Donnerstag, 04. Januar 2007
Geschrieben von Administrator
Monographien
- Welle, Jutta/ Schneider, Stefan: Leitfaden für Wohnungslose Berlin. Ein Projekt der Pfefferwerk Stadtkulturgesellschaft in Kooperation mit mob e.V. Berlin 2004
- Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung. Biografien, Lebenslagen und Perspektiven Wohnungsloser in Berlin. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Mit Fotos von Karin Powser. Berlin 1997 (= Dissertation, vorgelegt am Fachbereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Hochschule der Künste Berlin)
- Schilf, Sabine/ Schneider, Stefan/ Zglinicki, Claudia von: Obdachlose Jugendliche in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Untersuchung der Problematik und konzeptionelle Überlegungen. Vorgelegt durch die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH - Treuhänderischer Sanierungsträger -. Berlin 1996
- Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin - Moabit. Berlin 1990 (= Unveröffentlichte Diplomarbeit am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin)
Artikel/Aufsätze/Konzepte/ Vorträge etc.
- Schneider, Stefan: Armut, Stadt und Soziale Arbeit im 20. Jahrhundert. Ein Rückblick. Berlin, Freiburg 2010.
- Schneider, Stefan: Interkulturelle Soziale Arbeit in offenen und niederschwelligen Angeboten der Wohnungslosenhilfe. Berlin, München 2010
- Schneider, Stefan: Multitude. Woher der Begriff kommt und was wir damit machen können. München 2010
- Schneider, Stefan: Einleitung und Begleitung von Prozessen nachhaltiger Entwicklung und Transformation in ländlichen Gebieten - Perspektiven, Strategien und Methoden. München 2010
- Schneider, Stefan: Squattings – chance or deadlock for homeless and homeless migrants? Variant experiences from different european countries. Abstract. Berlin 2010.
- Schneider, Stefan: Squattings in Berlin. A brief history and current struggles, strategies and visions. Brussels 2010.
- Schneider, Stefan: Über die Verpflichtung zur Unterbringung durch kommunale ordnungsrechtliche Maßnahmen. Eine Rezension. Berlin 2010
- Schneider, Stefan: Mein Leben gehört mir! Reflexionen Wohnungsloser auf Krisenzeiten des 20. Jahrhunderts in originalen Zeugnissen. Berlin 2010.
- Schneider, Stefan: So lebt die Hoffnung weiter. Eine Laudatio. Berlin 2009
- Schneider, Stefan: Aktuelle Probleme der Sozialen Arbeit. Jena 2009
- Schneider, Stefan: Interkulturelle Soziale Arbeit in offenen und niederschwelligen Angeboten der Wohnungslosenhilfe (Präsentation). München. Bundestagung der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. 2009
- Schneider, Stefan: Verweigerung und Bettelhilfe. Berlin/ Hattersheim 2009
- Schneider, Stefan: Bis aufs letzte Hemd - Eine Bettleroper am Theater Freiburg. Berlin/Freiburg 2009
- Schneider, Stefan: Intervention bei drohender gesellschaftlicher Exklusion. Berlin 2009
- Schneider, Stefan: Ich allein weiss, was ich bin. Elfriede Lohse-Wächtler (1899 - 1940). Berlin 2009.
- Schneider, Stefan: Qualitätsstandards in der psychosozialen Beratung - Bedeutung für die Soziale Arbeit. Ravensburg-Weingarten 2009.
- Schneider, Stefan: Probleme und Perspektiven Interkultureller Sozialer Arbeit in existenziellen Notlagen. Ravensburg-Weingarten 2009.
- Schneider, Stefan: Armut per Gesetz? Ein kurzer Blick auf die Situation von JobCenter Kunden in Pankow. Berlin 2008
- Schneider, Stefan: Soziale Arbeit in Sanierungsgebieten. Nürnberg 2008.
- Schneider, Stefan: Interkulturelle Soziale Arbeit in existenziellen Notlagen. Nürnberg 2008
- Schneider, Stefan: Aktuelle Probleme der Sozialen Arbeit. Vortrag am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Jena. Jena 2008.
- Schneider, Stefan: Zwischen Existenzsicherung und Hilfe zur Lebensbewältigung - Handlungskonzepte für die Arbeit mit Menschen in Notlagen. Vortrag an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Berlin/ Esslingen 2008.
- Schneider, Stefan: Aktuelle sozialpolitische Entwicklungen in ihren Auswirkungen auf Hilfen für Menschen in existenziellen Notlagen. Thesenreferat an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Berlin/ Esslingen 2008.
- Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit und Armut im Strukturwandel. Von der Insel zur Drehscheibe. Ein kurzer Überblick 1977 - 2008. St. Petersburg 2008
- Schneider, Stefan: Von der Selbsthilfegruppe zur etablierten Institution. Bausteine einer Organisationsentwicklung. Berlin 2008
- Schneider, Stefan: Die Sicht der Leser - Zum Gedenken an Manfred Häussler (04.12.1948 - 29.03.2008). Berlin 2008.
- Schneider, Stefan: Willkommen in Europa! Oder: wer verkauft den Straßenfeger? Berlin 2008. In: Strassenfeger, Ausgabe 11/2008, Seite 11
- Herbst, Kerstin (Text) /Schneider, Stefan (Fotos): Budapest von hinten. Berlin/ Budapest 2008
- Schneider, Stefan: Kultur ohne Preisempfehlung - Ungarns Straßenzeitung "Fedél Nélkül". Berlin 2008. In: Strassenfeger, Ausgabe 07/2008. Berlin 2008, Seite 11.
- Schneider, Stefan: Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Einige Anmerkungen zum Thema Wohnungslosigkeit. Berlin 2008.
- Schneider, Stefan: Wohnungslos! Und welche Regeln gelten? Vom Umgang mit wohnungslosen BürgerInnen am Beispiel von der Aufstellung von Regeln einer fiktiven Notübernachtung. Berlin 2007.
- Schneider, Stefan: Was einE PraktikatnIn bei mob e.V. alles wissen sollte. Berlin 2007.
- Schneider, Stefan: Soziale Arbeit und Armut/Arbeitslosigkeit/Wohnungslosigkeit. Fördern und Fordern (Vortrag). Berlin 2007.
- Schneider, Stefan: Organisierung der Unorganisierbaren? Erfahrungen, Bedingungen, Grenzen und Perspektiven aus der Arbeit mit wohnungslosen und armen Menschen. (Vortrag an der Humboldt Universität) Berlin 2007
- Schneider, Stefan: Kunde oder Vagabund? 80 Jahre Strassenzeitungen 1927 - 2007. Berlin 2007.
- Schneider, Stefan: Heiligendamm/ Rostock/ Reddelich. Mit dem Strassenfeger beim G8 Gipfel / AlternativGipfel. Berlin 2007.
- (Schneider, Stefan unter dem Pseudonym Brono Katlewski): Dreigroschenoper? Die ist bei mir jeden Tag! Berlin 2006.
- Schneider, Stefan: Leben auf der Straße. Wohnungslos in Deutschland (Vortrag). Berlin/ Osaka 2006
Schneider, Stefan: Life on the Streets. Homeless in Germany (Lecture). Berlin/ Osaka 2006
- Schneider, Stefan: Sozialmanagement für die Ressourcen Wohnungsloser (Statement auf dem Symposium Obdachlose in Deutschland und Japan) Berlin/Osaka 2006
- Schneider, Stefan: Einrichtungen und Projekte für wohnungslose Menschen in Deutschland - Eine Auswahl kommentierter Links mit dem Schwerpunkt Berlin. Berlin/ Osaka 2006
Schneider, Stefan: Associations and Projects Helping the Homeless in Germany. A selection of commented links mostly from the Berlin area. Berlin/ Osaka 2006
- Schneider, Stefan: Auffällig unauffällig. Wohnungslose in Osaka. Berlin 2006.
- Schneider, Stefan: Dauerthema Notübernachtung. Berlin 2006
- Schneider, Stefan: Hans Klunkelfuß und das Selbsthilfehaus Oderberger Straße. Berlin 2006
- Schneider, Stefan: Indien - ein sehr persönlicher Sachbericht. Berlin 2005
- Schneider, Stefan: Weibliche Wohnungsnot. Zur Situation wohnungsloser Frauen in Deutschland (Vortrag). Warszawa 2005 (Międzynarodowa Konferencja pt. „Modele wychodzenia z bezdomności w krajach europejskich, standardy i praktyki pracy z bezdomnymi ze szczególnym uwzględnieniem kobiet i dzieci” pod patronatem Wicepremier Izabeli Jarugi-Nowackiej)
- Schneider, Stefan: self – help project promoted by poor homeless people. Berlin/ Barcelona 2004 (Group of projects and actions that dignify the life of the homeless: From marginalization to citizenship. World Urban Forum – UN Habitat, in the Universal Forum of Cultures Barcelona)
- Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit in Deutschland (Vortrag). Warszawa 2004
- Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosenhilfe in Warschau. Bericht über Projektbesuche und Vorort-Erkundungen. Berlin 2004.
- Schneider, Stefan: Körperliche Zuwendung und drogenlose Entspannung - Physiotherapie für Wohnungslose und Arme. Schwerpunkte von Gesundheit Berlin e.V. - Kongress Armut und Gesundheit - 9. Kongress 2003 Berlin 2003.
- Herbst, Kerstin/Schneider, Stefan: Obdachlos und psychisch krank. Rezension vom 30.06.2003 zu: Klaus Nouvertné, Theo Wessel, Christian Zechert (Hrsg.): Obdachlos und psychisch krank. Psychiatrie Verlag (Bonn) 2002. 220 Seiten. ISBN 3-88414-268-2. In: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/496.php,
- Herbst, Kerstin / Schneider, Stefan: Selbsthilfe: Chaotische Professionalität. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 45. Jahrgang, 3/2003. Bielefeld 2003, S. 9.
- Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Konzeption der Notübernachtung. Skizzen für eine selbstverwaltete Notübernachtung bei mob e.V./ strassenfeger. Berlin 2003.
- Schneider, Stefan: Selbsthilfe ist ein Säule der Wohnungslosenhilfe! Statement auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Weimar 2001.
- Schneider, Stefan: Bürgerrechte statt Armenfürsorge. (Zu Hendrik Bolkestein: Wohltätigkeit und Armenpflege im vorchristlichen Altertum. Frankfurt/M. 2001) Berlin 2001. In: strassenfeger 11/2001
- Schneider, Stefan: »Hierarchien, Konkurrenz, gegenseitige Ausbeutung, wachsende Brutalität und nicht etwa Solidarität«. Straßenkinder in Deutschland. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 14/1998. Berlin 1998, S. 5ff.
- Klunkelfuß, Hans/ Schneider, Stefan: Quo vadis Straßenzeitungen? Skizzen für eine bundesweite Initiative. Berlin/ Michelstadt 1998.
- Czaplewski, Heinz/ Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Obdachlosenselbsthilfezentrum Berlin - Konzept. Berlin 1998.
- Schneider, Stefan: Parteinahme für Arme, Ausgegrenzte und Obdachlose oder: Politik zu machen heißt, Probleme anzusprechen, deren Klärung notwendig ist (Interview mit dem StohHalm). Rostock 1997.
- (Schneider, Stefan/ unter Pseudonym Bruno Katlewski): Wohnen ist kein Grundbedürfnis! Obdachlose sind überflüssige Menschen. Eine Polemik in sechs Teilen. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 2/97 vom 27.02.1997. Berlin 1997, S. 8 - 9.
- Schneider, Stefan: Schon am frühen Morgen Bier trinken ... Obdachlosigkeit, Presse und der alltägliche Rassismus. (Eine Polemik). Berlin 1996.
- Schneider, Stefan: Kuckuck? Nichts Gutes über Gerichtsvollzieher (Rezension) Berlin 1996.
- Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Ein Armenhaus in der Mitte der Stadt. Konzeptionelle Vorüberlegungen und erste Skizzen für eine Projektbeschreibung. Berlin 1995
- Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Randständig - abwegig - unbedacht. motz & Konsorten - Ein Programm. Berlin 1995
- Schneider, Stefan/ Kemnitz, Sonja/ Knuf, Thomas: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Ein Briefwechsel. (Heimat - los?!? - Wärest Du nur konsequent - Heimatloser Normalzustand) Berlin 1995
- Schneider, Stefan/ Doseé, Thomas: Wohnungslosigkeit in Berlin. Eine Collage zum Projekt Ob-Dach am Fachbereich Architektur der TU Berlin (Seminar & Ausstellung). Berlin 1995
- Schneider, Stefan: Erste Tagung der Wohnungslosenzeitungen vom 04.-06.10.1995 in Loccum. Berlin 1995
- Schneider, Stefan: motz & Co - Jetzt weltweit im Internet. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 37. Jahrgang, 3/95. Bielefeld 1995, S. 115 – 11.
- Schneider, Stefan: Eine Kunst ohne Obdach: Der letzte Schrei?!? Die (Alltags-)Kultur der Wohnungslosen - bedrängendes Zeugnis der Armut und zugleich Armutszeugnis der Politik. In: Neues Deutschland von Sonnabend/ Sonntag, 22./23. Januar 1994. Berlin 1994, S. 14f.
- Schneider, Stefan (in Zusammenarbeit mit Horst "Hotte" Hädrich und Dagmar Berndt): "Haste mal 'ne Mark?" - Und viele andere Fragen. In: Neues Deutschland vom Freitag, 4. Februar 1994. Berlin 1994, S. 10.
- Schneider, Stefan: Keine Gnade auf der Straße! (Interview) Berlin 1994. In: Mob. Das Straßenmagazi: Obdachlosigkeit in Berlin. Nr. 1 vom 18.03.1994. Berlin 1994, S. 4-5.
- Rosigkeit, Vera/ Schneider, Stefan: Null Hoffnung, dass die Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise von der Gesellschaft gelöst werden will. Gespräch mit Leonie Ossowski. Berlin 1994
- Schneider, Stefan u.a.: ... es war nicht alles rosig auf meinem Weg, auch wenn es sich manchmal so anhört ... Gespräch mit Catwiesel, dem Landstreicher. Berlin 1994
- Schneider, Stefan: "obdachlos in berlin" - ein Kommunikationsprojekt. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr. 19 vom Februar 1993, Berlin 1993, S. 10-12, und in: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 105 - 108; sowie in: HDK Magazin 2/93. Hg. von der Hochschule der Künste Berlin - Pressestelle -. Berlin 1993, S. 95 - 97.
- Schneider, Stefan: Tabula rasa am Bodensee oder "Sauberer isch's konstanzerischer": Üben den Umgang einer Stadt mit Wohnungslosen. Bielefeld 1993. In: Gefährdetenhilfe 2/93, Bielefeld 1993, S. 72-73, sowie in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN.
- Schneider, Stefan: Liedermacher von der Strasse? (Plattenkritik). Berlin 1993. In: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 123, und in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr.. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 17 und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 21.
- Schneider, Stefan: Der Kölner Bankexpress - eine etwas andere Zeitung. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 18.
- Schneider, Stefan: Obdachlosenreport? (Rezension). Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 13 und in: Kölner Bankexpress. Nr. xx vom xxxx 1993, Köln 1993, S. xx und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 22.
- Schneider, Stefan: Tod auf Raten in der Achterbahn (Kommentar). Berlin 1993. In: taz Berlin von Montag, den 29.11.1993, S. 28.
- Schneider, Stefan: Offener Brief an Catwiesel, den Landstreicher. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 15-16.
- Schneider, Stefan: Wohnungsnot in Polen - Beispiele aus Gizycko. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 11.
- Schneider, Stefan: Und führet sie in die Gesellschaft? (Rezension). Essen 1992. In: Die Berufliche Sozialarbeit. Zeitschrift des Deutschen Berufsverbandes der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen e.V., Nr. 2/92, S. 37. Essen 1992.
- Schneider, Stefan: Platte machen? (Rezension). Berlin 1992. In: In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. xx vom Oktober 1992. Berlin 1992, S. 00.
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Schneider, Stefan: Theateraufführung der Berliner Obdachlosen GmbH & CoKG "Untergang" (Rezension). Berlin 1991. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XI vom Juni 1991, S.10. Berlin 1991
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Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991
- Schneider, Stefan: Forschung zu Lebenslage und biographischer Entwicklung Wohnungsloser - ein Beitrag zur Qualifizierung und konzeptionellen Entwicklung ambulanter sozialer Arbeit mit Wohnungslosen in Berlin (West). Berlin 1990 (= Antrag auf Förderung bei der Berlin-Forschung)
Freitag, 02. Oktober 2009
Geschrieben von Administrator
Sie sagen nichts mehr. Sie tragen einen Antrag auf Arbeitslosengeld vor, als wäre es eine Anklage. Sie ziehen selbst das letzte Hemd noch aus. Sie kommentieren die Hilfeangebote für wohnungslose Menschen. Sie berichten von Übergriffen und Diskriminierungen. Sie schälen Kartoffeln und kochen einen Eintopf. Sie singen vom Abstieg und Flaschensammeln und vom „Grundeinkommen Liebe“. Sie sind Musiker, Wohnungslose, Sänger, Bettler, Schauspieler, Arbeitslose und Stars für zwei lange Stunden. Sie sind die Bettleroper im Theater Freiburg.
1. Ein neues Stück 2. Arbeitsprozeß 3. Premiere 4. Existenzminimum 5. Avantgarde 6. Die deutende Form 7. Das Stück 8. Die CD Bettleroper 9. Weblinks 10. Rezensionen und Berichte 11. Anmerkungen
PDF-Datei Schneider, Stefan: Bis aufs letzte Hemd. Berlin/ Freiburg 2009.pdf
1. Ein neues Stück
Mit der neuen Intendantin Barbara Mundel sei ein frischer Wind in das Stadttheater Freiburg eingekehrt, wird gesagt. Die Breisgauer Bühne ist offen für neue Kunstformen und vor allem politischer geworden. Zusammen mit der Dramaturgin Carolin Hochleichter und dem Schweizer Regisseur Christoph Frick entsteht im Jahr 2008 die Idee, die Bettleroper ins Programm aufzunehmen. Die Musikerin Bernadette La Hengst kommt dazu, die bereits im Jahr 2007 in einem Freiburger Seniorenheim mit alten Menschen neue Lieder einstudiert hat. (1) Die Künstler wollen eigentlich die Dreigroschenoper als Vorlage verwenden, sehen sich aber damit konfrontiert, dass die Erben von Brecht und Weil es nicht zulassen, dass am Werk irgendetwas geändert wird; ein Problem, an dem auch schon andere Theatervorhaben gescheitert sind. So ist es naheliegend, den Vorgänger, die Beggar's Opera von Gay und Pepusch zur Vorlage zu nehmen. Schon bald entsteht jedoch der Vorschlag, die Neue Armut mit authentischen Darstellern auf die Bühne zu bringen.
Etwas Neues, Authentisches sollte auch die Beggar's Opera sein. Die Ursprungsidee dafür stammt wohl vom irischen Schriftsteller Jonathan Swift (1667 - 1745), der vor allem als Autor von Gullivers Reisen berühmt geworden ist. Im Sommer das Jahres 1716 schreibt er an seien Freund Alexander Pope: "Wie wäre es mal mit einer Newgate-Pastorale (2) mit den dortigen Huren und Dieben?" Newgate war ein westliches Stadttor Londons und galt als zwielichtige Gegend. Vor allem das dortige Gefängnis war berüchtigt. So etwas auf die Bühne zu bringen wäre in der Tat ein starkes Stück gewesen in der damaligen Zeit. Aber erstmal bleibt die Idee liegen. Es dauerte dann noch einige Jahre, bis ein anderer Freund Swifts, ein gewisser John Gay (1685 - 1732), diese Idee tatsächlich aufgreift und im Jahr 1728 daraus ein Stück machen will.
Auch Carolin Hochleichter, Christoph Frick und Bernadette La Hengst wollen aus der Bettleroper ein Stück machen. Sie fragen im Herbst 2008 die Redaktion des Frei-en Bürgers an, ob Interesse an einer Zusammenarbeit bestünde. Der Frei-e Bürger ist eine Straßenzeitung, die 1998 von Wohnungslosen und ehemals Wohnungslosen , wie sie selbst schreiben, "ohne jegliches Know-how auf die Beine gestellt wurde". Mit einer Auflage von 6.000 gedruckten Exemplaren im Monat ist die Zeitung weder besonders groß noch besonders klein im Vergleich zu den anderen. Mit anderen Hochglanzmagazinen, die von Wohnungslosen nur verkauft, aber nicht gemacht werden, hat diese Zeitung nicht viel gemein. Bis heute hat der Frei-e Bürger seinen Charakter bewahrt und ist ein Organ für Menschen mit geringem Einkommen mit der Absicht, Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen und ein Forum zu sein, in das sie sich selbst mit einbringen können.
Uli Hermann, Redaktions-Chef beim Frei-en Bürger, und seine Kollegen greifen die Anregung auf. Sie vereinbaren ein erstes Treffen im November 2008 im Ferdinand-Weiss-Haus, einer Tages- und Begegnungsstätte für Menschen in Wohnungsnot, in der auch die Redaktionsgruppe des Frei-en Bürgers in den Anfangsjahren getagt hatte. Es findet sich eine bunte Truppe ein: Hartz-IV-beziehende, wohnungslose, bauwagenbewohnende, flaschensammelnde und bettelnde Bürgerinnen und Bürger. Statt mit einem fertigen Textheft wird die Gruppe beim ersten Treffen mit vielen Fragen konfrontiert: Wie es ist, wohnungslos zu sein, welche Erfahrungen man beim Betteln macht, welche Hilfen es gibt und was sie einem bringen, ob es schwer ist, wieder von der Straße weg zu kommen und einen Schlafplatz zu finden, welche Möglichkeiten zum Überleben einem offen stehen. Kurzum, wie es sich anfühlt, auf der Straße zu sein und ein Habenichts zu sein.
Ein Habenichts ist auch John Gay. Er ist Literat und verdient sein Geld zuletzt als Sekretär des Tory-Abgeordneten Lord Claredon. Nach dem Sturz der Tory Regierung im Jahr 1721 ist er mehr oder weniger arbeitslos, verspekuliert sein Vermögen und wurschtelt sich so durch. Vielleicht war es sein Frust, der ihn die Idee der Beggar's Opera von Swift wieder aufgreifen liess. Allerdings gibt Gay diesem Stück einen anderen Charakter. Keine Pastorale, sondern eine Satire auf die Verhältnisse in merry old Georgian England will er schreiben, ein Stück, das das Bürgertum parodiert. Mit der Figur des Peachum, die sich an die bekanntesten englischen Verbrecher des 18. Jahrhunderts, Jonathan Wild und Jack Sheppard anlehnt, soll gleichzeitig der neue britische Premier Robert Walpole - der Mann, der ihn letztlich arbeitslos gemacht hat, karikiert werden.
John Rich ist Theaterdirektor im Lincoln's Inn, einer Spielstätte im Stadtteil Newgate, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatte. Inzwischen hat er erfahren, dass Gay vorhat, das Stück ohne jegliche musikalische Begleitung aufzuführen – Gay verspricht sich davon eine direktere, schockierende Wirkung. In buchstäblich letzter Minute, eine Woche vor der geplanten Premiere, engagiert Rick den in Berlin geborenen, aber schon lange in London lebenden Komponisten, Musiker, Lehrer und Musikwissenschaftler Johann Christoph Pepusch. Er hat schon mehrfach für das Lincoln's Inn gearbeitet. Auch diesmal soll er einspringen und in Windeseile eine Ouvertüre schreiben und zu den 69 Songs von Gay Arrangements für ein Orchester ausarbeiten. (3)
2. Arbeitsprozeß
Ausgearbeitet ist auch in Freiburg noch fast gar nichts. Was einige aus der Gruppe um Uli Herrmann leicht irritiert, denn sie hatten gedacht, dass Text und Musik komplett fertig sind und das Ganze nur noch einstudiert werden muss. Statt dessen erklären ihnen Christoph (Regie), Cornelia (Dramaturgie) und Bernadette (Musik), dass sich das Stück eigentlich erst bei den Probearbeiten entwickeln wird und das das Material dafür zunächst gemeinsam erarbeitet werden muss.
