher waren es etwa 550 Zeitungen, die ich für 40 Cent pro Stück an die Straßenverkäufer abgegeben habe. Eigentlich sind das relativ wenig. Gestern beispielsweise waren wir ausverkauft.

Olli, wie viele Zeitungen werden Sie pro Tag los?

Ich verkaufe nur zehn bis zwölf Stück für jeweils 1,20 Euro – das heißt, ich verdiene pro Zeitung 80 Cent.

Warum können Sie nicht mehr Zeitungen loswerden?

In den U- oder S-Bahnen könnte ich sicher mehr verkaufen, Aber es liegt mir nicht so, da reinzugehen und einen flotten Spruch aufzusagen. Ich verkaufe lieber auf der Straße.

Haben Sie einen festen Platz?

Früher stand ich hier am Bahnhof Zoo. Doch seit da die Fernzüge nicht mehr halten, kommen kaum noch Touristen, und daher lohnt es sich in dieser Gegend nicht mehr. Jetzt bin ich immer am Bahnhof Friedrichstraße.

Und wo bleiben Sie nachts?

Mal hier, mal dort. Früher war ich manchmal in der Notunterkunft der Stadtmission in der Lehrter Straße. Da ist es mir allerdings oft unheimlich gewesen, weil dort sehr viele Menschen in einem Raum übernachten. Einmal hat mich ein Typ die ganze Nacht angestarrt. Wie soll man da schlafen? Etwas besser ist es in der Franklinstraße. Dort gibt es Drei- und Vierbettzimmer. Manchmal bleibe ich auch bei Freunden.

Herr Zywietz, was sind das für Menschen, die den Strassenfeger verkaufen?

Die meisten Verkäufer sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Für einige ist das schon ein richtiger Job. Einer kommt zum Beispiel regelmäßig Montag bis Samstag immer morgens Punkt halb neun, nimmt jedes Mal 15 Zeitungen mit und verkauft die auch. Leider ist es jedoch auch so, daß sehr viele unserer Verkäufer Suchtprobleme haben. Die sagen sich oft: »Wenn ich zehn Zeitungen verkaufe, kann ich damit meine Drogen finanzieren, die mir helfen, die Nacht vernünftig zu überstehen«. Es sind auch Leute dabei, die buchstäblich ohne Obdach sind und draußen pennen, unter freiem Himmel.

Woran erkennen Sie, ob jemand wohnungslos ist?

Man sieht, ob jemand keine Bleibe hat. An den Klamotten beispielsweise. Aber auch wenn jemand mit einer riesigen Tasche und einem Schlafsack auftaucht, kann man eins und eins zusammenzählen.

Olli, wie begegnen Ihnen die Leute beim Zeitungsverkauf?

Sehr unterschiedlich. Manche geben etwas Trinkgeld, andere übersehen mich und gehen einfach weiter.

Herr Zywietz, welche Erfahrungen haben Sie mit den Käufern des Strassenfeger gemacht?

Ich kann Ollis Eindruck nur bestätigen. Bei manchen Straßenverkäufern läuft es ganz gut. Die haben ihre Stammplätze vor Einkaufszentren und holen bei mir täglich 30 Zeitungen ab. Andererseits reagieren viele Leute auch genervt und schauen schon gar nicht mehr hoch, wenn ein Obdachloser das Blatt anbietet. Viele Verkäufer müssen auch erst mal zwei, drei Bier trinken, damit sie locker werden und sich trauen, andere Menschen anzusprechen.

Olli, was glauben Sie, wie lange Sie noch auf der Straße Zeitungen verkaufen?

Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls so lange, bis ich alles auf die Reihe bekommen habe.

Was heißt »auf die Reihe bekommen«?

Na ja, bis ich eine eigene Wohnung und vielleicht irgendwann eine richtige Arbeit habe.

Marcus Zywietz sitzt zwei – bis dreimal pro Woche in einem kleinen Wohnanhänger hinter dem Berliner Bahnhof Zoo. Der 37jährige verteilt dort das Obdachlosenmagazin Strassenfeger an die Straßenverkäufer. Olli lebt seit sieben Jahren vom Verkauf des Blattes.
 
Quelle: Junge Welt, 22.12.2007, Seite 3
 

Willy King, Aktenzeichen K18/07/41

Ein Obdachloser erfror in Berlin-Mitte. Seit Wochen versuchen Freunde zu erfahren, wie er starb und wo er beerdigt ist - sein Grab haben sie gefunden

Renate Oschlies

BERLIN, im April. Willy King wurde begraben, wie er gestorben ist - allein und unbemerkt. In der Statistik wird er geführt als der dritte "Kältetote" des vergangenen Winters in Berlin. Willy King erfror vor dem Eingang zum Bahnhof Friedrichstraße mitten im Zentrum der Stadt. Ob jemand dem Todkranken in jener Nacht die Hilfe verweigerte, konnten Polizei und Staatsanwaltschaft nicht mehr klären. Das Sozialamt bezahlte seine Einäscherung und sorgte dafür, dass keiner seiner Freunde von der Beisetzung erfuhr. Willy King wurde im März auf einem anonymen Urnenfeld am Rande der Stadt bestattet - "normaler Auftrag ohne Trauerfeier", die kostengünstigste Variante.

Eine "unbekannte Passantin", vermerkt das Polizeiprotokoll, fand den erfrorenen Mann in den frühen Morgenstunden des 24. Januar auf der Treppe zur U-Bahn, direkt neben dem Bahnhof Friedrichstraße. In der Nacht war das Thermometer auf zehn Grad unter null gesunken. Die Frau benachrichtigte den Wachschutz. Der alarmierte Polizei und Rettungswagen. Der Tote wurde in die Gerichtsmedizin gebracht.

Er hatte einen Verkäuferausweis der Initiative "mob - Obdachlose machen mobil" in der Tasche, der ihn berechtigte, die "strassenzeitung" auf den Bahnhöfen der Stadt zu vertreiben. Die letzte Nummer, die Willy King noch in der Nacht, in der er erfror, verkaufte, trug den Titel "Schöner frieren".

Keine Auskunft für die Freunde

Die Pathologen stellten eine schwere Lungenentzündung fest, die der geschwächte, fiebernde Mann im Freien nicht hatte überleben können. Damit war das Todesermittlungsverfahren der Polizei abgeschlossen, der Fall für die Behörden erledigt. Der Rest war Routine: Das Sozialamt Tempelhof wurde für zuständig erklärt, das alle nicht aktenkundigen Sozialfälle mit Geburtsdaten zwischen dem 10. und 26. Juli bearbeitet.

Unter dem Aktenzeichen K18/07/41 ist dort mit der Rechnung des beauftragten Bestatters das Ende der Existenz des Wilhelm König, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, dokumentiert. Sein Leben passt auf ein paar Formblätter zwischen einen Aktendeckel. Willy King wurde 58 Jahre alt. Verwandte, denen man die Bestattungskosten hätte in Rechnung stellen können, ließen sich nicht finden.

Willy Kings Familie waren die Mitglieder der Obdachloseninitiative "mob". Sie liefen nach seinem Tod Polizeidienststellen und Sozialämter ab, um etwas über die Todesumstände ihres Zeitungsverkäufers zu erfahren und Auskunft über Ort und Tag der Beisetzung zu erfahren. Doch die Behörden wiesen ihr Anliegen mit einem einzigen Satz immer wieder zurück: Sie sind mit dem Verstorbenen nicht verwandt. Auskünfte erteilen wir nur nahen Angehörigen. Dabei hatte sich die Polizei am 24. Januar, als man Willy King fand, zuerst an Gerald Denkler gewandt, den Vorsitzenden der Initiative. Er sollte die Personalien des Verstorbenen bestätigen, baten ihn die Beamten.

"Plötzlich aber sollte uns Willy nichts mehr angehen. Wir fühlten uns ohnmächtig", sagt Karsten Krampitz, Redakteur der "strassenzeitung". Willy Kings Freunde begannen, eigene Nachforschungen anzustellen über die Todesumstände, Kings letzten Lebenstag und den Verbleib der Leiche.

Willys Begleiter Toni berichtete ihnen, wie er zusammen mit Willy an jenem eiskalten Januarsonntag unterwegs war. Am Abend hatten sie versucht, am Brandenburger Tor und Unter den Linden ihre Zeitungen zu verkaufen. Willy hatte sich am Vertriebsbus der Initiative in der Jebensstraße nahe dem Bahnhof Zoo am Nachmittag noch einige Zeitungsexemplare abgeholt. Er verkaufte die "strassenzeitung" meist vor dem "Forum Steglitz" in der Schlossstraße. Davon lebte er, King bekam keine Sozialhilfe. Und darauf, sagt Gerald Denkler von der Obdachloseninitiative, war Willy King sehr stolz.

"Willy ging es nicht gut an diesem Sonntag", sagt Karsten Krampitz, der am 24. Januar im Verkaufsbus saß. "Er sah fiebrig aus, krank, schien ein bisschen verwirrt, war irgendwie durch den Wind". Im Nachhinein, sagt Krampitz, "mache ich mir Vorwürfe, dass wir ihn so haben gehen lassen."

Toni und Willy, die beiden Zeitungsverkäufer, wurden noch ein paar Exemplare los an jenem Abend, und Willy lief mit ein paar Mark in der Tasche in Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Er wollte sich, sagt Toni, eine Buttermilch kaufen. Er fühlte sich krank, schlug die Einladung auf eine Dose Bier aus. Er trank immer Buttermilch, wenn er krank war, sagt Karsten.

Willys Freunde vermuten, dass Willy, der stets auf Bahnhöfen übernachtete, von den Wachleuten des Bahnhofs Friedrichstraße vertrieben wurde und zu schwach war, um sich noch einen anderen Schlafplatz zu suchen. Sie meinen, die Beamten hätten angesichts Willys Gesundheitszustandes einen Notarzt, zumindest aber den "Kältebus" der Stadtmission rufen müssen, der jede Nacht Obdachlose in Notunterkünfte fährt. Gerald Denkler und Karsten Krampitz erstatteten Strafanzeige gegen Unbekannt wegen unterlassener Hilfeleistung.

Eine "tragische Geschichte" nennt Bahnsprecher Achim Stauß den Tod Willy Kings. Dann sagt er, dass der Tote "in einem Bereich gefunden wurde, der nicht zur Bahn gehört" - nämlich wenige Meter neben den Bahnhofseingang. Die Deutsche Bahn gehe davon aus, sagt Stauß, dass der Obdachlose den Bahnhof "von sich aus verlassen hat". Zwar gebe es im Dienstbuch des zuständigen Wachdienstes, der Bahnschutzgesellschaft (BGS), einen Eintrag, dass "eine Person, die sich vor den Schließfächern zum Schlafen niederlegen wollte, zwischen 2.30 Uhr und 2.40 Uhr des Bahnhofs verwiesen wurde", räumt Stauß ein. Aber in der Erinnerung der Wachmänner sei jener Mann "deutlich jünger gewesen" und also "nicht identisch" mit dem Toten. Die Personalien des Mannes, den man wegschickte, seien nicht dokumentiert worden.

Die Entscheidung der Wachleute

Der Umgang mit Obdachlosen auf den Bahnhöfen sei immer eine Gratwanderung, sagt einer der Wachleute. Eigentlich gelte Toleranz, sagt die Sicherheitsbeauftragte der Deutschen Bahn, Ellen Karau. Die Obdachlosen seien ein "ausgeprägtes menschliches und soziales Problem" und deshalb dürften sie sich, besonders im Winter, auf den Bahnhöfen aufhalten, "so lange sie sich unauffällig verhalten". Wer aber "zu einer Belästigung der Fahrgäste" werde oder die Bahnhofsordnung störe, werde des Bahnhofs verwiesen. Die Wachmänner entscheiden.

Mancher empfinde allein "den gewissen Eigengeruch, den Obdachlose so haben", als störend, sagt Frau Karau, für einen anderen sei erst bei "Betteln, Pöbeln oder Trinken" die Schmerzgrenze erreicht. Der Wachmann sagt, dass sich Fahrgäste allein vom Anblick Obdachloser belästigt fühlten.

Die Wohnungslosen werfen den Wachdiensten vor, weniger der Sicherheit auf den Bahnhöfen als einem besonderen Verständnis von "Sauberkeit" zu dienen, das "sichtbare Armut lediglich als ästhetisches Problem betrachtet", wie es Karsten Krampitz von der "strassenzeitung" erklärt.

Was in jener Nacht, in der Willy King starb, wirklich geschah, kann niemand mehr eindeutig beantworten. Das Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung wurde eingestellt, weil "der Beweis, dass Personen die hilflose Lage des Obdachlosen erkannt haben, nicht erbracht werden konnte", formuliert ein Polizeisprecher. Wie viele Passanten an jenem Abend den hilflosen Mann sahen und wegschauten, weiß ohnehin niemand.

Am 10. Februar, nachdem Willy Kings Freunde wochenlang erfolglos versucht hatten, bei den Behörden etwas über die Todesumstände und einen Bestattungstermin in Erfahrung zu bringen, organisierten die Mitglieder von "mob e.V." auf dem Bahnhof Friedrichstraße eine Protestveranstaltung. Etwa 50 Menschen kamen zu der "öffentlichen Trauerfeier" für Willy King, umringt von beinahe ebenso vielen Beamten von Polizei und Wachschutz. Die Liedermacherin Bettina Wegner sang einen traurigen Song, Pfarrer Frank Grützmann aus der nahen Sophiengemeinde hielt eine kurze Andacht. Zwei Stunden später waren das Transparent und die Blumensträuße, die die Trauergemeinde zurückgelassen hatte, bereits abgeräumt.

Die Obachlosen wussten nicht nicht, dass die Leiche Willy Kings längst freigegeben und ein Bestattungsunternehmen in Berlin-Friedrichshagen beauftragt worden war - vom Sozialamt Tempelhof, bei dem die Freunde Kings unter anderem nachgefragt hatten.

"Wir geben generell keine Auskünfte über Sozialleistungsempfänger", sagt die Amtsleiterin Brigitte Weidner. "Diese Daten sind geschützt." Die Regelung sei auch im Interesse des Toten, sagt sie, "es könnte dem Verstorbenen ja durchaus unangenehm sein, wenn andere erfahren, dass er auf Sozialamtskosten bestattet wird". Wenn der Wunsch des Toten nach einer Beisetzung etwa mit Trauerfeier, Musik und Redner "erkennbar gewesen wäre", sagt Frau Weidner, hätte man das berücksichtigt und auch bezahlt. Aber leider habe man in der Hosentasche des Toten "kein Testament gefunden, in dem stand: Ich möchte im Beisein meiner Kumpel aus dem Obdachlosenheim beigesetzt werden".

Der Hinweis einer Beamtin

Als die Bestattungsfirma Feige in Friedrichshagen den Auftrag zur anonymen Urnenbestattung im Rahmen des gesetzlichen Sterbegeldes von 2 100 Mark erhielt, setzte Mitarbeiterin Sieglinde Adam sich ans Telefon und versuchte, Bekannte des Verstorbenen ausfindig zu machen. "Ein Mensch sollte nicht so ohne jede Anteilnahme unter die Erde gebracht werden", sagt sie. Doch wo beginnen in der Berliner Szene? Auch die Obdachlosen-Ärztin Jenny de la Torre konnte ihr nicht weiterhelfen. Schließlich wurde Willy King an einem Märzmorgen auf dem evangelischen Friedhof in Rahnsdorf beigesetzt. Sieglinde Adam fotografierte die Urne mit dem bunten Blumenschmuck, den sie für Willy King ausgewählt hatte.

Eine Woche lang war Willy Kings Beisetzung sogar namentlich im Schaukasten der Kirchengemeinde in Rahnsdorf angekündigt worden - in der Hoffnung, dass sich Bekannte fänden. "Es ist so traurig, wenn bei einer Bestattung kein Wort gesprochen wird und kein Mensch der Urne folgt", sagt Friedhofsverwalterin Christina Neuse. Aber leider kam zufällig niemand von Willy Kings Bekannten in dieser Woche in dem Dorf am Stadtrand vorbei.

Und wahrscheinlich hätten Willys Bekannte niemals erfahren, wo er begraben wurde, hätte nicht doch noch eine Mitarbeiterin einer Behörde einfach menschlich gehandelt und ihnen eine Auskunft gegeben. Jetzt, Wochen nach Willy Kings Tod, wissen sie endlich, wo sie sein Grab finden können. Im Friedhofsbuch ist sein Name eingetragen, in der Spalte, die dem 30 mal 30 Zentimeter großen Rasenstück für seine Urne zugeordnet ist: sie liegt in Reihe vier, Grab neun auf dem Feld für anonyme Bestattungen.

Willy Kings Freunde liefen Polizeidienststellen und Sozialämter ab, um zu erfahren, was geschehen war. Sie wurden überall abgewiesen.

Quelle: Berliner Zeitung, 14.04.2000, Blickpunkt, Seite 3

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2000/0414/blickpunkt/0001/index.html 

 

WAS MACHT EIGENTLICH ... die Obdachlosenzeitschrift "Motz?"

Mit Plakaten motzen

Das Motzen lieben die Berliner. Zieht man als zivilisierte Hamburgerin nach Berlin und will sich freundlich den neuen Nachbarn vorstellen, bellt die Frau von oben drüber: "Wenn ihr Party macht, fliegt ihr raus." Und auch der Urberliner aus dem Vorderhaus lässt sich nicht lumpen: "Wat, Erdjeschoss und Hinterhaus. Ick jeb euch ein Jahr, denn seid ihr depressiv!" Ja, herzlich willkommen!

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Selbst die hiesige Obdachlosenzeitung ist nach der Lieblingsbeschäftigung der Hauptstädter benannt: Motz. Und Motz motzt. Heute ab 12 Uhr spielen die Motzis am Gendarmenmarkt Guerilla. Nein, keine Angst: Papier statt Waffen! Kommerzielle Plakatwände werden mit Suppenschüssel, Betten und Mänteln überklebt. Die sind aus Motz-Zeitungsseiten ausgeschnitten und sollen Berlinern zeigen, was Obdachlose brauchen. Ein Plakatwagen stoppt überall dort, wo der Berliner gewöhnlich nicht von den Heimatlosen gestört werden will: vor dem Reichstag, dem Brandenburger Tor und den Weihnachtsmärkten.

Sosehr die Berliner das Motzen lieben und laut einer US-amerikanischen Studie 5 Prozent ihrer Zeit damit verbringen, so knauserig sind sie bei den 40 Cent für das Obdachlosenheft. 1995 euphorisch mit 20.000 Exemplaren gestartet, werden die Straßenverkäufer jetzt gerade mal die Hälfte davon los.

Mit ihrer Aktion sucht die Motz nicht nur Käufer, auch Schreiberlinge werden gebraucht. Also los, Berliner: Auch schreibend kann man motzen! Bei den Nachbarn der Neuberlinerin liegt der Aufruf schon im Briefkasten.