Zu erarbeiten ist erst einmal eine Form, miteinander ins Gespräch zu kommen. In mehr als neunundneunzig Prozent aller Begegnungen ist die Kommunikation zwischen Wohnungslosen und Nichtwohnungslosen asymmetrisch. Ein gleichberechtigter Dialog findet nicht statt. Das hat nicht unbedingt etwas mit den Wohnungslosen zu tun, die in der Regel versuchen, aus ihrer Notlage das Beste zu machen. Das Problem sind die anderen, die entweder professionell oder ehrenamtlich helfen wollen und auf das Ergebnis schielen oder das eigene Gewissen beruhigen wollen. Der Wohnungslose ist nicht Partner, Kumpel, Kollege, Mitbürger, sondern in erster Linie nur ein Gesicht zu einem Problem. Eine Person, das ganz weit weg ist. Das ist entweder bedauerlich, lästig, Mitleid heischend, ungerecht, doof oder selbst verschuldet, aber um die eigentliche Person geht es nicht. Und oft genug sind Wohnungslose ein Ventil für den eigenen Frust: Sie werden beschimpft, angepöbelt, denunziert, vertrieben, als Penner und Asoziale denunziert. Sie sind dankbare Opfer, denn sie wehren sich selten. Auf ganz dünnem Eis also bewegen sich die Akteure vom Theater Freiburg, wenn sie Wohnungslose einbeziehen wollen. Groß und real ist die Gefahr, dass einmal wohnungslose Menschen zu authentischen, besonders originalen Statisten degradiert werden.
Eben weil es nicht um Statisten geht, sondern um wirkliche Erfahrungen, wird die Vorlage über Bord geworfen. Die Situation ist ergebnisoffen. Die ersten Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch. Nein, das Leben eines Schauspielers ist kein Luxus. Endlose Proben, Termin- und Leistungsdruck, eine schlechte Bezahlung, unsichere Verträge. Und arme Leute faulenzen nicht den ganzen Tag herum, sondern das Überleben auf der Straße ist harte Arbeit. Beide Gruppen sind neugierig aufeinander. Das Überraschende gelingt, sie haben sich etwas zu sagen, ein Erfahrungsaustausch kommt in Gang. Die Bettler lernen von den Schauspielern, wie man sich auf der Bühne bewegt, wie in großen Räumen gesprochen werden muss und wie man sich Texte einprägen kann. Die Schauspieler werden von den wohnungslosen und armen Menschen durch die Stadt geführt und bekommen erklärt, an welchen Orten sich das Betteln lohnt, wie Flaschensammeln funktioniert, wo gute Schlafplätze zu finden sind. Sie lernen, welche Einrichtungen und Angebote es gibt, was man dort erwarten und bekommen und und was nicht und vor allem, wie schwer es ist, unter den Bedingungen von Armut und Wohnungslosigkeit seine Würde zu behaupten. Bernadette La Hengst erarbeitet erste Songs und stellt sie der Gruppe vor. Sind die Stücke denn überhaupt singbar? Und kommen sie an?
3. Premiere
Ob die Stücke ankommen, darüber entscheiden erstmalig am 13. Dezember 2008 die Menschen, die sich zur Feier des 20jährigen Bestehens des Ferdinand-Weiss-Hauses eingefunden haben. Dieses Haus der Diakonie beherbergt eine Tages- und Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot. Es bietet Dusch- und Waschmöglichkeiten, Schließfächer, Küchenbenutzung und warme Mahlzeiten, Computer- und Telefonnutzung. Ein warmer und geschützter Ort, in dem auch Beratung und Begleitung und eine medizinische Grundversorgung angeboten wird.(4) Heute tritt zum ersten Mal der Bettlerchor auf. Sicherheitshalber nennt er seinen Auftritt bescheiden "Öffentliche Probe". Alle sind sichtbar nervös, und die Stücke rumpeln noch. Aber Bernadette hat ihre Gitarre dabei, sie zieht den Rhythmus durch und die Stücke kommen an. Es gibt sogar einen Bericht mit Foto in der Freiburger Kirchenzeitung (5) . Aber eigentlich fängt der Stress erst jetzt richtig an, denn nun geht es in die Probenräume des Freiburger Theaters. Denn es wird nun ernst - in weniger als 6 Wochen ist Premiere.
Die Premiere der Beggar's Opera am 28. Januar 1728 wird eine Sensation. Das neue Stück schlägt ein wie eine Bombe. Das Ensemble spielt noch 62 weitere Aufführungen, ein Rekord für diese Zeit. Das Publikum ist süchtig nach dieser neuen Form der Oper, in der erstmalig nicht die Reichen und Schönen, sondern die Armen der Londoner Unterwelt, vertreten durch eine Bettlerbande, im Rampenlicht stehen. Musikhistoriker würden sagen: In der von John Gay gewählten Form der Ballad opera wird die Struktur der italienischen Oper beibehalten, wobei die Rezitative durch gesprochene Dialoge ersetzt wurden und zumeist einfache volkstümliche Melodien Verwendung fanden. Was Gay und Pepusch in Wirklichkeit machen, ist einfach nur dreist. Sie klauen ziemlich bedenkenlos aus populären Arien und Gesängen von Händel - dessen Opern das Londoner Publikum langsam satt hatte - und schaffen im Grunde mit der Beggar's Opera eine Händel-Travestie. (6)
Mit der Moral der Gesellschaft ist es nicht weit her, so die Botschaft, aber mit Moral lässt sich gut Geschäfte machen. Brüllendes Gelächter im Publikum, wenn der Bettlergauner Macheath mit gedrechselten und immer daneben liegenden Formulierungen versucht, die sogenannte gute Gesellschaft zu imitieren. Die Zuschauer begreifen, was gemeint ist: Auch die da oben sind nichts anderes als gemeine Gauner so wie die in unserer Nachbarschaft. Oder anders gesagt: High Life ist gleich Low Life.
Ein Abbild des Low Life ist auch die Freiburger Bettlerbühne. Ein paar Tische, Stühle und spärliche Requisiten. Das könnte ein Schulungsraum sein, das Wartezimmer des Bürgeramtes oder eben eine Suppenküche. Über allem schwebt eine Wolke aus Pappmaché, mit der die Stimmung ein wenig verklärt wird (Bühnenbild: Clarissa Herbst). Die Schauspieler sind schon alle da und hängen rum. Einige begrüßen das hereinströmende Publikum, andere machen sich am Küchentisch auf der linken Seite der Bühne daran, Gemüse zu schneiden. Rechts spielen Bernadette La Hengst an der Gitarre und Hannes Moritz am minimalistischen Schlagzeug spärliche Musik. Alle sind nun da, und die Bühne sortiert sich zu einem Podium. Es beginnt eine Debatte der Gemeinplätze, ein Glaubensbekenntnis neoliberaler Ideologie, das sich steigert in ein Staccato der Phrasen der professionellen Geldverbrenner aus der Banken- und Politbranche, hart am Rande des Wahnsinns. »Wir stecken mitten in einer Krise, das haben wir inzwischen begriffen. [...] Unsere Wirtschaft ist geschwächt, als Konsequenz aus Gier und Unverantwortlichkeit bei einigen Wenigen - aber auch, weil wir als Kollektiv versäumt haben, harte Entscheidungen zu treffen und diese Nation auf die neue Zeit vorzubereiten.« (7) Alle merken: Es ist egal und folgenlos, wer in den Medien was und wann sagt, es ist im Grunde nur der selbe Brei.
Eine (Anna Böger) geht dazwischen: »Wir sollen heute mehr ausgeben als gestern, damit es uns morgen nicht schlechter geht als heute? Bitte wie? Das geht doch nie und nie zusammen. Das ist ja wie ›mit ohne Ketchup‹. Das kann doch gar nicht gehen. Ich glaub, ich krieg’ die Krise.« Sie wird das im Verlauf des Stücks noch öfter rufen. Der erste Song rollt an: »Wo kriegen sie die Millionen her? Vom Staat. Und wer hat den gewählt? Das ist doch unser Geld.« ("Wer hat das Geld versteckt?")
Sie (Bettina Grahs) wuchtet einen schweren Stapel Papier auf das Pult. Dann legt sie los und trägt die Fragen auf Arbeitslosengeld (Hartz IV) vor. Offiziell heißt das „Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) Arbeitslosengeld II / Sozialgeld“ (8) Bei den Antworten wird sie sekundiert von den anderen, die aufgereiht hinter ihr ergänzen und kommentieren. Wie eine Litanei des Bösen hämmern die Fragen auf sie ein:
»Sind Sie Spätaussiedlerin/Spätaussiedler nach dem Bundesvertriebenengesetz (BVG) und ortsgebunden? Sind Sie Berechtigte/Berechtigter nach dem Asylbewerberleistungsgesetz? Sind Sie - Ihrer Einschätzung nach - gesundheitlich in der Lage, eine Tätigkeit von mindestens drei Stunden täglich auszuüben? Sind Sie Schülerin/Schüler? Befinden Sie sich zurzeit oder demnächst in einer stationären Einrichtung? Wie viele weitere Personen gehören zu Ihrer Bedarfsgemeinschaft? Leben Sie zusammen mit (Mehrfachnennungen möglich): Ihrer/Ihrem nicht dauernd getrennt lebenden Ehegattin/Ehegatten, Ihrer/Ihrem nicht dauernd getrennt lebenden eingetragenen Lebenspartnerin/Lebenspartner, Ihrer Partnerin, Ihrem Partner in Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft, einem unverheirateten Kind unter 25 Jahren oder mehreren Kindern, Ihren Eltern bzw. einem Elternteil oder dessen Partner (nur anzukreuzen, wenn Sie unter 25 Jahre alt sind)?«
Von der Last der Fragen erdrückt, die keinen Platz mehr lassen für Privates, Intimes, Persönliches, kippt Bettina um. Das ist kein Antrag, das ist Mobbing, Schikane, Nötigung, Psychoterror. Aber es hört nicht auf. Es hört nie auf. Es gibt kein Ende. Es geht umstandslos weiter. Die Akteure stehen auf und bewegen sich durch die Publikumsreihen. 35 Informationen zu den wichtigsten Fragen für Antragsteller. Wer die Information benötigt, soll laut und deutlich I wie Information rufen und erhält dann weitere Hinweise. »Wird mein BAFöG angerechnet? Darf ich verreisen? Wird mir das Kindergeld abgezogen? Was ist eine Bedarfsgemeinschaft? Was ist zum Lebensunterhalt unerlässlich? ... ... « Alles das ist umständlich, verwirrend, unklar, beschämend, skandalös. Hartz IV bewahrt nicht vor dem Abstieg, Hartz IV ist der Abstieg.
Der gleichnamige Song „Abstieg“ verbindet raffiniert die Phraseologie der Sozialpolitik mit einem Refrain, der ebenso eingängig wie beklemmend daherkommt: »Abstieg Abstieg Abstieg - Angst vor dem Abstieg - Abstieg Abstieg Abstieg«. Noch nie klangen Schlagworte wie Monetäre Armut, Relatives Armutsrisiko oder Soziokulturelles und physisches Existenzminimum wie in diesem Song.
4. Existenzminimum
Weil peinlich genau festgelegt ist, was einem Hartz-IV-Empfänger an Waren, Bekleidung, Wohnung und Hygiene zusteht, muss auch dieses verhandelt werden. Während Bernadette La Hengst mit dem Bettlerchor melodisch langsam von Einhundert herunter abzählt, überbieten sich die Schauspieler in Selbstbezichtigungen und Denunziation. Es hilft nichts, alles, aber auch wirklich alles steht auf dem Prüfstand. Sparguthaben, alte Autos, Musikinstrumente, zu große Wohnungen, Schmuck, Möbel. Ja, auch der alltäglich Hausrat steht zur Disposition: Geschirr, Fernseher und Videogeräte, Tische und Stühle, Haushaltsgeräte, Kleidung und Unterwäsche.
Alles, was nicht unbedingt zum Lebensunterhalt erforderlich ist, muss weg, kann weg. Die Debatte endet dort, wo sie enden muss - im Extremen. Braucht Mensch wirklich eine Wohnung? Würde es nicht notfalls ein Zimmer tun? Reicht nicht vielleicht nur ein Dach über dem Kopf, ein Unterstand, ein Bett oder eine Matratze? Ist es womöglich im Grunde zumutbar, draußen zu überleben? Mit Bezug auf die Idee aus dem Matthäus-Evangelium »Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernsten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheuen; euer himmlischer Vater ernährt sie.« (Kapitel 6, Vers 26). Vernünftig ist es nicht, eher wahnhaft, wenn Nicola Fritzen sich buchstäblich von allem entkleidet und nackt nach draußen rennt. Eine Handkamera überträgt das Spektakel von der Straße auf eine große Leinwand im Theater. Wie ein Berserker rennt sie draußen herum, verkündet ihre neue frohe Botschaft, klettert auf Bäume, hüllt sich zum Schluss in eine Roßhaardecke irgendwo am Straßenrand ein.
Bei diesem Spektakel geht ein wenig unter, dass der Bettlerchor auch leise Töne anstimmen kann: »Ich schau dir in die Augen, wir sind uns nicht so unähnlich, es gibt ein paar Zeichen, an denen ich erkennen kann, dass wir aus ein und derselben Welt stammen, doch deine Codes kann ich nicht lesen, dafür bin ich immer zu sicher gewesen du bist mir zu fremd, nein, das geht mir zu weit, du kannst nicht bei mir schlafen, nein, ich hab keine Zeit... « („Mitleid“).
Worum also geht es? Um eine Vermittlung von Arm und Reich? Um ein Verständnis der Armut? Um Revolution oder Reform? Um Protest oder Selbsthilfe? Um Angst vor dem Abstieg oder einen Kampf um die Mittel? Das Stück ist hier nicht eindeutig, kann es auch gar nicht sein, weil es zu sehr mit den Techniken der Collage, des Fragmentarischen, des Vorläufigen, der Andeutung arbeitet. Das Stück ist nahe dran am Straßen- und Improvisations- und Stehgreiftheater, ein Konzept, das die Zuschauer einbeziehen will und dessen Aussagen prinzipiell offen sind. Alles steht auf dem Prüfstand und kann heute so, morgen schon anders akzentuiert werden. Es ist den Beteiligten anzumerken, dass nicht alles bis ins Letzte ausformuliert, sondern offen gestaltet und bisweilen auch improvisiert ist. Und dennoch ist das Stück nicht beliebig, weil sich eine Haltung durch das Stück zieht: Es ist überhaupt nicht toll, arm zu sein. Arme Menschen haben eine Würde, eine Stimme und ein Existenzrecht und können sich wehren. Es ist eine Gesellschaft, die Armut produziert, es gibt Menschen, die von der Armut profitieren und Reichtum anhäufen, das muss so nicht hingenommen werden. Ein Überleben in Armut ist möglich. Aber besser wäre es, wenn es gelänge, Armut zu bekämpfen, zu überwinden. Und dennoch leistet sich die Bettleroper eine kleine, romantische, aber immer noch politische Liebesduselei in dem Stück „Grundeinkommen Liebe": »Gerichtsvollzieher sind gekommen,und haben alles mitgenommen,wie Diebe, doch jetzt bin ich aufgewacht. Ich bin frei und unvoreingenommen, gib mir bedingungsloses Grundeinkommen, als Liebe heute Nacht«. Auch das ist ein Thema auf der Strasse.
Es wird dunkel im Saal. Die Tische werden zusammengerückt und ein Plan von Freiburg darauf ausgerollt. Mit Taschenlampen angestrahlt und mit einer Handkamera verwackelt und grobkörnig auf eine Leinwand übertragen, wird das Innen zum Aussen. Es wird real und konkret. Nur mal angenommen, ich komme spät abends in Freiburg an und bin völlig abgebrannt. Wo kann ich hingehen, wo kann ich unterkommen? Nur mal angenommen, ich finde nichts. Wo kann ich gut draußen übernachten? Nur mal angenommen, ich überstehe die erste Nacht. Wo kann ich etwas zu essen bekommen? Nur mal angenommen, ich brauche Geld. Wo kann ich am besten betteln und wie mache ich das?
An dieser Stelle droht das Stück zu kippen. Es geht nicht mehr um die Beschwörungsformeln neoliberaler Ideologie, um die Einführung von Armut per Gesetz namens Hartz, um die strukturelle Gewalt in der Abfertigungs- und Demütigungsmaschinerie namens JobCenter, um staatliche Schnüffelei und Durchleuchtung des Privatlebens namens Bedürftigkeitsprüfung, um Strafen und Sanktionen namens Leistungskürzung (»bis auf das zum Lebensunterhalt Unerlässliche«), sondern um die Frage: Wo kann ich Hilfe finden? Ist Wohnungslosigkeit wirklich nur eine Frage von warmen Mahlzeiten, Notübernachtungen und Beratungsangeboten? Oder schlichtweg der Preis dafür, dass andere sich milliardenschwer bereichern? Muss Armutsbekämpfung wirklich unpolitisch sein?
5. Avantgarde
Es ist Bernadette La Hengst, die die Situation rettet mit dem unscheinbarsten, aber berührendsten Lied des Abends. Sparsam perlen die Klänge aus ihrer Gitarre, eine einsame Flöte setzt ein, das Geräusch von klirrendem Glas irgendwo aus dem Hintergrund gesellt sich dazu. Es geht darum, wie jemand die Welt erlebt, der aus Not und Armut heraus Stunden seines Tages damit verbringt, Flaschen zu sammeln, Pfandflaschen. Der Blick auf die Welt ändert sich. Nicht mehr die Party, die Einkaufsmeile ist interessant, die Sehenswürdigkeiten und die Schaufenster auch nicht, sondern nur doch das, was über bleibt. Die Reste. Der Müll. Der Dreck. Es ist keine Anklage, nur eine genaue Beobachtung und eine klare Einschätzung: »Und wenn ich aus dem Supermarkt wieder heraus komme, hab ich mehr Geld als vorher.« Überhaupt die Musik. Bernadette La Hengst ist eine charismatische Musikerin, die auch ohne Mikrofon und Verstärker in der Lage wäre, nur mit Gitarre und ihrer Stimme einen ganzen Saal in Grund und Boden zu rocken. Sie kann Lieder schreiben, die größer sind als sie selbst. Ihre Texte verbinden analytischen Scharfsinn mit genauer Beobachtungsgabe. Ihre Stücke sind politisch, aber nicht aufdringlich und auch nicht oberflächlich plakativ. Und sie ist eine Meisterin darin, selbst sperrige Wortungeheuer zum Klingen zu bringen und mit eingängigen Sounds zu verbinden. Auf der Freiburger Bettlerbühne agiert sie ebenso unaufdringlich wie präsent – mit kleinen Zeichen dirigiert sie den Bettlerchor, hält mit ihren Stücken und den akustischen Akzenten drumherum das Stück zusammen. Die Songs gewinnen um so mehr, je zurückhaltender sie arrangiert sind. Folgerichtig ist sie auf der Bühne nur begleitet von Hannes Moritz am Schlagzeug und dem Bettlerchor. Frank Albrecht spielt einmal dazu Blockflöte und Nicola Fritzen bearbeitet eine Mülltonne.
Eine Art Zugabe am Schluss des Stücks ist der Song „Avantgarde Bettler“. »Wir sind froh, dass wir kein Geld haben, sonst wärn wir bankrott - Bettler« singen sie in einer Textzeile. Können Bettler Avantgarde sein? Und wie muss ein armer Mensch empfinden, wenn er solche Zeilen singen soll? Wird zum Schluss etwa Armut als die einzig mögliche Lebensform verklärt? Gibt es denn eine Alternative? Der gegenwärtige, alles beherrschende globale digitale Kapitalismus bedeutet massenhafte Armut, Ausbeutung, Umweltzerstörung, Ressourcenvernichtung, Unterdrückung und Krieg. Wohlstand und Luxus für Wenige. Nur der Umstand, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, dass aller Reichtum letztlich flüchtig, unbeständig und unbefriedigend ist, und dass wir den Globus mit all seinen Ressourcen nur von unseren Kindern und Enkeln geborgt haben, kann den Blick frei machen dafür, was wirklich wichtig ist im Leben, worauf es ankommt. Und aus dieser Perspektive ist es kein Widerspruch, eine auskömmliche und bedingungslose Grundsicherung für alle zu fordern und gleichzeitig zu deklarieren: Wir sind alle nur Bettler, und wir sind schon jetzt da, wo eines Tages auch ihr sein werdet. (9)
Eines Tages, fast genau zweihundert Jahre nach der Uraufführung, stößt auch die Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann auf Presseberichte über einen riesigen Theatererfolg in London. Die Bettleroper von Gay und Pepusch wird seit 1920 wieder neu aufgeführt und bricht mit fast 1500 Aufführungen in Folge alle Rekorde. Sie lässt sich sofort den Text kommen, erkennt das Potential und fertigt für ihren Arbeitgeber Bert Brecht eine Rohübersetzung an. Brecht lässt sich erklären: Der originale Titel Beggar's Opera bedeutet nicht, wie spätere Übersetzer dachten, »Die Bettleroper«, sondern »Des Bettlers Oper«, also eine Oper für Bettler.
Der Plot passt in sein Konzept des epischen Theaters. Brecht bietet sein halbfertiges Manuskript dem neuen Direktor des Theaters am Schiffbauerdamm, Ernst Josef Aufricht, an. Ob das nicht etwas wäre für die erste Premiere nach der Renovierung. Aufricht, der von dem Stoff sofort angetan ist, schlägt ein – ohne zu wissen, dass er damit auch den jungen Komponisten Kurt Weill, den Brecht von Anfang an für die Vertonung der Texte vorgesehen hatte, mitverpflichtete. Der Rest ist Geschichte, die Dreigroschenoper wird zu einem Welterfolg, die originale Beggar's Opera tritt in den Hintergrund, und auch der Anteil, den Elisabeth Hauptmann an der Dreigroschenoper hatte (10), gerät in Vergessenheit.
Damit es niemand vergisst, werden am Ende des Stücks nochmal alle daran erinnert, dass sie eingeladen sind, sich auf die Bühne zu begeben und bei Chilli Con Carne mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ins Gespräch zu kommen. Die meisten drängen zum Ausgang, nur wenige nehmen dieses Angebot wahr. Medien-Leute, die einen Bericht schreiben wollen und O-Töne brauchen. Studierende, die froh sind, unkompliziert echte Wohnungslose ansprechen und über ihre Armut erzählen lassen zu können. Freunde des Ensembles, die bei einem Bier über dieses und jenes tratschen. Zwischen Banalem und Alltäglichem höre ich zwischendurch Fragen über das Leben auf der Straße, das Übernachten im Freien und Erfahrungen beim Betteln. Die Bühne als bequemer und angstfreier Ort sozialarbeiterischer Feldforschung. Eifrig werden Notizen gemacht, um weitere Gesprächstermine - am liebsten vor Ort oder in einschlägigen Einrichtungen - wird dringend gebeten. Die Schauspieler nehmen es mit professioneller Gelassenheit. Die Arbeit ist getan, es ist spät am Abend, eine gewisse Erschöpfung stellt sich ein. Nein, dieses Treffen ist kein Auftakt zu einer revolutionären Aktion, es gibt keine Gruppendiskussion und auch Resolutionen oder Demonstrationsaufrufe und Flugblätter werden nicht herumgereicht. Es ist eben doch nur das Ende einer vielleicht etwas eigentümlichen Theateraufführung.
Auch im Anschluss an die Beggar's Opera in London gibt es etwas zu Essen, allerdings erst viele Jahre später. In den Jahren nach 1980 entwickelt sich der Park Lincoln's Inn Fields unweit des Stätte der Uraufführung zu einem Ort, an dem viele Wohnungslose übernachten. (11) Damit ist 1992 Schluss, die Wohnungslosen werden aus dem Park vertrieben. Um die Grünfläche herum wird ein Zaun errichtet, und die Tore jeden Abend bei Sonnenuntergang geschlossen. Aber nach wie vor leben unzählige Wohnungslose in der Gegend um Lincoln's Inn Fields. Sichtbar wird das aber immer nur dann, wenn spät abends an der Ostseite des Parks die Busse der mobilen Suppenküchen halten. Minutenschnell bilden sich lange Schlangen, die Menschen nehmen das Essen entgegen und verschwinden scheinbar im Nichts. Auch die mobilen Suppenstuben geraten bald in die Kritik. Die würden Wohnungslose nur ermutigen, wohnungslos zu bleiben, sagen die einen. Die massenhafte Wohnungslosigkeit soll nur kaschiert werden, befürchten die anderen.