KAF FOTO: MOTZ

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2007%2F12%2F21%2Fa0129&src=UA&cHash=39a30e7c20 

 

»Auch Scheitern will gelernt sein«

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Karsten Krampitz über Obdachlosigkeit, Weihnachten und die soziale Lage in der Stadt

Karsten Krampitz, Jahrgang ?69, studierte Geschichte, Politik und Literatur, veröffentlichte zwei Romane und etliche Erzählungen, deren Helden Obdachlose und andere Unbedachte sind - so in dem 2000 erschienen Roman »Affentöter«, der vor dem Hintergrund des Papierkrieges der Berliner Obdachlosenzeitungen spielt. Viele Jahre war Krampitz selbst Redakteur bei Straßenzeitungen. Seit Anfang der Neunziger arbeitet er im Nachtcafé »Landowsky« der Bekenntniskirche in Treptow, das früher »Arche« hieß.

ND: Herr Krampitz, wie sind Sie als Schriftsteller und Journalist in die Berliner Obdachlosenszene geraten?

Karsten Krampitz: Als das grün-ökologische Netzwerk Arche in der Treptower Bekenntniskirche das Zeitliche segnete. Am Leben geblieben ist allein die Projektgruppe Obdachlosigkeit.

Das war vor 1990?

Nein, ’91 war das. Das alte Netzwerk war damals schon hirntot. Zu den Treffen kamen nur noch die, die nicht bei den Grünen oder der Grünen Liga untergekommen waren. Und ein paar Jüngere, die sich von den Veteranen immer die Frage gefallen lassen mussten: Wo seid ihr ’89 gewesen? Heute würde ich die Frage gerne an die Herrschaften zurückgeben, die Stasi-Akten sind ja inzwischen bekannt. Jedenfalls haben wir damals unser eigenes Projekt gegründet. Das Netzwerk Arche war so etwas wie der Organspender. Wir waren alle sehr erschrocken über diese neue Armut, und irgendwie lag unsere Idee auf der ursprünglichen Arche-Linie, den Menschen zu helfen, die die DDR verlassen wollten. Da war es nur recht und billig, im wiedervereinten Deutschland denen zu helfen, die im Westen nicht Fuß fassen konnten.

Was habt ihr gemacht?

Wir haben eine Wärmestube für Obdachlose aufgemacht – womit wir dann richtig auf die Schnauze gefallen sind.

Wieso das?

Sozialschwache sind per se keine besseren Menschen. Der erste Sprecher unserer Projektgruppe war ein Obdachloser, der dann mit über 1000 Mark durchgebrannt ist.

Die Leute haben das Projekt missbraucht?

Nein, sie haben unsere Dummheit nur ausgenutzt. Wir haben unser Lehrgeld gezahlt.

Trotzdem gibt es immer noch das Nachtcafé »Landowsky«, die ehemalige »Arche«. Heute ist Weihnachten, was heißt das für Wohnungslose?

Die Ursachen der Obdachlosigkeit haben hierzulande eine sehr starke seelische Komponente. Oft genug sind Ehen zerstört und Karrieren gescheitert, der Suff tut dann das Übrige. Auch Scheitern will gelernt sein. Menschen, die bei uns auf der Straße leben, haben ihr Zuhause verloren, nicht nur ihre Wohnung. Zuhause heißt Familie. Von den Gästen im »Landowsky« hat jeder seine Steine am Hals, jeder seine eigene Tragödie erlebt und sich dabei oftmals nicht mit Ruhm bekleckert. Und Weihnachten ist ein Fest der Familie. Für viele ist Familie eben nur eine Erinnerung, und zwar keine schöne. Weihnachten steht für Depression.

Fangen die karitativen Angebote, ich denke da etwa an das Essen, das Frank Zander jedes Jahr schmeißt, diesen Missstand nicht ein bisschen auf?

Das ist okay, wenn die Leute sich bei dem Festessen im Estrel amüsieren. Ich mache aber Unterschiede: Bei Zander ist das eine korrekte Sache. Der blutet jedes Jahr mit so viel Geld, was er zubuttert, und niemand kauft eine CD mehr von ihm. Der freut sich, der begrüßt jeden mit Handschlag und muss dann auch noch singen. Was anderes ist es, wenn Obdachlose als Werbeträger für ...

... die Not missbraucht werden?

Sagen wir benutzt. Bei der Stadtmission habe ich diesen Eindruck: An den Zuständen wird nichts geändert – den Anspruch haben die auch gar nicht. Sie missionieren unter Obdachlosen und können eben in der Öffentlichkeit zeigen, was für gute Menschen sie doch sind im Auftrage des Herrn. Aber die würden den Teufel tun, irgendwelche politischen Forderungen zu stellen. Die Kirche muss sich einmischen, wie zu DDR-Zeiten.

Ist nicht die gesamte Gesellschaft gegenüber Obdachlosen abgestumpft?

Es ist wie mit der Arbeitslosigkeit. Die Gesellschaft der Bundesrepublik hat sich genauso an einen Sockel Obdachlosigkeit gewöhnt. Die Leute denken, so wie es immer Arbeitslose geben wird, wird es auch immer Obdachlose geben. Es gibt eine Übersättigung, für die man auch die Schuld in den eigenen Reihen suchen muss.

Was für eine Schuld?

In den 90er Jahren, als es noch eine bestimmte Sensibilität für dieses Thema gab, hätten die Obdachlosenzeitungen dazu beitragen können, dass ein gesellschaftlicher Diskurs in Gang gesetzt wird: Warum werden Menschen obdachlos? So etwas muss normalerweise nicht passieren. Stattdessen wurde nur auf die Betroffenheitsschiene gesetzt, als wären bei uns Obdachlose vom Hungertod bedroht. Man kann es doch nicht mehr ertragen...

Aber Sie waren doch selbst jahrelang Redakteur bei diversen Straßenzeitungen.

Nee, nee, ich habe versucht, etwas anderes zu machen. Eine traurige Wahrheit noch trauriger zu verkünden, und das bis zum Erbrechen, ist keine Kunst. Die Straßenzeitungen – aber das glaubt mir heute keiner mehr – waren ursprünglich als emanzipatorische und politische Projekte gedacht. Das Gegenteil ist eingetreten: Letzten Endes sind es Drückerkolonnen, so funktionieren die. Es gibt keine innerbetriebliche Demokratie, keine Transparenz. Jeder Arbeiter bei Siemens hat mehr demokratische Rechte als ein Verkäufer beim »Straßenfeger« oder bei der »Motz«.

Sie meinen, die Leute sollten in der U-Bahn, auf den Plätzen und vor den Supermärkten keine Zeitungen mehr kaufen, weil sie damit Drückerkolonnen finanzieren?

Die Verkäufer sind arme Kerle – aber sie sind auch Subunternehmer, da sie die Zeitungen vorher selber kaufen müssen. Besser man gibt ihnen das Geld so. In den Zeitungen steht ohnehin selten was Neues.

Was wäre denn früher die Alternative gewesen, um die Menschen dauerhaft für das Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu sensibilisieren?

Wir haben Ende der 90er probiert, fantasievolle Aktionen zu machen – das Adlon zu besetzen oder gegen die Vertreibung aus der Stadtmitte zu protestieren. Ich erinnere auch an die Bettelakademie, wo wir Betteldiplome für Politiker und Journalisten ausgestellt haben. Das war nicht nur lustig, sondern half auch, die Leute zu erreichen. Wenn du die Gedanken veränderst, veränderst du die Welt.

Die Welt ist klein. In der Stadt leben auch immer mehr Obdachlose aus Osteuropa.

Ich habe ein Problem mit solchen Gegenüberstellungen. Es gibt Obdachlose mit deutschem Pass, die können nicht ein Wort Deutsch sprechen, etwa Russlanddeutsche. Dann gibt es welche, die können perfekt Deutsch sprechen und sind aus Polen. Auf jeden Fall suchen immer mehr Menschen aus Osteuropa die Notübernachtungen in Berlin auf. Oft genug kommt es zu Schlägereien mit den Einheimischen. Auf diesen Konflikt müssen wir reagieren, allein schon, weil das erst der Anfang ist.

2008 steht vor der Tür. Was wäre Ihrer Meinung nach erforderlich, damit die Nöte der 10 000 Wohnungslosen ernsthaft angepackt werden könnten?

Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn die Zahl der Wohnungslosen steigt. Die Wohnungslosen sind die Menschen, die bei den Sozialämtern gemeldet sind, zu deren Unterbringung die Kommune verpflichtet ist. Wir im »Landowsky« kümmern uns dagegen um die Obdachlosen, also um jene, die auf der Straße leben, die nicht registriert sind. Die Politik sollte sich fragen, warum holen die armen Schweine ihre Stütze nicht ab? Warum wollen die in kein Wohnheim oder in keine betreute Wohngemeinschaft? Offenbar gibt es für die Betroffenen zu viele Barrieren.

Was denn für Hindernisse, kann nicht jeder einfach aufs Amt gehen?

Es müsste in den Sozialämtern eine Extra-Anlaufstelle, einen speziellen Sachbearbeiter für Obdachlose geben, mit dem Ziel, diese in das soziale Netz zurückzubringen. Jemand, der drei Jahre Platte gemacht hat, der so lange in der S-Bahn schwarzgefahren ist, dass er ein halbes Jahr in den Knast muss, der körperlich und seelisch am Ende ist, auf diesen Menschen muss man anders eingehen als etwa auf eine alleinstehende Mutter oder einen verarmten Rentner.

Kommt Klaus-Rüdiger Landowsky, der Namensgeber Ihres Nachtcafés, Sie hin und wieder mal besuchen?

Er ist uns immer willkommen. Aber der liebe Gott geht ja auch nicht in die Kirche.

Interview: Martin Kröger

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/121443.html

 

25.05.2007 - Tagesspiegel - Thomas Loy: Miriam Mittler, geb. 1977 "Ich geh' mir jetzt eine Schwalbe kaufen"

Bin kein hartnäckiger Wadenbeißer / bin kein Freischwimmer, ich bin Bademeister. / Ja, schau mir das Geschehen vom Beckenrand an / bis ich, sagen wir mal, zu checken anfang …

Das ist das Lied „Endlich Nichtschwimmer“ vom Hiphopper „Dendemann“. Andere Lieder von ihm: „Kommt Zeit dreht Rad“, „Saldo Mortale“. Verqueres Gedankengut, schön verreimt, aberwitzig. Zum Dendemann-Konzert nach Frankfurt wollten sie fahren. Miriam war Fan, also war Alex es auch. Miriam sagte, in welche Bar sie gingen, zu welchem Konzert. Alex ging mit, weil er Miriam liebte.

An einem sonnigen Nachmittag küssten sie sich im Garten auf dem Hinterhof ihres Hauses. Miriam las nebenher Kleinanzeigen und beendete das Liebesspiel: „Ich geh’ mir jetzt eine Schwalbe kaufen.“ Sie brauchte immer mal wieder eine Schwalbe, weil die DDR-Roller so gerne geklaut werden in Prenzlauer Berg. Eine entwendete angeblich ihr Ex-Freund, nachdem er mit ihrer besten Freundin durchgebrannt war. Wochenlang haben sie den Roller gesucht.

Zu ihrem 30. Geburtstag wollte Alex ihr eine neue Schwalbe schenken. Eine alte natürlich. So alt wie Miriam sollte sie sein, Baujahr 1977.

Fiel alles aus. Das mit der Schwalbe. Das Dendemann-Konzert. Das gemeinsame Kinderkriegen und Altwerden. Miriam brach neben ihm zusammen, im Schuhladen, wo sie ein paar Tage in der Woche arbeitete.

Alex zeigt das Ladentagebuch. Da steht drin, welcher Kunde noch nicht bezahlt hat, wer was geliehen hat und wie viel Pfand er bekommt, sollte er es je zurückbringen. Verkauft werden Second-Hand-Schuhe und -Kleider. Als Miriam anfing im Laden, toppte sie gleich den Tagesumsatzrekord. Sie konnte Leuten, die nur mal gucken wollten, die Kaufhemmung wegzaubern. Ihre Waffe war ihr Lachen. Das ist auf einem Foto zu sehen, das Alex zwischen die Kleider gehängt hat. Miriam im Auto in Spanien, mit Kopftuch und klobiger Brille für Weitsichtige, die sie am Strand gefunden hatte.

Sie liebte es, die Ordnung der Welt zu verrücken, gewichtigen Dingen ihren Ernst zu nehmen. Ein wenig scheute sie wohl auch vor der Last, einmal das zu werden, was sie sich insgeheim wünschte: Mutter von Kindern in einem Haus mit Garten. Alex war überrascht, als sie ihm den Wunsch gestand.

Weil sie der besten Freundin, mit der ihr Ex durchgebrannt war, aus Rache ein Morgenpost- Abo untergeschoben hatte, musste Miriam gemeinnützige Arbeit leisten, bei „Mob e.V.“, dem Zentrum für Obdachlose. Sie fing in der Küche an, wechselte aber bald in die Redaktion des hauseigenen Radiosenders und der Zeitschrift „Straßenfeger“. In einem Text über Novalis schrieb sie:

Die Helden meiner hoffentlich noch anhaltenden Jugend starben alle viel zu früh: Zuerst hing da Sid Vicious an der Wand. Den tauschte ich in der Hippiephase mit Jim Morisson aus, der seinen 30. Geburtstag auch nie gefeiert hat. Um etwas positiver zu werden, habe ich mir mit fünfzehn Jahren dann Kurt Cobain an die Wand gepinnt. Oder vielmehr Kurt Kokain … Dass er auch so früh sterben würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen.

Dass Leben und Sterben zusammengehören, wusste Miriam wahrscheinlich besser als ihre Plakathelden. Mit 26 bekam sie ihren ersten Herzinfarkt. Es dauerte lange, bis sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Die Ärzte rätselten, untersuchten, fanden Reste eines Blutgerinsels und rätselten weiter. Miriam fing an mit Yoga, ernährte sich gesund und beschloss, sich nicht mehr aufzuregen, aber das gelang ihr nicht so gut.

Sie konnte sich maßlos über die BVG-Kontrolleure ärgern. Die meckerten rum, weil auf ihrem Arbeitslosenticket ein Foto fehlte. Sie schimpfte auf die Leute vom bankrotten Goya-Club, die ihr Kellnerhonorar schuldeten. Sie konnte ausrasten, sagt Alex. Auch er bekam das zu spüren. Ihre Gefühle platzten hinaus, die positiven wie die negativen.

Sie hat mal studiert, sagt Alex. Was, weiß er nicht. Er hat nie danach gefragt. Aufgewachsen sei sie in Rodgau bei Frankfurt, als Nesthäkchen mit zwei älteren Schwestern. Ihr Vater wollte ihr helfen, sich zu etablieren, mit festem Job und einer Eigentumswohnung. Aber Miriam konnte sich zu nichts entschließen. Sie blieb in ihrer Hinterhofbehausung. Eine gut bezahlte Arbeit in einer Computerfirma ließ sie sausen.

Fünf Tage lang lag sie im Koma, dann wurde Miriam 30 Jahre alt. An ihrem Geburtstag ließen die Ärzte sie in Ruhe. Keine Untersuchungen. Zwei Tage später haben sie die Maschinen abgeschaltet. Thomas Loy

aus: Tagesspiegel, 25.05.2007, Nachrufe
http://www.tagesspiegel.de/nachrufe/archiv/25.05.2007/3285162.asp
 

15.04.2007 - Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - Kristina Vogt: Der Obdachlose als tragische Figur?

Die Grenzen der aristotelischen Poetik: Wie erzählen Zeitungen über die Bewohner der sozialen Exklusionszone? Und wie tun es die Zeitungen der Obdachlosen selber?

VON KRISTINA VOGT

Tagtäglich begegnet man im Stadtbild obdachlosen Menschen, dennoch kommt ein Kontakt so gut wie nie zustande. Über ihre Identität, ihre Herkunft, die Ursachen ihrer Lage ist kaum etwas bekannt. Über ihren täglichen Kampf um Nahrung und um einen sicheren Schlafplatz hört man wenig. Es gibt keine national einheitliche Definition dieser Bevölkerungsgruppe und nur in Teilen, auf regionaler Ebene, unregelmäßig erscheinende, statistische Erfassungen, was die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ seit langem anprangert.

Das Bild der obdachlosen Menschen wird darum vor allem durch die Medien geprägt. Doch wie wird dort die Wirklichkeit dieses Personenkreises dargestellt? Welche ihrer Geschichten werden erzählt? Sichtet man beispielsweise Artikel der zwei auflagenstärksten Berliner Tageszeitungen – „Berliner Zeitung“ und „BZ“ – und der drei Berliner Straßenzeitungen, „Stütze“, „motz“ und „Strassenfeger“, dann wird deutlich, dass die Skripte der Genres „Bericht über Obdachlose“ kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. Wonach wählen die Medien aus, was sie berichten?

Schon Aristoteles beschrieb am Beispiel von Ödipus, dass die Essenz einer guten Tragödie ein in sich geschlossener Plot ist. So solle bei dem Zuschauer Mitleid mit und Furcht um den tragisch unschuldig schuldig gewordenen Helden bewirkt werden. Eine weitere Komponente sei die Furcht, selbst schuldlos falsch zu handeln. Katharsis oder Reinigung werde möglich durch die empfundene Läuterung des Zuschauers und seinen Erkenntnisgewinn nach Betrachtung des Schauspiels.

Die Tragödien, von denen die Zeitungen berichten, haben jedoch den Anspruch auf Wahrheit: Werden Obdachlose in den untersuchten Tageszeitungen überhaupt plastisch dargestellt und bleiben nicht nur anonyme Objekte der Hilfeleistungen, so entwerfen die Artikel vornehmlich ein stereotypes Bild des männlichen „Penners“. Wird dem Pariser Clochard traditionell Charme und Esprit angedichtet, so geht dieser dem deutschen Äquivalent aber gänzlich ab. Auch Frauen, Kinder und Jugendliche kommen in den Berichten der Tageszeitungen kaum vor. Dies trotz der Tatsache, dass schon 2004 unter den 6973 „Wohnungslosen“ 950 alleinstehende Frauen und 454 Minderjährige verzeichnet waren und insgesamt noch mit einer weitaus höheren Dunkelziffer gerechnet wird.

Als tragische Figuren taugen die „Penner“ der Tageszeitungen nicht. Für Deutschland konstatiert der französische Soziologe Serge Paugam einen nicht reflektierten Umgang mit dem Phänomen „Armut“: In der Leistungsgesellschaft verstörten die stigmatisierten Armen durch die Möglichkeit des Scheiterns. Ihnen werde entsprechend der Maxime des Wohlfahrtsstaates geholfen, ohne jedoch ihre Reintegration anzustreben oder spezifische Problemlagen zu erörtern. Doch wer sind dann die Helden in den allwinterlichen Obdachlosenepen, in denen die Obdachlosen selbst zu Nebenfiguren werden? Es könnten die Helfenden sein: Staatliche und private Organisationen, die anlässlich von Weihnachten und Winterkälte Spendenappelle an die Bevölkerung richten; Prominente aus Showbusiness, Politik und Wirtschaft, die auf Weihnachtsfeiern Obdachlose bewirten und unterhalten; die alte Dame, die gegen die Kälte eigens gestrickte Socken spendet. Antagonisten scheint es in diesen Erzählungen nicht zu geben. Die Lösung des Konfliktes scheint schon die Hilfeleistung per se zu sein, die Besänftigung der Normabweichung. Eine Katharsis findet durch die Bekräftigung barmherziger Einstellungen beim Leser statt. Parallel dazu werden wohlfahrtsstaatliche Werte revitalisiert.

Den lobbylosen Obdachlosen aus einer bewusst linken Perspektive heraus Gerechtigkeit zu verschaffen, machen sich die Straßenzeitungen zur Aufgabe. Ihre Redaktionen setzen sich in Berlin partiell aus ehedem Obdachlosen zusammen, und allesamt bieten sie Reintegrationsprojekte an, die maßgeblich durch den Straßenzeitungsverkauf der Berliner Clochards finanziert werden. Sie schreiben ein anderes Stück: Obdachlose sind unschuldig schuldig gewordene Protagonisten mit vielgestaltigen Biographien und Fähigkeiten. Hier gibt es Antagonisten: der Abbau des Wohlfahrtsstaates, der Kapitalismus und die gleichgültige Konsumgesellschaft, deren Hilfe den Straßenzeitungen bis auf wenige Ausnahmen unzulänglich erscheint. Die Katharsis kann hier nur Labsal sein vor Beginn des nächsten Aktes der unendlichen Tragödie.

Wie zumindest in den Leserbriefen der Straßenzeitungen deutlich wird, sind die Leser nach der Überwindung erster Barrieren offen für das alternative Skript. Es mangelt den Tageszeitungen jedoch an Anreiz und den Straßenzeitungen an Ressourcen, um eine neue Wirklichkeit massenwirksam zu entwerfen. Man liest also weiter alte und neue Tragödien und hofft auf Katharsis.

Lektürehinweis: Paugam, Serge, „Armut und soziale Exklusion: Eine soziologische Perspektive“, in: Hartmut Häußermann u. a. (Hrsg.), An den Rändern der Städte. Armut und Ausgrenzung. Frankfurt am Main 2004

aus: FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 15. APRIL 2007, Nr. 15
 

10.04.2007 - Tagesspiegel - Christian van Lessen: Doppelte Freude

Christian van Lessen ist dankbar für die begeisterungsfähigen Reisenden

Nicht schon wieder, denken die Fahrgäste in der U- und S-Bahn. Da kommt schon der bekannte Typ mit der weinerlichen Stimme, der uns ein Straßenmagazin verkaufen will. Oder diese Frau, die uns seit Jahr und Tag erzählt, dass sie obdachlos ist und etwas Kleingeld braucht. Oder diese Musiker, die uns und ihre Instrumente von Station zu Station mehr quälen als unterhalten und dann die Hand aufhalten. Wir Berliner, ob hart- oder warmherzig, kennen die meist freundlichen Quälgeister und die Erfahrung zeigt, dass sie für ihre Ansagen nicht allzu reichlich belohnt werden. Das Geld sitzt bei den meisten Fahrgästen nun mal nicht locker. Viele schalten auf stur, wenn um eine kleine Gabe gebeten wird.

In diesen Tagen aber stellen wir fest, dass der Typ mit der weinerlichen Stimme, die obdachlose Frau und die Musiker ein wirklich dankbares Publikum haben. Sie verkaufen Magazine, sie scheffeln Münzen und ihre Musik wird unter Bravo- und Zugaberufen beklatscht. Wie schön, dass so viele Touristen in der Stadt sind. Die Berlin-Besucher freuen sich über das bunte Berlin und wir Berliner sind froh, dass wir zu Ostern ein paar Tage in Ruhe gelassen werden. http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/10.04.2007/3190263.asp
 

03.04.2007 - Gransee Zeitung - Mit dem Straßenfeger auf Tour

Olaf Müller aus Hohen Neuendorf ist Berlin-Brandenburgs fleißigster Zeitungsbote


Einfach faul zu Hause auf der Couch herumzuliegen, das kommt für Olaf Müller aus Hohen Neuendorf nicht in Frage. Der 53-jährige Hartz IV-Empfänger trägt schon seit mehr als zehn Jahren den „Straßenfeger“ aus. So kommt er unter Menschen und hat eine spannende Aufgabe.

Von Georg-Stefan Russew

„Nichts ist schlimmer, als zum gar nichts Tun verdonnert zu sein!“, sagt Olaf Müller. Der 1953 in Wildau bei Königs Wusterhausen geborene Müller hat in Berlin den Beruf des Bierbrauers von der Pike auf an erlernt.

Viele Millionen Hektoliter des Gerstensaftes hat er in seiner langen Zeit an den Sudkesseln zusammengebraut. „Hauptsächlich Exportbier wurde bei uns gemacht.“ Er hat bei Bärenquell in Berlin gelernt und später bei Engelhardt in Berlin-Stralau gearbeitet. „Als die Firma zugemacht hat, wurde ich 1994 arbeitslos. Einen neuen Job gabs für mich als Bierbrauer nicht. Viele Bewerbungen waren erfolglos“, so Müller.Zeit, sich lange zu grämen, hatte Olaf Müller nicht. Als er vor 13 Jahren mit der S-Bahn nach Berlin fuhr, traf er einen Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“. „Ich habe ihn angesprochen und er hat mir die Adresse im Prenzlauer Berg gegeben. Ich habe mich gleich beworben und wurde genommen“.

Seitdem ist er ständig für die Straßenzeitung auf Achse.„Wenn ich auf Tour bin, fühle ich mich pudelwohl. Klar wäre ein richtiger Job besser. Aber so liege ich dem Staat nicht so auf der Tasche“, meint der Bierbrauer.Am Verkauf einer normalen Zeitung ist er mit rund 80 Cent beteiligt.

Bei der Zustellung für Abonnenten gibt es nichts. „Der Verdienst wird mir ganz klar auf die 345 Euro Hartz IV angerechnet. So bekomme ich neben Miete für meine Ein-Raum-Wohnung rund 297 Euro vom Staat“, erklärt Olaf Müller.Wenn er als Bierbrauer wieder einen Job finden würde, würde er mit wehenden Fahnen an seine Kessel zurückkehren, „aber ich in meinem Alter bin leider nicht mehr gefragt. Dabei kenne ich die Geheimnisse des Bieres aus dem FF“, so Müller.

Als „Straßenfeger“-Verkäufer ist der 53-Jährige auch die Wucht in Tüten. Geschickt versteht er es, seine Hefte an den Mann oder an die Frau zu bringen. „Früher habe ich auch vor Einkaufsmärkten gestanden und versucht, Kasse zu machen. Aber das war keine gute Idee“. Heute hat er sich fast ganz Brandenburg als Revier ausgesucht. Für diese Zwecke hat sich Müller eine Gesamtnetzkarte der Bahn für Berlin-Brandenburg gekauft und klappert Fürstenberg genauso ab wie Perleberg, Neuruppin, Zossen oder Teltow. „Ich habe mir richtige Touren zusammengestellt, die ich im 14-Tage-Rhythmus abfahre“.

Und dabei geht Müller auf die Menschen zu, geht in die Geschäfte und bietet die Zeitung zum Kauf an. „Hier kann ich meine Kunden direkter ansprechen, und die Verkaufsquote ist tausendmal besser als vor einer Kaufhalle“, berichtet er. Aber nicht immer klappt es. „Ganz oft muss ich unverrichteter Dinge abziehen.“ Und das tut weh, auch wenn Müller dies versucht zu kaschieren.

In seinem Alter geht es die Treppen nicht mehr so gut hinauf. Immer wieder muss er schnaufend pausieren. Auch hier murrt er nicht und zieht seine Tour weiter durch. Ab und zu muss er sich hinsetzen. Dies dauert nie länger als fünf Minuten. Dann geht es weiter. Sein strikter Zeitplan wird von den Zugverbindungen diktiert. Gestern startete er von Oranienburg aus kurz nach 9 Uhr, um kurz vor 10 Uhr auf seine Fürstenberger Runde zu gehen. Gegen 11 Uhr machte er sich in Richtung Gransee auf.

Bei seinen Touren legt er jährlich über 20000 Kilometer zurück. Immer ist er freundlich, nett und ehrlich. Als ihm eine Kundin in der Fürstenberger Schloss-Parfümerie einen Euro zu viel gab, machte er sofort die Frau darauf aufmerksam und gab ihn ihr sofort zurück. „Ehrlichkeit ist für mich das Wichtigste. Wo würde ich hinkommen, wenn es nicht so wäre“, sagt Müller leise.Mit seinem Leben ist er zufrieden. „Klar habe ich noch Träume. Die behalte ich aber lieber für mich, weil die nur mir gehören“, sagt Müller, zählt seine Zeitungsexemplare durch und trottet in Richtung Bahn. In 14 Tagen wird er wieder nach Fürstenberg und Gransee aufbrechen. In der nächsten Woche ist Neuruppin und Oranienburg dran.

Kurze Schlemmerpause beim Fleischer in Fürstenberg. Eine Bockwurst gibt wieder Kraft.

Nur mit Hemd und Weste bekleidet raus bei Wind und Wetter.
 

01.04.2007 - fluxx - Sarah Zimmermann/Anja Kammer: Die nackte Wirklichkeit

Die nackte Wirklichkeit

„Guten Tag, ich bin die Elke, und ich verkaufe die Motz...“ Und schon wird abgeschaltet, es ist ohnehin immer dasselbe: aufdringliche, ungewaschene, nach Alkohol stinkende Penner verkaufen eine absolut überteuerte Obdachlosenzeitung, und zocken naive, mitfühlende Leute ab. So muss ein stressiger Arbeitstag einfach nicht beginnen! In Wahrheit jedoch wissen wir im Grunde nichts über diese bedürftigen Menschen, die darauf angewiesen sind, Straßenzeitungen zu verkaufen. Und überhaupt, wer schreibt eigentlich die Artikel und was steckt hinter der Straßenzeitung, die so erfolgreich vertrieben wird? Schließlich begegnen uns täglich mehrere Verkäufer in S- und U-Bahn. Ganz gleich ob im Bahnhof, vor Supermärkten oder schlicht direkt auf der Straße, sie sind überall! Wir sprechen nun also mit Elke*.

Die unangenehm riechende Dame ist nach anfänglicher Scheu überraschend freundlich. Sie ist ungefähr 40 Jahre alt, arbeitete früher für den Tagesspiegel und verkauft seit fast einem Jahr die „Motz“, wobei sie damit angeblich sogar mehr Geld verdient als in ihrem früheren Job. Durch den Verkauf der Straßenzeitung erhofft sie sich für ihre Zukunft einen Pressepass. Sie selbst behauptet, bisher vorwiegend gute Erfahrungen mit dieser Art von Arbeit gemacht zu haben. Allerdings meint sie: „Man wird mehr von Kollegen angeschimpft, als von Fahrgästen.“ Revierneid spiele dabei eine große Rolle. Ihre Fahrkarte und alles andere muss sie natürlich selbst bezahlen. Alles in Allem kommt sie sehr gut mit ihren Einnahmen aus, wobei zu bedenken ist, dass sie lediglich für einen ihrer drei Söhne Kindergeld bekommt. Bei den drei bis vier Stunden, die sie täglich mit dem Verkauf verbringt, verdient sie bis zu zwanzig Euro am Tag.

Unser Ziel ist der berühmte Bahnhof Zoo, der bereits eine allgemein bekannte Anlaufstelle für Obdachlose und Stricher ist. Im Bahnhofsgebäude sind wir einer Flut von multimedialen Reizen ausgesetzt; die neuesten X-Boxen und Großbildfernseher ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Direkt hinter dem Bahnhof allerdings riecht es unangenehm nach Kot und anderen Exkrementen. Hier befindet sich auch eine von zwei
Vertriebsstellen des Straßenfegers. Wir fragen nach. Der gepflegte, glatzköpfige Herr in dem Wohnwagen erzählt uns, dass er die Zeitungen zwar an die Bedürftigen ausgibt, die Zentrale hingegen in der Prenzlauer Allee zu finden sei. Direkt neben dem Wagen steht ein heruntergekommener Mann.

Sein Name ist Hans* und er wirkt verstört. Er klingt weniger optimistisch und zufrieden als Elke. Seit 10 Jahren verkauft er den „Straßenfeger“ und ist in seiner Verkaufslaufbahn nicht nur beleidigt, sondern auch des Öfteren verprügelt worden. Motz-Verkäufer könne er gar nicht ausstehen, erzählt er. Da gebe es oftmals Ärger. Das Verhältnis zu den Straßenfeger-Kollegen sei hingegen gut, ein richtiger Zusammenhalt.
Auch er lebt in einer eigenen Wohnung, verdient 10 bis 15 Euro in den höchstens vier Stunden, die er am Tag arbeitet. Allein vom Straßenfeger kann er aber auch nicht leben. Nebenjobs sind in der Szene scheinbar unumgänglich. Für ein Foto mit einer unserer Reporterinnen verlangte er sogar einen Euro, den sie in ihrer Gutmütigkeit auch bereitwillig zahlte, immerhin handelt es sich ja um einen Bedürftigen. Diesen Euro wird Hans allerdings vermutlich in eine Portion Stoff investieren. Er ist nach eigenerAussage bereits seit Jahren drogenabhängig und könnte ohne den Straßenfeger seine Sucht nicht finanzieren.

Wir machen eine kleine Pause am Brandenburger Tor und treffen zufällig einen weiteren Straßenfegerverkäufer; dies ist seine Geschichte.

Klaus* ist seit zwei Jahren in Berlin und seitdem Verkäufer des Straßenfegers. Ursprünglich kommt er aus Thüringen und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor zwei Jahren kam er hierher; arbeitslos, ohne Wohnung und ohne Perspektive, aber mit dem Wunsch nach einem neuen Leben in einer neuen Stadt - Berlin. Hier stieß er auf das Café Bankrott, wo Bedürftige für wenig Geld warme Mahlzeiten erhalten können und immer ein offenes Ohr finden. Klaus will mit dem Verkauf von Straßenzeitungen die „Zeit überbrücken“, bis er mit Hilfe seines Betreuers eine Weiterbildung oder vielleicht sogar einen Arbeitsplatz gefunden hat, denn trotz abgeschlossener Berufsausbildung gibt es für ehemalige Häftlinge nicht überall eine offene Tür. Darüber hinaus ist er um jeden Euro froh, mit dem er seinen Schuldenberg ein wenig abtragen kann. „Ich muss einfach etwas tun“, sagt er, „Sonst verfalle ich wieder in den alten Trott oder komme auf dumme Gedanken. Und wo das endet, das weiß ich ja schon.“ Wenn er nicht arbeitet, trifft Klaus sich mit den wenigen Freunden, die er in Berlin bereits gefunden hat. Seit zwei Monaten bekommt er Hartz IV.

Als nächstes machen wir uns auf den Weg zur Prenzlauer Allee 82, der Zentrale des Straßenfegers. Ein dreckiger Altbau-Durchgang führt in eine Art überdachten Innenhof. Das ist das „Café Bankrott“. Man sieht Menschen an sperrmüllartigen Tischen sitzen und ein Barmann verkauft zu sehr niedrigen Preisen Getränke und Imbissküche. Das Radio spielt „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas. In der hintersten Ecke kann man einen Mann entdecken, der aufmerksam am einzigem Internet -PC nach Arbeitsstellen sucht. Die Atmosphäre ist entgegen aller Erwartungen herzlich und zuvorkommend, Sitzplätze werden angeboten und Interesse bekundet. Am anderen Ende des Hofes ist ein kleiner Raum mit etwa 7 Personen, die angestrengt vor ihren Arbeitsplätzen hocken. Durch eine große versiffte Glasfassade kann man nichts näheres erkennen.

Die zuständige Chefredakteurin Katja erklärt sich für ein Interview mit uns bereit. Wir setzen uns an eine große Tafel, an der bereits zwei obdachlose Personen sitzen. Sie stellen sich als Willhelm II. und Königin Elisabeth vor.

*Wer oder was steckt hinter dem Straßenfeger?
Es ist ein Projekt um bedürftigen Menschen zu helfen, dass sie einigermaßen finanziell über die Runden kommen. Oft sagen die Verkäufer, es ist eine Obdachlosenzeitung, wir aber in der Redaktion sagen, es ist eher eine Straßenzeitung. Es sind ja nicht alle obdachlos, es gibt auch Verkäufer, die Hilfe vom Staat bekommen. Jeder denkt die Redaktion besteht auch aus Obdachlosen, die die Texte schreiben. Das ist gar nicht so. Es sind meistens Hartz IV Empfänger oder Praktikanten, die eine Redaktionslaufbahn einschlagen möchten und Leute, die ihre Strafe ableisten müssen. Arbeit statt Strafe.

*Wodurch werden Ihre Arbeitsplätze finanziert?
Das ist jetzt ein bisschen heikel, die Arbeitsplätze werden zumeist durch Ein-Euro-Jobs finanziert, Praktikanten werden natürlich nicht bezahlt und einige werden mit den Arbeitsstunden entschädigt.

*Was ist das Ziel dieses Projektes?
Das Ziel ist es, dass die Menschen mit ehrlicher Arbeit vorankommen, dass sie nicht betteln müssen, sondern auch etwas dafür geben können.

*Über was schreibt der Straßenfeger?
Die Struktur der Zeitung ist anderen sehr ähnlich, da sie auch aktuelle Themen aufgreift, die sich eben nicht nur um Bedürftige drehen oder sogar nur für Obdachlose interessant sind, die man jedoch auch nicht in jeder Tageszeitung wieder findet. Es gibt sogar einen Jugendteil, von 2 Seiten, der Kehrseite heißt. Dort toben sich Jugendliche aus. Hier schreibt also eine Jugendredaktion und hat ihre eigenen Themen, wie z.B. über die Debatte um das Komasaufen.

*Wir haben heute am Zoologischen Garten eine Art Zweigstelle des Straßenfegers besucht. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine Anlaufstelle für den Vertrieb, dort werden die Zeitungen deponiert und die Verkäufer können sich die Anzahl ihrer Exemplare dort abholen. Dafür gibt’s zwei Stellen, eine ist noch am Ostbahnhof.

*Wie oft erscheint die Zeitung und in welcher Auflage?
Sie erscheint alle 14 Tage, also zweimal im Monat in einer Auflage von 24.000. Es gibt manchmal ein paar Reste, es bleibt aber nicht viel übrig.

*Wie ist der Vertrieb geregelt?
Die Zeitung kostet 40 Cent für den Verkäufer und er bietet sie für 1.20 € an, davon behält er also 80 Cent. Dabei ist Eigenkapital natürlich erforderlich. Er kann aber natürlich auch Vergünstigungen bekommen. Die
ersten 10 Exemplare sind umsonst, damit er erstmal eine Anschubfinanzierung hat, um überhaupt etwas verkaufen zu können.

*Was halten Sie persönlich von den Straßenfegerverkäufern?
In der Redaktion hat man keinen großen Kontakt zu den Verkäufern. Mich nervt es auch, dass sie mit Bahnen pendeln, mir ist es lieber, wenn sie an festen Standorten bleiben, aber ich weiß, dass es sein muss. Das Problem ist aber, dass Bahnhöfe meist privatisiert sind und es daher schwer ist, sich mit dem Security Personal zu einigen. Ich habe also auch Verständnis für die Leute, die genervt sind und denen es einfach zu viel ist.