In die Schlagzeilen gerät Lincoln's Inn Fields erneut im September 2008. Immer an Donnerstagen nach Sonnenuntergang finden dort flashmobs (12) statt, bei dem mehrere Dutzend muslimische Jugendliche großzügig Lebensmittel und Speisen an die Wohnungslosen verteilen. Es wird im allgemeinen angenommen, dass der Fastenmonats Ramadan, bei dem das Fasten traditionell nach Sonnenuntergang mit einem großen Festessen beendet wird, Anlass für diese spektakuläre Aktion ist. (13)
Die Bettleroper in Freiburg wird nach der Premiere am 23.01.2009 insgesamt 10 mal bis zum 10.07.2009 aufgeführt. Während der Thementage Armut in Deutschland vom 13. bis zum 15. Februar ermöglicht das Theater Hartz IV-Empfängern den Besuch aller Aufführungen für jeweils 3,50 Euro.Wie die Zusammenarbeit mit der Gruppe rund um den Frei-en Bürger weiter geht, kann niemand genau sagen. Über die Fortsetzung dieses Konzepts werde nachgedacht, heißt es.
6. Die deutende Form
Was bleibt? Die Freiburger Bettleroper kann sich zweifelsfrei einordnen in die große Tradition von Swift, Gay und Pepusch (Beggar's Opera) und Hauptmann, Brecht und Weil (Dreigroschenoper). La Hengst und Co. schaffen wie ihre historischen Vorbilder etwas Neues, Einzigartiges, Unverwechselbares, ein Stück voller Sozialkritik und provokativem Potential. Nur der große Erfolg hat sich bisher nicht eingestellt. Aber darf das der Maßstab sein? Mit großem Aufwand und ebenso großer Publicity startet Lukas Leuenberg im Sommer 2006 in Berlin zusammen mit Klaus Maria Brandauer in der Regie, Campino von den Toten Hosen und einer grossen Starbesetzung eine neue - von der Kritik einhellig als mittelmäßig bezeichnete - Neuinszenierung der Dreigroschenoper. Eine handvoll ausgewählter Straßenzeitungsverkaufsprofis, die teilweise noch nicht einmal wohnungslos waren, darf exklusiv eine glattgebügelte, als Programmheft apostrophierte Sonderausgabe einer Straßenzeitung den Theatergästen feilbieten. (14) Keine Alibiveranstaltung, eine Farce. Pflegeleichte Wohnungslose als soziale Staffage.
Aber das ist keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Eine andere Spielart des öffentlichen Benutzens armer Menschen wird immer im Dezember sichtbar. Es gehört zur Weihnachtsfolklore, sich in genau dieser Zeit an die zu erinnern, die einem sonst ganz besonders egal sind. Dann gibt es Sonderrationen aus der Gulaschkanone, Suppen und Söckchen, auch schon mal Geld und einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. Natürlich ist das Fernsehen oder wenigstens die öffentliche Presse dabei, und das symbolische Bad in der elenden Menge dauert keine Minute länger als erforderlich. Eine ganz besonders beliebte Übung für drittklassige Politiker, Zeitungsvolontäre und die Geschäftsführer der Wohlfahrtsmafia. Die Wohnungslosen haben mitzuspielen und nicht zu stören, und die Devotesten werden belobigt und besonders belohnt. Die sogenannte Wohnungslosenhilfe betreibt seit alters her ein „Creaming“, das Abschöpfen der einfachsten, unkompliziertesten Fälle. Die anderen, die Schwierigen, Widerborstigen und Störrischen werden verdammt und dämonisiert: Sie wollten es ja nicht anders. Weil das, was sie wollen, oftmals etwas anderes ist, als die Helfer für sie vorgesehen haben. Denn das ist Hilfe meistens auch: Keine Unterstützung zur Selbsthilfe, sondern Gängelung anderer zur Erfüllung eigener Projektionen. Dass das allen nicht hinreichend in den Blick kommt, ist vielleicht ein kleiner Mangel dieses Freiburger Bettleroper.
In Bezug auf Theaterprojekte mit Wohnungslosen gibt es drei oder bestenfalls vier Strömungen, die sich allesamt mit konkreten Projekten in Deutschland in Verbindung bringen lassen. Da sind erstens die Ratten 07, ein Ensemble, das über die Jahre einen eigenen künstlerischen Anspruch in Anlehnung an die Klassiker der Theaterliteratur entwickelt hat. Immer noch als Obdachlosentheater etikettiert, sind die Protagonisten zwar in der Regel nicht mehr wohnungslos - und das ist auch gut so - wohl aber noch sehr eng biografisch mit dieser Lebenssituation verbunden und tendenziell solidarisch. Theaterarbeit wird so zu einer Nische des Überlebens, zu einem Instrument von persönlicher Emanzipation und selbstbestimmten Leben für den engen Kreis der Beteiligten. Zum zweiten das etwa zeitgleich mit den Ratten 07 entstandene Projekt Unter Druck - Kultur von der Strasse. Theaterarbeit ist hier eher eine Angebotsform der offenen Gruppenarbeit innerhalb eines Tagesangebotes für Wohnungslose, Theaterarbeit eine Form der Beschäftigung und möglicherweise der methodische Schlüssel zu weitergehenden Unterstützungsangeboten. Der künstlerische Anspruch bezieht sich in der Hauptsache auf kürzere, improvisierte Darbietungen auf einschlägigen Veranstaltungen der Wohnungslosenhilfe. Ziel ist weniger die Perfektion als der Anspruch, alle möglichst gut in die Arbeit zu integrieren. In gewisser Weise eine Sonderform ist das Hamburger Theater Obdach-Fertig-Los. Die soziale Realität des Lebens armer und wohnungsloser Menschen soll in der Form von Theaterstücken mehr oder weniger professionell und authentisch auf die Bühne gebracht werden, allerdings erschöpft sich der künstlerische Anspruch genau darin. Dass die Gruppe trotz dieser programmatischen Sackgasse noch immer existiert, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass der soziale Zusammenhalt dieses als Selbsthilfegruppe konzipierten Ensembles besonders hoch ist.
Besonders hoch ist auch der Anspruch bei denen, die zusammen mit wohnungslosen Menschen über politisches Theater nachdenken. Hier verschränken sich Realität und Fiktion ineinander, Theater und das wirkliche Leben sind nicht mehr eindeutig zu trennen. Hier gibt es kein konkretes Ensemble, sondern nur einzelne, konkret Aktionen. Wohnungslose Menschen besetzen einen Bahnhof und wollen dort bleiben - um dagegen zu protestieren, dass sie dort ständig vertrieben und von den Wachschützern drangsaliert werden. Wohnungslose Menschen stürmen zum Ende der Kältehilfe eine bekanntes großes Hotel und entfalten ein Plakat: »Es sind noch Betten frei!«, weil mit Ende der Winterzeit auch Notübernachtungsbetten abgebaut werden. Wohnungslose Menschen werben für ein Bettel-Diplom und bilden aus in Schnorren, Containern, Kirchenstich und Straßenzeitungsverkauf. Wohnungslose Menschen nehmen sich eine Pocketkamera und fotografieren ihren Alltag - und nachher wird daraus eine Ausstellung zusammengestellt. Wohnungslose Menschen fahren zum G8-Gegengipfel und protestieren am Sicherheitszaun gegen die unsoziale Globalisierung. Wohnungslose Menschen wandern zum JobCenter nach Greifswald und überreichen dem Geschäftsführer den »Verbogenen Paragraphen«. Wohnungslose Menschen verlagern ihren Tagestreffpunkt auf die Straße und richten dort ein öffentliches Wohnzimmer ein, um gegen weitere Kürzungen bei den sozialen Einrichtungen für arme Leute zu protestieren. Es sind ein paar weniger Grenzgänger, Menschen, die selbst emotional oder biografisch nahe dran sind am Betteln und am Leben auf der Straße, die solche Aktionen anschieben. Es sind keine Helfer und Armutsprofiteure, sondern Aktionisten, die in der breiten Gruppierung wohnungsloser Menschen Partner sehen, suchen und finden. Es ist ein emanzipatorischer Prozess, unverschämt arm zu sein und seine eigene Situation mit der Kritik an der Gesellschaft und ihrer Politik, und nicht etwa mit dem sogenannten eigenen Versagen in Verbindung zu bringen. Denn das hätten sie gerne.
Fazit: Die Bettleroper ist mehr als ein unterhaltsamer Abend mit einer guten Suppe zum Schluss und sechs starken Songs zum Thema Betteln, Flaschensammeln, Mitleid, Abstiegsangst und Grundeinkommen. Bernadette La Hengst und der Bettlerchor (wie gesagt: elf Hartz-IV-beziehende, wohnungslose, bauwagenbewohnende, flaschensammelnde und bettelnde Bürgerinnen und Bürger) am Theater in Freiburg haben ein neues Konzept der Bettleroper entwickelt. Theodor W. Adorno hat das einmal so beschrieben: »Zur deutenden Form der Oper stimmt völlig, dass sie sich ihren Stoff von einer anderen Oper vorgeben lässt und ebenso, dass sie diesen Stoff im Lumpenproletariat belässt, das selbst wieder in einem Hohlspiegel die gesamte fragwürdige Ordnung der bürgerlichen Oberwelt reflektiert; Lumpen und Trümmer, das allein ist fürs erhellte Bewusstsein von jener gründlich entzauberten Oberwelt übrig geblieben.« (15) Dieses Konzept ist durchaus straßentauglich. Für meine Begriffe könnte der Bettlerchor auf Demonstrationen, Kundgebungen und sonstigen sozialen Protestaktionen auftauchen. Oder einfach so in der Fußgängerzone. Zu weiteren öffentlichen Proben. Als absichtsvolle Störung. Mit ein paar Flugblättern, auf denen die Songtexte abgedruckt sind. Zum Mitsingen für alle.
7. Das Stück
Bettleroper Ein Schauspiel. Mit Musik von Bernadette La Hengst
- Schauspieler: Frank Albrecht, André Benndorff, Anna Böger, Nicola Fritzen, Bettina Grahs, Melanie Lüninghöner
- Bettlerchor: Christin Arnold, Falko Gottsberg-Jacobs, Hannes Gotzes, Uli Herrmann, Dietrun Jochim, Georg Kaiser, Jeanette Joseph, Johanna Krause, Hannes Moritz, Sonja Seelig, Wolfgang Steidel
- Textfassung: Christoph Frick, Bernadette La Hengst, Carolin Hochleichter & Ensemble
- Regie: Christoph Frick
- Bühne & Kostüme: Clarissa Herbst
- Musik: Bernadette La Hengst
- Dramaturgie: Carolin Hochleichter
- Aufführungsdauer: Erster Teil ca. 1 1/2 Stunden, im Anschluss Suppenküche und mehr
- Premiere am 23. Januar 2009, Kleines Haus, Theater Freiburg
8. Die CD Bettleroper
Eine limitierte CD mit allen Musikstücken der Freiburger Bettleroper ist auf Bestellung bei Bernadette La Hengst (lahengst at gmx.de) zum Preis von 12,00 € erhältlich. Von jeder verkauften CD werden 2,50 € an Freiburger Beratungsstellen für Wohnungslose abgegeben. Die Stücke auf der CD sind: Wer hat das Geld versteckt (2:25), Abstieg (3:06), Mitleid (4:07), Angst als Antrieb (2:16); Flaschenfolk (3:10), Avantgarde Bettler (3:29); Grundeinkommen Liebe (3:26) Die Musik wurde im Januar 2009 von Markus Heinzel im Theater Freiburg aufgenommen und im Liquidstudio Freiburg abgemischt.
Die Musiker sind: Bernadette La Hengst (voc, g), Hannes Moritz (dr) sowie der Bettlerchor (Frank Albrecht, Christine-Sophie Arnold, André Benndorff, Anna Böger, Nicola Fritzen Bettina Grahs, Dietrun Jochim, Jeannette Joseph, Bernadette la Hengst, Melanie Lüninghöner, Johanna Krause, Sonja Seelig; Falko Gottsberg-Jakobs, Hannes Gotzes, Uli Hermann, Georg Kaiser, Hannes Moritz, Wolfgang Steidel).