*Es gibt neben Ihrer auch andere Straßenzeitungen. Die Motz und die Stütze. Gibt es da irgendeine Konkurrenz?
Die Stütze hat eine viel geringere Auflage; ca. 1000. Es gab historisch gesehen eine große Konkurrenz zur Motz. Der Straßenfeger und die Motz sind sogar mal aus einer Redaktion entstanden, die sich gestritten hat und dann gab es plötzlich zwei Zeitungen. Jedoch solch einen großen Einblick habe ich auch nicht über die Straßensituation, ich schreibe nur für die Zeitung. Letztendlich ließe sich festhalten, dass das Phänomen „Straßenzeitung“ zwar eine weitere unangenehme Möglichkeit des Bettelns darstellt, aber es tatsächlich auch Menschen gibt, die auf die dadurch erzielten Einnahmen angewiesen sind.

Von Sarah Zimmermann und Anja Kammer
 

08.03.2007 - Tagesspiegel Berlin - Axel Vornbäumen: Die Hutprobe

Sie werden sich unwohl fühlen, hatte Gideon Joffe gesagt. „Sie werden eine defensive Haltung einnehmen. Und irgendwann werden Sie beginnen, instinktiv auf den Boden zu sehen, um nicht zu provozieren.“

Wir hatten uns in einem Cafe in Mitte verabredet. Joffe war ein paar Minuten verspätet gekommen, in Begleitung von zwei Leibwächtern. Binnen Sekunden hatten sie die Situation im Cafe gescannt und dann einen anderen Tisch vorgeschlagen, einen, der von draußen nicht einsehbar war, in einer Nische. Aus Gewohnheit, hatte Joffe gesagt. Er ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin.

Es hatte einen Anschlag gegeben auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin, eine Brandflasche war nicht explodiert, doch der Sprengsatz hatte die Diskussion über Antisemitismus in Deutschland neu entzündet, über eine mutmaßlich neue Intensität des Schreckens. Eine zaghafte Debatte über Wahrheit und Wahrnehmung hatte eingesetzt, über objektive Sicherheit und subjektives Bedrohungsgefühl. Joffe hatte von einem „permanenten Gefühl der Unsicherheit“ der in Deutschland lebenden Juden gesprochen, von neuen Ängsten und davon, dass diese Ängste offenkundig nicht mehr ernst genug genommen würden von der breiten Mehrheit in Deutschland. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde hatte den „Kippa-Test“ vorgeschlagen. „Nicht-Juden sollten sich einfach mal eine Kippa auf den Kopf setzen oder einen Davidstern an die Kette hängen“, hatte er gesagt, „es wird nicht lange dauern, und Sie werden Erfahrungen gemacht haben mit Antisemitismus.“ Das sei keine Aufforderung gewesen, hatte Joffe gesagt, auch kein direkter Hilferuf, eher ein Ruf nach Verständnis.

„Sie wollen den Kippa-Test machen?“, hatte er am Telefon gefragt, und in seiner Stimme lag Erstaunen, „gut, dann treffen wir uns.“

Es war bei dem Gespräch um Grundsätzliches gegangen, um Persönliches auch und um ganz Praktisches. „Die Entwicklungsstufe einer Demokratie erkennt man am Umgang mit den Minderheiten“, hatte Joffe gesagt, und: „Ändern Sie Ihren Alltag nicht, leben Sie normal weiter. Gut, Sie sollten im Restaurant nicht gerade Eisbein bestellen, das würde auffallen.“ Es war um Ängste gegangen, um die Grenzen der Wahrnehmung, um konstruierte Realität. Joffe hatte davon berichtet, dass Mitglieder seiner Gemeinde die Kippa nur noch aufsetzten, wenn sie sich hinter der Sicherheitsschleuse der Synagoge befänden, dass der Davidstern vielfach nur noch unter dem Pullover getragen werde. Die Insignien des Glaubens würden bewusst verborgen, eine Art anonymes Judentum entstehe. Ein Verdrängungsprozess, unbemerkt. Am Ende des Gesprächs hatte Joffe seine eigene Kippa aus der Innentasche des Jacketts geholt und gesagt: „Das wäre natürlich die Härte.“ Auf die Kippa waren hebräische Schriftzeichen gehäkelt, der Anfang des Glaubensbekenntnisses. „Dann wären Sie sofort erkennbar.“

Bin ich das jetzt denn nicht?

Ich sitze in der S-Bahn auf dem Weg zum Tagesspiegel. Meine Kippa ist schwarz, schlicht, vorhin, auf dem Weg zu S-Bahn, war sie mir einmal vom Kopf geflogen, der Wind. Für einen Moment hatte ich gedacht, ob das wohl lächerlich ausgesehen haben muss, unbeholfen. Nun aber spüre ich sie nicht, und unwohl fühle ich mich auch nicht, ganz ehrlich, jedenfalls noch nicht. Unsicher aber schon. Die ersten drei Stationen meiner morgendlichen Fahrt sind unspektakulär verlaufen, aber die Grenzen des Experimentes beginnen mir bereits bewusst zu werden. Normalerweise habe ich im öffentlichen Nahverkehr ein stabiles Desinteresse an meiner Umgebung, Alltagsstudien liegen mir fern. In der Regel lese ich, schaue allenfalls mal kurz hoch. Oft passiert das nicht. Nun frage ich mich, ob ich weiter lesen kann oder ob ich dadurch möglicherweise Signale des Antisemitismus verpasse. Ich packe die Zeitung weg. Ganz normal im Joffe’schen Sinne fahre ich damit nicht weiter.

Diverse Studien ermitteln regelmäßig einen antisemitischen Bodensatz, der in Deutschland irgendwo zwischen zehn und 15 Prozent liegt. Es ist eine Art Arschlochquote, die vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eine besondere Bedeutung hat. Sie liegt im europäischen Mittel. Viele Ewiggestrige sind dabei, seit geraumer Zeit wird die Gruppe aufgefrischt – auch durch Zuzügler aus dem Nahen Osten, das ist eine andere Form von Antisemitismus.

Die S-Bahn-Waggons auf meiner Linie sind lang gestreckt. Wenn’s geht, sitze ich in Fahrtrichtung links, in einer der vier Vierergruppen. Sind sie voll besetzt, dann müssten, statistisch gesehen, zwei von den 16 Fahrgästen von judenfeindlicher Gesinnung sein. Ich schaue mich um. Sie geben sich nicht zu erkennen.

Es ist nicht so, dass der Kippa-Test gänzlich unumstritten wäre. In der Jüdischen Gemeinde gab es, vereinzelt, Bedenken, wie dies wohl wirken möge; und der Publizist Henryk M. Broder hatte sich über die „Kostümierung“ mokiert und in der ihm eigenen, provokanten Art gefordert, Kippas doch am besten an die gesamte Bevölkerung zu verteilen. Wer sich dann weigere, sie aufzusetzen, den könne man als Antisemiten identifizieren. Auch Michel Friedman, ehemals stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden, war nicht restlos überzeugt. Der Test könne aufklärerisch sein, müsse es aber nicht zwangsläufig, hatte Friedman gesagt, ihn dann aber doch als wackeren Versuch gewertet „der gestörten Wahrnehmung in Deutschland“ zu begegnen, dass alles „normal“ sei. Friedman hatte dann noch erzählt, wie ihm tags zuvor in der Businessclass der Lufthansa ein Wildfremder sein Beileid ausgesprochen hatte, „weil Ihr Volk einen großen Mann verloren hat“. Der unbekannte Passagier hatte Heinz Berggruen gemeint. Solche Sachen. Nix ist normal, wollte Friedman damit sagen, man wird auch von den Gutwilligsten verfolgt.

Auch die Wahrnehmung ist anders.

Wie spüre ich Antisemitismus? Und, ganz wichtig, wo spüre ich ihn auf?

Es ist ein Experiment, es ist, ob ich will oder nicht, konstruierte Realität, ja, unterschwellig soll es sogar eine Form von Provokation sein. Es soll Reaktionen hervorrufen, früher oder später. Das ist die Ausgangshypothese. Bleiben sie aus, dann hat Joffe ein Problem. Ich aber auch, es droht der Vorwurf der Verharmlosung, zumindest der mangelnder Sensibilität. Wie intensiv muss ich suchen?

In „Die Hard“, dritter Teil, läuft Titelheld John McClane mit einem Schild um den Hals durch Harlem: „I hate niggers“ steht drauf. Es gibt sofort Ärger, na logo.

So eindeutig ist das mit der Kippa aber nicht. Sie ist im Dunkeln nicht zu erkennen, im Hellen schwer, manchmal erst im letzten Moment, ich bin gut 1,90 Meter groß. Vielleicht bist du zu groß, hatten Kollegen gemutmaßt, nachdem der erste Tag gänzlich unspektakulär verlaufen war.

Ich war ziellos durch die Stadt gestreift. Unsicher zunächst, ein bisschen beklommen. Über den Ku’damm zuerst, wo vor Jahren orthodoxe Juden einmal angegriffen worden waren und auch damals eine Debatte eingesetzt hatte, weil ein Polizist mit der These auffällig geworden war, dass ein Verzicht auf religiöse Bekleidung oder jüdische Symbole die Sicherheit in der Hauptstadt erhöhen könne. Die Massen waren mir entgegengekommen, doch Massen, weltstädtisch heterogen zusammengesetzt, sind unbedenklich. Jeder kann eintauchen, ich auch. Das merke ich schnell.

Ich war U-Bahn gefahren, S-Bahn gefahren, Bus gefahren – nichts. S- und U-Bahnen erweisen sich für den Kippa-Test als erstaunlich unbrauchbar. In Mitte ist das Publikum wohl zu weltstädtisch, in den Außenbezirken ist es zu müde. Viele haben die Augen zu, viele starren ausdruckslos vor sich hin, zu kraftlos für Feindseligkeiten. Im vollgepackten Bus der Linie M29 tritt mir ein Jugendlicher mit, sagen wir, Migrationshintergrund auf die Füße. Er entschuldigt sich sofort – das kann man nicht rechnen, so oder so, auch bei feinstem Messinstrument nicht. Zwei Tage später remple ich unbeabsichtigt einen Punk am Kottbusser Tor an und entschuldige mich. Auch der Punk winkt nur ab, wieder nix.

Ich bin in den Osten gefahren, an den Alexanderplatz, wo mir ein Mann auffiel, der im Kuhkostüm die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ verkaufte. Mit der Rechten hielt er sich einen Euter vors Gemächt, mit der Linken hielt er die Zeitung hoch. Mir gehen „Straßenfeger“-Verkäufer mit ihrem Getue grundsätzlich auf die Nerven. Dieser aber ganz besonders. Ich bin an ihm vorbeigegangen, ohne ihm das zu zeigen. Die Gegend um den Hackeschen Markt ist unbedenklich, hatte Joffe gesagt. Sie ist am ersten Tag mein Rückzugsraum. In einem Café spüre ich dem Philosemitismus nach. Gibt es gesteigertes Wohlwollen mir, dem Kippa-Träger, gegenüber? Fehlanzeige. Ich spüre erste Nebenwirkungen. Wer aufpassen muss, wie die Umwelt auf einen reagiert, wird neugieriger, wie die engste Umgebung so ist. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Mittfünfziger über Alltagskram. In Dresden haben sie einen neuen Puff, sagt der eine, als Sauna getarnt, 25 Euro Eintritt, die Mädels aus dem Osten. „Da geht Vati einmal die Woche hin.“

Es gibt eine weitere Nebenwirkung. Das Selbstbewusstsein steigt. Mit jedem Meter unbehelligt durchstreifter Öffentlichkeit entferne ich mich von Joffes Erwartungen, instinktiv nicht zu provozieren. Die herbe Ecke links und rechts der Warschauer Straße, der Wrangel-Kiez, der Wedding – nichts passiert. John McClane kommt mir gelegentlich in den Sinn, der filmische Tabubruch, der nur funktionierte, weil er so offensiv begangen worden war. Doch das ist hier nicht Sinn der Sache. Der Kippa-Test funktioniert nur, wenn er defensiv bleibt. Es gibt ungeschriebene Regeln des Alltags, Gesellschaft funktioniert bisweilen in einem unsichtbaren Korsett, für die einen ist es enger, für die anderen ein bisschen weiter geschnürt.

Ich mag den Osten, auch dort, wo er herb ist. Ich ziehe aber auch ansonsten nicht in Lichtenberg nach Einbruch der Dunkelheit um die Plattenbauten.

Im U-Bahnhof Pankstraße weht mir durch den Luftzug der einfahrenden U–Bahn die Kippa vom Kopf. Das ärgert mich. Noch während des Einsteigens bin ich mit ihrer Befestigung beschäftigt und setze mich hin, ohne vorher die Platzwahl zu überdenken. Eine größere Annäherung an die Realität geht nicht. Die U-Bahn ist recht leer. Mir gegenüber sitzt ein an den Händen und Unterarmen tätowierter Alkoholiker. Als er mich sieht, packt er seine Bierflasche weg. Mehr ist nicht.

Anderntags in Neukölln auf der Sonnenallee gibt es erste sichtbare Hinweise, dass das Ungewohnte befremdlich wirken kann. Die Grenzen zur gespürten Verachtung sind durchlässig. Ein Entgegenkommender geht fast im 270-Grad-Winkel um mich herum, dabei abfällig auf meine Kippa schauend. Wenig später spucken drei entgegenkommende junge Männer fast zeitgleich vor sich aus, irgendwo mittig sich und mir vor die Füße. Ich mag die Rotzerei schon bei Fußballern nicht, ertappe mich aber dabei, den kleinen Vorfall ganz zufrieden recht hoch auf der nach oben offenen Ereignisskala einzuordnen.

Was hatte Friedman gesagt? Es kann aufklärerisch sein. Muss aber nicht.

Noch während ich durch Neukölln laufe, ruft mich ein Mann aus der Jüdischen Gemeinde auf dem Handy an. Er geht seit Jahren nicht aus dem Haus, ohne seine Kippa unter einer Mütze oder einen Hut zu verbergen. Das Gefühl von Freiheit, sagt er, habe er nur in New York gespürt, nie aber in Berlin. Wir reden ein bisschen über meine Wahrnehmung. Das sei, sagt er, als ob ich eine Zeit lang mit dem Auto durch die Stadt gefahren wäre, ohne mich vorher anzuschnallen. „Da muss auch lange nichts passieren.“

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,1978769
 

24.02.2007 - Spunk 49 - Luise Neumann-Cosel - Strassenfeger

Uwe, der Starverkäufer

 

Wie kommt man über die Runden, wenn das bisschen Hartz IV vorne und hinten nicht reicht? Wie lebt es sich in der S-Bahn? Luise Neumann-Cosel hat einen Straßenzeitungsverkäufer einen Tag lang begleitet.

“Einen recht schönen guten Tag, meine Damen und Herren. Entschuldigen Sie die Störung, ich möchte gerne Ihnen den “Straßenfeger” verkaufen”

Uwe ist 63, bekommt Hartz IV und wohnt in einem Sozialbau in Berlin-Spandau. Sein Rücken ist kaputt, er ist schon lange arbeitsunfähig. “Nicht mal einen 1-Euro-Job kann ich machen”, sagt er. Um trotzdem über die Runden zu kommen, verkauft er den “Straßenfeger”. Die Zeitung wurde 1994 gegründet, um Obdachlosen eine Perspektive und einen Lebensunterhalt zu bieten. Heute sind es längst nicht mehr nur noch Wohnungslose, die in Kneipen, Bahnen und Einkaufszentren den Straßenfeger verkaufen. Etwa 100 Verkäufer der Straßenzeitung gibt es in Berlin, nur ein Teil davon lebt auf der Straße. „Der Strassenfeger ist schon lange keine ausschließliche Obdachlosenzeitung, sondern vielmehr eine Strassenzeitung, die von obdachlosen und armen Menschen verkauft wird“ sagt Stefan Schneider vom Verein ”mob e.V. - Obdachlose machen mobil”, der den Straßenfeger herausgibt.

"Ich will den Leuten nichts aufdrängen"

Uwe sitzt im “Kaffee Bankrott” des Vereins. Hier sitzen viele, die einen Kaffee für 30 Cent trinken, bevor sie sich einen kleinen Stapel Zeitungen mitnehmen. Uwe schafft 18 Zeitungen am Tag und ist darauf stolz: “Ich bin ein Starverkäufer”, sagt er.

Der Mann kennt sich aus, weiß, in welcher Bahn man am ehesten Zeitungen verkaufen kann. Er fährt auf dem Berliner S-Bahn-Ring und läuft von Wagen zu Wagen. In jedem sagt er seinen seinen Spruch auf, aber erst nach 40 Minuten verkauft er die erste Zeitung. Die meisten Fahrgäste schauen nur kurz auf und dann schnell weg, wenn Uwe zu sprechen beginnt. Manche blicken mitleidig hinter ihm her, manche wütend und verständnislos, die meisten schauen gar nicht.

Häufig kriegt er 50 Cent in die Hand gedrückt, viele wollen gar keine Zeitung. Dabei bettelt Uwe nicht. Und das ist ihm wichtig. “Ich will den Leuten ja nichts aufdrängen. Ich verkaufe nur meine Zeitung, nach Spenden frage ich nie.”

“Geh mal lieber arbeiten!”, grummelt eine Frau. Dabei arbeitet Uwe gerade. Für viele ist der Zeitungsverkauf die einzige Möglichkeit, etwas dazu zu verdienen. Nur 70 Euro habe sie zum Leben, sagt eine Verkäuferin im Kaffee Bankrott. „Das reicht vorne und hinten nicht.” Mit dem Straßenfeger-Geld geht es irgendwie. Miete und Heizung zahlt das Jobcenter, Strom und Warmwasser nicht. Was dann noch bleibt, reicht für viele nicht einmal für das Lebensnotwendigste.

Zwischen Platte und Elendspension

Am Bahnhof Landsberger Allee macht Uwe eine Pause. Er tauscht sein Kleingeld bei einem Fahrkartenschalter um, dort braucht man immer Kleingeld. Gegenüber kriegt er Kaffee für 50 statt für die üblichen 70 Cent. “Beziehungen”, sagt Uwe und grinst. Solche Beziehungen hat er einige in der Stadt.

Wie er zum Straßenfeger gekommen ist? Das sei schon lange her, sagt Uwe. Zehn Jahre verkaufe er mittlerweile auf dem S-Bahn-Ring. Er erzählt, dass er sechs Kinder großgezogen habe. An Arbeit habe er alles genommen, was er kriegen konnte: Schichtarbeiter, Schlosser, eine Zeitlang habe er auch mal das “Neue Deutschland” ausgestragen. “Vor einigen Jahren hatte ich dann Stress mit meinem Vermieter.” Für ein halbes Jahr lebte er in einem Wohnheim für Obdachlose. Durch den Straßenfeger habe er dann doch irgendwann die Kaution für die neue Wohnung zahlen können.

Nicht alle schaffen das. In der Notübernachtung des mob e.V. können Wohnungslose die Nacht für 1,50 Euro verbringen. „Wohnungslos“ im Gegensatz zu „obdachlos“ ist, wer nur vorübergehend mal keine Wohnung hat. Miete nicht gezahlt, Ärger mit der Hausverwaltung oder aber auch Streit mit dem Partner oder der Partnerin – und schon ist die Wohnung weg. Wenn man wirkliche Obdachlose finden wolle, dann müsse man zur Bahnhofsmission, sagen die Mitarbeiter des mob e.V. „Auf Platte”, also dauerhaft auf der Straße, lebe hier keiner. In die Notübernachtung kommen stattdessen Menschen, die manchmal nur für eine Nacht ein Dach über dem Kopf brauchen, bevor sie wieder woanders unterkommen können. Oder Menschen, die für diese wohnungslose Zeit quasi in der Notübernachtung „wohnen“, die auch von den Mitarbeitern dort Hilfe bei Behördengängen und der Suche nach einer neuen Wohnung bekommen.

In Berlin gibt es nach Schätzungen der Caritas 7000 Obdachlose. Der kleinste Teil davon ist tatsächlich dauerhaft ohne Obdach. Viele kommen einige Zeit bei Bekannten unter oder leben in sehr billigen Unterkünften oder Wohnheimen. “Elendspensionen”, nennt man sie bei der Caritas. Aus diesem Schwebezustand wieder herauszukommen und eine eigene Wohnung zu finden, ist gar nicht so einfach. Ohne Job und festen Wohnsitz bekommt man bei keiner Bank ein Konto und auf einen Mietvertrag mit jemandem, der kein eigenes Konto hat, lässt sich kaum ein Vermieter ein. Und wie bei Uwe ist die Kaution meistens das größte Hindernis, denn viele Jobcenter lehnen diese Leihgabe ersteinmal ab. Man möge sich nach einer Wohnung ohne Kaution umsehen, heißt es dann. Wer schon mal eine Wohnung gesucht hat, weiß, dass das beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist. Warum das so ist?

"Alleinsein macht keinen Spaß."

Uwe zieht weiter. Wenn er einem Sicherheitsbeauftragten der Bahn begegnet, zieht er den Kopf ein und sieht, dass er schnell verschwindet. „Besser aus dem Weg gehen, denen!“ Der Zeitungsverkauf in den Bahnen ist nicht offiziell gestattet, wird aber meistens gebilligt. Er kenne zwar viele der Sicherheitskräfte, sagt Uwe, aber man wüsste ja nie. Einige lassen ihn weiter verkaufen, aber andere lassen auch mal ihre Agressionen an ihm aus. Ein Platzverweis und ein Bußgeld wären da noch das kleinere Übel.

Nach knapp drei Stunden hat Uwe vier Zeitungen verkauft und etwas mehr als zehn Euro eingenommen. An guten Tagen schaffe er 50 Euro, sagt Uwe. Dafür sei er aber manchmal bis 22:00 Uhr unterwegs. Ob er zufrieden ist mit seinem Leben? „Naja”, sagt er. “Alleinsein macht keinen Spaß.” Deswegen gehe er ja die Zeitung verkaufen. Wenig später schiebt er nach: „Aber eigentlich bin ich dabei ja auch alleine.“

Luise Neumann-Cosel (21) ist SPUNK-Redakteurin und lebt in Berlin. Beim Schreiben dieses Artikels hat sie mehr gelernt als bei irgendeinem anderen Artikel zuvor.

Quelle: http://wiki.gruene-jugend.de/index.php/SPUNK_49#Stra.C3.9Fenfeger
 

14.02.2007 - Berliner Woche - Bernd Wähner: Neue Küche im Kaffee Bankrott

Spenden machen den Ausbau möglich

Foto: Bernd Wähner
    Foto: Bernd Wähner

Prenzlauer Berg. Bei laufendem Betrieb wird zur Zeit die Küche des Kaffee Bankrott in der Prenzlauer Allee 87 ausgebaut.

In einem Hinterhof in der Nähe des S-Bahnhofs Prenzlauer Allee richtete der Verein Mob  vor einigen Jahren eine Notübernachtung und das Kaffee Bankrott ein. Dieses Cafe ist ein Treffpunkt für Menschen mit wenig Geld. Sie bekommen hier für einen symbolischen Betrag eine warme Mahlzeit. Das Essen wird in einer Küche zubereitet, die bislang eher provisorisch eingerichtet war. „Nun bauen wir eine richtige Küche mit allem Drum und Dran ein“, freut sich der Vorsitzende von mob, Dr. Stefan Schneider.

Da vieles in Eigenleistung und mit Unterstützung von Geldspenden gebaut wird, zog sich der Küchenneubau fast anderthalb Jahre hin.
Aber zum Frühlingsbeginn soll endlich offiziell Einweihung sein. Die Elektroleitungen sind  bereits verlegt, die Lüftung installiert, und zurzeit wird die Küche komplett gefliest. Neben der Küche wird ein neuer Tresen gebaut, und schließlich werden auch neue Toiletten – natürlich behindertengerecht – eingebaut.

„Dass die Küche endlich fertig wir, ist einigen größeren Spenden zu verdanken“, erzählt Dr. Stefan Schneider. Unter anderem spendete die Violia-Stiftung 6000 Euro. Weitere 5000 Euro spendierte ein Edel-Bordell, das dieses Geld eigentlich dem Kinderprojekt „Arche“ zugute kommen lassen wollte. Die „Arche“ lehnte damals dankend ab.
„Wir haben damit weniger Probleme und freuen uns über jede Unterstützung“, so der Vereinsvorsitzende.

Auch wenn der Küchenausbau schon recht fortgeschritten ist, sind weitere Spenden für die Kücheneinrichtung willkommen. Küchenausbau-Chef Torsten Levod: „Wir brauchen eigentlich noch einen zweiten großen Herd und eine große Bratpfanne“. Wenn die neue Küche eröffnet ist, würde der mob e.V. gerne weiter in das „Kaffee Bankrott“ investieren. „Wir möchten dann den Gästeraum noch freundlicher gestalten.“

Mehr über das Selbsthilfe-Projekt erfährt man in der Prenzlauer Allee 87.
Weitere Informationen unter ( 46 79 46 11 und www.strassenfeger.de

Quelle: Artikel in der Wochenzeitung „Berliner Woche“, Ausgabe NR. 7 vom 14.02.2007, mit freundlicher Unterstützung von Bernd Wähner
 

07.02.2007 - Tokio Shimbun - Koki Miura: Obdachlose: In der Kälte Warten auf den Frühling


Auch wenn die (japanische) Regierung von Konjunktur redet, spüren allzuviele Menschen nicht viel davon. Am wenigsten wohl die Obdachlosen, die zur Zeit unter Überführungen und in Parkanlagen Schutz vor dem kalten Winter suchen. Wie ergeht es wohl Obdachlosen in anderen Ländern? Wir haben Behörden und Hilfsorganisationen aufgesucht... (London, Bangkok, New York)

Berlin: Ein kleines Unternehmens-Netzwerk

Von unserem Berliner Korrespondenten Koki Miura

Ein mit Waren wohlgestopfter Laden, ein schon früh am Morgen gutbesuchtes Café, Übernachtunsgmöglichkieten und sogar eine eigene Zeitung: die Berliner Obdachlosenhilfsorgansiation mob e.V. macht mit all ihren Aktivitäten fast den Eindruck einer Unternehmensgruppe. „mob“ steht für „Obdachlose machen mobil“. Bereits 1994 gegründet hilft der Verein ohne öffentliche Zuschüsse, sondern nur mit dem selbst Erwirtschafteten sowie mit Spenden Obdachlosen zurück in die Selbständigkeit. Herzstück der Aktivitäten ist die zweiwöchentlich erscheinende Zeitung „Strassenfeger“. Zur Zeit verkaufen rund 400 Obdachlose jeweils die Auflage von 22.000 Exemplaren und erwirtschaften damit etwa 26.000 Euro (etwa 4,1 mio Yen). Dann gibt es noch einen Trödelladen, in dem gebrauchte Möbel, Elektrogeräte oder Fahrräder verkauft werden. Mit dem Umsatz wird das im selben Haus befindliche Café unterstützt, in dem man für 1,20 Euro eine warme Mahlzeit bekommt. In der Notübernachtung ein Stockwerk höher kommt man für 1,50 Euro pro Nacht unter, Bettwäsche inklusive. Steht man wieder etwas sicherer auf eigenen Füßen, gibt es ein für 18 Bewohner eingerichtetes Wohnprojekt - der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit.

Eine Besonderheit dieser Einrichtung ist, dass sie außer für Obdachlose auch für solche Leute offensteht, die potenziell von Obdachlosigkeit bedroht sein könnten. Im Café trafen wir Ute Kahmann (41). „Ich habe als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet, doch wegen mobbing am Arbeitsplatz bin ich krank geworden und habe schon sechs Jahre nicht mehr in meinem Beruf arbeiten können. Ich habe eine eigene Wohnung, verkaufe aber auch den Strassenfeger und komme jede Woche so an die dreimal hier vorbei,“ erzählt sie.

Die Sozialpädagogik-Studentin Anne Sommer (22) absolviert hier ihr ein Praktikum Sie weist auf einen wichtigen Punkt für das Projekt hin: „Als der Verein noch neu hier war, gab es ein paar Spannungen mit den Anwohnern, aber das gegenseitige Verständnis ist stetig gewachsen. Mittlerweile bringen sie oft Kleider- oder Essenspenden vorbei.“

Copyright: Tokyo Shimbun
 

Hannes Kiebel

Obdachlose in den 20er Jahren in Berlin


Auch Obdachlosigkeit hat ihre eigene Geschichte. Landstreicher, Vagabunden, Tippelbrüder nannten sich die "Vorfahren" unserer heutigen Berber - und es ist erschreckend, wie sehr Bilder der 20er Jahre denen unserer Zeit ähneln. Hannes Kiebel aus Bochum beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Obdachlosigkeit. Für Asphalt griff er für diese collagierten Gedanken tief in sein umfangreiches Archiv: 

Aus dem dunkelsten Berlin

Karin Kerner und Klaus Trappmann erzählen zum Januar 1927 eine Geschichte: "Es kommen die "Glücksritter" vom Land am Schlesischen Bahnhof an. Harry S., 40 Jahre alt, arbeitslos, verläßt den Zug. Er kennt sich aus. Zielsicher geht er die Breslauer Straße entlang, über den Holzmarkt in der Alexanderstraße zur "Kruke", der Wärmehalle am Alexanderplatz. Die "Kruke" ist überfüllt. Nach zwei Stunden Wartezeit wird er eingelassen. Obwohl offiziell verboten, wird in de Halle reger Handel getrieben: Stullen, Kleidungsstücke, Gegenstände aller Art, erbettelt oder geklaut, werden verhökert oder getauscht. In einem spiegellosen Raum schneidet ein Frisör die Haare billig, in einer Ecke wienert ein Schuhputzer denen, die noch etwas auf sich halten, die Schuhe. Tips werden gegeben, die neuesten Informationen über das städtische Asyl, die "Palme", ausgetauscht. Harry S. macht sich auf den Weg. Vom " Alex " die Prenzlauer Allee entlang, kommt er direkt zu "Fröbels Festsälen" in der Fröbelstraße. Das Obdach ist überfüllt. Sie schicken ihn in die "Wiesenburg". Die Stadt hat mit dem "Berliner Asylverein" einen Nutzungsvertrag.


Großstadtvagabondage

Aus den persönlichen Erlebnissen erfahren wir, von Georg Eck, daß er zerschlagen und müde sich durch die endlosen StraBen vom Westen nach dem Nordosten von Berlin schleppte. "Es ist Abend geworden. Am Alexanderplatz biege ich nach Norden ab. Die Prenzlauer Allee liegt fast leblos, von einer Kette spärlicher Lichter erhellt. Ich steige mühsam, von übermäßiger Wanderung erschöpft, die Straße bergan. Da plötzlich flammt in riesigen Leuchtbuchstaben ein Wort am Nachthimmel auf, über mageren Mietskasernen, halbzerfallenen Schuppen, Scheunen, Budiken, Kaschemmen leuchtetes strahlend: "Elysium". Elysium, Gefilde der Glücklichen! Hier ist es der Name eines Kinos, gleisnerische Lockung geschickter Unternehmer; aber wer vermöchte in dieser Hölle ohne ein solches eingebildetes Himmelreich, ohne die Vortäuschung eines Glückes leben? Ich bin am Ziele. Hinter dem Kinopalast erhebt sich dunkel, von jenem verschönenden Lichtschein nicht mehr getroffen, das Asyl für Obdachlose, die Palme. Augen, die gewohnt sind, nach Steckbriefen zu vergleichen, mustern mich scharf. Beamte in weißen Kitteln notieren meine Personalien, untersuchen meine Papiere. Ich vermag mich kaum auf den Füßen zu halten. Endlich, endlich öffnet sich mir ein hoher halbdunkler Schlafsaal, eine Luft, verbraucht und von dem Gestank beizender Desinfektionsmittel erfüllt, nimmt mir einen Augenblick den Atem. Ich suche mir eine freie Pritsche und sinke hin."


"Gute Zeiten für Penner und Schaler"

Die Obdachlosen haben "gute Zeit". Das Wetter gestattet ihnen, ab und zu im Freien zu schlafen, wenn es nicht gerade regnet. In solchen Fällen muß dann das Versäumte am Tage nachgeholt werden. Da es verboten ist, nachts in Parks und Anlagen zu schlafen, so sieht man heute täglich auf den Banken der Anlagen übermüdete Obdachlose schlafen. Die göttliche Weltordnung will es, daß einerseits die Proleten in engen Löchern eingepfercht sind, aber auf Straßen und Plätzen kampieren müssen. Auch für die sogenannten "Schaler" sind die Sommermonate eine "segensreiche Zeit". Ist doch ihnen jetzt die Gelegenheit gegeben, aus den Abfällen der Markthallen, oder aus den Überresten der Wochenmärkte etwas Brauchbares herauszusuchen. In den verdorbenen Tomaten, die manchmal korbweise weggeworfen werden, ist manchmal eine brauchbare zu finden, die nach Entfernung der faulen Stelle noch als Brotbelag dienen kann. Ein besonderes Glück ist es, wenn unter den Blumenkohlblättern plötzlich ein kleines Köpfchen unverfaulter Blumenkohl gefunden wird. In der Markthalle Andreasstraße und in der Zentralmarkthalle gibt es eine Reihe verschiedener Frauen und Männer, die ihr Gemüse restlos aus den Abfällen heraussuchen.


In der Pennerkneipe

In einer Oktobernacht 1926 erfahren zwei Journalisten folgende Situation: "Zum Beginn einer regnerischen Nacht treten wir in eins dieser sogenannten "Pennerlokale" des Prenzlauer Bezirks. Zunächst befinden wir uns im Schankraum. Junge Burschen mit Elendsgesichtern stehen vor der Theke; hier und dort steht ein Glas Bier, zu dem der letzte Groschen noch reicht, aber das jüngere Leben ist nur eine Attrappe dieses Lokals. Schon in dem Vorraume in der Ecke an kleinen Tischen sehen wir ältere Männer im dürftigsten Aufzuge. Lumpen hängen an ihren Leibern herab. Schmutziges Haar sprießt aus Kinn und Backe. In den geröteten Augenhöhlen liegt jener geschwächte, elendsergebene Blick, jene toten Augen, die ein furchtbarer Ausdruck für das Schicksal dieser Menschen sind. Alles ist nur ein Vorspiel! Durch eine zweite Tür treten wir hinein in einen halbdunklen Raum, der von der unangenehmen Wärme ausgedunsteter Körper erfüllt ist. In der Mitte ein Tisch. Über das harte Holz geworfen, dicht nebeneinander die Körper von Schlafenden. Oder auch auf dem Stuhl sitzend, schnarchen einzelne in bleiernem Schlaf. Hier und da ein Mädchen in zerrissenen Kleidern, das sich schlafend gegen die Schulter eines Armutsgenossen lehnt.

Aber weit zahlreicher sind gealterte Frauen, die hier den Rest ihrer schweren Tage verbringen. Gähnend erwacht dieser oder jener und schaut uns mit schlaftrunkenen, wässerigen Blicken an. Was stört ihr hier unsere dürftige Ruhe? Komrnt ihr aus jener Welt der satten Zufriedenheit, dann verschwindet schnell von der Bildfläche! Gehört ihr zu uns, dann reiht euch schweigend in die Elendsgarde ein!"


Die armen "Warter" von Berlin

Aus den Endzwanziger Jahren werden unmögliche Zustände in den Wartesälen der Berliner Bahnhöfe gemeldet. Die Wartesäle der III. und IV. Klasse enthalten alle den gleichen Typ des Gelegenheitsreisenden: Männer und Frauen der ärmeren und ärmsten Bevölkerungsschichten, die ein ganz dringender Grund zur Reise veranlaßt hat, die sich auf dem Wege zu einer neuen Arbeitsstätte befinden und daher mit Kind und Kegel, Hab und Gut erschienen sind. Überall auf den Bänken Schlafende. Für den ganzen Raum eine einzige Lampe, so daß der Hintergrund vollständig dunkel ist. Wer keine Fahrkarte hat, muß den Raum verlassen. 


Im städtischen Asyl für Obdachlose

1927, es ist halb vier, die Stunde, in der die "Palme" geöffnet wird. Eine Pyramide von Emaillenäpfen, abgestoßen; wer vor sieben da ist, bekommt einen halben Liter Schleimsuppe, morgens jeder 3/4 Liter und I/7 Brot. In den Schlafsalen stehen je 60 schmale Bettstellen aus Eisendraht, je zwei und zwei aneinander, dazwischen ein schmaler Gang zur Wand. Jeder bekommt zur Nacht eine Wolldecke, nichts weiter. Matratzen, Kopfkissen, waren ja nicht sauber zu halten. Die Decken werden täglich desinfiziert. (Bericht einer Fürsorgerin)


Quellen zum Beitrag gibt es bei

Hannes Kiebel
Girondelle 8
Bochum

aus: Asphalt - Magazin. Auf Straßen und Plätzen. Nr. 13 vom September '95. Hannover 1995, S. 32 - 33.

 

31.01.2007 - Berliner Abendblatt - bw - Ein Verein hilft Hilflosen

mob e.V. hat ein durchdachtes Konzept für Obdachlose

Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann (re.) und sein Team machen Obstsalat für Obdachlose.	Foto:Wels

        Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann (re.) und sein         Team machen Obstsalat für Obdachlose. Foto:Wels

Prenzlauer Berg. Schnippeln für den guten Zweck hieß es für den Konsistorialpräsidenten der evangelischen Kirche, Ulrich Seelemann, und sein Team.

Sie waren in der vergangenen Woche zu Gast im Kaffee Bankrott von mob e.V. Dort machten sie einen Obstsalat für das Café. „Mit solchen Aktionen wollen wir die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Obdachlosen lenken“, sagt Seelemann.

Der mob e.V. versucht, Obdachlosen ihr schwieriges Leben etwas leichter zu machen. Und dazu haben die Mitarbeiter sowie einige Obdachlose selbst einiges auf die Beine gestellt. In dem Haus in der Prenzlauer Allee 87 gibt es das erwähnte Café mit Küche, eine Notunterkunft, einen Trödelladen und dort sitzt auch die Redaktion für den Straßenfeger.