Die Songtexte sind im Programmheft sowie unter www.lahengst.com/bettleroper.html zu finden.
9. Weblinks
10. Rezensionen & Berichte
- Carsten: Avantgarde Bettler. In: Der Frei-e Bürger, Ausgabe November 2008. (www.frei-e-buerger.de/betteloper.php)
- Carsten: Avantgarde Bettler (2). In: Der Frei-e Bürger, Ausgabe Dezember 2008. (www.frei-e-buerger.de/betteloper2.php)
- Carsten: Avantgarde Bettler (3). In: Der Frei-e Bürger, Ausgabe Januar 2009. (www.frei-e-buerger.de/betteloper3.php)
- Carsten: Vorhang auf für unsere Stars. In: Der Frei-e Bürger, Homepage. (www.frei-e-buerger.de/stars1.php)
- Carsten: Ehrlichkeit statt Mitleid. In: Der Frei-e Bürger, Homepage. (www.frei-e-buerger.de/stars2.php)
- Hoffmann, Annette: Später gibt es Suppe. In: taz vom 25.01.2009 (www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/spaeter-gibt-es-suppe/)
- Kirk, Gerhard M.: Hier wird der Bettler-Chor nicht gespielt, hier ist er richtig echt. In: Badische Zeitung vom 24.01.2009 (www.badische-zeitung.de/freiburg/hier-wird-der-bettler-chor-nicht-gespielt-hier-ist-er-richtig-echt)
- Kopp, Siegbert: Für alte Reiche und neue Arme. In: Südkurier vom 26.01.2009 (www.suedkurier.de/news/kultur/kultur/art410935,3608498)
- Reichart, Johannes: „Hoppla, die haben ja eine Stimme“. In: Soziale Manieren (Online-Portal) (www.soziale-manieren.de/57140.asp)
- Reuss, Jürgen: Phänomenologie eines sozialen Zustands. In: nachtkritik.de vom 23.01.2009 (www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=2324)
- Bettina Schulte: Schon mal Hartz IV gehabt? In: Badensche Rundschau vom 25.01.2009 (www.badische-zeitung.de/schon-mal-hartz-iv-gehabt)
- Vogelmann, Maximilian: Rezension: Betteloper. In: Fudder. Neuigkeiten aus Freiburg vom 10.03.2009 (fudder.de/artikel/2009/03/10/rezension-die-bettleroper/)
11. Anmerkungen
- 1 Gut dokumentiert in dem Video "Der Utopist", siehe www.youtube.com/watch?v=wpteO3BmGYc
- 2 Von lateinisch pastor = Hirte abgeleitet. Eine Pastorale ist ein während der europäischen Renaissance und im Barock beliebtes Schäferspiel mit Musik.
- 3 Leider sind die Kompositionen und Arrangements von Pepusch für die Bettleroper verloren gegangen. Lediglich die Harmonisierungen für die Generalbasslinie der Melodien sind erhalten (aus der 3. Ausgabe der Oper von 1729), alles andere gilt als verschollen.
- 4 Eine Darstellung der Angebote des Ferdinand-Weiss-Hauses ist im Internet zu finden. Siehe www.diakonie-freiburg.de/html/body_ferd__weiss_haus.html
- 5 Siehe www.kirchenbezirk-freiburg.de/aktuelles_f_weiss08.html
- 6 Gelegentlich wird behauptet, die Bettleroper ruinierte mit seinem großen Erfolg die Händelschen Opern. Tatsächlich gibt es aber keine Belege für diese These, obwohl insgesamt mit dem Erfolgen der englischsprachigen Ballad Operas der Niedergang der italienischen Opera seria, wie sie von Händel vertreten wurde, einher ging. Hintergrund waren die Bestrebungen jener Zeit, sich von den italienischen Importen zu lösen und eine englischsprachige Oper zu schaffen. Der wirtschaftliche Niedergang Händels als Opernkomponist erfolgte erst 1737 mit dem Bankrott seines Opernbetriebs, also ganze 9 Jahre nach der Bettleroper.
- 7 Hier: Obama, Barack: Mit dem heutigen Tag stehen wir wieder auf, Antrittsrede als Präsident der USA vom 20.1.2009.
- 8 Eine Übersicht über die Formulare zum Arbeitslosengeld II ist auf den Seiten der Arbeitsagentur zu finden. Siehe http://www.arbeitsagentur.de/nn_26642/zentraler-Content/Vordrucke/A07-Geldleistung/Allgemein/Formulare-Arbeitslosengeld-II.html
- 9 Eine sehr genaue Beobachtung zu den verschiedenen Strategien, Erfolgsausichtungen und Wirkungen des Bettelns ein Aufsatz von Wilhelm Genazino im Programmheft. Vgl. Genazino, Wilhelm: Momentweise betäubt. Über das Betteln. Zuerst erschienen in: »Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit« im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Johannes Ullmaier, initiiert und gefördert im Programm »Arbeit in Zukunft« der Kulturstiftung des Bundes, Copyright: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.
- 10 Brecht und Hauptmann erarbeiten von März bis Mai 1928 gemeinsam eine erste Textfassung, einen großen Teil des Theaterstücks schrieb Hauptmann dann selbst. Im Programmheft der Uraufführung wird Elisabeth Hauptmann noch genannt: Die Dreigroschenoper von John Gay, übersetzt von Elisabeth Hauptmann in der Bearbeitung von Bert Brecht. Später aber im Zuge der weltweiten Erfolgsgeschichte wird Elisabeth Hauptmann nicht mehr genannt oder gewürdigt. Das Stück wird umfangreich multimedial ausgeschlachtet (Der Dreigroschenroman, sowie ein Film und auch Schallplattenaufnahmen entstehen) und kommerziell verwertet, aber auch hier sind die Gewinne ungleich verteilt. Brecht 62,5 Prozent, Weill 25 und Elisabeth Hauptmann lediglich 12,5 Prozent.
- 11 Vergleiche O'Flaherty, Brendan: Making Room: The Economics of Homelessness. Cambridge: Harvard University Press, 1996, S. 269
- 12 Ein flashmob ist ein kurzer, scheinbar spontaner Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer persönlich nicht kennen. Flashmobs werden über Email, per Mobiltelefon, Weblogs oder Online-Communitys organisert. Obwohl die Ursprungsidee explizit unpolitisch ist, gibt es mittlerweile auch Flashmobs mit politischem Hintergrund.
- 13 Siehe www.guardian.co.uk/world/2008/sep/22/religion.socialexclusion
- 14 Vgl. dazu ausführlich: Katlewski, Bruno: Dreigroschenoper? Die ist bei mir jeden Tag!" Wie sf-Verkäufer Bruno Katlewski aus Brechts Dreigroschenoper seinen Nutzen zieht. In: strassenfeger, Ausgabe 21/2006, Seite 15. Siehe: www.strassenfeger.org/article/1584.0015.html
- 15 Theodor W. Adorno: Zur Musik der Dreigroschenoper. In: Unseld, Siegfried (Hrsg.): Bertolt Brechts Dreigroschenbuch. Texte, Materialien, Dokumente, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986
Mittwoch, 11. Juli 2007
Geschrieben von Administrator
Dr. Stefan Schneider
Berlin, 11.07.2007
Alice Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädaogogik
Soziale Arbeit und Armut/Arbeitslosigkeit/Wohnungslosigkeit
Theoretische und praktische Herausforderungen des Schwerpunktes 'Armut/Arbeitslosigkeit/Wohnungslosigkeit und niederschwellige Sozialarbeit' für die Soziale Arbeit und die Ausbildung/Lehre unter Berücksichtung des Schlagwortes 'Fördern und Fordern'
0. Vorbemerkung
1. KUNDEN
Wenn mit Blick auf die Wissenschaft der Sozialen Arbeit von Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit die Rede ist, dann passt das nicht zusammen, weil der zentrale Gegenstand der Sozialen Arbeit als Vermittlungswissenschaft immer konkrete Menschen in ihren sozialen und gesellschaftlichen Beziehungen sind und das Nachdenken darüber. Deshalb ist es angemessen, von armen, arbeitslosen und wohnungslosen Menschen zu reden, die Gegenstand der Sozialen Arbeit sind. Wobei Gegenstand? Oder Adressaten? Oder Partner?
Und bereits hier offenbart sich die Soziale Arbeit in ihrer doppelten Funktion bzw. ihrer Widersprüchlichkeit. Sie ist immer Herrschaftstechnik, Instrument und Methodologie, um ein spezifisches soziales Problem der Herrschenden/ der Mehrheitsgesellschaft zu lösen, und zugleich auch kundenbezogen, bedarfsorientiert. Mehr noch, die Begriffe Subjektorientierung, Empowerment und Emanzipation sind inzwischen untrennbar mit dem Begriff der Sozialen Arbeit verbunden.
Während es im ersten Fall – Soziale Arbeit als Herrschaftstechnik – um Loyalität und Integration geht, kommt im zweiten Fall eine vermeitliche, eine symbolische oder reale Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck.
Auch birgt die Subjektorientierung der Sozialen Arbeit die Gefahr oder vielleicht vorsichtiger, die Versuchung in sich, in die caritative Betrachtung und Behandlung von Einzelschicksalen abzugleiten. Diese Stereotypsierung ist gerade in Bezug auf arme und wohnunglose Menschen eines der Hauptprobleme, und es bedarf großer Anstrengungen, den Bezug auf die wissenschaftlich-systematische Reflexionsebene durchzuhalten. Dennoch ist diese subjektorientierte Herangehensweise einem Ansatz vorzuziehen, der Arbeitslosigkeit oder Wohnungslosigkeit abstrakt als Mengen-, Sicherheits- oder Strukturproblem betrachtet und immer Gefahr läuft, die konkreten Menschen, um die es geht, zu verfehlen.
Die parallel zu verhandelnde Frage – auf die ich wiederholt zurück kommen werden, ist immer: Was ist daraus zu erkennen in Bezug auf das Schlagwort ‚Fördern und Fordern’?
In einer ersten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern ist offenbar ein Widerspruch der Sozialen Arbeit selbst, die sowohl Herrschafts- als auch Emanzipationswissenschaft ist.
Arme, Arbeitslose und Wohnungslose sind also in mehrfacher Hinsicht Kunden der Sozialen Arbeit. Sie sind die eigentlichen Auftraggeber, also Kunden der Sozialen Arbeit. Sie sind selbst die besten Experten für ihre Situation, also „kundig“, und können mit Recht eine Dienstleistung erwarten, die von hoher Qualität ist, denn: „Der Kunde ist König.“
Was wollen die Könige?
2. TRÄUME
Wenn es richtig ist, dass Begriffe immer den Gegenstand meinen, müsste es möglich sein, bereits auf der sprachlichen Ebene Erkenntnisse über Bedürftigkeiten zu ermitteln.
Wohnungslose Menschen benötigen eine Wohnung. „Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts.“ In Wirklichkeit ist es nicht angemessen, Wohnung und Obdachlosigkeit als Gegensatzpaar zu konstruieren. Tatsächlich handelt es sich Zentren innerhalb einer Landschaft, in der es ganz unterschiedliche Formen von Wohnen, Hausen, Campieren und Sich aufhalten gibt. Insofern ist die zentrale Kategorie für Menschen mit oder ohne Wohnung der Begriff Raum, also Wohnraum, das Aufhalts- und Bleiberecht im öffentlichen Raum, aber auch – im Zuge einer gegenwärtig geführten starken Individualisierungsdebatte – ein Akzeptanzraum.
Dem Aufbau solidarischer Strukturen steht unter anderem eine stark entwickelte Lobby der professionellen Hilfe, getragen von den Wohlfahrtskonzernen, entgegen. Ob der individuelle Problemdruck wohnungloser Menschen tatsächlich so groß ist, dass es nur so geht und Selbsthilfe- und Selbstorganisation strukturell nur eine randständige Rolle spielt, obwohl eigentlich an die Fähigkeiten und Fertigkeit anzusetzen ist, wäre zu bezweifeln.
Unabhängig von der Frage, ob wir hoch-, niederschwellige oder selbstbestimmte Hilfeangebote betrachten, gemeinsam ist auch hier eine asymetische Tauschbeziehung: Wohnhilfe gegen Anerkennung des Hilfeplans, Suppe gegen Wohlverhalten, Teilhabe gegen Indentifikation mit der Gruppe.