Die Notunterkunft hat Platz für zehn Männer und fünf Frauen. Sie finden dort ein Bett und einen Spind für ihre persönlichen Dinge sowie sanitäreAnlagen mit Dusche. „Die Leute könen hier maximal zwei Monate bleiben“, erläutert Anne Sommer. „Wenn alles nach Wunsch läuft, haben sie danach einen Platz im betreuten Wohnen. Viele gehen aber auch zurück auf die Straße.“ Anne Sommer ist Studentin der Sozialpädagogik und leistet in der Einrichtung sehr engagiert ihr Praktikum. Überhaupt profitiert der mob e.V. von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, jungen Leuten im freiwilligen sozialen Jahr, Menschen, die im Rahmen von „Arbeit statt Strafe“ kommen und vielen Ein-Euro-Jobbern. Sie alle tragen dazu bei, dass die Einrichtung so wie sie ist bestehen kann.

Ein wichtiger Anlaufpunkt für die Obdachlosen oder Menschen mit wenig Geld ist das Café. Dort bekommen sie für wenig Geld ein warmes Essen. Eine Mahlzeit wird direkt vor Ort in der Küche gekocht, andere Mahlzeiten werden angeliefert, kommen von Krankenhäusern oder Schulen. Die Berliner Tafel, die schon seit Jahren für Obdachlose Essen in Restaurants sammelt, liefert Kuchen und Brot.

Einer der Stammgäste im Café Bankrott ist René: „Ich komme jeden Tag her, das ist ein fester Punkt für mich. Ich lebe zwar in meiner Wohnung und nicht auf der Straße, aber ich habe nur wenig Geld und hier gibt es preiswert richtig kräftige Hausmannskost. Außerdem finde ich hier immer jemanden zum Quatschen und muss nicht allein zu Hause hocken.“

Im Café wird auch die Obdachlosenzeitung „Der Straßenfeger“ ausgeteilt. Jeder, der verkaufen möchte, kann hier für einen geringen Obolus Exemplare erstehen und sie dann auf der Straße, auf Bahnhöfen oder wo auch immer weiterverkaufen und so einen kleinen Gewinn erwirtschaften. Den dürfen sie selbstverständlich behalten, ebenso wie die Spenden, die manche Leute zusätzlich zum Kauf der Zeitung geben.

Ein weiteres Standbein des Vereins ist der Trödelladen. „Für uns ist es vor allem gut, wenn Leute umziehen. Die wollen sich von vielem trennen. Wir holen die Sachen dann ab und können sie bei uns weiterverkaufen. Der Erlös fließt wieder dem Verein zu“, erlärt Anne Sommer. Ein Besuch im Trödelladen lohnt sich auf jeden Fall, denn dort gibt es wirklich alles: Möbel, Kühlschränke, Herde, Fahrräder, Porzellan sogar Schlittschuhe und jede Menge Bücher.

Wer lieber Geld spenden möchte, kann das auch tun. Informationen dazu gibt es unter Tel. 46 79 46 11. bw

aus: Berliner Abendblatt, Ausgabe Prenzlauer Berg, Nr. 5, 31.1.07, Seite 2.

Mit freundlicher Unterstuetzung von Britta Wels.
 

02.01.2007 - taz - Esther Slevogt: Überirdische Lichtstimmungen

Foto: Peter Woelck
Foto: Peter Woelck

Der Fotograf, der durch die Realität hindurch fotografiert: Peter Woelck müsste für seine großartigen Aufnahmen eigentlich berühmt sein
und hoch gehandelt werden. Doch sein Leben beweist, dass es den verkannten Künstler noch immer gibt

VON ESTHER SLEVOGT

Eigentlich müssten diese Fotos berühmt sein und ihr Fotograf Peter Woelck erst recht. Woelcks Foto vom halbfertigen Fernsehturm am Alex zum Beispiel, um den sich ruinöse Altberliner Häuser ducken. Lange standen sie nicht mehr - bald darauf wurden sie für Walter Ulbrichts und Erich Honeckers sozialistisches Utopia, seine begradigten Straßen und sein begradigtes Geschichtsbild abgerissen. Oder das Panoramabild, das durch tausend Lampen aus dem Inneren des Palasts der Republik das gegenüberliegende DDR-Außenministerium ins Visier nimmt - inzwischen auch schon wieder abgerissen. Das sind Bilder vom Aufbau eines Berlin, das zurzeit wieder abgerissen wird.

Oder Woelcks Fotos von Bergarbeitern im Erzgebirge, deren Gesichter selbst dann noch vom Dunkel erzählen, das ihr Leben unter Tage prägt, wenn sie im Winter ihr traditionelles "Fest des Lichts" feiern. Dann Woelcks humoriges Bild einer Kolonne Leipziger Müllmänner aus den 70er-Jahren, die wie eine Popgruppe vor ihrem Müllauto posieren. Fotografien von ostdeutschen Gegenden, denen schon vor dreißig Jahren anzusehen war, dass der Sozialismus nicht wirklich ein Konzept mit Zukunft war. Und deren Tristesse Woelck trotzdem in nahezu überirdische Lichtstimmungen zu bringen verstand.

So kommt es, dass heruntergekommene Straßen und Plätze in Leipzig, wo Woelck seit 1972 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie studierte, plötzlich aussehen, als lägen sie irgendwo in Paris oder Florenz. Überhaupt das Licht auf Woelcks Bildern: Besonders intensiv scheint es einem aus den Landschaftsbildern entgegen, die manchmal wirken, als hätte hier Hölderlin höchstpersönlich seine Gedichte in Fotografie übersetzt.

Doch statt in Museen zu hängen oder in teuren Galerien gehandelt zu werden, liegen Woelcks Bilder in einer recht heruntergekommenen Ladenwohnung eines Eckhauses im Prenzlauer Berg. Hier lebt auch Woelck selbst. Und zwar unter Bedingungen, die eines Fotografen seines Formats eigentlich nicht würdig sind. Die großen Scheiben hat er mit seinen Fotos verklebt, was manchmal Vorbeikommende animiert, bei ihm anzuklopfen, um für ein paar Euro einen Ausdruck davon zu kaufen. Im Herbst hatte die Friedrichshainer Kneipe "Filmrisz" immerhin eine kleine Ausstellung mit Woelcks Leipziger Fotos aus den 70er-Jahren organisiert.

Woelck lebt nur mit einer Unterbrechung in dieser Ladenwohnung in der Kastanienallee - seit er 1982 aus Leipzig nach Berlin zurückgekehrt war, wo er 1946 geboren wurde. Zu der Unterbrechung kam es im berühmten Sommer 1989, als der gut erinnerte Sog, der die DDR schließlich aussaugen sollte, auch ihn erfasste und er in den Westen ging. Wenige Monate später war er wieder zurück.

Damals entstand auch eine bemerkenswerte Fotografie der Kastanienallee. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie auch in den Jahren vorher: klassizistische Fassaden, von den Stuck und Putz bröckelt. Am Straßenrand parken Autos aus DDR-Fabrikation. Man muss schon ganz genau hinsehen, um auf einem der Balkone die Satellitenschüssel zu entdecken. Und mitzubekommen, dass sich ein Epochenwechsel vollzogen hat.

Und Woelck, der in der DDR als Künstler und Lebenskünstler immer durchkam, einer, für den schon ein Stück Wiese - wenn man seinen Fotografien glaubt - das Paradies sein, ein Stück DDR-Landstraße zu unentdeckten Kontinenten führen konnte? Sucht Anschluss an die neue Zeit. Wird Fotoreporter bei der Boulevardzeitung Super, die Hubert Burda 1991 zusammen mit dem australischen Medientycoon Rupert Murdoch gründet. Der jedoch steigt schnell wieder aus, und nach fünfzehn Monaten wird das Blatt eingestellt. Auch Woelck steht von einem Tag auf den anderen auf der Straße und stellt fest, dass es im Kapitalismus für Paradiesvögel wie ihn keinen Artenschutz gibt.

Versuche, in der Werbung Geld zu verdienen, scheitern. Am Ende hält er sich damit über Wasser, dass er Dönerspieße und andere einschlägige Speisen für Imbissschautafeln fotografiert. Privat macht er mit dem für ihn so typischen Blick für Momente, die aus der Zeit gefallen sind, Bilder vom neuen Berlin. Von der Love Parade zum Beispiel, der er im ekstatischen Gewimmel zutiefst intime Momente abtrotzt.

Doch von seiner Fotografie kann er nicht leben. Im Rahmen eines Projekts des Arbeitsamts wird er Fotograf der Obdachlosenzeitung Straßenfeger. Bedingung für die staatliche Unterstützung ist, so wollen es damals die Berliner Sozialhilfe-Richtlinien, seine freiberufliche Tätigkeit aufzugeben. Im Gestrüpp verschiedener Förderungsverordnungen verschlechtert sich seine berufliche Lage immer weiter. Nicht aber seine Fotos: Woelck fotografiert die Obdachlosen mit dem gleichen wachen Blick für Spuren des Lebens, für das Unbeugsame, aber auch das Unglück in jedem Gesicht, der schon seine frühen Fotos von DDR-Proletariern prägt.

"Det ist sozialistischer Realismus", sagt Woelck lakonisch und schüttelt die hennagefärbten langen Locken, die ihm ein bisschen das Aussehen eines alten Glamrockers geben. Doch das beschreibt die Sache natürlich nur sehr unvollkommen. Denn Woelck fotografiert sozusagen durch die Realität hindurch und richtet sein Objektiv direkt auf die Umstände, die von ihr verborgen werden. Vielleicht aber hat der Zauber von Peter Woelcks Bildern auch damit zu tun, dass hier einer fotografiert, für den sich die Welt nur durch das Kameraobjektiv zum  geschlossenen Bild fügt.

taz Berlin lokal Nr. 8164 vom 2.1.2007, Seite 25, 193
Kommentar ESTHER SLEVOGT, Rezension

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17.12.2006 - Tagesspiegel - Annette Kögel: Ein unerwünschter Akt

Bordell wollte für Kindereinrichtung Arche spenden – doch die lehnte ab

Wenn einer Geld spenden will, ist er meistens willkommen. Egbert Krumeich ging es anders. Der Bordellbesitzer und Betreiber des FKK Wellness Saunaclubs „Artemis“ in Wilmersdorf („Berlins erotischer Höhepunkt“) wollte anlässlich des Weihnachtsfestes 20 000 Euro für Bedürftige spenden. Bei zwei von sechs potenziellen Empfängern stieß Krumeich jedoch auf Ablehnung. Die Hellersdorfer Kindereinrichtung Arche und auch der Kinderring wollten seine Unterstützung nicht haben.

„Wir betreuen hier auch einige sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen sowie Kinder, bei denen die Ehe der Eltern scheiterte, weil der Vater zu Prostituierten ging“, sagt Arche-Sprecher Wolfgang Büscher. In die von Pater Bernd Siggelkow gegründete Einrichtung in Hellersdorf kommen täglich rund 400 Kinder, in Mitte werden in Kooperation mit dem Johanniterorden rund 80 Kinder betreut.

„Durch unsere Ablehnung wollten wir auf niemanden mit dem Finger zeigen“, sagt der Arche-Sprecher , „doch Pornografie und Kinder, das passt nicht zusammen.“ Man wollte sich zudem nicht „an einer PR-Show beteiligen “ – hatte der Bordell-Betreiber doch auch die Medien zur Spendenübergabe in den Club geladen. Die Arche wies bereits ein ähnliches Angebot von „Botschaftsluder“ Djamila Rowe zurück, diese hatte Einnahmen eines Internet-Striptease-Spiels angeboten, sagt Büscher. Wenn das Bordell jedoch anonym ohne Presse überwiesen hätte, „wäre das okay, das kann man nicht verhindern“.

Das wiederum hält Artemis-Chef Egbert Krumeich für eine „Doppelmoral“. Für den früher im Sozialwesen tätigen Bordellleiter, selbst Vater, seien „leuchtende Kinderaugen das Schönste, was es gibt“. Er verstehe nicht, dass Einrichtungen über Finanznot klagen, Geld aber nicht annehmen – zumal es sich nicht um Anteile von Freiergebühren handele. „Die Spenden stammen von den 70 Euro Eintritt in den Club, und nicht jeder Gast geht ja aufs Zimmer.“ Zudem sei Prostitution legal, die Zurückweisung daher ein Akt der „Diskriminierung“. Felicitas Schirow, Chefin des Bordells „Café Pssst“ in Wilmersdorf, sagte dazu, sie würde wenn, dann privat spenden, und dass sie sich ob der Geschäftslage über die Spendensumme der Konkurrenz sehr wundere. Je 5000 Euro nahmen die Leiter der Obdachlosenzeitung strassenfeger, die Berliner Tafel, ein Behindertenschwimmclub sowie „Kindervereinigung e.V.“ im Bordell entgegen.

Indes wird weltweit vom Geschäft mit Sex profitiert. In Istanbul hofieren Stadtoffizielle die Bordellchefin, weil sie die meisten Steuern zahlt. Auch Köln meldet stetig steigende Einnahmen durch die einzigartige „Sexsteuer“ .

Annette Kögel


aus: Tagesspiegel Berlin, 17.12.2006, Seite 9
 

01.11.2006 - Journalist - Martin Jahrfeld: Almosen und Meinungsmacht

Hinz & Kunzt - Verkäufer in Hamburg, Deutschland
Hinz & Kunzt - Verkäufer in Hamburg, Deutschland
Straßenzeitungen haben sich in vielen deutschen Großstädten fest etabliert. Doch längst nicht alle Konzepte sind erfolgreich. Manche Titel gehen an den Bedürfnissen von Lesern und Obdachlosen vorbei.

Menschen ohne festen Wohnsitz haben es schwer. Nicht nur im Alltag gegenüber Behörden und Ordnungskräften, sondern auch in den Medien. Denn das Bild, das Journalisten von Obdachlosen präsentieren, ist nur allzu häufig von Klischees gekennzeichnet. In der positiven Variante sind Obdachlose dann zumeist sympathisch-verschrobene Figuren, die sich nicht unterkriegen lassen und launigen Stoff für warmherzige Geschichte hergeben ("Harry lässt seinen kranken Hund nicht im Stich"). In der negativen Variante müssen Obdachlose hingegen meist als Sündenböcke für alle möglichen Missstände herhalten: innerstädtische Verwahrlosung, Gewaltkriminalität, Drogensucht, Bettelei, Belästigungen, Sozialbetrug.

"Eine differenzierte Betrachtung dieser Menschen und ihrer Situation ist selten. In den Medien sind die Obdachlosen entweder die netten Kerle oder die fiesen Betrüger", beobachtet Sybille Ahrendt, Sprecherin des Hamburger Straßenmagazins "Hinz & Kunzt". Die Zeitungsszene in der Hansestadt macht bei dieser Schwarzweiß-Malerei keine Ausnahme. Auch das "Hamburger Abendblatt" sowie die Boulevard-Titel "Bild" und „Hamburger Morgenpost" reduzieren das Problem der Obdachlosigkeit in der Elbmetropole gern auf emotionsgeladene Geschichten, in denen wohnungslose und andere randständige Menschen wahlweise als Alltagshelden oder als Hartz-IV-Betrüger porträtiert werden.

Alternative. Mit einer verkauften Auflage von monatlich rund 70.000 Exemplaren ist "Hinz & Kunzt" in der von Springer-Blättern dominierten Hansestadt inzwischen jedoch selbst so etwas wie eine kleine Medienmacht geworden. Die Popularität, die der 1993 gegründete Titel unter den Hamburgern mittlerweile besitzt, erleichtert die Präsentation von Perspektiven, die in den anderen Blättern kaum Platz finden.

Als beispielsweise Hamburgs damaliger Justizsenator Roger Kusch beabsichtigte, den offenen Strafvollzug in den Haftanstalten der Stadt einzuschränken, und dieses Vorhaben in den großen Blättern eher wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde, machte "Hinz & Kunzt" mobil gegen die Pläne: „Das Vorhaben betrifft viele Obdachlose ganz direkt. Je weniger offenen Vollzug es gibt, desto schwieriger wird die Resozialisierung der Menschen. Mit einem Appell für den offenen Vollzug haben wir deshalb kritisch Stellung gegen den Senator bezogen", erläutert Ahrendt.

Doch auch Deutschlands erfolgreichstes Straßenmagazin kann es sich nicht immer leisten, derart engagiert und kämpferisch aufzutreten. Die finanzielle Basis des Blattes bildet ein engmaschiges, gut funktionierendes Geflecht aus Sponsoren, Anzeigenkunden und Stammlesern, deren politische Empfindlichkeiten im Zweifelsfall berücksichtigt werden wollen. Zu den Unterstützern des Blattes zählen die Hamburger Sparkasse, der Energiekonzern EON Hanse sowie 1.300 weitere gewerbliche und private Geldgeber. Auch das Lesepublikum im eher konservativ geprägten Hamburg soll nicht mit allzu extremen Positionen verschreckt werden: „Mit sozialpolitischen, primär auf Obdachlose zugeschnittenen Themen allein hätten wir sicherlich nicht diesen Erfolg. Wichtig ist eine ansprechende redaktionelle Mischung aus harten und weichen Themen", so Ahrendt. Neben kommunalpolitischen Themen und Geschichten über Obdachlosigkeit gehören deshalb auch Kulturtipps oder bunte Geschichten wie ein Porträt des W-Kochs Tim Mälzer zum Repertoire.

Ambitioniertes Profil. Das Wohlwollen eines vermögenden Sponsorenkreises garantiert dem Blatt die finanzielle Voraussetzung für eine gewisse journalistische Qualität. Chefredakteurin Birgit Müller, einzige fest angestellte Journalistin des Blattes, legt mit ihrer kleinen Crew aus fest-freien Autoren Wert auf seriöse Recherche und redaktionelles Profil. Für eine Geschichte über vernachlässigte Kinder wird deshalb auch schon mal tagelang intensiv in örtlichen Kinderheimen recherchiert - ein Aufwand, den sich selbst Tageszeitungen nicht immer leisten. Darüber hinaus sieht Müller das Blatt als Kommunikationsplattform zwischen Journalisten und Obdachlosen: Die Menschen auf der Straße bringen Ideen für Geschichten, die Journalisten recherchieren und schreiben.

Ähnlich erfolgreich wie "Hinz & Kunzt" agiert auch die seit 1991 in München erscheinende älteste deutsche Straßenzeitung "BISS" ("Bürger in sozialen Schwierigkeiten"). Gründerin Hildegard Denninger, deren Titel Monat für Monat 40.000 Exemplare verkauft, favorisiert ein anderes Vertriebsmodell als vergleichbare Blätter: Sie versucht möglichst viele Verkäufer nicht auf Provisionsbasis, sondern in Festanstellung arbeiten zu lassen, um die Identifikation mit dem Titel zu erhöhen. Inzwischen ist rund ein Viertel der 100 Stammverkäufer von „BISS" fest angestellt.

Von solch professionellen Arbeitsbedingungen können an dere Straßenzeitungsverkäufer in Deutschland nur träumen: Die meisten der 24 im Bundesverband Soziale Straßenzeitungen organisierten Blätter müssen weitaus kleinere Brötchen backen als die "Marktführer" in Hamburg und München. Häufig mangelt es an Sponsoren-Netzwerken, an überzeugenden Vermarktungskonzepten oder schlicht an redaktionellem Profil. Mit regionalen Konkurrenzkämpfen wie in Nordrhein-Westfalen, wo sich die Essener „Ruhrstadtzeitung"und die Düsseldorfer „FiftyFifty"Leser und Verkäufer abspenstig zu machen versuchten, erschweren sich viele Blätter das Leben.