Bekannt ist dieses Prinzip in der modernen Wohnungslosenhilfe spätestens seit Friedrich Bodelschwingh, der mit der Gründung der Arbeiterkolonien die Arbeit als Unterscheidungskriterium zwischen den ‚unverschuldetet in Not geratenen’ Wanderarbeiterm und den ‚unverbesserlich-arbeitsscheuen Müßiggängern und Wolkenschiebern’ exekutieren wollte, was aber nicht durchgängig gelang. Es sind immer die lustigen, waghalsigen, unbelehrbaren, ja manchmal auch die kriminellen Gesellen, die Schurken, Gauner und Halsabschneider, viele einzelne Nachrichten aus der gefahrenvollen Welt der unteren Klasse, anhand derer wir erkennen, dass mit den obrigkeitlichen Befriedungsideen einiges nicht in Ordnung ist.
In einer zweiten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern ist ein zentrales Strukturprinzip der Sozialen Arbeit mit Wohnunglosen. Und insbesondere an wohnungslosen Menschen, die sich den Hilfeangeboten verweigern - weil sie womöglich etwas ganz anderen wollen oder benötigen – wird erkennbar, welche engen und für die Betroffenen extremen, im Grunde existentiellen Grenzen diese Konzeption hat. Grenzen, die möglicherweise in anderen Feldern nicht oder noch nicht so klar erkennbar sind.
Arbeitslose Menschen benötigen Arbeit. Aber wenn uns die Arbeit ausgeht? Hier kann Entwarnung gegeben werden, weil in der näheren Betrachtung der Diskussion nur eine bestimmte Form der Arbeit ausgeht: Die Lohnarbeit. Ob nun die Wirtschaft oder der Staat oder der einzelne Bürger zuständig ist für das Schaffen von Arbeit(-splätzen), unter allen Kunden des JobCenters dürfte sich herumgesprochen haben, dass nur eine kleine Gruppe tatsächlich die Chance hat, dort wieder hinzukommen, wo sie herkamen, in ein Lohnarbeitsverhältnis. Und einer ebenso kleinen Gruppe hochproduktiver Pragmatiker ist es gelungen, die Zahlung des Kosten zum Lebensunterhalt durch das JobCenter einerseits und ihre Bedürfnisse nach Arbeit andererseits zu entkoppeln und sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen. Nur bei der dritten oder vierten Nachfrage, im geschützten Raum, wird zugeben: Ja, ich bin beim JobCenter.
Die breite Masse schweigt, wird beschäftigt oder verhungert. Was ist dran an der Formel: „Hartz IV = RTL2 + Flaschenbier und Kartoffelchips". Warum gibt es keinen breiten Widerstand?
In einer dritten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern, ein zentrales Argument zur Einführung der Hartz IV Sozialgesetzgebung, zeigt sich in seinen Grenzen schon nach zwei Jahren: Erfolgreich gefördert werden nur wenige, erfolglos gefordert oder überfordert offenbar viele. Zum Kern des Problems, alte oder neue, auf jeden Fall wirksame Antworten auf die Frage nach Arbeit oder Tätigkeit zu geben, ist das Prinzip Fördern und Fordern offenbar nicht vorgedrungen.
Arme Menschen benötigen Reichtum. Ab wann gilt ein Mensch als arm? Wieviel oder wiewenig Prozent von was darf jemand haben oder nicht haben? In der Tat gehört die Debatte um Armut zu den schwierigen, weil hier, in der Regel abgekoppelt von den Armen selbst, ideologisch verhandelt wird. Die Verelendungstheorie ist falsch, aus Armut folgt erstmal nichts, und ein wesentlicher Grund besteht darin darin, dass ein Versager sein muß, wer beim JobCenter gelandet ist. In Armut zu leben ist auf der einen Seite ein sehr altes gesellschaftliches Ideal, auf der anderen Seite trifft alle, die über Armut reden wollen, erstmal der pauschale Vorwurf, SystemumstürzlerIn zu sein.
Armut wird dadurch abgestellt, dass der Zugang zu Reichtum ermöglicht wird (individueller Ansatz) oder aber, dass der unzweifelhaft bestehende Reichtum anders verteilt wird. Oder lässt es sich bereits von den Resten komfortabel leben? Mir ist wichtig, dass Armut nicht nur in monetärer Hinsicht eng verstanden debattiert wird, sondern dass die Situation armer Menschen komplex und allgemein in Bezug auf die Dimensionen politische Teilhabe, Menschenrechte, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Kultur etc. geführt wird. Her mit dem guten Leben!
In einer vierten Antwort kann festgehalten werden: Fördern und Fordern könnte den Anspruch armer Menschen auf Zugänge zum Reichtum, Partizipation und Umverteilung begründen. Warum das in der Praxis so selten passiert, könnte zu einer der zentralen Fragen der Sozialen Arbeit werden.
Die Diskussion um die Situation armer, arbeitsloser und wohungsloser Menschen, ihrer Bedürfnisse und die Mittel zu ihrer Erreichung ist derart komplex, das sie hier nur angedeutet werden kann. Nachstehendes Strukturdiagramm stellt einige wichtige Zusammenhänge zur Sozialen Arbeit dar. Der niederschwelligen Sozialarbeit kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.
Grafik 1: Strukturdiagramm
3. PARADIES & HÖLLE
Die wichtigste im Kontext von Armut und Arbeitslosigkeit geführte Diskussion ist die um die Grundsicherung. Offenbar will und wird sich der Sozialstaat, so wie wir ihn kennen, aus ganz unterschiedlichen Gründen von dem Anspruch der umfassenden Daseinsfürsorge verabschieden und nur noch bestimmte Rahmenbedingengen festlegen und Steuerungsfunktionen übernehmen.
Es wird also – in Fortsetzung der Debatte, ob uns die Arbeit ausgeht – eine Diskussion geführt um die Einführung eines Grundeinkommens und ob dieses bedingungslos sein kann oder nicht, und welche Strukturen der Grundversorgung dabei unbedingt aufrecht zu erhalten sind.
Die einen verfechten das (bedingungslose) Grundeinkommen mit einer Verhemenz, wie im letzten Jahrhundert um die Einführung des Kommunismus gerungen worden ist. Die anderen bekämpfen mit Verweis auf die Freiheit der Wirtschaftordnung diese Idee mit genau der selben Intensität.
Dabei wird übersehen, dass mit großer Wahrscheinlichkeit – und darauf muss die Soziale Arbeit vorbereitet sein – die Grundsicherung als Kompromissprojekt eingeführt wird: Zum einen deshalb, weil vor allem die traditionelle Linke der Auffassung ist, damit eine weitere historische Etappe der sozialen Vergesellschaftung erreichen und wirtschaftsliberalen Tendenzen Einhalt gebieten zu können. Zum anderen wird die rechte und wirtschaftsliberale Mitte sehr schnell entdecken, dass nur die Grundsicherung ein Instrument ist, die explodierenden Sozialkosten zu deckeln und den Restsozialstaat zu verschlanken.
Man muß kein Prophet sein, um zu sehen, dass bereits die Verhandlungen um die Grundsicherung die Soziale Arbeit zerreißen wird. Schlägt sie sich auf die Seite der Leistungsempfänger, bleibt für sie zu wenig übrig, beharrt sie auf eine institutionelle auskömmliche Ausstattung, riskiert sie die Entsolidarisierung mit Ihrer Klientel.
In einer fünften Antwort kann festgehalten werden, dass mit der zu erwartenden Einführung und Durchsetzung einer allgemeinen Grundsicherung die Rahmenbedingungen für die Soziale Arbeit selbst auf den Prüfstand stehen und damit das Prinzip 'Fördern und Fordern' völlig neu verhandelt wird. Wer Geld fordert, muß auf Heller und Cent dokumentieren können, wie er fördert – und, marktwirtschaftlich gedacht, worin der Mehrwert besteht.
Die Einführung der Grundsicherung ist deshalb eine Hölle, weil sie nur auf den ersten Blick eine gute Lösung sind. Die Kosten für den Einzelnen werden gedeckelt sein, die Kosten für die soziale Reststrucktur ebenfalls. Der Sonderfall, der Ausnahmefall, der worst case ist nicht vorgesehen, nicht finanzierbar. (Welche extremen Folgeprobleme nach der Einführung einer allgemeinen Grundsicherung auf uns zukommen könnten, habe ich versucht, in einer fiktiven BILD-Zeitungs-Schlagzeile aus dem Jahr 2019 darzustellen: Siehe Grafik 2: BILD-Schlagzeile)
Anlalog zur bisherigen Situation wird es private Sozialrisiko-Versicherungen geben, private Insolvenz- oder Sucht- und Therapieversicherungen. Ein sozialer Rest wird entstehen, der nach Ausschöpfung aller Mittel immer noch Hilfe und Unterstützung benötigt, aber nicht erhält.
Zwar wird der Reichtum in der Gesellschaft weiter zunehmen, aber er wird auch zunehmend ungleicher verteilt sein. Der Stiftungsboom wird weiter anhalten – aber der Rechtsanspruch auf die Mittel ist nicht gegeben. Nach der Privatisierung der öffentlichen Räume erleben wir die Privatisierung der Sozialleistungen.
Im Zuge der Globalisierung verändern sich die Anforderungen, die an den Staat gerichtet werden ebenso wie die Aufgaben, die jedeR einzelne zu bewältigen hat. Damit ändert sich auch das Verhältnis von Staat und Individuum erheblich.
Der Staat delegiert immer weniger, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, Leistungen an Dritte, sondern verweist den/die einzelne/n Bürger/in immer weiter auf bürgerschafltliche Strukturen und damit auf sich selbst und seine Fähigkeit zu sozialer Netzwerkbildung.
In einer sechsten Antwort kann festgehalten werden, dass das Prinzip des Fördern und Forderns sich zunehmend gegen die soziale Arbeit selbst richtet. Zertifizierung, ISO-Normen, Selbstevaluation, Leitbild-Entwicklung, Qualitätsmanagement usw. sind die Stichworte, die belegen, dass in der Sozialen Arbeit fast schon die gleichen Regeln gelten wie auf dem JobCenter.
4. LAGE & PLÄNE
Mit der Globalisierung, den Prozessen und Verschiebungen etwa im Zuge der Einführung der Grundsicherung, aber auch im Kontext von veränderten Lebenslagen armer, arbeitsloser und wohnungsloser Menschen selbst ändern sich auch die Anforderungen, Aufgaben und Erwartungen, die an die Soziale Arbeit in Theorie und Praxis vor allem in Bezug auf Ausbildung und Lehre gestellt werden. Hier seien nur einige stichwortig bekannt:
Management. In einer globaliserten Welt werden soziale Kompetenzen allgemein: Alle müssen mit allen kommunizieren und verhandeln können. Der scheinbare Bedeutungsverlust der Sozialen Arbeit äußert sich in einem Funktionswandel: Soziale Arbeit wird als hochspezialisierte Feuerwehr bebraucht in außergewöhnlichen Situationen für überschaubare Projekte. Der Sozialarbeiter wird zum Manager für Soziale Arbeit.
- Studierende sollten ermutigt werden, sich auf diesen Funktionswandel vorzubereiten: Reflexion, Flexibilität, Risikobereitschaft, Spezialisierung und Anwaltschaft in eigener Sache sind entscheidende Kriterien.
Steuerung statt Gewährleistung. Der Staat verabschiedet sich aus Zuständigkeiten und konzentriert sich auf Steuerungsfunktionen. Neue Akteure und Aktionstypen treten auf, neue Strategien müssen entwickelt werden. Die Sozialarbeit ist gefordert, sich selbst zu behaupten und ihre Legitimation zu sichern.
- Studierende müssen verstehen, daß Soziale Arbeit früher beginnen wird, nämlich mit der Acquise von Aufträgen, und später enden wird, mit einer Gewährleistungspflicht für das Produkt.
Solidarität und Sinn. In der sich entsolidarisierenden Gesellschaft müssen Sinn und Solidarität neu hergestellt werden, ohne daß es Vorbilder oder Bezugspukte gibt.