Konkurrenzgerangel. Als besonders kontraproduktiv erweisen sich solche Auseinandersetzungen ausgerechnet in jener Stadt mit der vitalsten Zeitungsszene in Deutschland. Obwohl mit dem "Straßenfeger", der "Stütze" und der "Motz" in Berlin gleich drei Obdachlosentitel um die Gunst des Publikums konkurrieren, kann keines der Blätter inhaltliche Akzente in der Stadt setzen: schlecht geschrieben, lustlos layoutet und ohne thematisches Profil - die mäßige Qualität der Blätter hat sich unter den Berlinern längst herumgesprochen. Die Auflagen der Titel dümpeln dahin.

Wo journalistische Konzepte und intelligente Vermarktungsstrategien fehlen, gerät auch die soziale Aufgabe der Blätter ins Wanken. Titel, die im Lesermarkt nicht reüssieren, können auch den obdachlosen Verkäufern keine wirkliche Perspektive bieten. Wer eine längere Strecke durch das Berliner U-Bahn-Netz fährt, kann erleben, dass innerhalb einer halben Stunde drei verschiedene Verkäufer ins Abteil steigen, lustlos ihren Verkaufsspruch herunterleiern und ohne Erfolg wieder abziehen. Fahrgäste, die sich davon nicht nerven lassen, spenden eine kleine Summe, wollen aber keine Zeitung: Der Sinn der Straßenzeitung - neben der publizistischen Ambition dem Verkäufer ein Zusatzeinkommen mittels eigener Arbeit zu ermöglichen - wird dadurch ad absurdum geführt. Der Obdachlose ist wieder unversehens zum Almosenempfänger mutiert.

Beatrice Gerst, Vorsitzende des Bundesverbandes der Sozialen Straßenzeitungen, ist dennoch überzeugt, dass der Zeitungsverkauf für Obdachlose auch finanziell attraktiv sein kann. „Ein guter Verkäufer kann bei uns 500 bis 700 Zeitungen verkaufen. Die dadurch erwirtschafteten Summen sind ein attraktiver Zusatzverdienst zum Arbeitslosengeld II oder zur Rente", glaubt Gerst, die gleichzeitig als Chefredakteurin des Stuttgarter Straßenmagazins "Trottwar" arbeitet.

Für Menschen auf der Straße ist der Zeitungsverkauf gleichwohl nicht immer die attraktivste aller Verdienstmöglichkeiten: Auch Gerst weiß, dass geschickte Bettler mitunter mehr Geld verdienen können als die Verkäufer. Wer sich dennoch für den Zeitungsverkauf entscheide, dem gehe es nicht allein ums Finanzielle: "Wichtig ist, dass die Obdachlosen durch den Verkauf ein besseres Selbstwertgefühl bekommen und wieder in Kontakt mit Normalbürgern treten. Anders als die Bettler agieren die Verkaufer in Augenhöhe mit ihren Mitmenschen."

Von einem Leben auf Augenhohe mit den anderen bis hin zu normalen Wohn- und Arbeitsverhältnissen
ist es jedoch auch für die Straßenzeitungsverkäufer ein langer Weg. Der erklärte Anspruch vieler Blatter, Obdachlose wieder an Wohnung und geregeltes Erwerbsleben heranzuführen, kann nur selten in die Realität umgesetzt werden: "Einige unserer Verkäufer sind kaum in der Lage, eine eigene Wohnung zu führen. Die Erwartungen daran sollte man nicht zu hoch stecken", glaubt "Hinz & Kunzt"-Sprecherin Ahrendt.

Auch hinsichtlich der Re-Integration in das Erwerbsleben macht sich Ahrendt für ihre Klientel keine Illusion: „Die Rückkehr in reguläre Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt gelingt nur ganz wenigen Verkäufern. Wo schon qualifizierte Leute kaum noch unterkommen, sind die Chancen für unsere Leute deutlich noch schlechter."

Martin Jahrfeld
arbeitet als freier Journalist und lebt in Berlin

Unsere Antwort darauf:

DER JOURNALIST
Chefredakteurin
Ulrike Kaiser
Bennauerstraße 60
53115 Bonn

Berlin, 05.12.2006

Offener Brief an die Chefredakteurin des journalist, Ulrike Kaiser
Betr.: Artikel „Almosen und Medienmacht“ von Martin Jahrfeld in „journalist“ 11/2006'

„Schlecht geschrieben, lustlos layoutet und ohne thematisches Profil?“

Sehr geehrte Frau Kaiser,

der journalist ist nach eigener Darstellung DAS DEUTSCHE MEDIENMAGAZIN (siehe Titel). Umso mehr verwundert uns, die Macher und den Herausgeber, dass Sie Artikel wie  „Almosen und Medienmacht“ von Martin Jahrfeld in „journalist“ 11/2006 in Ihrem Magazin abdrucken. Der werte Autor hat es leider nicht verstanden, das Thema gebührend zu behandeln. Er ist von falschen Voraussetzungen ausgegangen, hat schlecht bzw. gar nicht recherchiert, schwere Fehler (Wenn man nicht mal den Titel einer kritisierten Zeitung aus seiner eigenen Heimatstadt richtig schreibt!) begangen und letztendlich auch falsche Schlussfolgerungen gezogen. Der Autor schreibt beispielsweise in der  Überschrift:

„Manche Titel gehen an den Bedürfnissen von Lesern und Obdachlosen vorbei.“

Was sind denn diese Bedürfnisse? Wer entscheidet darüber? Kennt Herr Jahrfeld diese? Warum nennt er sie nicht?

Weiter heißt es:

„Die Popularität, die der 1993 gegründete Titel unter den Hamburgern mittlerweile besitzt, erleichtert die Präsentation von Perspektiven, die in anderen Blättern kaum Platz finden.“

Warum sollte das so sein? Welche Perspektiven sollen das genau sein? Und:

„Das Wohlwollen eines vermögenden Sponsorenkreises garantiert dem Blatt die finanzielle Voraussetzung für eine gewisse journalistische Qualität.“

Ach so ist das! Wir dachten eigentlich, dass sich das nicht zwangsläufig bedingt.

Besonders dumm, unqualifiziert und abwertend (dank der nicht vorgenommenen Recherche!) ist die Passage, in der es um Berlin geht (die richtigen Schreibweisen lauten strassenfeger, motz und die Stütze!):

„Als besonders kontraproduktiv erweisen sich solche Auseinandersetzungen ausgerechnet in jener Stadt mit der vitalsten Zeitungsszene in Deutschland. Obwohl mit dem „Straßenfeger“, der „Stütze“ und der „Motz“ in Berlin gleich drei Obdachlosentitel um die Gunst des Publikums konkurrieren, kann keines der Blätter inhaltliche Akzente in der Stadt setzen: schlecht geschrieben, lustlos layoutet und ohne thematisches Profil – die mäßige Qualität der Blätter hat sich unter den Berlinern längst rumgesprochen. Die Auflagen der Titel dümpeln dahin.“

Woher nimmt der Autor die Frechheit, solche Dinge zu behaupten? Schlecht geschrieben? Lustlos layoutet? Ohne thematisches Profil? Die Auflagen dümpeln dahin?

Zur Kenntnisnahme:

Der strassenfeger widmet sich in jeder Ausgabe einem Titelthema, das in öffentlichen Redaktionssitzungen mit unseren freien, ehrenamtlichen Mitarbeitern diskutiert und festgelegt wird. Das jeweilige Titelthema wird im vorderen Teil jeder Ausgabe von verschiedenen Seiten beleuchtet. Dazu gehören theoretisch-philosophische Betrachtungen, sachliche Reportagen und Berichte, abwegige Aspekte ebenso wie bewusst subjektive Beiträge, die das Thema aus der persönlichen Sicht der Autoren behandeln. Diese Titelthemen sind so gewählt, dass sie den potentiellen Leser ansprechen. Dass nicht alle Artikel gleich mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet werden, versteht sich von selbst. Sonst würden unsere Autoren bei der „FAZ“, der „Süddeutschen Zeitung“ oder beim SPIEGEL arbeiten.

Ferner haben wir seit mehreren Jahren eine eigenständige Jugendredaktion, die als Kehrseiten-Team für jeweils zwei Seiten des strassenfeger verantwortlich ist und das ganz gut bewältigt.

Außerdem findet der geneigte Leser in jeder unserer Ausgaben die Rubrik „Achtung Hartz IV“, in der unsere Autorin Jette Stockfisch über aktuelle Entscheidungen, Urteile etc. zu dieser Thematik informiert. Wo gibt es das sonst in dieser Kontinuität?

Unserem Kommentator Wolfgang Mocker gelingt es regelmäßig, sich inhaltlich äußerst kompetent und auf sprachlich hohem Niveau mit der aktuellen Lage der Nation auseinander zusetzen.

Nicht zuletzt haben wir mit Andreas Prüstel einen großartigen Karikaturisten, der auch für das Satiremagazin „Eulenspiegel“ arbeitet und über Berlin hinaus bekannt ist.

Was die inhaltlichen Akzente in der Stadt angeht:

Der strassenfeger hat gerade eine der erfolgreichsten Aktionen seiner Geschichte abgeschlossen. Wir haben ein Extrablatt für das Projekt „Brandauer macht die Dreigroschenoper mit Campino am Berliner Admiralspalast“ in einer Auflage von 37.000 Stück produziert und erfolgreich vertrieben (Das offizielle Programmheft!). Der Produzent des Projekts, der renommierte Schweizer Lukas Leuenberger, und Regisseur Klaus-Maria Brandauer haben sich ausdrücklich den strassenfeger als Medienpartner dafür auserkoren. Dazu haben wir neben dem Extrablatt das Projekt Dreigroschenoper mit einer thematischen Seite über mehrere Monate auch redaktionell begleitet. Unsere Partner waren mit unserer Arbeit äußerst zufrieden.

Zu den Verkäuferinnen und Verkäufern:

Ja, es gibt diese Verkäufer, die in der Berliner U-Bahn oder S-Bahn lustlos einen Verkäuferspruch herunterleiern und erfolglos wieder abziehen. Diese Verkaufenden sind bestimmt am meisten auffällig, aber sicher nicht repräsentativ für die Gesamtgruppe der Verkäufer. Diese ist im Stadtgebiet verteilt, zum Teil auf Stammplätzen vor Markthallen und Einkaufszentren, zum Teil in Kneipengegenden und Geschäftsmeilen unterwegs, und ganz häufig werden die Kunden von den Verkäufern auch über den Inhalt der jeweiligen Ausgabe informiert.

Während in fast allen anderen Städten den VerkäuferInnen ein Standplatz zugewiesen wird, von dem sie sich nicht weg bewegen dürfen, gibt es in Berlin von Anfang an die Tradition, dass die Verkäufer selbst entscheiden können, wo und wann sie verkaufen. (Etwas Anderes wäre in Berlin auch gar nicht durchsetzbar und kontrollierbar gewesen). Und oft genug ist der Verkauf einer Zeitung auch eine Alternative zur Beschaffungskriminalität oder Beschaffungsprostitution, was auch gesehen werden muss.

Gerade der Verein mob e.V., unter dessen Dach auch der strassenfeger erscheint, bietet vielseitige weitere Angebote nicht nur für die Verkäufer an: Eine ganzjährig geöffnete Notübernachtung, einen Treffpunkt mit Essensversorgung und sozialem Beratungsangebot, ein Gebrauchtwarenkaufhaus mit Wohnungseinrichtungshilfe. Damit gerade denen unter den Verkäufern, denen es offensichtlich am schlechtesten geht, weiter geholfen werden kann, wenn sie es denn wollen. Alles das ist dem Autor offenbar nicht präsent.

Last but not least:

Unsere Auflage dümpelt aus den o.g. Gründen auch nicht dahin. Wir haben sie regelmäßig gesteigert und verkaufen momentan zwischen 22.000 und 25.000 Stück pro Ausgabe, d.h. zwischen 44.000 und 50.000 Exemplaren im Monat. Damit dürften wir auf Platz 2 bis 3 in der Rangliste der Auflagenhöhe der deutschen Straßenzeitungen liegen!

Hätte Ihr Autor ein wenig besser recherchiert, hätte er dies selbst herausfinden und der journalist einen seriösen und informativen  Artikel drucken können. Leider wurde diese Chance leichtfertig vertan.

Sehr informativ wäre auch eine Grafik zu den Zeitungen, deren Auflagen und Preisen gewesen. Die Berliner Zeitungen schaffen es nämlich, obwohl der Konkurrenzkampf in Berlin so groß ist und die Stadt arm, aber sexy ist, den Preis seit Jahren bei schlappen 1,20 Euro zu halten. Davon bekommen die Verkäufer 80 Cent! Zum Vergleich: Hintz & Kunzt 1,60 Euro – Verkäufer kriegt 75 Cent.

Sehr geehrte Frau Kaiser, wir würden uns also wünschen, dass Sie die angesprochenen Dinge im journalist richtig stellen und mit Ihrem Autor darüber sprechen.

Hochachtungsvoll

Andreas Düllick
Redaktion

Dr. Stefan Schneider
mob – obdachlose machen e.V. (Hrsg.)


 Almosen und Meinungsmacht Artikel.pdf

 Offener Brief zu Almosen und Meinungsmacht.pdf

 

01.11.2006 - Querkopf - hs: taz-Geschwatz

14.09.2006 - taz: Jan Feddersen: Die unterirdischen Behelliger

Er hat in den letzten Jahren bundesweit zugenommen: Der Verkauf von Straßenzeitungen in U-Bahnen. Einen Teil der Fahrgäste stört er nicht. Sie kaufen eine Zeitung oder spenden etwas. Andere fühlen sich genervt. Darunter: Edelhalblinke Kolumnisten, die sich nicht die Mühe machen zwischen Betteln und Zeitungsverkauf zu trennen.

Kolumnen bieten eine interessante Mixtur aus Beobachtungen, Gedankenspielchen und Motivforschungen. Manche sind witzig, hintersinnig und anregend. Andere kommen schwammig, inkonsequent halb-ironisch und ob satzbaulicher Verschachtelungen schwer leserlich daher. Je nach Thematik neigen sie zur Bedienung herrschender Klischees. Eine Stilart, die gerade bei der Behandlung sensibler Themen wie Armut voll daneben liegt. Texte dieser Art kann man zigmal durchkauen. Sie bereiten nur Magenkrämpfe, weil geistiger Dünnpfiff.

Ein Produkt solcher Machart lieferte taz-Redakteur Jan Feddersen mit der Kolumne ‘Die unterirdischen Behelliger’ in der taz-Ausgabe vom 14.September ‘06. Untertitel: ‘Sie geistern durch die U-Bahnen der Metropolen und geben sich alle Mühe uns zu nerven.’

‘Sie’ sind in diesem Fall Verkäufer von Obdachlosenzeitungen, die ihre Ware in der U-Bahn feilbieten und um Spenden bitten. Als nervig und ‘Akt der Aufdringlichkeit’ empfinden Feddersen und die anderen Fahrgäste, die er zu vertreten glaubt, diesen Auftritt. Insbesondere das Sprüchlein, das ‘Klagelied’, das die Verkäufer kundtun, ehe sie den Waggon durchschreiten. Feddersen vermutet eine professionelle Masche. Seinen Beobachtungen zufolge haben die Verkäufer/innen ein ‘perfektes Timing’ gelernt, immer seien sie mit ihrer ‘Bettlerrede’ rechtzeitig fertig, um noch mit der Zeitung und einem Kaffeebecher für Spenden umherzugehen. Durchaus mit Erfolg: Einige Fahrgäste geben gern etwas. Der Tazler gerät ins Staunen. Kunststück. Wäre dem nicht so, würde er keine Verkäufer/innen in der U-Bahn antreffen. Ganz banal.

Das Pauschal-Wir, mit dem Feddersen die Allgemeinheit der Bahnbenutzer kolumnistisch zu vereinnahmen sucht, erhält Abstriche. Nicht nur durch die Geber, sondern auch diejenigen, die nichts geben, jedoch auch nichts dagegen haben, dass sozial Schwache etwas für sich tun und auf legale Weise Geld verdienen. Hat die taz einen besseren Vorschlag, wie man Betroffenen helfen soll?

Kolumnist Feddersen taucht zur Mitte seines Berichts mit psychologischem Erhellungsdrang hinab in das Unterbewusstsein des doppelmoralischen Besserbürgertums. Ein Terrain, auf dem er sich scheinbar gern tummelt. Warum, so seine Frage, leiden ‘wir’ trotz milder Gabe unter einem schlechten Gewissen? Sonnenklar:’Man hasst die Armut, aber noch mehr die Armen, die dies kundtun.’

Man wird an das erinnert, dessen Existenz man aus der eigenen Klischeewelt verbannt hat. Echt unangenehm. Schlimm, was einem durch das bloße Erscheinen gewisser Leute angetan wird.

Außerdem, so Feddersen weiter, könne man sich der Situation nicht entziehen, müsse warten bis zur nächsten Haltestelle und derweil diese ‘Tribunale der Armut’ und ‘Wegelagerei ohne Notausgang’ über sich ergehen lassen.

Der gewissenhafte Fahrgast hat’s schwer: Er wird angeklagt, verurteilt und ausgenommen. Ein harmloser Zeitungsverkäufer: Staatsanwalt, Richter und Dieb in einer Person. Die Phantasie des taz-Redakteurs schlägt Purzelbäume. Als ‘infam’ empfindet jener das ‘Drücken auf die Tränendrüsen’, das Spielen mit ‘archaischen Bildern von Vater und Mutter’, das Spekulieren auf den Wunsch der Fahrgäste,’niemals selbst hinfällig, bedürftig und klagend’ zu werden, weshalb sie sich durch die Spende erleichterten. Gering sei der Unterschied zur Bereitschaft,’die eigenen siechenden Eltern ins Pflegeheim zu verbringen, um sich selbst nicht kümmern zu müssen.’ Diese Karten würden die ‘Armutsagitatoren’ bewusst oder intuitiv spielen, um nicht als Störer zu wirken. ‘Hilflos, stumm’ würde die Bettelei machen, fast obzön die so ausgestellte Armut erscheinen.

Halt eben wie die Wahrheit, die man nicht wahrhaben möchte.

Feddersen bestaunt die Routinierheit der ‘BettelzeitungsverkäuferInnen’. Sie erinnert ihn an ‘Büroangestellte, die ihre Ablage sortieren oder ihren Mailordner verwalten.’ Mit anderen Worten: Zeitungsverkauf ist das, was gemeinhin unter ‘Arbeit’ verstanden wird. Im Gegensatz zum Bürodienst ist diese Tätigkeit öffentlich wahrnehm- und nachweisbar.