- Für die Studierenden bedeutet dies, dass das Herstellen-Können einer stabilen „Motivation“ aller Beteiligten an dem vorgesehenen Projekt und dessen Erfolg zu einer alles entscheidenden Ressource werden wird. Diese Aufgabe ist eine gefährliche Gratwanderung, denn zum einen muß einE SozialarbeiterIn genau dies leisten können, zum anderen ist einE SozialarbeiterIn in erster Linie eine ArbeiterIn und kein Guru.
Internationalität, Migrationsdruck & Vielfalt der Lebensformen.
- Studierende sollen ermutigt werden, früher als andere soziale Herausforderungen zu erkennen, zu beschreiben und Lösungen anzubieten und Konzepte vorzuschlagen.
5. PROJEKTE
Nachfolgende Projekte kann bzw. möchte ich vorschlagen und zur Diskussion stellen:
1. Black Box JobCenter unvereingenommen: vgl. Jahoda: Marienthal Ist ein frischer, unverbrauchter, ja naiver Blick möglich auf die Menschen, die zum JobCenter gehen (müssen), was dort passiert und die Lebenswelt darüber hinaus? Mit Blick auf die legendäre innvotive Studie von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal scheint mir eine offene, interdisziplinäre Funktions- und Wirkungsstudie zu (einem ausgewählten) JobCenter und möglichen Alternativen unabdingbar zu sein. Eine Studie, bei der es um die Menschen geht, die dort hingehen.
2. Shelter International Berlin Problemdruck MigrantInnen & Illegale Pilotprojekt/ Machbarkeitsstudie/ Methodische Implematate: Weltoffener Armentreffpunkt mit Notübernachtung und offenen Beratungsstrukturen.
3. International ((ETHOS)) II Definition niederschwelligen Methoden in der Wohnunglosenhilfe Fast unbemerkt von der Fachöffentlichkeit wurde auf EU – Ebene unter dem Dach der FEANTSA im Rahmen des ETHOS – Projektes – eine europaweit einheitliches Begriffs- und Definitionssystem zu Bereich wohnungslose Menschen entwickelt, eine wichtige, ja unverzichtbare Voraussetzung für eine grenzüberschreitende, internationale Arbeit. Ist dies auch auf Angebotstypen, Einrichtungen und Methoden übertragbar?
4. Ressourcen & Potentiale Arm aber sexy, oder: Nicht immer nur Defizite definieren! Nicht die Armen, Arbeitslosen und Wohnungslosen nach ihren Mängeln, Defiziten, Problemen hin befragen, sondern ihre Kompetenzen, Erfahrungen, Fähigkeiten, Ideen, Wünsche und Resourcen ermitteln und daraus Schlüsse ziehen.
5. Fördern & Fordern in der SozArb Zuckerbrot & Peitsche, Herr & Vasall, Patron & Klient Erste Recherchen zur Geschichte des Prinzips Fördern und Fordern führen zurück in eine überholt geglaubte autoritäre, mit Angst operierende Pädagogik von Zuckerbrot und Peitsche. Weiter Wurzeln finden sich im Mittelalter sowie in der Antike. Anbieten würde sich eine Studie zu diesem Prinzip in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 6. SecondHomelessLife Die Simulation des Lebens auf der Strasse Wieviel LindenDollar wird ein wohnungsloser Mensch erbetteln können in Second Life? Wie wird mit ihm umgegangen in der virtuellen Realität? Was muss er oder sie sich anhören, gibt es unterstützungsstrukturen? Gibt es Partner für Selbsthife? Kein Spiel, sondern ein wissenschaftlicher Selbstversuch.
7. Public Blue/Red/Orange Interventionen zu Politik - Öffentlichkeit - Störung Public Blue ist ein Film von Anke Haarman über die blauen Zelte wohnungloser Menschen in Japan, deren Räumung, Selbstorganisation und Widerstand. Die Farbe der Zelte an einem Seitenarm der Seine in Paris der Rot. Ist die Farbe von Protest in Berlin Orange? Was passiert, wenn Protest nicht nur Demonstration, sondern Störung und Regelverletzung wird? Studien und Interventionen zum Kontext Politik – Öffentlichkeit – Aktion.
Siehe auch Grafik 3: denkbare Forschungsprojekte
6. MOTIVE
Die Themen Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und niederschwellige Sozialarbeit für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit haben mehr mit meiner Biografie und meiner biografischen Ausdeutung zu tun, als mir selbst lange Zeit bewußt war. Ich möchte – ohne die Angaben aus meinem veröffentlichten Lebenslauf zu wiederholen - fünf entscheidende Stationen nennen, die einiges aussagen über die Motive meiner Arbeit.
Erstens bin ich Kind von Aussiedern. Meine Eltern kamen 1958 und 1963 aus den 1945 polnisch gewordenen deutschen Ostgebieten nach Berlin, und die Erfahrung der Fremdheit und der damit verbunden Unsicherheit, positiv gewendet zur Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin, was ist mein Zuhause, sowohl sozial wie auch intellektuell, war eines der bestimmenden Momente meiner Persönlichkeitsentwicklung – und ist es bis heute.
Zweitens die schon sehr frühe Begegnung mit Texten, die sich mit Ausgestoßenen und Außenseitern befassen und der bewußten Inkaufnahme (der Konsequenzen) von Konventionsverletzungen und Regelübertretung. Ich meine die Texte der Evangelien im Neuen Testament und die Ausdeutung von Kreuzigung und Auferstehung als Sanktion und nachträgliche Bestätigung und Legitimation vieler störender und provozierender Worte und Handlungen des Hauptakteurs Jesus von Nazareth und seiner Bewegung. Wichtig scheint mir auch der darin aufscheinende Begriff von Gerechtigkeit, wie sie etwa im Gleichnis vom Weinberg zum Ausdruck kommt, als bewußte ideelle und materielle Bevorzugung von Armen und Ausgegrenzten.
Drittens die Auseinandersetzung mit Wissenschaft, dem Verstehen von Gesellschaft und Individuum in welchselseitiger Verschränkung. Das Arbeiten mit Systemen, Widersprüchen, Widerspruchseinheiten, Kategorien, Abstraktionen, Modellen & Methoden. Ich nenne Karl Marx und die Methode des dialektischen Materialismus in der politischen Ökonomie – und das Herausarbeiten der Kategorie Arbeit – und A.N. Leontjew und die Methode eines dialektisch-materialistischen Zugangs zu dem Problem Identität & Persönlichkeit – und das Herausarbeiten der Kategorien Tätigkeit und Sinn.
Viertens die Entscheidung, strassenzeitung zu machen, war ein Resultat meiner wissenschaftlichen Befassung mit Erziehungswissenschaft und Sozialer Arbeit im Spannungsverhältnis von Gesellschaft und Persönlichkeit. Die Möglichkeit, im Rahmen eines Selbsthilfeprojektes einen Rahmen zu schaffen für die Entfaltung wohnungsloser und armer Menschen war eine starke Herausforderung. Vieles von der Enfangseuphorie muss jetzt pragmatischer betrachtet werden, dazu kommt eine Tendenz der Etablierung von Projekten und Einrichtungen im Verlauf ihres Bestehens.
Fünftens bedeutet also meine Interesse an einer universitären Lehr- und Forschungstätigkeit für Theorie & Praxis der Sozialen Arbeit
- nichts weniger als einen radikalen Bruch mit meiner bisherigen Arbeit der letzten Jahre, ein Abschied von einer theoriegeleiteten Praxis einer sehr parteilichen Sozialen Arbeit hin zu einer sehr praxisbezogenen Wissenschaft der Sozialen Arbeit.
- Und zugleich bleibe ich mir selber treu, weil die Befassung und Auseinandersetzung mit Randständigen, Abwegigen und Unbedachten eine Konstante meines (beruflichen) Lebens ist und bleibt.
Systematisch darstellt, würde das so aussehen: Grafik 4: Motive
7. CONCLUSIO
Aus dem bisher gesagten folgt, dass in den nächsten Jahren die Soziale Arbeit selbst auf dem gesellschaftlichen Prüfstand steht und verhandelt werden wird. Es ist eine naheligende und deshalb beschreibbare Gefahr, dass die Soziale Arbeit – in ihrer Legitimation bedroht – im Zweifelsfall für sich alleine kämpfen wird und bereit sein könnte, um den Preis der Erhaltung ihrer selbst, die Arbeit mit wohnungslosen, arbeitslosen und armen Menschen anderen Akteuren , oder vielleicht weniger schlimm, sich selbst zu überlassen. Im Sinne einer antizyklischen Strategie wäre das genaue Gegenteil wichtig, richtig und erfordlich.
In einer letzten und dennoch vorläufigen Antwort zum Problem Fördern und Fordern kann festgehalten werden: Nur, wenn die Soziale Arbeit mit allen ihren zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in Theorie und Präxis ihre Kunden in einem emamzipatorisch-kritischen Sinne fördert, wird sie in der Lage sein, die Ausstattung und die Mittel für ihr eigenes Fortbestehen einzufordern.
Für sich selbst zu kämpfen, um Zugang zu Reichtum, um Arbeit und um Räume, wird die Soziale Arbeit letztlich den armen, arbeitslosen und wohnungslosen Menschen nicht abnehmen können. Aber als Vermittlungswissenschaft besteht ihre vornehmste Aufgabe darin, Wege aufzuzeigen und zu begleiten, Mittel an die Hand zu geben, und Unterstützung und Rückmeldung zu geben. Auch wenn es oft genug nur Armutsbewältigung und Sterbebegleitung ist.
7a - was ich tatsächlich sagte
Tatsächlich habe ich in meiner Schlußbemerkung gesagt, dass ich ja zu antworten hätte auf die Frage, worin ich denn die Herausforderungen sehen würde für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Ich habe gesagt, dass ich im Grunde 4 Herausforderungen sehen würde:
Erstens die Herausforderung, dass in Zuge der kommenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Gefahr bestehen würde, dass die Soziale Arbeit oder doch wenigstens Teile von ihr von der gesellschaftlichen Mitte an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden würde.
Zweitens die Herausforderung, dass innerhalb der Sozialen Arbeit als Wissenschaft der Bezug zu den "großen" Kategorien wie Raum, Arbeit, Zeit, Macht, Sinn durchgehalten werden kann.
Drittens die Herausforderung, dass es den Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung gut geht.
Viertens die Herausforderung, dass in der Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit niemals die aus dem Blick verloren werden dürfen, die auf der Straße (über-)leben. (Sollte ich zum Professor berufen werden, sagte ich auch noch, und würde diese Mensche vergessen, ich müsste sofort rausgeschmissen werden.)
7. Literatur /Medien
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986
Berlin Institute for Comparative Social Research: The Situation of Third Country National Street Children in Four European Cities: A Comparative Overview. Berlin: Edition Parabolis 2007.
Bolkestein, Hendrik: Wohltätigkeit und Armenpflege im Vorchristlichen Altertum. Groningen 1967 (Nachdruck der Ausgabe Utrecht 1939)
Engler, Wolfgang: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft. Berlin: Aufbau Verlag 2005.
Freire, Paolo: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1973.
Geremek, Borisław: Geschichte der Armut: Elend und Barmherzigkeit in Europa, Artemis-Verlag, München 1988
Glotz, Peter: Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus. München: Kindler 1999
Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. München: Beck 1980
Jahoda, Marie/ Lazarsfeld, Paul F./ Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975
Kopecný, Angelika: Fahrende und Vagabunden. Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Straßen. Berlin: Wagenbach 1980.
Leontjew, Alexej N.: Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein 1982.
Lutz, Ronald/ Simon, Titus. Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in Praxis, Positionen und Perspektiven. Weinheim, München: Juventa 2007.
Paoli, Guillaume (Hg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Fauheitspapiere der Glücklichen Arbeiteslosen. Berlin: Verlag Klaus Bittermann 2002
Preußer, Norbert: Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armutsbevölkerung in Deutschland seit 1807. München u.a. 1989
Rohrmann, Eckhard (Hrsg): Mehr Ungleichheit für alle. Fakten, Analysen und Berichte zur sozialen Lage der Republik am Anfang des 21. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter 2001
Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin - Moabit. Berlin 1990 (= Diplomarbeit am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin)
Werner, Götz W.: Einkommen für alle. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007
Wygotski, Lew S.: Denken und Sprechen. Frankfurt: Fischer 1971.
digital
www.feantsa.org www.secondlife.com www.aha-projekte.de/publicblue/
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