Feddersen tendiert in eine andere Richtung: Der Auftritt der Bettelzeitungsverkäufer mache wütend, denn ‘arm kann man sein, aber nicht mit ihr (besser: damit; kleiner lekt. Tipp) kokettieren’. Es bleibe immer ein Verdacht, ob diese ‘behelligenden Aktionen’ wirklich nötig seien. Reiche der Zeitungsverkauf nicht für ein auskömmliches Leben? Scheinen sie nicht ganz froh zu sein, in der U-Bahn andere in Verlegenheit zu bringen, statt sich in Büros oder Verwaltungen ‘vom Computer ersticken zu lassen’?

Fragen, die davon zeugen, wie schwer die Dimension von Armut in dieser Gesellschaft zu begreifen ist. Vor allem, wenn sie einen selbst im Geiste längst ergriffen hat.

Der Tobak kommt noch stärker: ‘Kurzum: Genießen die womöglich das, worunter sie nicht so strikt leiden- denn Armut, nicht wahr, setzt bei uns das Gefühl des Leidens frei, der (das?) des anderen, der dies aber nicht mehr tun soll, deshalb unsere Fantasie etwas zu spenden oder es zu lassen.’

Franz Beckenbauer formulierte Ähnliches einmal in überschaubarerem Satzbau: ‘Wir sind im Inneren alles kleine Sozialdemokraten. Wir wollen, dass es keinem schlecht geht.’ Wo die Sozialdemokratie herrscht, findet sie bekanntlich den Calvinismus an ihrer Seite. Jener besagt u.a., dass nur essen soll, wer arbeitet. Wer im Büro sitzt, darf viel essen, denn er gilt heute als Schwerstarbeiter. Sein Übergewicht ist wohl verdient. Im Gegensatz zum ‘Bettelzeitungsverkäufer’, der aus dem protestantisch-sozialdemokratischen wie neoliberalen Blickwinkel automatisch der Sozialschmarotze verdächtig ist. Nicht wenigen kommt der Verkäufer gerade recht, um sich von ihm abzuheben und als etwas Besseres zu fühlen. ‘Wir’ sind unzufrieden, doch Hauptsache wir sind wer und kein bettelnder Niemand.

Diese hochnäsige Denke gedeiht auf der Schattenseite des gutbürgerlichen Gewissens. So weit reicht Feddersens sozialkritisch angehauchte Seelenschau nicht. Weil dem so ist, nimmt seine Kolumne Anleihen bei der Bauwirtschaft: Sie zementiert Vorurteile. Straßenzeitungsverkäufer werden mit Bettlern in einen Topf geworfen. Schon vergessen, dass vor 20 bis 30 Jahren alle Zeitungen auf der Straße verkauft wurden? Abfälligkeiten Richtung Bettler bzw. Ausdrücke wie ‘Bettelzeitungsverkäufer’ sollte man bei der taz sorgsamer handhaben. Man selbst schnorrt seine Leser regelmäßig via Anzeige (‘taz muss sein’) mit der Bitte um den Kauf von Anteilen an, um den eigenen Fortbestand zu sichern. Übrigens soll es unter den ‘Bettelzeitungen’ solche geben, die sich allein aus dem Verkauf finanzieren und keine Spendenaufrufe nötig haben.

Eine einzige kleine Lehre kann man den Ein- und Ausfällen des Tazlers entnehmen: Manche Verkäufer/innen halten sich zu lange mit ihrem Sprüchlein auf. Die potenzielle Kundschaft ist nicht an ihrer Lebensgeschichte interessiert. Überhaupt gilt es zu überlegen, ob feste Standorte mit regem Publikumsverkehr dem Bahnverkauf nicht vorzuziehen sind.

Ansonsten weiß die Kolumne nichts Konstruktives beizutragen. Im Gegenteil: Zum Schluss erhalten Feddersens Absonderungen einen herb sozialdarwinistischen Beigeschmack:’Eine letzte Beobachtung: Menschen, die als Einwanderer erkennbar sind, betteln nie. Sie gieren nach Erfolg. Ohne Caritas.’ Hier kotzt die linksavantgardistische Überheblichkeit neoliberal und bezeugt ihre eigene Unkenntnis. Längst werden deutsche Großstädte von Bettelbanden aus Südosteuropa überschwemmt. Man sollte die Augen schon ein wenig aufsperren beim Schlendern über die Straße. Doch, was soll man erwarten von scheuklappentragendem Bürokratentum, dessen Gesichtskreis sich auf Computerbildschirm und U-Bahn-Röhre beschränkt? Alles, nur keine Entkräftung herrschender Vorurteile und Leistungsideologien. Peinlich für die taz, die versucht, sich als Alternative zum gleichgeschalteten Mainstream der Medienmonopole zu verkaufen.

Tief ist sie gesunken, die Edellinke. Und hat den Grund immer noch nicht erreicht. Feddersens Kolumne: Ein Fass Gülle mit ein paar Tropfen sozialkritischer Gewissensforschung. Zum Wegkippen.

Ein letzter Hieb: Die Gülle ist unter der Rubrik ‘Parallelgesellschaften’ verbucht. Ein soziologischer Modebegriff. Er erweckt den Anschein, als hätten soziale Randgruppen nichts mit der alten oder neuen Mitte der Gesellschaft zu tun. Der Eindruck täuscht. Sie haben nur damit zu tun. Sie zeigen die Problemzonen der Gesellschaft, die diese gern verdrängt. Weil sie sie daran erinnern, wie verfault sie im Kern ist.

Sanitäre Pressereinigung

aus: Querkopf, Ausgabe November 2006
 

25.09.2006 - ana tv - Interview mit Hotte (TV)

Hallo,

auf der Homepage von www.rabensoft.net

ist unter dem Link www.rabensoft.net/webtv/hartzecke.html

ein Interview mit Hotte (Horst Hädrich), einem Verkäufer vom Strassenfeger zu finden.

Klick hier, um es zu sehen.

 

14.09.2006 - taz: Jan Feddersen: Die unterirdischen Behelliger

Sie geistern durch die U-Bahnen der Metropolen und geben sich alle Mühe, uns zu nerven

Mit der Zeit kann man sie erkennen. Scannen die U-Bahn-Züge kurz vor dem Türenschließen längsseitig ab, meist positionieren sie sich in der Mitte eines Waggons - ihre Tribüne. Dann sagen sie, was sie zu sagen haben: dass sie obdachlos sind, nichts zu essen haben, aber dieser Not könne man abhelfen, spendet man oder kauft eine Zeitung. Stets etwas leiernd, was doch appellativ beim Publikum ankommen möchte. Sie haben ein perfektes Timing gelernt, immer sind sie mit ihrer Klage fertig, um noch den Waggon mit ihrer Ware, der Zeitung, zu durchstreifen oder mit einem Kaffeebecher, in den wir Münzen legen können. Läuft die U-Bahn in die nächste Station, haben sie ihre Aufgabe getan - um in den nächsten Waggon zu wechseln.

Wir, das Publikum, sind bei diesen Akten der Aufdringlichkeit niemals froh. Bei keiner Gelegenheit habe ich erlebt, dass einer oder eine sagt, hey, das ist ja super, da kommt ein Bettler, ein Bedürftiger, dem ich zuhören kann. Alle wirken genervt, aber keiner spricht darüber. Es gibt ja den bösen Scherz, dass einer beim ersten Ton einer Bettlerrede auf diesen zugelaufen wäre, einen Zehn-Euro-Schein in der Hand, sagend: "Schweigen Sie, nehmen Sie dieses Geld und tun Sie, was wir alle tun. U-Bahn-Fahren. Ruhig, sinnierend, lesend, unbehelligt und unbehelligend."

Und doch geben einige Passagiere gern. Männer haben übrigens nie diesen Bettelerfolg wie Frauen, dünne Frauen mehr als robuste, solche mit Hund am meisten. Warum wir trotzdem unter einem schlechten Gewissen leiden, sogar manche böse murmeln von der Belästigung und man müsse doch auch hart arbeiten, scheint sonnenklar: Man hasst die Armut, noch mehr aber die Armen, die dies kundtun. Außerdem ist die Situation ja unausweichlich, niemand kann den Waggon verlassen bis zur nächsten Haltestelle. Sie drücken, das ist das Infame, auf die Tränendrüse, sie spielen mit archaischen Bildern von Mutter und Vater, spekulieren, dass wir selbst niemals hinfällig, bedürftig und klagend werden möchten - und in der Spende - uns Erleichterung verschaffen.

Der Unterschied zur Bereitschaft, die eigenen siechenden Eltern ins teure Pflegeheim zu verbringen, um sich nicht selbst kümmern zu müssen, ja, nicht einmal den Gedanken zuzulassen, dass Pflege der Eltern etwas tödlich Anstrengendes nicht nur sein kann, sondern ja auch meist ist, dieser Unterschied ist gering. Die U-Bahn-Armutsagitatoren wissen dies womöglich nicht bewusst, aber intuitiv spielen sie diese Karte - und müssen es auch, sonst würde man sie ja brüsk als Störer nicht nur erkennen, sondern auch als solche brandmarken wie Jugendliche, die in der U-Bahn überlaut quatschen, weil es nervt und übergriffig ist.

Die Bettelei aber macht uns hilflos, stumm. Armut beißt, sie wirkt so ausgestellt fast obszön. Das Problem ist ja außerdem, dass viele der BettlerzeitungsverkäuferInnen so ausgesprochen routiniert wirken - im Grunde wie Büroangestellte, die ihre Ablage sortieren oder ihren Mailordner verwalten. Das macht wütend, denn arm kann man sein, aber nicht mit ihr kokettieren. Niemand weiß, es bleibt immer ein Verdacht, ob diese behelligenden Aktionen wirklich nötig sind: Verdient die oder der mit ihren Verkäufen nicht, um sich ein auskömmliches Leben zu organisieren? Und verbreiten sie nicht den Verdacht, dass sie eigentlich ganz froh sind, in der U-Bahn Menschen in Verlegenheit zu bringen, statt sich in Büros oder Verwaltungen vom Computer ersticken zu lassen? Kurzum: Genießen die womöglich das, worunter sie nicht so strikt leiden - denn Armut, nicht wahr, setzt bei uns das Gefühl des Leidens frei, der des anderen, der dies aber nicht mehr tun soll, deshalb überhaupt unsere Fantasie, etwas zu spenden oder es zu lassen. Im Übrigen muss man diese Tribunale der Armut aushalten. Tag für Tag. So wie Fahrscheinkontrolleure. Einfach eine Wegelagerei ohne Notausgang, immer versehen mit so etwas wie Gewissen. Letzte Beobachtung: Menschen, die als Einwanderer erkennbar sind, betteln nie. Sie gieren nach Erfolg. Ohne Caritas.

aus: taz, 14.09.2006
 

28.08.2006 - Die Linkszeitung - LIZ: Ein Leben lang Generalstreik

Was "Strassenfeger" und Dreigroschenoper verbindet

Bei jeder Vorstellung stehender Applaus: Die Dreigroschenoper im Berliner Admiralspalast wird bis 1. Oktober verlängert.

«Ein Leben lang Generalstreik»

 Tiefe Freundschaft: Tombrock und Brecht

Berlin (LiZ). Eine Sonderausgabe widmet die Berliner Obdachlosen-Zeitung "Strassenfeger" ihrer Medienpartnerschaft mit der Inszenierung der Dreigroschenoper im neuen Berliner Admiralspalast mit Klaus-Maria Brandauer und Campino, dem Sänger der "Toten Hosen". Der "Strassenfeger" wird vom Selbsthilfeverein für Obdachlose und Arme in Berlin, "mob", herausgegeben und dieser verweist auf eine 70-jährige gemeinsame "Vorgeschichte" mit der Dreigroschenoper.

Bereits in den zwanziger Jahren habe es eine Bruderschaft der Vagabunden gegeben, die recht aktiv gewesen sei, Ausstellungen und einen legendären Vagabundenkongress in Stuttgart organisiert habe. Jene Vagabunden-  Bruderschaft habe damals ebenfalls eine eigene Zeitung herausgegeben, den "Kunden", später den "Vagabunden", eine Art historische Vorform des "Strassenfeger" also. Ihre Parole lautete: "Generalstreik ein Leben lang". Einer aus dieser Gruppe nun sei Hans Tombrock gewesen. Tombrock lernte Bert Brecht in Schweden kennen, im Exil. Beide verband von da an eine tiefe Freundschaft.

Die Aufführung der "Dreigroschenoper" in Berlin ist trotz schlechter Kritiken ein wahrer Publikumserfolg und Kassenschlager geworden. Mit 60.000 Eintrittskarten sei die Produktion die "erfolgreichste Theaterinszenierung des Jahres", so der Produzent Lukas Leuenberger. Jede Vorstellung sei vom Publikum mit stehendem Applaus gefeiert worden. Inzwischen ist die "Dreigroschenoper" um eine Woche verlängert worden. Bis 1. Oktober wurden sechs zusätzliche Vorstellungen angesetzt. Eine weitere Verlängerung sei jedoch wegen der Terminverpflichtungen der Darsteller nicht möglich, so die Veranstalter.

linkszeitung.de/content/view/49754/52/
 

15.08.2006 - Esslinger Zeitung - Verena Großkreutz: Weder Haifisch noch Zähne

Brandauer inszeniert Brechts "Dreigroschenoper" und scheitert auf niedrigem Nivea

Berlin - Schon lange war sie als Sensation zum 50. Todestag Bertolt Brechts angekündigt und gehypt worden: Klaus Maria Brandauers prominent besetzte Inszenierung der Brecht-Weillschen "Dreigroschenoper". Gleichzeitig sollte sie die Wiedereröffnung des Admiralspalastes in der Berliner Friedrichstraße feiern, jenes Gebäudes, das 1910 als Vergnügungsprachtbau seine Pforten aufgetan hatte und 1998 als "Metropol"-Operetten-Theater geschlossen worden war. Mit der Restaurierung des neoklassizistischen Theatersaals war man zwar zur Premiere fertig geworden, das übrige Haus aber war immer noch eine Baustelle. An den Sektgläsern klebte Baustaub.


Brandauer hatte mit dem "Tote-Hosen"-Frontman Campino die Rolle des Mackie Messer besetzt und den Medien damit ein delikates Häppchen in die Arena geworfen. Doch dass der Abend zu einer langweiligen Peinlichkeit werden sollte, zeigte sich bereits, als das Licht im Zuschauerraum ausging. Der Vorhang öffnete sich zu Edgar Elgars berühmtem "Pomp-and-Circumstances"-Marsch, und flugs war im Raum, was Brecht und Weill verbannen wollten: Pathos und Sentimentalität. Hier war einer ohne Konzept und musikalischen Sachverstand ans Werk gegangen.

Personenführung? Fehlanzeige

Was folgte, war eine spannungslose Aneinanderreihung von uninspiriert vorgetragenen Musiknummern und oft dilettantisch gespielten Sprechszenen, die nichts von der bissigen Unterweltstragikomödie übrig ließen. Eine Personenführung war nicht erkennbar. Gottfried John spielte den profitgierigen Bettlerchef Peachum steif und farblos, Katrin Sass als seine Frau setzte auf Ohnesorg-Theater, und Campino war weder Haifisch, noch hatte er Zähne: ein grauer Herr, der nur einmal ein wenig gewaltbereit wirkte, als er seinem Gaunerkollegen völlig unmotiviert eine Flasche auf den Kopf schlug, so dass der arme Mann noch längere Zeit mit den Glassplittern in seinem Hemdkragen zu kämpfen hatte.

So gab die eine Länge der nächsten die Hand. Das konnten auch Birgit Minichmayr als naive Polly Peachum, Michael Kind als korrupter Polizeichef Tiger Brown und Maria Happel als Spelunkenjenny nicht verhindern, die trotz hohem Potenzial weit unter ihrem Niveau blieben. Und Jenny Deimling drehte als Mackie-Geliebte und Polly-Konkurrentin Lucy am Ende zwar mächtig auf, wirkte aber bald hysterisch, weil so viel Extrovertiertheit ins eintönige Einerlei eben auch nicht mehr passte.

Die restlichen Figuren - Huren und Ganoven - standen meist unbeteiligt herum und machten traurige oder debile Gesichter. Das beziehungslose Nebeneinander wurde durch unnötige Umbaupausen noch ermüdender. Einfallslos auch das Bühnenbild. Mit Klavier, Strohballen oder Holzbeingestell ausstaffiert und von einem Stahlgerüst mit Treppe dominiert, langweilten vor allem seine überdimensionierten, übereinander gestapelten Holzschränke, die nur einmal wirklich bespielt wurden: In der Bordell-Szene hurten darin die Huren oder rasierten sich die Beine.

Die Kostüme im Stile der 20er-Jahre wurden bald durch Handygebrauch in Frage gestellt, und warum man die Moritat "Und der Haifisch, der hat Zähne", die im Original am Anfang steht, mitten im Stück brachte, blieb ebenso ungeklärt wie der Sinn der Maßnahme, viele der Songs in einem von oben herabgelassenen, von Lämpchen eingefassten Goldrahmen vortragen zu lassen. Am Ende wurde es zur unfreiwillig komischen Symbolik für den Abend: Brandauer hat seine Schauspieler zu unbeweglichen, gehemmt agierenden Pappkameraden gemacht, denen jegliche Spielfreude fehlte. Zudem wurden die Songs lediglich vorgetragen statt interpretiert. Auch wenn Birgit Minichmayr und Maria Happel ein paar schöne Momente gelangen: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Jan Müller-Wieland machte aus Weills knallharter, unsentimentaler Musik ein seichtes, gefälliges Geplänkel.

Dass das Programmheft als Ausgabe der Berliner Obdachlosenzeitung "Strassenfeger" daherkam und von Obdachlosen vor den Türen des Admiralspalastes verkauft wurde, war immerhin eine gute Idee, die allerdings in der Inszenierung weder Widerhall noch Fortführung fand. Ein Bettler, der den Vorhang auf- und zuzog, eine selbstmordgefährdete Hure: Sonst war nichts zu sehen von den Hungernden, den Erniedrigten, den Arbeitslosen.

Weitere Vorstellungen täglich außer montags bis 24. September.

Quelle: Esslinger Zeitung 15.08.2006
 

14.08.2006 - Deutsche Welle - Toma Tasovac: Brandauer's Betrayal of Brecht

Three Penny Opera
Three Penny Opera

"The Threepenny Opera" has been the most talked-about play in Berlin this year

Berlin is in Brecht fever. As the crowning but ultimately disappointing event of the 50th anniversary of Brecht's death, a star-studded production of "The Threepenny Opera" opened in Berlin.

The fact that Brecht's "Threepenny Opera" opened at the Admiralspalast in Berlin was a little miracle in itself. The historic building from the beginning of the 20th century, hastily renovated by entrepreneur Falk Walter, was not deemed safe for public use until the day before the premiere, when city officials finally gave their seal of approval.

 

The media feverishly followed the will-they-or-won't-they drama of the most talked-about production of the year. In the end, all those wires ominously sticking out of the walls, blotches of paint, mops, buckets and vaguely disguised piles of rubble indicated that the building -- originally an ice rink and a luxury spa, which then, in the 1920s, became a theater -- was and still is a construction site, an unfinished project. Very much like Brecht's revolutionary dream.


The scent of undried paint -- known to cause either mild headaches or mild hallucinations, depending on your age and social status -- mixed well with the perfumes of Berlin society ladies, while one toilette sign in the theater foyer still pointed to a hole in the wall, covered by a simple wooden board.